Kapitel 2 – Ashur
Kapitel 2 – Ashur
Aurelie
Mit weichen Knien ging ich zittrig zu Boden. Seine Hand hatte sich so groß angefühlt. Dabei war sie einst der meinen so gleich gewesen. Sprachlos hob ich meine rechte Hand und starrte darauf hinab. Langsam wanderte mein Blick zu meiner Schulter, auf der ich noch immer den Druck von Alexanders Hand spüren konnte, auch wenn sie längst nicht mehr da war.
Nach einer Weile, in der mein Atem nur äußerst unregelmäßig und flach gewesen war, hob ich den Blick und stand auf. Schnell machte ich mich an die Arbeit – mir durchweg der über meinem Kopf schwebenden Axt bewusst. Es brauchte nur ein Wort der Königsfamilie, und mein Leben war mal eins gewesen. Auch wenn ich mir das nicht eingestehen wollte. Ich war keine mehr von ihnen. Eigentlich … war ich das nie gewesen.
Wenig später stand ich vor Ashurs Zimmer. Die Warnung meines Zwillings hallte mahnend in meinem Kopf wider. Zögerlich hob ich die Hand und klopfte. Mein Herz schlug schnell, dennoch zwang ich meinen Atem zur Ruhe.
Ein unverständliches Murren drang durch die Tür. Unsicher, wie ich darauf zu reagieren hatte, öffnete ich sie einen Spalt breit, steckte den Kopf hindurch und linste hinein. Allerdings konnte ich niemanden sehen. Zögerlich schlüpfte ich in das Zimmer hinein. Die Putzutensilien stellte ich zu Boden, während ich den Blick, nach der Ursache des Geräuschs suchend, durch den Raum gleiten ließ. Schweres Keuchen und schmatzende Geräusche zogen schon sehr bald meine Aufmerksamkeit auf sich. Unsicher trat ich zwei weitere Schritte ins Zimmer hinein, sodass ich um die Ecke sehen konnte.
Wie auch das Zimmer des Königs war das von Ashur dunkel gehalten. Schwarze Vorhänge verdeckten die hohen Fenster, sodass diese nur wenig Licht einließen und der Raum dämmrig wirkte, als würde soeben erst der Morgen grauen. Die Wände und der Boden waren aus dunklem Holz gefertigt, ebenso wie jedes einzelne Möbelstück. Einzig ein paar wenige Akzente, wie die blutrote Seidenbettdecke oder der dunkelrote Teppich erweckten das Zimmer einigermaßen zum Leben. Im hinteren Teil des Raumes, gleich vor einer großen Fensterwand, stand ein eindrucksvoller Schreibtisch. In dem schwarzen Lederstuhl dahinter saß niemand anderes als mein Bruder, der Kronprinz des goldenen Reiches. Er hatte den Kopf genießerisch in den Nacken gelegt. Eine Hand hatte er sich in seine braunen Locken gekrallt, die andere lag flach, aber angespannt auf dem Schreibtisch ausgebreitet.
„Ja … Schneller, du Stück Scheiße!“ Das schmatzende Geräusch wurde intensiver. Mein Blick, die Augen vor Schreck geweitet, glitt unter den Schreibtisch, wo ein Menschenmädchen, eine Sklavin, wie ich eine war, auf Knien saß und meinen Bruder mit dem Mund befriedigte. Nach Luft ringend, ließ sie von ihm ab und zog sich ein wenig zurück, wurde zu meinem Entsetzen aber sofort an den Haaren zurückgerissen und wieder dazu gezwungen, sein Glied in den Mund zu nehmen.
Würgend hielt ich mir mit einer Hand den Bauch, die andere presste ich mir auf den Mund. Mit aller Konzentration schaffte ich es, die aufkommende Galle wieder nach unten zu drücken. Kurz darauf stöhnte mein Bruder befriedigt auf. Sofort krampfte mein Magen erneut. Ehe ich mich versah, brach die Galle aus mir heraus und landete direkt zu meinen Füßen auf dem Teppich.
„Geh!“, fauchte da plötzlich die tiefe Stimme meines großen Bruders. Ich zuckte zusammen und machte einen nervösen Schritt zurück. Im nächsten Moment kam mir die menschliche Sklavin mit tränenüberströmtem Gesicht entgegen gestolpert. Sie ignorierte mich, starrte direkt an mir vorbei zur Tür und strauchelte ungeschickt darauf zu. In ihrer Panik hatte sie mich vermutlich noch nicht einmal wahrgenommen.
Unsicher trat ich auf der Stelle, nicht wissend, was ich jetzt tun sollte. Ich hatte Ashur seit mehr als drei Wochen nicht mehr gesehen. Nicht, seit er mich das letzte Mal im Kerker gefoltert hatte. Schluckend senkte ich den Blick. „Ich bin hier, um das Zimmer herzurichten“, sagte ich zittrig und starrte dabei angeekelt auf meinen ehemaligen Mageninhalt. Ich hörte das kratzende Geräusch, als sein Stuhl ohne die nötige Geduld nach hinten geschoben wurde. Kurz darauf wurde ich am Hals gepackt und an die nächstbeste Wand gedrückt.
Panisch schnappte ich nach Luft. Meine Hände krallten sich in das Handgelenk meines Bruders und versuchten, es herunterzureißen, allerdings ohne jeglichen Erfolg.
„Willst du dich nicht entschuldigen? Kotzt in mein Zimmer, wo du es putzen solltest!“, fauchte er wütend und festigte den Griff um meinen Hals.
„Es … tut mir … leid!“, gab ich keuchend und nach Luft ringend von mir, wusste aber nicht, was er mit seinem Handeln bezweckte.
Sein Blick lag scharf auf mir. „Willst du mir nicht zeigen, dass du es besser kannst, als diese Schlampe?“, raunte er plötzlich leise, heiser, nicht mehr wütend und mit tiefer Stimme gegen meine Wange, was meinen Körper ängstlich erschaudern ließ.
„Was?“, quietschte ich keuchend, Tränen in den weit aufgerissenen Augen.
„Vor spätestens zehn Jahren hättest du mir gehören sollen!“ Seine Stimme war nicht mehr als ein rauchiges Flüstern, welches seinen Lippen meinem Hals hinab folgte. Seine Hand hatte sich gelöst, aber ich konnte mich trotz allem kein Stück bewegen. „Du wärst meine Königin geworden. Du hättest mir gehört.“ Er griff mit seinen Händen nach meiner Hüfte und drückte sie an sich. Sein Mund löste sich von meinem Hals. Er sah mir wieder in die Augen, ein zorniges Feuer in seinen. „Aber du musstest dich ja als Missgeburt herausstellen!“ Innerhalb dieses letzten Satzes hatte ein ungeheures Crescendo seine Stimme erfasst, sodass er mich zum Ende hin anschrie und Spucke mein Gesicht sprenkelte. Wimmernd presste ich mich weiter gegen die Wand, nicht fähig, auch nur einem meiner unzähligen Gedankengänge nachzugehen. „Aber das heißt ja nicht, dass ich darauf verzichten muss“, raunte er, nun wieder leise und ruhig, direkt an mein Ohr.
Gänsehaut breitete sich auf meinem Körper aus und das Zittern nahm zu, obschon ich mir dessen eben erst bewusst wurde. Meine Beine fühlten sich an, als hätte jemand, ungeachtet ihrer Form und Größe, Steine aufeinandergestapelt. Wackelig und unsicher, als wäre nur der Hauch eines Windes vonnöten, um mich zu Fall zu bringen. Doch kaum sackte ich gegen die Wand, festigten sich die Hände meines Bruders an meiner Hüfte und richteten mich wieder auf, den Blick für kurze Zeit meinen kreuzend.
Es dauerte nicht lange und ich senkte ergeben mein Haupt. Ich hatte seinen Blick nur für den Bruchteil einer Sekunde erwidert, aber diesem Glimmen, welches auch während meiner Folter so unheilverkündend darin geflammt hatte, konnte ich nicht standhalten. Ich wollte es noch nicht einmal. Ich wollte nur hier weg! Weg von diesem Mann, der einst mein Bruder war! Stattdessen spürte ich seine Zunge auf meiner Haut, spürte, wie er an meinem Ohrläppchen leckte, und wie sie weiter nach unten über meine Wange, hin zu meinem Mund glitt.
Angsterfüllt kniff ich die Augen zusammen. Am liebsten hätte ich mich gewehrt, aber mein Körper ließ mich nicht. Ich war wie erstarrt.
„Du wirst mir gehören“, flüsterte er heiser und bewegte sich mit seinem Mund unablässig auf meinen zu. Dann, ganz plötzlich, kurz bevor er bei meinem Mund ankam, ließ er von mir ab.
Ich sank kraftlos und wimmernd zu Boden und resignierte vollkommen unbewegt. Er hingegen starrte auf mich hinab, den Ekel ins Gesicht geschrieben. Ob dieser vom Geruch aus meinem Mund oder meiner ausbleibenden Reife herrührte, vermochte ich nicht zu sagen. Aber ganz egal, was der Grund dafür war, ich war dankbar. Ich mochte seine Berührungen nicht. Nein, ganz im Gegenteil. Sie ließen mich erzittern.
Im nächsten Moment stand er wieder vor seinem Schreibtisch, griff nach einem Brief mit dem königlichen Siegel darauf und steckte ihn, zusammen mit einem Wasserschlauch und einigen anderen Dingen, die man für eine längere Reise brauchte, in eine lederne Umhängetasche. Aus seinem Schrank griff er nach einem dicken Mantel, der selbst den eisigen Temperaturen draußen zu trotzen vermochte, und hüllte sich darin ein. Als er alles hatte, wanderte sein Blick noch einmal prüfend durch den Raum, wobei er bei mir hängenblieb. Grinsend kam er auf mich zu.
„Weißt du, wohin ich gehe?“
Schwer schluckend schüttelte ich den Kopf. Flehentlich blickte ich zu ihm hoch, in der Hoffnung, er würde Abstand halten. Doch er näherte sich mir weiter, vorsichtig, als würde er versuchen, sich einem verschreckten Tier zu nähern. Um es zu schlachten. Das Grinsen auf seinem Gesicht breitete sich unheilvoll weiter aus, als er vor mir auf ein Knie ging, sich zu mir herunterbeugte, die Hand an mein Kinn hob und mich dazu zwang, seinen Blick zu erwidern.
„Ich gehe auf eine kleine Reise durch das Königreich. Ich besuche die Fürsten. Auch den lieben Cyrus, der bei Vater einst um deine Hand angehalten hat.“
Damals hatte ich versucht, den König davon zu überzeugen, den Antrag anzunehmen. Meine Möglichkeiten waren aufgrund meines Standes stark beschränkt, und es schien mir damals eine gute Gelegenheit zu sein. Zumal ich nicht mit einem meiner Brüder vermählt werden wollte. Doch damals, als Fürst Cyrus um meine Hand angehalten hatte, machte mir meine Familie schnell klar, dass eine Heirat mit ihm nichts war, was ich mir wünschen sollte. Er war grausam, kalt und gefühllos. Er hatte seine eigenen Eltern ermordet, nur um das Fürstentum des Ostens zu übernehmen und die Macht an sich zu reißen! Immer wieder handelte er wider unserer Gesetze, die essenziell für den Frieden im Land waren.
„Ich …“
„Ich werde also eine Weile weg sein. Ich werde durch die Täler und Ebenen des Goldenen Reiches reiten, während du hier verweilen und deinen niederen Arbeiten weiter nachgehen wirst.“ Er grinste noch etwas breiter. „Für immer.“ Er beugte sich noch näher zu mir hin. „Du wirst dieses Schloss nie verlassen, Asha.“
Bei seinen Worten sammelten sich Tränen in meinen Augen. Er wusste, wie gerne ich immer schon reisen wollte. Aber er hatte recht. Während er, frei wie ein Vogel, durch die Weltgeschichte reiten würde, schrubbte ich weiter Aborte und ernährte mich von Abfällen.
Er spuckte mir ins Gesicht und erhob sich. „Eine kleine Erinnerung daran, wo du hingehörst“, sagte er kalt. Dann deutete er auf mein Erbrochenes. „So etwas machst du nie wieder.“ Er wandte sich ab und verließ den Raum. Nur leise hörte ich ihn noch murmeln: „Wenn ich wiederkomme, gehörst du mir.“


































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