Kapitel 2 – Kuscheln
Kapitel 2 – Kuscheln
Cyrus
Ich erwiderte nichts auf Aurelies Worte. Ob ich fremde Frauen entführen würde? Sicher nicht. Doch sie war nicht aufnahmefähig. Sie verstand mich nicht, das tat sie nie. Diese Diskussion hätte bloß wieder in einem Streit geendet. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihre eigenen Gemächer abfackeln würde, war zwar aktuell gering, riskieren musste ich es aber nicht. Ich seufzte leise. Es war einfacher, einen Krieg zu führen, als mit dieser Frau an meiner Seite zu leben. Denn ein Krieg war irgendwann vorbei. Der Kampf gegen Aurelie würde mein ganzes Leben andauern.
Die Frau in meinen Armen seufzte tief und ich senkte den Blick. Sie war vor Erschöpfung eingeschlafen. Ausgerechnet die Frau, die sich mir ebenfalls verweigert hatte, hatte überlebt.
Umständlich stand ich auf, verlagerte das Gewicht der Frau in meinen Armen und trat mit ihr an die Brüstung des Balkons. Es wäre einfach, ihren Wunsch nun zu erfüllen und sie in die Tiefe zu werfen. Wahrscheinlich wäre es sogar das Klügste. Niemand konnte Jahrhunderte lang eingesperrt werden und danach noch bei klarem Verstand sein. Und dann hatte ich ihr Kind getötet. Ein schneller Tod wäre ein Akt der Gnade.
Aber ich konnte es nicht. Stattdessen drehte ich mich um, ging in Aurelies Schlafzimmer und legte die Vampirin auf das riesige Bett. Noch immer stank alles fürchterlich nach Rauch und Tod, allerdings hatten meine Grigoroi die Leichen mittlerweile fortgeschafft. Nur Galderon stand noch an der Tür und verfolgte meine Bewegungen.
„Diese hier darf nicht auf den Balkon. Und beide verlassen diese Gemächer nicht.“
Galderon nickte. „Natürlich.“
Ich trat vor den großen Spiegel und zog mein Hemd aus. An meinem rechten Unterarm musste ich es mir von der Haut abziehen. Mein Oberkörper war gerötet. Meine Hände mit Blasen übersät. Aber meine Arme sahen am schlimmsten aus. Teilweise hatte die Hitze den Stoff mit meiner Haut verschmolzen. Besonders am rechten Unterarm. Es würden Narben bleiben.
Im Spiegelbild sah ich eine Bewegung. Aurelie war nähergetreten und musterte mich durch den Spiegel. „Jetzt trink schon, Cyrus“, murmelte sie und streckte mir wieder ihr Handgelenk hin.
„Nein. Du hast heute ein Inferno entfacht und bist geschwächt.“ Außerdem würde es sie zum Stöhnen bringen und ich wäre nicht in der Lage, ihr zu widerstehen. „Hilf mir, die Stofffetzen von meiner Haut zu ziehen. Hast du eine Pinzette in deinem Badezimmer?“
„Ich glaube schon …“ Sichtlich zermürbt über meine Ablehnung zog sie den Arm zurück und verschwand im Badezimmer. Als sie zurückkam, deutete sie auf die Tür. „Komm, gehen wir in den Salon. Da ist das Licht besser und Lys kann in Ruhe schlafen.“
Ich folgte ihr, setzte mich auf das gemütliche Sofa und klopfte auf den Stoff rechts neben mir. Mit etwas Abstand setze sie sich zu mir, woraufhin ich ihr meinen rechten Unterarm entgegenstreckte. „Bekommst du das hin?“ Ich blickte kritisch auf die hässliche, nässende Brandwunde.
Sie atmete scharf aus. Dann begann sie mit der Arbeit und löste die Stofffetzen von meiner Haut. Schon beim ersten Mal, als die Pinzette mit der Wunde in Berührung kam, schossen meine Fangzähne heraus und ich fauchte laut. Aurelie hielt kurz inne und schien nach meiner Hand greifen zu wollen, unterdrückte den Reflex jedoch, als sie auch da die gerötete, teils verbrannte Haut entdeckte.
Eine ganze Weile ging das so weiter. Sie zog, ich fauchte, holte schwer Atem und die Folter begann von vorn. Mittlerweile hatte ich mich zurückgelehnt, die Augen geschlossen und litt möglichst still vor mich hin. Sie erlaubte mir eine kurze Pause zum Durchatmen. So dachte ich zumindest. Jedoch erklang kurz darauf ein schmatzendes Geräusch und der Geruch ihres Blutes drang augenblicklich in meine Nase. Ich riss die Augen auf, da war sie schon dabei, es auf meine Wunden tröpfeln zu lassen. Mit ausgefahrenen Fangzähnen beobachtete sie, wie ihr Blut von ihrem Handgelenk auf meinen Arm tropfte. Es kribbelte angenehm. Es war gewiss keine Wunderheilung … und zugleich irgendwie wohl schon.
„Funksoniert!“, lispelte sie strahlend, dann drückte sie mir ihr offenes Handgelenk an den Mund und zog ihre Fänge wieder ein. „Trink!“
Ich griff nach ihrem Handgelenk und drückte meine Lippen auf die Bisswunde. Meine Fänge durchstießen ihre Haut und ihr warmes, köstliches Blut rann meine Kehle hinunter. Erst als sie stöhnte, fluchte ich innerlich. Der Blutdurst siegte und ich schaffte es nicht, meine Lippen von ihrem Handgelenk zu lösen. Immer gieriger sog ich das köstliche Blut aus ihren Adern.
Mittlerweile rutschte sie unruhig auf dem Sofa hin und her, die Schenkel fest aneinandergepresst. „Cyrus, das reicht …“ Ihr Keuchen war schwer und gleichzeitig wusste sie schon nicht mehr, wo ihr der Kopf stand, so wie der schwankte.
Ich umklammerte auch mit der zweiten Hand ihr Handgelenk und schloss die Augen. Es kostete mich Mühe, nicht mehr zu trinken. Mehrmals atmete ich tief ein und aus. Meine Fangzähne steckten noch immer tief in ihrem Fleisch. Ich schaffte es nicht, sie wieder einzufahren.
Sie wimmerte. „L…lass ab…b, bitte …!“ Sie konnte den Arm nicht einfach wegziehen, denn dann würden meine Fänge ihr das Fleisch zerreißen. Abgesehen davon, dass ich ihren Arm noch immer mit beiden Händen festhielt.
Mit Mühe konnte ich mich von ihr lösen. Sofort lehnte ich mich zurück und schloss die Augen. Ihr Handgelenk ließ ich los und krallte die Finger in meine Oberschenkel. „Geh jetzt“, brummte ich. Ihr Duft vernebelte mir die Sinne. Wie gern hätte ich sie jetzt einfach gepackt und geküsst.
„Deine Wunden …“ Es hörte sich an, als ob sie lächelte. Dann hob sich das Polster neben mir und sie schlurfte weg, der Atem angestrengt.
„Warte!“, rief ich und richtete mich schwerfällig auf. Dabei fiel mein Blick auf meine Hände. Die Rötung war fast komplett verschwunden und auch die Wunde am Unterarm sah besser aus.
Sie hielt im Türrahmen inne und nutzte ihn, um sich daran abzustützen. „Sonst noch etwas, mein König?“, murmelte sich schwach, lächelte dabei aber noch immer zufrieden.
„Die Schwester von Seibling. Hast du ihr eine Mitgift versprochen?“ Mein Blick glitt an ihrem Körper herunter. Schnell zwang ich mich dazu, ihn wieder auf ihre Augen zu richten.
Ihre Augenbrauen senkten sich. „Ja. Wir haben sein Vermögen eingeheimst, ich fand es nur gerecht, dass das Kind nicht wegen der Fehler ihres Vaters zu leiden hat.“ Ihr Stirnrunzeln vertiefte sich. „Ist es etwa schon so weit?“
„Die Mutter ist krank und Seibling sorgt sich um das Wohlergehen seiner Schwester. Sie könnte womöglich vor ihrer Reife vermählt werden.“ Mir war klar, dass das Thema bei ihr offene Wunden einriss. Unter Vampiren war dieses Verhalten nicht üblich und geschah wirklich nur äußerst selten. Allerdings hatte sie es selbst erleben müssen.
„Und er will sie hierherholen?“, riet sie.
Tatsächlich wusste ich das nicht mehr. Es war wie weggeblasen. Doch war das am naheliegendsten. „Wie alt ist sie?“, fragte ich stattdessen und schloss meine Augen. Sofort hatte ich wieder die Szene von heute Morgen vor Augen. Das ungute Gefühl in mir, das mich dazu drängte, in den Harem zu gehen. Schon auf der Treppe hatte ich den Rauch gerochen und Timm gerufen. Im Harem, überall Feuer. Ich war über leblose Körper gestolpert. Es stank nach verbrannten Haaren, Kleidung, Fleisch …
Hastig hatte ich mir die Frauen angesehen, aber Aurelie war nicht unter ihnen gewesen. Blind rannte ich weiter. Der Rauch brannte in meinen Augen, meine Lungen schmerzten. Irgendwo hatte meine Hose Feuer gefangen und ich klopfte es aus. Meine Schritte trugen mich in das Zimmer, in dem Aurelie immer schlief. Ich erkannte das Bett. Es brannte lichterloh und war bereits zusammengebrochen. Dennoch rannte ich darauf zu. Griff in die Reste der brennenden Laken. Aber ich ertastete keinen Körper. Nichts! Nur Feuer, das meine Haut versengte. Aber die Schmerzen waren egal. Ohne Aurelie war alles egal.
Mit meiner rechten Hand wühlte ich durch das brennende Bett. Dann hörte ich Stimmen. Ich spürte sie. Aurelie war hier irgendwo! Ich rappelte mich auf, rannte wieder aus dem Schlafzimmer. Vor einer kleinen Kammer fand ich sie.
„…rus? Cyrus?“ Etwas stupste meinen Arm. „Hey?“ Vorsichtig legte sich eine Hand auf meinen Arm. Verwirrt suchten meine Augen Aurelies Blick. Sie musste wieder nähergekommen sein. „Du warst in Gedanken“, sagte sie sanft. „Was beschäftigt dich?“
Ich griff nach ihrer Hand, legte sie an meine Wange und schloss noch einmal meine Augen. Kurz nur, damit mich nicht wieder die Erinnerungen übermannten. Worüber hatten wir gesprochen? Ah … „Die kleine Schwester. Wie alt ist sie? Ist sie wirklich noch ein Kind?“
Meine Verbundene verzog den Mund. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass es nicht Sharifa war, die dich so immens beschäftigt hat. Oder sollte ich eifersüchtig werden?“
Ich hob den Blick und sah Aurelie irritiert an. Eifersucht gab es unter Vampiren nicht, das waren Gefühle, die zu den Menschen passten, aber nicht zu uns. Dennoch zog ich fest an ihrer Hand, sodass sie das Gleichgewicht verlor und mit einem überraschten Laut auf meinen Schoß fiel.
Aurelie keuchte auf und runzelte die Stirn. „Cyrus, was…?“ Mit ihren Händen stützte sie sich an meiner Brust ab, die Beine hingen beide rechts von mir hinab.
„Ich habe heute geglaubt, ich hätte dich verloren.“ Obwohl sie versuchte, auf Distanz zu gehen, legte ich meine Arme um ihren Oberkörper und zog sie näher zu mir heran. „Ich werde Seibling helfen. Im Gegenzug wirst du dafür sorgen, dass Lyssa sich nicht das Leben nimmt. Ein Leben für ein Leben.“
Wie gebannt blickte sie mir in die Augen. „Das … hätte ich sowieso nicht … zugelassen“, sprach sie, war mit den Gedanken aber sichtlich woanders. Immer wieder wechselte ihr Blick zwischen meinen Augen hin und her, als könnte sie sich nicht entscheiden, welches spannender war. „Du hättest … dachtest … du hättest mich verloren … und das stimmt dich … traurig?“
„Ich habe dein Bett zerwühlt…“ Ich stockte, denn es war mehr als Trauer, die ich gefühlt hatte. Körperlicher Schmerz. Existenzielle Angst. Dabei musste ich mir doch eigentlich gar keine Gedanken machen, wie es wäre, ohne sie zu leben. Denn es gab kein Leben ohne sie. Der Stern ihrer Göttin würde auf die Erde krachen und alles Leben auslöschen.
Ich legte meinen Kopf an ihre Schulter. Vorhin wollte ich sie noch unbedingt von mir stoßen und jetzt wollte ich nur noch ihre Nähe spüren. Eine miese Schwäche, die ich auf den Rauch schob, der meine Gedanken vernebelt hatte. Um wieder halbwegs klar denken zu können, räusperte ich mich und kam wieder auf das eigentliche Thema zu sprechen. „Was machen wir mit Seiblings Schwester?“
Ihre Hände vergruben sich in meinem Haar. „Wir tun, was Gilead möchte. Er wird uns nicht verraten, dessen bin ich mir sicher. Auch eine Wache ist längst nicht mehr nötig, aber die hatte ich ja schon abkommandiert. Wenn er wünscht, mit ihr fortzugehen und ein neues Leben beginnen wollen würde, würde ich ihn lassen.“ Sie seufzte schwer. „Er hat uns – oder mir, Zeit deiner Abwesenheit – nichts zuleide getan. Niemals. Er verdient unser Vertrauen, nicht unser Misstrauen.“ Gedankenverloren fuhren ihre Hände über meinen Nacken und kraulten ihn sanft. „Nicht jedes Kind ist, wie seine Eltern …“, fügte sie gedankenverloren hinzu. Sanft drückte sie mir einen Kuss auf die Stirn.
Ich schloss die Augen und drehte meinen Kopf ganz leicht. Meine Nase war so nahe an ihrem Hals, dass ich das Blut unter ihrer Haut schon fast riechen konnte. Ich konnte es schmecken auf meiner Zunge.
„Und zu deiner vorherigen Frage“, fuhr sie ruhig fort. „Ich weiß nicht genau, wie alt das Mädchen ist. Sie wird zwischen siebzig und neunzig sein, vermutlich. Vielleicht geht sie auch schon auf die Hundert zu, das ist in dem Alter schwierig zu sagen.“
Ich brummte nur wohlig, legte meine Stirn an ihre Wange und drückte ihren Oberkörper noch mehr an mich. „Wir werden mit ihm reden müssen. Morgen am besten. Schaffst du das?“
„Natürlich, wieso denn nicht“, antwortete sie mit hörbarem Lächeln in der Stimme. Dann hörte ich ein Geräusch, welches an ein Schnurren erinnerte. Aus ihrer Kehle drang ein so tiefes und wohliges Brummen, dass mir alle schlechten Gedanken aus dem Kopf gewischt wurden. Nur sie blieb. Meine Königin, meine Verbundene in meinen Armen, auf meinem Schoß. Sofort zuckte mein Gemächt und reagierte auf den Gedanken.
Und schon war das Schnurren vorbei. Meine Königin erhob sich schnaubend und verzog sich, ohne ein weiteres Wort an mich zu richten, in ihr Schlafzimmer. Dabei schüttelte sie genervt den Kopf, ignorierte ganz offensichtlich den Schwindel – denn sie taumelte – und brummte unverständliches Zeug vor sich hin.







































Kommentare