Kapitel 22 – Ankunft im Osten

Kapitel 22 – Ankunft im Osten

 

Cyrus

Unweit der Gaststätte war eine große, leerstehende Scheune, in die wir die Kutschen unterbrachten und uns einquartierten. Elok und Amaro versorgten die Pferde, Stinan ging jagen und ich entzündete ein Feuer.

Irina kam recht spät erst aus der Kutsche. Wortlos reichte ich ihr Decken und Kissen. Natürlich ließ sich Aurelie nicht blicken, nachdem ich sie in ihren Augen vor so vielen Männern gedemütigt hatte. Selbst den halben Gockel aß sie an der Kutsche und ließ ihn sich von Irina bringen. Ich verstand diese Frau einfach nicht! Dabei müsste sie überglücklich sein! Wir konnten einfach nicht miteinander! Nicht, nachdem so viel passiert war. Die schlechten Momente überschatteten die wenigen Guten, die wir hatten, und Aurelie war niemand, der so leicht verzieh.

Nach dem Essen schickte ich meine Grigoroi abwechselnd in den Wald, um zu jagen. Ich blieb am Lagerfeuer sitzen, bewachte die beiden Kutschen und ließ mich von den Flammen wärmen.

Immer wieder wanderten meine Gedanken zu meiner Frau. All die Male, wo sie mir beigelegen … freiwillig beigelegen hatte. Es hatte sie nur gegeben, weil sie ihren Trieb nicht unter Kontrolle hatte halten können. Ihr Körper wollte es, nicht sie. Beim Ball, mit Gilead … Zählte sie auch diese Intimitäten als Vergewaltigung?

Erschöpft strich ich mir mit beiden Händen übers Gesicht. Sie war schon in jungen Jahren missbraucht worden. Natürlich war sie jeglicher Art von körperlicher Zuneigung abgeneigt. Ein Trauma, von dem sie sich vielleicht in ein paar hundert Jahren erholen würde, wenn überhaupt.

Immer wieder blickte ich zu der Kutsche, in der sie saß. Sie hatte das Land, als ich auf der Jagd nach Ashur war, auch ohne mich geführt. Und zu dem Zeitpunkt war sie noch ein Kind gewesen. Dennoch war sie ihren Aufgaben sorgfältig nachgegangen, hatte die Ratssitzungen geführt, Bittstellungen abgehalten, die Korrespondenz geführt, zwei Minister hängen lassen, einen Dritten des Amtes enthoben und war einem Mordanschlag entkommen. Sie würde das Goldene Reich auch alleine führen können. Besser, als ich es je könnte. Irgendwann würde sie mir dafür danken, dass ich den Blutschwur gelöst hatte. Auch, wenn noch unklar war, ob es wirklich möglich wäre. Noch war es nur eine Hoffnung. Aber wenn diese Möglichkeit bestand … Ich würde sie sofort ergreifen.



Die Tür von Aurelies Kutsche öffnete sich. Sofort wandte ich mich dem Feuer zu und blieb still. Wahrscheinlich musste sie sich die Beine vertreten oder Wasser lassen. Am liebsten wäre ich ihr nachgegangen und hätte sie zur Rede gestellt. Aber ich musste ihr den Freiraum lassen. Sie hatte sich nicht ohne Grund zurückgezogen, und das musste ich respektieren.

Aurelie verließ die Scheune und ging in Richtung Wald. Ich sah ihr nach. Warum war Irina nicht bei ihr? Es war gefährlich im Wald, vor allem nachts. „Wenn Amaro wieder da ist, soll Stinan auf Jagd gehen.“

Elok nickte mir knapp zu. „Und Irina?“

„Sie kann tun, was sie will. Wenn sie Durst hat, wird sie schon jagen gehen.“ Ich nahm mein Schwert und folgte Aurelie in den Wald. Nach einer Weile erkannte ich sie hinter einem Baum, sah, wie sie gerade ihr Kleid wieder richtete. Ihr Herz schlug extrem schnell, fast als ob sie Angst hätte.

Obwohl sie mir bereits entgegenkam, eilte ich auf sie zu und zog dabei mein Schwert. Argwöhnisch sah ich mich nach allen Seiten um. Wovor hatte sie solche Angst? Oder zog sie in Betracht, wegzulaufen? Aber wohin? Und warum? Ihr Herz raste. Wenn es weiter so schnell schlug, würde sie noch kollabieren.

„Nay?“ Warum nannte ich sie nicht wieder Aurelie? Dieser Spitzname schuf eine Vertrautheit, die es nicht geben durfte! „Was ist los?“

Noch ein Herzschlag. Lauter. Kräftiger. Langsamer. War hier etwa noch ein Tier? Argwöhnisch sah ich mich um. Andererseits, wenn das Herz so schnell schlug, musste das Tier sehr klein sein. Kaum eine ernstzunehmende Gefahr.

Offenbar hatte Aurelie mich bis zu diesem Moment nicht gesehen, denn sie schreckte auf und stieß einen spitzen Schrei aus. „C…cyrus…!“ Sie stolperte zurück; die Arme schlang sie eng um sich. „Nichts! Es ist nichts, was du wissen müsstest!“ Hektisch sah sie sich um.

Verständnislos runzelte ich die Stirn. Ich konnte von hier aus sehen, wie ihre Unterlippe bebte. „Ist alles in Ordnung? Komm, ich bringe dich zurück zur Scheune. Hast du noch Hunger?“ Beruhigend lächelnd, bot ihr meinen Arm an.

„Kannst du nicht einfach gehen?“ Wieder ging sie einen Schritt zurück. Nun, wo sie besser vom Mond beschienen wurde, konnte ich tiefrote Wangen sehen. Und nicht nur ihre Unterlippe bebte, sondern auch ihre Hände hatte sie völlig verkrampft in ihre Seiten gekrallt. „D…dreh dich einfach um und verschwinde!“, rief sie, fügte aber in flehendem Ton hinzu: „Bitte …“



„Nay…“ Ich seufzte. „Ist es also schon so unerträglich mit mir?“ Heute Morgen hatte sie sich noch um mich gesorgt, hatte meinen Kopf auf ihre Brust gelegt … und jetzt wollte sie nichts lieber, als mich loszuwerden.

„Cyrus …“ Sie klang verletzt, so wie ich mich fühlte. „Nein, natürlich bist du nicht unerträglich. Ich brauche … nur gerade etwas Zeit für mich.“

„Die Signale sind eindeutig“, murmelte ich leise. „Weil ich dir Irina wieder gegeben habe, hast du dich verpflichtet gefühlt, mir ein Kissen zu sein und mich zu versorgen. Dabei war ich derjenige, der sie dir erst weggenommen hat.“ Ohne ein weiteres Wort wandte ich mich um und ging zurück zum Lagerfeuer. Ein Glück, dass ich zwei Kutschen mitgenommen hatte. „Wenn du noch etwas brauchst, schick Irina.“

Hinter mir hörte ich ein erleichtertes Aufatmen. Ganz leise, und sicher nicht für meine Ohren bestimmt, nuschelte sie seufzend: „Wieso verstehst du mich nur immer falsch?“

Wie erstarrt blieb ich stehen. Vielleicht hoffte sie innerlich, dass ich es gehört hatte. Sonst hätte sie es auch nur zu denken brauchen. „Willst … du reden?“ Ich blieb mit dem Rücken zu ihr stehen und sprach laut genug, sodass sie es hören musste.

Sie holte Luft. Fast klang es, als wolle sie bejahen, doch dann flüsterte sie leise: „Ein anderes Mal vielleicht.“

„Ja. Vielleicht.“ Ich ging wieder. Kurzzeitig dachte ich sogar daran, den Besuch bei meiner Cousine aufzuschieben und direkt in den Norden zu reisen. Aber ich brauchte auch Darleens Rat.

Am nächsten Morgen ritten wir bei Tageseinbruch los. Ich wollte keine Zeit mehr verlieren. Je eher der Blutschwur gelöst wurde, desto besser. Wir ritten weiter nach Osten, zurück in meine Heimat. Aron und Eran konnte ich nicht zurückbringen. Ihre Leichen konnte ich hier nicht beerdigen und dieses Wissen versetzte mir einen Stoß. So wie auch die Tatsache, dass Lee die Felder seiner Heimat niemals wieder betreten würde.

Hin und wieder legten wir eine Rast ein. Aurelie kam nur heraus, wenn niemand an der Kutsche war. Nur Irina durfte bei ihr sein, alle anderen wurden verscheucht, selbst meine Grigoroi. Ich nahm es hin. Wenn Aurelie etwas brauchte, kam Irina. Wir redeten nicht einmal miteinander. Worüber auch? Es war schon im Schloss nicht anders gewesen. Aurelie war so nah und doch so fern. Diese Reise machte mir den Umstand noch bewusster.



Als das Schloss endlich vor uns aufragte, schickte ich Amaro vor, um uns anzukündigen. Es war schön, endlich wieder hier zu sein. Keine Stadt direkt am Schloss, sondern ringsum weite Felder. Grün, so weit das Auge reichte. Ein großer Obstgarten in der Nähe spendete an heißen Tagen Schatten. Ansonsten war hier nichts.

Die Kutschen fuhren vor. Darleen sah ich schon von Weitem vor dem großen Tor stehen. Sie lächelte und kam der Kutsche entgegen. Sofort sprang ich heraus und eilte meiner Cousine entgegen, um sie zu umarmen. „Es tut so gut, dich zu sehen, Darleen.“

Darleen schloss mich in ihre Arme. „Das kann ich nur zurückgeben, Cousin“, erwiderte sie, das Gesicht in meiner Halsbeuge vergraben. Als ich ihre Hand an meinem Haar spürte, stieß ich sie lachend weg. „He!“ Sie verschränkte die Arme. „In mein Schloss darf nur, wer attraktiv ist!“, bestimmte sie grinsend. „Und das bist du mit Haarband nicht.“

Ich löste das Band und gab es ihr als Trophäe. „Nun, wenn du meinst. Vielleicht lasse ich sie mir ja auch ganz kurz schneiden“, scherzte ich.

Darleen spähte in die Kutsche und sah dann zur Zweiten. „Elok kündigte dich und die Königin an …“

Mit einer Kopfbewegung deutete ich zur zweiten Kutsche. „Der Haussegen hängt schief. Aurelie versteckt sich in der zweiten Kutsche. Lass sie einfach. Wenn sie dich sehen will, kommt sie schon auf dich zu.“

Bevor Darleen etwas sagen konnte, nahm ich ihre Hand und zog sie in mein Schloss. Nein, ihr Schloss. „Was hast du alles verändert, seit ich weg bin?„ Mein Blick ging hoch zum Turm. „Immerhin steht es noch“, scherzte ich, um mich auf andere Gedanken zu bringen.

„Äh …“ Sie schaute zurück zur Kutsche. Mit gerunzelter Stirn sah sie mich an. „Cyrus, was läuft da?“ Sogleich schüttelte sie den Kopf. „Vergiss es, das besprechen wir später. Nun, das Schloss …“ Wir traten durch die Eingangstüren, wo ich gleich einmal stehen blieb.

„Du hast die Vorhänge ausgetauscht?“

„Schwarz war mir zu deprimierend.“ Sie zuckte die Schultern. „Ich weiß, du hast es immer als edel empfunden wegen der silbernen Stickereien darauf, aber mir war das zu dunkel.“

Wir gingen direkt weiter zu meinem alten Arbeitszimmer mit dem großen, offenen Kamin. „Wir bleiben nicht lange, Darleen. Ein oder zwei Nächte. Eine Kutsche bleibt hier als Tarnung, damit niemand erfährt, dass Aurelie und ich weiter reisen in den Norden. Wir sind angeblich die ganze Zeit hier. Für… Nun, einige Tage oder Wochen, denke ich.“



Darleen schloss die Tür hinter sich. Offenbar war mein Arbeitszimmer mittlerweile ihres, denn der Tisch war voller Dokumente. „Cyrus, was läuft da?“

„Gar nichts. Absolut gar nichts, Darleen. Daher werden Aurelie und ich uns trennen. Gerüchten zu Folge gibt es jemanden im Norden, der einen Blutschwur lösen kann.“ Ich vermied bewusst die Tatsache, dass es eine Kräuterfrau sein sollte. Denn sonst würde Darleen mich davon abhalten wollen.

Eine Weile sah meine Cousine mich einfach nur an, berechnend, wissend. „Weißt du, wir haben uns geschrieben. Deine Frau und ich.“ Die Arme vor der Brust verschränkt lehnte sie sich an ihren Schreibtisch und sah mit erhobenen Augenbrauen zu mir auf. Aus ihrem Gesicht war jeder Funke Belustigung gewichen.

„Das habe ich auch nicht verboten. Ihr habt euch zwar nicht oft gesehen, aber es schien, dass ihr euch gut versteht.“ Ich verschränkte ebenfalls die Arme vor der Brust. Allerdings nur, weil ich nicht wusste, wohin sonst mit meinen Händen.

„Ja. Dass du es ihr als dir Gleichberechtigte verboten hättest, wäre ja wohl noch die Höhe gewesen, oder was denkst du?“

Meine Augenbrauen gingen hoch. „Was hat sie dir geschrieben?“

„Dinge, die ich meinem Cousin nicht zugetraut hätte“, sagte sie ruhig. „Dinge, für die ich sie am liebsten des Lügens bezichtigt hätte. Nur, dass man über solche Dinge eben nicht lügt.“

Ich schluckte. „Ja, ich habe Fehler gemacht. Aus dem Grund werde ich den Blutschwur lösen. Dann gehen wir getrennte Wege.“ Es fühlte sich schlecht an. Ich hatte versagt. Ich konnte Aurelie nicht der Gatte sein, den sie verdiente. „Jeder andere wird es besser machen“, sagte ich daher mit Nachdruck.

„Also gibst du alles auf? Kommst du dann zurück und übernimmst den Osten wieder?“

„Ja. Und nein. Ich gebe auf, ja. Ich habe mich reichlich überschätzt. Was den Rest angeht, so werde ich passen. Ich kann nicht wieder zurück hierhin.“ Mein Blick wanderte durch das Zimmer und blieb am Kamin hängen. Hier hatte ich beschlossen, den alten König stürzen zu wollen und alles besser zu machen. Ich hatte kläglich versagt.

Darleen runzelte dir Stirn. „Das hätte ich von dir nicht erwartet, Cyrus.“

Ich zuckte mit den Schultern und wandte mich zur Tür. „Ich sehe nach meinen Grigoroi und den Pferden. Ich nehme an, ich kann mir ein Gästezimmer aussuchen?“



„Du kannst dein eigenes Zimmer haben. Ich habe es nicht ausräumen lassen. Für Naya werde ich eines der Gästezimmer herrichten lassen.“

Wie gut gefällt dir dieses Buch?

Klicke auf einen Stern zum bewerten.

Durchschnitt 5 / 5. Anzahl: 1

Bisher keine Bewertungen

Kommentare