Kapitel 20 – Das wolltest du doch

Kapitel 20 – Das wolltest du doch

 

Cyrus

Die Ratssitzung war schnell beendet und die Aufgaben verteilt. Timmok, Galderon und Ikzil würden die Stellung im Schloss halten, ebenso Boris, den ich bei dieser Reise nicht gebrauchen konnte. Irina jedoch war dabei, um Nayara zu unterstützen. Da ich nicht wusste, wie lange wir unterwegs wären, ließ ich zwei Kutschen vorbereiten. Immerhin kam der Winter im Norden deutlich früher. Trotzdem hegte ich die Hoffnung, wir könnten noch vor Wintereinbruch wieder im Goldenen Reich sein.

Mit zusammen gekniffenen Lippen und sichtbar wütend über diese Aktion, saß Nayara mir gegenüber in der Kutsche und starrte aus dem Fenster. Das Schloss entfernte sich immer weiter von uns. Und damit fiel eine gewisse Schwere von mir ab. Ich wollte tatsächlich Darleen besuchen. Allerdings nur, um unser wahres Reiseziel vor neugierigen Augen zu verschleiern. Eine Kutsche würde dort bleiben.

„Jetzt zufrieden?“, fauchte mir mein Weib entgegen, blickte aber noch immer aus dem kleinen Fenster. Auf dem Weg aus der Stadt hatte sie gewunken und gelächelt, ganz, was man von einer Königin erwartete. Kaum hatten wir jedoch die Stadttore passiert, war das Lächeln verschwunden und nur noch ein überreiztes Gemüt zurückgeblieben.

„Ja.“ Meine Laune besserte sich, sodass sich ein Lächeln auf meine Lippen schlich. „Ich habe ein Gerücht gehört, dem wir nachgehen werden. Inoffiziell, natürlich. Offiziell besuchen wir meine Cousine.“

Sie seufzte. „Und was für ein Gerücht soll das sein?“

„Angeblich gibt es eine Möglichkeit, den Blutschwur zu lösen.“

Entgegen meiner Erwartung gewann ich ihre Aufmerksamkeit dadurch nicht. Sie nickte bloß beiläufig, hielt ihren Blick nach draußen gerichtet und umarmte sich selbst. Nur für den Bruchteil einer Sekunde hatte ihr Atem ausgesetzt, doch auch dieser ging nun wieder völlig regelmäßig.

Ich hob die Augenbrauen. „Was? Du willst nicht mit mir verbunden sein. Und nun interessiert dich diese Neuigkeit nicht? Oder hat dir Ignis-Robur den Kopf vernebelt und du glaubst dem Gerücht nicht?“

„Ich weiß nicht, was du hören willst“, murmelte sie und zog die Arme noch enger um ihre Taille.

„Sobald wir den Schwur gelöst haben, bist du frei. Du kannst heiraten, wen immer du willst. Du kannst mit jedem beliebigen Mann das Bett teilen, wenn dir danach ist. Und du kannst dir einen König suchen, der zu dir passt.“



Ich wandte den Blick ebenfalls aus dem Fenster. Diese Tatsache hatte mich die ganze Nacht wachgehalten. Aurelie war die rechtmäßige Königin. Wenn ein anderer Mann meinen Platz einnahm, dann erhielt er auch den Rang des Königs. So wäre ich frei. Keine Verantwortung mehr, die ich zu tragen hatte. Keine Entscheidungen mehr, die ich treffen musste. Keine falschen Entscheidungen mehr. Keine weiteren Morde.

Aus dem Augenwinkel konnte ich beobachten, wie sie die Stirn runzelte. „Wieso hast du mir die Krone überhaupt aufgezwungen, wenn du sie nicht willst?“

„Ich wollte sie. Ich hatte einst Ziele, Nay. Ich wollte alles besser machen, angenehmer, gerechter. Egal ob Vampir oder Mensch. Ich wollte, dass beide Rassen miteinander leben, wachsen und gedeihen. Aber ich habe dieses Ziel aus den Augen verloren.“ Wie so viele andere Dinge, die ich verloren hatte. Wie Moral. Oder ein Gewissen. „Ich habe mich selbst verloren. Ich bin nicht mehr der Mann, der ich einmal war. Ich wollte nie so sein.“ Ich holte tief Luft und sah Aurelie an. Nay … Ich mochte diesen Spitznamen. Aber es wäre nicht angemessen, ihn weiter zu verwenden. „Wir fahren auch zu meiner Cousine, damit ich sie davon in Kenntnis setzen kann, dass ich bald wieder in ihrem Schloss wohnen werde.“

„Klar“, murmelte sie leise. Nach einer Weile der Stille fügte sie ganz leise hinzu: „Geh und lass mich allein.“

Mittlerweile verstand ich gar nichts mehr. „Das ist es doch, was du am meisten willst! Dann bist du mich endlich los! Was willst du noch?“ In dem Moment, als ich die Frage stellte, dämmerte es mir und ich klopfte gegen die Kutschenwand. Sofort wurde das Gefährt langsamer, gleich darauf stoppten wir.

Amaro öffnete die Tür und sah mich fragend an. „Majestät?“

„Hol Irina her. Sie sitzt in der zweiten Kutsche.“

Mein Grigoroi nickte und schloss die Tür wieder.

Jetzt sah sie mich an. Ihre bernsteinfarbenen Augen glitzerten im einfallenden Sonnenlicht. Ihr Mund war leicht geöffnet, doch sie sagte nichts. Ich erfüllte ihr ihren Wunsch, alles, was sie noch von mir wollte, war ihre Freundin zurück. Also wieso sollte ich ihr das nicht gestatten? Ich hatte für Irina keinen wirklichen Verwendungszweck.





Als die Grigoroi gegen die Tür der Kutsche klopfte, öffnete ich diese von innen. „Setz dich, Irina.“ Ich deutete neben Aurelie. Zögerlich kam die junge Frau der Aufforderung, blickte dabei aber zu Aurelie. „Sieh mich an und lehne dich ein Stück vor.“ Ich legte meine Hände an ihre Schläfen und konzentrierte mich. Es dauerte nicht lange, da entdeckte ich die feinen Fäden, die sich in meine Richtung streckten. Es wäre einfach, sie von mir zu lösen und Irina wieder an Aurelie zu binden. Stattdessen löste ich jeden noch so feinen Faden. So, wie ich es vor Jahrhunderten bei Leeander getan hatte.

Schweißtropfen sammelten sich auf meiner Stirn, mein Atem ging schwer. Es war anstrengender, als ich es in Erinnerung hatte. Ich durfte keinen Fehler machen, ansonsten wäre Irina tot. Allerdings war ich schon lange nicht mehr in Bestform. Ich hatte mich gehen lassen, meinen Körper und Geist vernachlässigt.

Meine Augen wurden schwer. Aber ich hatte es geschafft. Irina war frei. „Wie fühlst du dich?“ Meine Stimme klang belegt. War ich zwischendurch eingeschlafen? Ich betrachtete sie gründlich. Es gab keine Anzeichen mehr, dass Irina an jemanden gebunden war.

Verwirrt runzelte sie die Stirn. „Da ist kein Bedürfnis mehr, mich dir unterzuordnen.“ Sie blickte zu Aurelie. „Bei dir aber auch nicht.“

„Du hattest immer das Gefühl, dich unterordnen zu müssen?“, fragte diese überrascht und gleichzeitig besorgt.

„Ja. Also, ein bisschen. Es ist mir aber gar nicht richtig aufgefallen, bis auf jetzt …“

„Du bist frei, Irina. Du kannst tun und lassen, was du willst. Niemand wird dir jemals wieder etwas befehlen können. Niemand kann dich mehr benutzen.“ Ich hätte es schon früher tun müssen. Aber um ehrlich zu sein, hatte ich schon gar nicht mehr an dieses Redeverbot gedacht.

Beide Frauen sahen mich mit großen Augen an. Schließlich fielen sie sich um den Hals. Aurelie schluchzte leise gegen Irinas Halsbeuge, während ihre Freundin meinen Blick suchte und nur ungläubig drein sah.

„Das habe … ich mir immer … für dich gewünscht“, schniefte Aurelie leise und zog sich langsam zurück, um die Tränen auf ihren Wangen zu trocknen.

Ich seufzte leise und schloss die Augen. „Du kannst wieder gehen, Irina. Oder alle beide. Es ist mir gleich.“ Mein ganzer Körper wurde schwer. „Hauptsache, wir reisen gleich … weiter …“



„Cyrus?“, hörte ich es noch rufen. Mein Kopf sank an die Kutschwand, dann war ich eingeschlafen.

 

Sanftes Ruckeln weckte mich auf. Ich hörte einen langsamen, gleichmäßigen Herzschlag. Zwar tat mein Nacken weh, aber dieser Duft … und dieses warme, weiche Kissen … Ich drehte meinen Kopf ein kleines Stück. Das Kissen bewegte sich. Zusätzlich spürte ich eine Hand in meinen Haaren, die mich sanft streichelte. Obwohl ich lieber gleich wieder einschlafen wollte, öffnete ich die Augen.

Sofort war ich hellwach und richtete mich wieder richtig auf. Aurelie hatte sich neben mich gesetzt und dazu noch leicht schräg, sodass mein Kopf auf ihrer Brust geruht hatte. Und zu allen Überfluss hatte ich auch noch leicht gesabbert! „Warum bist du nicht bei Irina?“, fragte ich irritiert. Die Nähe war mir unangenehm. Weil sie schön war. Sehnsüchte weckte.

„Dir ging es nicht gut.“ Sie griff neben sich und drückte mir ein Eingeklemmtes mit würzigem Käse gefüllt in die Hand. „Du musst essen.“

Wie paralysiert nahm das Brot in beide Hände und biss hinein. „Ich war nur müde“, nuschelte ich mit halb vollem Mund. Die Tatsache, dass sie bei mir blieb und mir nun sogar noch etwas zu Essen gab, zeigte mir noch deutlicher, wie wichtig es war, diesen Blutschwur zu lösen. Sie hatte das sicher nicht freiwillig getan. Der Schwur hatte sie dazu gebracht. „Hast du etwas gegessen?“

„Äh …“ Müde stieß sie die Luft aus. „Nein“, gestand sie schließlich und seufzte.

„Ein weiterer Beweis dafür, dass wir den Schwur lösen müssen. Es kann ja nicht sein, dass du dich um mich kümmerst und dich dabei völlig vergisst.“ Ich biss erneut von dem Brot ab und sah mich dabei um. „Wo ist der Proviant?“

„Hier.“ Sie zeigte neben sich auf den Boden, machte aber keine Anstalten, sich etwas zu nehmen. Stattdessen musterte sich mich lange. Dann rutschte sie näher zu mir und hielt mir ihr Handgelenk hin. „Du musst dich richtig stärken. Wer weiß, ob du die letzten Wochen auch nur einen Tropfen Nahrhaftes zu dir genommen hast.“ Den letzten Satz murmelte sie nur leise vor sich hin, während sich ihre andere Hand wieder zu meinem Nacken, in mein Haar verirrte und mich sanft kraulte, sodass ich ein Schnurren unterdrücken musste.



„Aurelie, horche in dich hinein. Du willst das nicht tun.“ So verlockend es auch war, ich wollte sie nicht beißen. Ich wollte nicht von ihr trinken und ihr Blut schmecken. Denn dann konnte ich für nichts mehr garantieren. Meine Selbstbeherrschung war kurz davor, zu zerbröseln. Aber ich musste mich zusammenreißen, um ihr nicht noch mehr weh zu tun. Es würde alles nur komplizierter machen. Schlimmer für uns beide, wenn ich jetzt dem Drang nachgab.

Bestimmt legte sie ihre Hand an meine Wange und drehte meinen Kopf zu ihr, sodass ich sie ansehen musste. In ihrem Gesicht lag reinster Ernst. „Cyrus, hast du ernsthaft das Gefühl, ich würde mich nur um dich kümmern, weil ich mit dir verbunden bin? Das mag der Grund sein, wieso ich trotz deiner idiotischen, sturen, unglaublich nervigen, besitzergreifenden und rüpelhaften Art gern in deiner Nähe bin, aber ich hätte niemals jemanden, dem es schlecht geht, allein gelassen! Selbst als ich noch Prinzessin war, habe ich die Sklaven mit Anstand und Respekt behandelt und sie vor den Übergriffen meiner Brüder gerettet, wo ich nur konnte!“ Sie ließ mich los und klopfte gegen die Kutschwand, woraufhin wir ratternd anhielten. „Bild dir nicht so viel darauf ein!“, zischte sie ungehalten, stand auf und verließ die Kutsche.

Draußen hörte ich, wie sie sprach: „Bring ihm bitte Blut. Er soll es trinken. Und dann leiste ihm Gesellschaft.“

Ich hörte noch, wie ihre Schritte verklangen, dann öffnete sich die Tür wieder und Amaro kletterte in die Kutsche, eine Flasche Blut in der Hand. „Ihr habt sie gehört, Majestät.“ Mein Grigoroi grinste spitzbübisch und hielt mir die Flasche hin.

Ich nahm die Flasche entgegen und verdrehte die Augen. „Nun gut.“

Bis zur Dämmerung ritten wir weiter. Amaro saß längst wieder auf dem Kutschbock und ich hatte die Füße hochgelegt. Müde öffnete ich die Tür einen Spaltbreit. „Fahr zur nächsten Siedlung. Vielleicht haben sie ein Gasthaus. Wenn nicht, übernachten wir in einer Kutsche.“ Obwohl ich lieber unter freiem Himmel schlief. An einem Lagerfeuer. Aber das würde ich Aurelie nie zumuten.

Die Sonne war kaum noch zu sehen, als wir vor einem großen Gasthaus hielten. Amaro öffnete mir die Tür. Erleichtert, mich endlich wieder bewegen zu können, stieg ich aus. „Ich frage nach, ob sie Platz haben. Warte hier.“



Auch die Tür der zweiten Kutsche öffnete sich. Zur selben Zeit wurden die Pferde bereits angespannt und trampelten aufgeregt auf dem Boden herum. Kurz darauf stand Aurelie neben mir. Obwohl ich sie am liebsten wieder zurückgeschickt hätte, schwieg ich und öffnete die Tür zum Gasthaus.

Lärm und der Duft von Alkohol und Essen schlugen uns entgegen. Ich ließ Aurelie den Vortritt. Als ich eintrat, blickte ich mich um. Mehrere Menschen saßen auf Bänken, unterhielten sich lautstark, lachten und feierten.

Zielstrebig ging ich nach vorn. „Zwei Zimmer bitte. Und meine Pferde müssen untergebracht werden.“

Die Frau hinter der Theke grinste anzüglich. Sie war alt, rund und hatte eine riesige Zahnlücke. „Wir haben nur noch ein Zimmer. Aber du kannst gerne bei mir schlafen, Hübscher.“

Ich sah zu Aurelie. Dann könnte sie in diesem Zimmer schlafen. Sollte es bei dem Lärm denn möglich sein. Mein Blick glitt zu den Männern an den Tischen. Es gefiel mir nicht. „Was wird hier gefeiert?“

„Oh, einer der Unglücklichen heiratet morgen!“, erwiderte die Frau grinsend.

Oh, nein. Das bedeutete, die anderen Zimmer gehörten den Männern. „Danke. Dann verzichten wir“, entschied ich.

Aurelie schien mit meiner Entscheidung zufrieden, denn sie wandte sich bereits ab. Ich könnte den Boden einer Kutsche mit Decken und Kissen auslegen. Nicht besonders bequem, aber besser als ein Bett in diesem Gasthaus, das überfüllt mit alkoholisierten Männern war.

Genau in diesem Moment stand einer besagter Männer auf und torkelte auf Aurelie zu. „He! So eine Schönheit habe ich noch nie gesehen!“, rief er und griff sich ungeniert an die Hose. „Wie viel? Wir können ja zusammenlegen, meine Jungs und ich. Dann hast du die beste Nacht deines Lebens!“

„Fass meine Frau nicht an!“, fauchte ich, plötzlich rasend vor Wut. Meine Zähne glitten heraus und ich stürmte auf den Mann zu, der es wagte, mein Weib so unsittlich anzusprechen. Und dann wollte er sie auch noch berühren! Blind vor Wut packte ich den Mann am Kragen und sah zu spät, dass Aurelie genau in diese Richtung hatte ausweichen wollen. Ich drängte sie durch meine Geschwindigkeit beiseite. Aurelie verlor das Gleichgewicht und landete wenig elegant auf ihrem Hintern.



Die Männer lachten. Sie lachten!

Ich war kurz davor, ein Blutbad anzurichten und ihnen die Köpfe abzureißen! Einzig die Reaktion von Aurelie hielt mich davon ab. Denn diese sprang wie von der Tarantel gestochen wieder auf und rannte aus dem Gasthaus hinaus.

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