Kapitel 23 – Der Tag der Bittsteller
Kapitel 23 – Der Tag der Bittsteller
Aurelie
„Sicher, dass du das so tragen willst?“, wollte Emili zögerlich wissen. „Es werden eine ganze Menge Leute da sein. Und es wird dein erster öffentlicher Auftritt sein, abgesehen von deiner Krönung. Solltest du da nicht, ich weiß nicht, vielleicht ein Kleid anziehen?“
„Und allen zeigen, dass ich gerade zur Frau reife?“, entgegnete ich mit hochgezogenen Augenbrauen. „Nein, danke. Außerdem habe ich doch gar keine Kleider, die mir passen würden. Nein. Ich werde diese Audienz in Hemd und Hose durchführen und wer damit ein Problem hat, könnte ein paar Probleme mehr gebrauchen, die ihn beschäftigen.“ Dieser Tag war immerhin dazu gedacht, dass man sein Leid bei mir abladen und um Hilfe bitten konnte. Nicht, um mich zu kritisieren. Oder meinen Kleidungsstil. Natürlich würde es die Runde machen. Aber ich konnte nun mal kein Kleid anziehen, das ich nicht hatte. Darüber hinaus wären meine Bemühungen, meine Reife zu verstecken, dann wohl hinfällig.
„Oh!“ Fast hätte ich es vergessen!
„Warte!“ Schimpfte Aurillia, die gerade noch letzte Klammern in meine Haare steckte. „So. Jetzt kannst du aufstehen.“
Ich grinste sie über meine Schulter hinweg an. „Entschuldige. Du gehst nachher gleich, oder?“ Sie nickte und wurde rot. „Du … solltest wissen, dass Irina deinem Leonard eventuell ein klein wenig damit gedroht hat, ihm gewisse Gliedmaßen abzuschneiden, sollte er sich dir gegenüber nicht gebührend verhalten.“
Aurillias Augen wurden groß. „Wie … wie kann man denn ein klein bisschen drohen?!“, fuhr sie mich an und brachte mich nun endgültig zum Lachen.
Sogar Emili schmunzelte. „Ich glaube, was sie damit sagen will, ist, dass sich auch Irina für dich eingesetzt hat.“ Emili zog die Jüngere in ihre Arme und drückte sie fest. „Pass auf dich auf.“
„Und lass dich zu nichts verführen!“, setzte ich ernst hinzu, möglichst darum bemüht, meinen eigenen Fauxpas von gestern für einen kleinen Moment zu vergessen. Aber ich war immerhin auch schon weit über hundert …
Ich stand auf und lief mitsamt Gefolge in das Wohnzimmer. Entschlossen holte ich mein Schwert hervor und band mir die Scheide um.
„Sicher, dass das einen guten Eindruck macht?“, fragte Emili unsicher. Auch Aurillia sah mich ein wenig zerknirscht an.
„Ich habe nicht wirklich eine Wahl. Es gibt immer mehr Unruhen im Volk. Heute sind zwar allerlei Vampire da, die mich schützen könnten, aber ich muss davon ausgehen, dass sich auch unter ihnen Verräter befinden könnten. Und die meisten Ratsmitglieder, die geradewegs an meiner Seite sein werden, sind nun mal nicht besonders gut im Kampf. Graf Targes ausgeschlossen.“
Da keine weiteren Einwände kamen, machte ich mich auf den Weg zum Thronsaal, in dem die Audienz stattfinden würde. Überall begegneten mir Wachen, die ihre Waffen griffbereit am Gürtel trugen. Und irgendwie fühlte es sich wirklich gut an, selbst das Schwert an der Hüfte zu spüren.
Ich betrat den Raum durch die schmale Tür, die direkt zum Thron führte. Dort stand bereits Leeander schräg hinter dem Thron. Er trug Hose, Hemd und Weste darüber. Nicht zu vergessen, das Schwert an seiner Hüfte.
Als Leeander mich erblickte, ging er auf ein Knie und senkte sein Haupt. „Majestät“, grüßte er knapp. „Es ist alles vorbereitet. Vor dem Thronsaal sind genug Wachen postiert, bis hinaus zur Tür.“
Ich nickte und ließ meinen Blick durch den Raum schweifen. Die Tür zum Balkon war durch zwei stämmige Wachen flankiert. In regelmäßigen Abständen hatten sich zusätzlich sechs weitere Männer im Raum verteilt. Jeder von ihnen war bewaffnet. Bevor jedoch ein Bittsteller zugelassen wurde, würde jeder einzelne einer Leibesvisitation unterzogen, sodass keine Waffen von außen eingelassen wurden.
Meine linke Hand lag schwer auf dem Griff meines Schwertes an meiner Hüfte, als ich zum Thron hinschritt. Leeanders Mimik ließ nicht darauf schließen, was er von meiner Aufmachung hielt, obwohl er sich wohl schon hatte denken können, dass ich mich nicht in ein Kleid zwängen würde. Mit dem Schwert hatte er vermutlich eher weniger gerechnet. Aber für das Nötigste an Selbstverteidigung sollten meine Fähigkeiten im Notfall durchaus genügen. Hoffte ich.
Andererseits konnte es natürlich auch missverstanden werden, wenn eine Königin ein Schwert trug. Es könnte so interpretiert werden, als vertraue ich meinem Volk nicht. Oder meinen eigenen Wachen. Es könnte interpretiert werden, als rechnete ich fest mit einem Angriff, oder als wolle ich den König ersetzen und Mann spielen. Doch was auch immer sich die Leute vorstellen würden; keiner würde mich, was die Waffenkunst betraf, ernst nehmen. Und das konnte mir nur zugutekommen.
Ich setzte mich, das Schwert stieß unangenehm am Stuhl an. Ich fluchte leise und rutschte wieder ein wenig vor. Als mein Blick noch einmal auf die Soldaten im Raum fiel, hatte ungefähr die Hälfte ein Schmunzeln auf den Lippen, die andere Hälfte schaute finster drein. Nun, es war heute auch schon der dritte Tag mit durchgängigem Regen. Da konnte einem schon mal die Laune flöten gehen.
Lee trat an mich heran. „Das Schwert solltet Ihr wenigstens neben den Thron anlehnen. Sonst denken die Leute noch, Ihr wollt heute jemanden köpfen und es reichte Euch nicht, sie hängenzulassen.“ Er machte eine kurze Pause und ließ seinen Blick ebenso über die Soldaten schweifen. „Soll ich die Minister hereinbitten?“
„Oh.“ Ups. „Ja, tu das bitte.“ Schnell schnallte ich das Schwert los und lehnte es seitlich an den Thron. Dann setzte ich mich richtig darauf, wobei der Stuhl trotz meines letzten Wachstumsschubs noch immer viel zu groß war und meine Füße nicht ganz bis zum Boden reichten.
Lee verneigte sich und ging auf die großen Flügeltüren zu, welche direkt geöffnet wurden. Obwohl sie nur kurz einen Spalt offen standen, sah ich unglaublich viele Menschen und Vampire im Vorraum stehen. Zudem drang das Stimmengewirr, gleichsam mit dem Öffnen der Tür, so penetrant an mein Ohr, dass ich Mühe hatte, keine Miene zu verziehen.
Einige Köpfe drehten sich neugierig in meine Richtung, jedoch verdeckte Graf Targes‘ breiter Rücken mich sogleich wieder vor den neugierigen Augen. Nach und nach betraten die Minister den Thronsaal.
Leeander ließ die Tür hinter sich schließen und winkte die beiden Minister und Berater zu mir her. Jeweils ein Minister stellte sich schräg an eine Seite vom Thron, die Berater nahmen außen neben den Ministern Stellung. Leeander positionierte sich seitlich hinter dem Thron; Irina nahm die Stelle rechts ein.
Ich holte einmal tief Luft, dann nickte ich den zwei Wachen bei den Flügeltüren zu. „Lasst die erste Person vor!“
Eigentlich sollte Cyrus hier sitzen, dachte ich missmutig. Aber nein. Stattdessen tollte er irgendwo im Regen herum und sah die Welt. Beinahe sehnsüchtig glitt mein Blick zu den Fenstern. Ich hatte nie die Gelegenheit gehabt zu reisen, war nie wirklich draußen gewesen. Bisher war ich ein Kind gewesen und von nun an spielte es sowieso keine Rolle mehr, wie alt ich war. Ich würde niemals frei in der Welt umherziehen können.
Der erste Bittsteller kam herein. Ein Vampir, wie mir sein langsamer Herzschlag verriet. Im einen Moment hörte ich es noch, im nächsten nicht mehr. Frustriert schnaufte ich aus; mein Gesicht allerdings blieb eine kalte Maske. Hier sprach ich nicht, mehr oder weniger zum Spaß, mit einem sechzehnjährigen Leonard. Hier musste ich als geerdete, weise Königin auftreten.
Der Vampir musterte die Minister, Berater und sogar die beiden Grigoroi. Dann fiel sein Blick auf mich und er hob die Augenbrauen. Vor dem Thron blieb er stehen und sank auf ein Knie. Den Kopf neigte er leicht.
„Was ist Euer Anliegen?“, kam ich direkt auf den Punkt. Sein Verhalten gefiel mir nicht.
„Majestät. Ich bin hier, weil mein Nachbar und ich seit Jahrhunderten im Streit sind. Es fing mit Kleinigkeiten an. So fällte er meinen Apfelbaum. Ich brannte letztes Jahr seine Scheune ab. Aber nun hat er letzte Woche alle meine Pferde im Stall abgeschlachtet! Ich bitte um die Erlaubnis, ein Ehrenduell durchführen bis zum Tod durchführen zu dürfen, damit ich ihn seiner gerechten Strafe zuführen kann!“ Während er sprach, erhob er sich und ballte seine Hände zu Fäusten.
Ungläubig blickte ich zu ihm herunter. Er wollte seinen Nachbarn töten, wegen eines kindischen Streits? Gut, der Disput hatte relativ große, schwerwiegende Ausmaße angenommen, doch den anderen zu töten war doch nicht die Lösung!
Ich räusperte mich, als mir eine Idee kam, die ich … für angebracht hielt. „Ist Euer Nachbar ebenfalls Vampir und hat körperlich dieselben Voraussetzungen wie Ihr?“
„Ja, in der Tat.“ Er nickte knapp.
„In diesem Fall bestehe ich auf eine Aussprache zwischen den beiden Parteien“, entschied ich nüchtern. „Ich bin überzeugt, dass sich zwei erwachsene, gestandene Vampire auch auf friedlichem Wege einigen können. Um sicherzustellen, dass das Gespräch ohne kindische Sticheleien und unter Einhaltung von gegenseitigem Respekt abläuft, wird meine Grigoroi anwesend sein und im Notfall eingreifen. Sie vertritt mich und ist von Euch folglich als Respektsperson anzuerkennen.“ Der Vampir hatte sichtlich Mühe damit, mir nicht ins Wort zu fallen. „Sollte das Gespräch trotz Einhaltung der Anstandsregeln keine Ergebnisse vorbringen, erlaube ich einen Kampf. Allerdings nicht auf Leben und Tod. Für unnötiges Töten ist der Bestand unserer Rasse zu gering. Wer den Kampf verliert, zieht weg. Wer bei dem Gespräch die Anstandsregeln verletzt, zieht weg.“
Der Vampir zog die Nase kraus, nickte dann aber und verneigte sich.
Die Türen öffneten sich und der Bittsteller verschwand. Graf Dreidolch nutzte den Moment, um mir ein „Sehr weise und diplomatisch“, zuzuflüstern.
Der nächste Vampir trat ein, trat bis kurz vor den Thron und neigte kurz das Knie.
Insgeheim freute ich mich sehr über die unterstützenden Worte des jungen Vampirs. Doch da ging es auch schon wieder von vorn los.
„Was ist Euer Anliegen?“ Wenn das so weiterging, wäre ich am Ende dieses Tages heiser.
Dieser Vampir beschwerte sich nun darüber, dass er die Menschen bezahlen sollte. Dabei wohnten sie bei ihm und er versorgte sie. Es sei unnötig, ihnen Gold zu geben, wenn er es ihnen am Ende sowieso wieder nahm. Der ganze Aufwand sei eine Beleidigung, und die Sklaverei sollte wieder eingeführt werden.
Mit diesem Thema hatte ich bereits gerechnet.
„Hatten wir nicht einmal eine Empfehlung bezüglich des Gehalts ausgesprochen?“, wandte ich mich an meine Berater.
„Hatten wir“, stimmte Graf Targes mir zu. „Sollen wir diesen Mann entfernen lassen?“
„Bitte.“ Sicher würde sich das Problem nicht lösen lassen, indem man ihn wegschaffte. Es würde noch mehr von ihnen geben. Aber wenn ich den Tag damit verbrachte, über die Menschenrechte zu diskutieren, wäre diese Audienz in zwei Monaten noch nicht beendet.
Der nächste Bittsteller war wieder ein Vampir. Und wieder der Nächste erneut. Irgendwann rief ich die beiden Wachen, die dafür zuständig waren, die Bittsteller einzulassen, zu mir.
„Stehen da draußen keine Menschen?“
„Doch, natürlich, Eure Majestät. Aber die Vampire haben Vorrang vor den Menschen. Sie werden zuerst erhört“, antwortete einer der beiden und war sichtlich irritiert über meine Frage.
Wütend biss ich mir auf die Lippe. „Da liegt Ihr falsch. Ich habe eine Frage: Was passiert mit uns Vampiren und Grigoroi, wenn es keine Menschen mehr gibt?“ Der Wachmann blieb stumm. „Dachte ich’s mir doch“, murmelte ich. „Ich möchte abwechselnd einen Menschen und einen Vampir vor mir haben.“
Die beiden Männer nickten, kurz darauf trat ein kränklicher, alter Mann ein, der sich auf einem Stock abstützen musste.
Quälend langsam lief er über den Teppich, bis er sich vor dem Thron auf die Knie sinken ließ und seine Stirn auf den Boden drückte.
„Nicht!“ Ich streckte die Hand aus, aber der Mann war natürlich schon auf dem Boden. „Leeander, hilf ihm bitte auf.“ Zu dem alten Mann gewandt, sprach ich: „Ihr seid kein Sklave. Es reicht vollkommen, auf ein Knie zu sinken.“ Und selbst das von dem alten Mann zu verlangen, schien mir übertrieben.
Mit Leeanders helfender Hand stand der alte Mann auf. Zudem reichte der Grigoroi ihm noch den Stock. „Danke“, flüsterte der Mensch und stützte sich mit beiden Händen auf dem Stock ab.
„Was ist Euer Anliegen, guter Mann?“, sprach ich mit einer deutlich wärmeren Stimme, als ich vorher den Vampiren hatte zukommen lassen.
„Ich möchte um eine … äh … Änderung der Gesetze bitten“, sprach er mit zittriger Stimme. „Ich habe nur Töchter. Und meine einzigen beiden Enkelsöhne wurden ermordet. Und jetzt … wenn ich sterbe … dann geht mein ganzer Besitz, mein Heim, mein Land Alles geht an die Krone.“ Seine Lippen bebten. Wieder ging er auf die Knie. „Bitte, Majestät! Ich bin alt und schwach. Ich habe nicht mehr lange zu leben. Meine Töchter und Enkelkinder werden auf der Straße landen, wenn ich tot bin!“
„Und bei den Menschen dürfen die Töchter nicht erben“, murmelte ich kopfschüttelnd. Ich drehte den Kopf. „Das sollte machbar sein, nicht?“, fragte ich meine Berater.
„Nun, Gesetze zu ändern braucht Zeit, Majestät. Mitunter dauert es Jahre. Es muss geprüft werden, ob weitere Gesetze angepasst werden müssen“, meinte Baron Loich.
Der Herzog nickte. „Eine Adoption wäre legitim.“
Unzufrieden presste ich die Lippen aufeinander. „Ich werde die Änderung dieses Gesetzes in Angriff nehmen.“ Ich sah, wie Lee sich eine Notiz machte. „Aber ich weiß nicht, wie lange das dauert und kann Euch nicht versichern, dass ihr es noch erlebt. Meine Berater haben eine Adoption vorgeschlagen. Kennt ihr einen jungen Mann, dem ihr eure Familie anvertrauen würdet?“
„Die Männer von heute würden mir nur alles wegnehmen wollen!“, schimpfte der alte Mann.
Herzog Mir trat einen Schritt nach vorn. „Es muss kein Mann sein. Du sagtest, du hast zwei Enkelsöhne verloren. Eine deiner Töchter soll einen Jungen adoptieren. Ein Kleinkind. Es wäre ein Teil der Familie.“
„In den Kinderheimen wird sich garantiert ein Kind finden lassen. Und die Heime sind froh darum, wenn sie weniger Kinder haben.“ Das wusste ich von Emili. Die Frage war eher, ob die Tochter das Kind ernähren konnte.
„Ist das erlaubt?“, fragte der alte Mann. Wieder half Leeander ihm auf die Beine. „Darf ich wirklich ein fremdes Kind nehmen, großziehen und ihn alles erben lassen?“
„Wer ist für das Absegnen der Adoptionen zuständig?“, fragte ich leise.
„Die Waisenheime regeln dies“, erklärte Graf Targes. „Die Kinder werden nach einem halben Jahr gefragt, ob sie bei ihrer neuen Familie bleiben möchten. Stimmen sie zu, wird die Adoption gültig.“
„Ein halbes Jahr?“, fragte der Mann entsetzt. „Ich weiß nicht, ob ich so lange noch lebe!“
Nun, ein sehr junges Kind konnte man noch nicht fragen. „Das wird auch nicht nötig sein. Ich wüsste nicht, wie man ein vielleicht Ein- oder Zweijähriges etwas dergleichen fragen sollte. Ihr bekommt außerdem ein Schriftstück mit, welches die Adoption eines kleinen Jungen beschleunigen sollte.“ Blieb nur zu hoffen, die Waisenhausleitung konnte lesen.
Der Mann bedankte sich, rappelte sich umständlich wieder auf und verbeugte sich zum Schluss noch recht klapprig, ehe er den Thronsaal – hoffentlich mit einem etwas leichteren Herzen – wieder verließ.
Herzog Mir entfernte sich sofort ein paar Schritte, schickte einen Wachmann los und ließ sich Feder und Papier bringen, um das Schriftstück sofort aufzusetzen. „Der alte Mann sollte nicht zu lange warten. Ich setze das Schreiben sofort auf, damit er bald zu seiner Familie zurückkehren kann.“
„Perfekt.“ Ich nickte entschlossen. „Wir werden indes weiter machen. Sonst werden wir … ich korrigiere: Mit diesem Ansturm werden wir so oder so niemals fertig“, murmelte ich, allein schon vom Gedanken an die vielen Bittsteller erschöpft.
Es kamen und gingen die Menschen und Vampire, alle mit ihren eigenen Problemen. Unzählige Vampire wurden sofort wieder aus dem Saal geschafft. Denn den Menschen Rechte zu verleihen, sei ja absolut absurd. Dieses Gejammer musste ich mir nun wirklich nicht anhören. Und trotz der Menge an Personen, die mittlerweile den Raum wieder verlassen hatten, wurden es einfach nicht weniger. Das Getümmel vor dem Thronsaal schien kein bisschen abzunehmen und raubte mir zusehends die Nerven. Von dem Leid der vielen Menschen ganz zu schweigen.
„Eine kurze Pause!“, hörte ich Leeander den Wachen an den Türen zurufen und schreckte auf. „Was?“
Leeander sah besorgt auf mich hinab. „Majestät, Ihr seid gerade beinahe eingeschlafen“, merkte er ernst an.
„Oh, verflucht!“, fluchte ich unterdrückt und schüttelte den Kopf. Anschließend gähnte ich lange, wobei ich mir natürlich schnell die Hand vor den Mund hielt.
„Wie wäre es mit etwas zu essen? Wir haben auch schon späten Nachmittag.“
„Schon? Aber es sind doch noch so viele …“ Ich stand auf und vertrat mir ein wenig die Beine. Bei den Göttern, wie viele Bewohner hatte dieses Land? Die Hälfte davon dürfte ich mittlerweile kennen.
„Ich hole dir etwas zu essen“, bestimmte Irina und huschte durch den Eingang auf Thronhöhe davon.
Kurz herrschte Stille. Dann aber ergriff Herzog Mir das Wort: „Ihr lasst Eure Grigoroi so mit Euch reden?“
Ich fuhr mir mit einer Hand übers Gesicht, die andere stütze ich in meine Hüfte. „Ich wäre empört, täte sie es nicht“, konterte ich. „Sie ist mir treu ergeben und meine rechte Hand. Wer, wenn nicht sie, sollte das Recht besitzen, mich vertraut anzusprechen?“ Das war zumindest offiziell eine gute Begründung. In Wahrheit würde ich es schlicht schon nicht von ihr verlangen, weil sie mir wie eine Mutter und beste Freundin in einem war. Auch Aurillia und Emili … wenn sie mich in Anwesenheit anderer Vampire respektvoll ansprachen, fühlte es sich für mich jedes einzelne Mal völlig falsch an.
Irina kam mit einem Tablett voller Obst zurück, das sie nach mir auch den anderen Vampiren und Wachen reichte.
Danach bat ich den nächsten Bittsteller herein. Eine Frau trat vor den Thron und kniete nieder. Sie trug kastanienbraunes Haar, hatte helle, blaue Augen und war sehr schmächtig. Um nicht zu sagen, abgemagert.
„Was bringt Euch zu mir?“, fragte ich freundlich, doch die tiefen Augenringe der Frau schmälerten meinen Enthusiasmus. In ihren Augen lag reinstes Grauen.
„Ich will Gerechtigkeit!“ Ihre Stimme bebte vor unterdrückter Wut und Trauer. „Und ich will meinen Sohn wieder haben!“ Ihre Stimme zitterte und Tränen liefen ihre Wangen hinab.
Ich stockte, mein Lächeln gefror. Etwas hilflos sah ich zu meinen Beratern, bevor ich mich räusperte. „Mögt Ihr mir erzählen, was passiert ist?“
„Ein Mann drang in mein Haus ein“ begann sie. Ihre Augen weiteten sich und ihre Stimme klang abgehakt. „Mein Mann wollte ihn aufhalten. Aber der Fremde …“, sie stockte, ihre Stimme brach und sie fing fast an zu weinen. Eine Hand presste sie gegen ihr Herz, die andere hielt sie vor ihr Gesicht, um sich Luft zuzuwedeln. „Er hat meinen Gatten umgebracht. Ihm einfach das Genick gebrochen!“
Neue Tränen liefen über ihre Wangen und ihr Körper schüttelte sich. Trotzdem sprach sie weiter. „Er nahm meine Tochter und trank …“ Wieder brach ihre Stimme. Ihre Beine gaben nach und sie stürzte zu Boden.
Sofort war Irina da. „Ein Stuhl!“, rief sie. Sofort reagierte eine Wache und brachte einen Stuhl. Zusammen halfen sie der Frau darauf, die sichtlich Angst vor den beiden hatte. Aber sie war zu schwach.
„Niemand wird hier Hand an Euch legen“, versicherte ich ihr mit ruhiger Stimme.
„Es gibt nichts mehr, was man mir noch nehmen kann“, entgegnete sie und wischte sich über das Gesicht. Sie schloss die Augen und atmete zittrig durch. „Der Fremde hat sie umgebracht. Sie war erst sieben. Und dann nahm er meinen Sohn.“ Ihre Stimme wurde plötzlich ganz monoton. „Er sagte, er dürfe das. Er sei schließlich der König. Und dann ist er mit meinem Jungen auf und davon.“ Ihre Augen waren plötzlich glanzlos, als sie mich ansah. „Ich will meinen Sohn wieder haben! Und ich will Gerechtigkeit für den Tod meiner Tochter und meines Gatten!“
„Cyrus würde das niemals tun“, flüsterte Leeander hinter mir. Auch die beiden Berater wirkten entsetzt und wechselten leise Worte miteinander. „Passt nicht zu ihm“, sagten sie, genauso wie: „Nicht seine Art.“
Dass er schon Kindern das Leben geraubt hatte, ließ ich jetzt einmal außen vor. Denn auch ich schätzte meinen Gatten nicht so ein. Dafür hatte ich aber eine ganz andere Vermutung. Und bei dieser verschwand nicht nur mein eingefrorenes Lächeln von meinen Lippen, sondern meine Ruhe gleich mit. Trotzdem zwang ich mich dazu, zumindest nach außen hin gefasst zu wirken.
„Könnt ihr mir diesen König beschreiben?“, fragte ich gepresst.
„Welchen?!“, platzte es aus ihr heraus. „Als ich zu meiner Schwester geritten bin, war noch einer da, der sich König nannte!“ Ihre Trauer schlug in Hass um und sie krallte die Finger in die Armlehnen.
Ich atmete scharf aus und mahnte mich zur Ruhe. „Der Mann, der Eure Tochter und Euren Gatten auf dem Gewissen hat. Wie sah er aus? Welche Haarfarbe hatte er? Welche Augenfarbe? Und wie sah der Mann bei Eurer Schwester aus, der sich König nannte? Hat er Euch ebenfalls etwas getan? Waren beide Männer allein unterwegs?“
Die Frau schnaufte. „Der Mörder hatte braunes, lockiges Haar. Ich weiß die Augenfarbe nicht. Ich … Ich sah ihm nicht in die Augen. Aber der andere, der mit den schwarzen Haaren, der hatte schrecklich kalte Augen. Blau. Aber irgendwie grau. Und der hatte andere Männer dabei. Der mit den helleren Haaren war allein, glaube ich.“
Unabdinglich liefen ihr Tränen übers Gesicht. „Es ging alles so schnell. So verdammt schnell … Und dann war er mit meinem Sohn fort.“
Scheiße. „Scheiße!“, wütete ich und stand auf, nur um schwer atmend einige Schritte hin und her zu gehen. Ich wandte mich um zu Lee. Hatte er es verstanden? Es lag so klar auf der Hand. Es war so deutlich! Verdammt! „Raus hier!“, knurrte ich und blickte zu den Wachen. „Wartet vor den Türen! Und wenn nur ein Wort diesen Raum verlässt, macht ihr euch des eines Verbrechens schuldig, dessen Strafe ihr nicht erleben wollt!“, drohte ich wütend. Meine Nerven waren am Ende.
Die Wachen verließen den Raum. Irina brachte die arme Frau durch die Tür der Bediensteten fort. Sie würde sich um sie kümmern. So war ich mit den beiden Ministern, den beiden Beratern und Lee allein.
Mitten im Raum blieb ich stehen und vergrub mein Gesicht in meinen Händen. „Nein, nein, nein! Wieso konnte er ihn nicht einfach töten? Wieso musste er diesen Wahnsinnigen noch länger am Leben lassen?“, flüsterte ich hysterisch. Ausgerechnet den Schlimmsten.
Eine Hand legte sich auf meine Schulter und ich fuhr herum. „Wir sollten das zu späterer Stunde unter vier Augen besprechen, Majestät“, schlug Lee vor. „Und vielleicht können wir weitere Informationen von der Frau erfahren. Soll ich ihr ein Gästezimmer herrichten lassen?“
Gerade als ich zustimmen wollte, öffneten sich schwungvoll die Flügeltüren, wobei sie krachend wieder von den Wänden abprallten. Augenblicklich flutete Lärm den Saal. Der ganze Vorraum war in heller Aufruhr. Das war auch der Grund, wieso die hereinstürmenden schwarzen Schatten erst reichlich spät unsere Aufmerksamkeit auf sich zogen.










































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