Kapitel 23 – Des einen Leid, des anderen Freud
Kapitel 23 – Des einen Leid, des andern Freud
Aurelie
Nervös linste ich aus dem Kutschenfenster, während Irina ein ungeduldiges Seufzen ausstieß. „Irgendwann wird er es erfahren, Naya. Es sind jetzt zwei Wochen nicht vergangen. Dein Körper hat es nicht abgestoßen. Wie willst du es noch länger verheimlichen? Und … wieso? Ich meine, er will eure Verbindung doch so oder so trennen?“
Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Ich hatte in dieser Kutsche sehr viel Zeit gehabt, darüber nachzudenken. Und ich hatte noch nicht einmal den Ansatz einer Antwort auf all meine Fragen. Wollte ich, dass unsere Verbindung gelöst wurde? Die Fakten sprächen dafür. Wir machten uns gegenseitig kaputt. Aber gleichzeitig waren da auch schöne Momente gewesen. Immer, wenn er entspannt gewesen war. Wenn er keine Gefahr in mir gesehen oder dem Bedürfnis nach Nähe zu mir einfach einmal nachgegeben hatte. So wie ich es auch schon getan hatte. Einige der Momente, die wir zusammen geteilt hatten, waren unglaublich gewesen. Unglaublich schön.
Wenn er seine Hand sanft an meine Wange legte und meinen Kopf zu ihm drehte. Einen warmen Ausdruck in den sonst so kalten Augen. Das war für mich das schönste Gefühl überhaupt. Oder als er mich das erste Mal Nay genannt hatte. Es klang so süß, wenn er es sagte. Generell hatte er eine so angenehme, weiche Stimme, dass ich ihr tagelang lauschen könnte. Und dabei seinen Torso unter meinem Kopf vibrieren spüren würde.
„Naya!“, schnaubte Irina mittlerweile sichtlich genervt. Kein Wunder, ein Blick nach draußen zeigte, dass es bereits dunkelte.
„Geh du ruhig schon mal vor, Irina. Ich möchte gern noch etwas allein sein.“ Um ehrlich zu sein, wusste ich einfach nicht, wohin mit mir. Würde ich die Kutsche verlassen, ginge es nicht lange und der ganze Hof wüsste von dem zweiten Herzschlag in mir. Es glich einem Wunder, dass Cyrus es im Wald vor zwei Wochen nicht gehört hatte.
Irina biss sich auf die Lippe. „Hör mal …“
„Bitte, Irina. Es ist in Ordnung. Geh. Wenn du mir einen Gefallen tun willst, schick mir Darleen. Sie …“ Ich schluckte. „Sie wird mir sicher helfen.“ Zumindest hoffte ich das mit Haut und Haar. Aber war diese Hoffnung rechtens? War sie nicht viel eher ihrem Cousin verpflichtet? Es war schon ein Risiko gewesen, Emili und Aurillia hierherzuschicken. Götter, ich hoffte, die beiden hatten sich gut versteckt! Aber vielleicht … wenn Cyrus seine Worte ernst meinte, dann brauchten sie das gar nicht zu tun. Dann schwebten sie vielleicht überhaupt nicht mehr in Gefahr.
Irina nickte. „Gut, ich sag ihr Bescheid.“ Sie hüpfte aus der Kutsche und machte sich schnell auf den Weg zum Schloss. Ich schätzte, sie hatte Durst. Zumindest würde das ihr ungeduldiges Verhalten erklären. Ob mein Blut jetzt anders schmeckte? Hätte Cyrus, hätte er damals vor zwei Wochen in der Kutsche von mir getrunken, vielleicht schon etwas bemerkt?
Mit einem leichten Lächeln auf den Lippen strich ich mir über den Bauch. „Bist du aufgeregt? Oder ist dein Herz immer so schnell? Ist das normal, hm?“ Es kam keine Antwort aus meinem Bauch. Hätte mich aber auch gewundert. „Weißt du“, flüsterte ich leise: „Ich habe nachgedacht. Und eigentlich kannst du nur auf Mamis erstem Ball entstanden sein. Das heißt, du warst auch schon mal auf einem.“ Den Blick auf meinen völlig flachen Bauch gerichtet, seufzte ich tief. „Wie kann es nur sein, dass du schon lebst, aber noch nicht einmal wirklich da bist?“ Mit meiner Hand versuchte ich, eine Wölbung zu ertasten, aber da war nichts. Mein Bauch war vollkommen flach.
„Hast du gewusst, dass ich und dein Vater ein paar Probleme haben?“ Die Untertreibung des Jahrhunderts. Aber ich würde meiner – oder meinem? – Kleinen sicher nicht sagen, um was für einen hoffnungslosen Fall es sich bei ihrem oder seinem Vater wirklich handelte. „Ich hoffe, du kommst nach mir“, murmelte ich. „Und wage es ja nicht, von sonst irgendwem etwas abzubekommen, verstanden?“, brummte ich. „Ich will nicht, dass du so wirst wie meine Vorfahren. Die waren noch schlimmer als dein Vater.“ Ich seufzte leise. „Naja, ein paar gute Seiten hat er ja schon. Er zeigt sie nur nicht.“ Was mich traurig stimmte, denn ich war sicher, unter anderen Umständen hätten wir glücklich werden können. Wenn er mich rechtmäßig zur Braut bekommen hätte. Oder mir zumindest Zeit gelassen hätte, mich mit dem Gedanken, den Blutschwur ein zweites Mal mit ihm einzugehen, anzufreunden. Aber er war nicht der Einzige, der Fehler gemacht hatte. Auch das war mir bewusst.
Beim Gedanken an Leeander wurde mir mit einem Mal unglaublich schwer ums Herz. „Hoffentlich geht es dir gut, Lee. Bitte verzeih mir. Wenn das überhaupt möglich ist!“ Ich schluchzte auf. Meine Unterlippe hatte wieder begonnen, zu zittern, und die Luft kam nur bebend in meine Lungen.
Mit zitternder Stimme begann ich zu summen. Ich wollte meinem Kind keine schlechten Gefühle vermitteln. Zwar wusste ich nicht, ob ich das überhaupt konnte, oder wie genau das funktionierte, aber es konnte nicht gut für es sein. Und ganz im Gegensatz zu Irina … hatte ich keineswegs die Hoffnung, es zu verlieren. Das könnte ich mir niemals wünschen! Und mochten die Umstände noch so unerfreulich sein, allein der Gedanke, es zu verlieren, ging mir an die Essenz.
„Majestät?“ Darleen klopfte gegen die Tür der Kutsche. „Seid Ihr noch hier drin?“
Augenblicklich hörte mein Summen auf. Innerlich wappnete ich mich für das, was jetzt kommen würde. „Ja, Darleen. Komm rein.“ Ich vertraue ihr, sagte ich mir immer wieder stumm. Ich kann ihr vertrauen.
Die Tür öffnete sich und Darleen kletterte in die Kutsche. Sie hatte eine kleine Lampe dabei, die sie vor mein Gesicht hielt, um mich besser sehen zu können. „Den Göttern sei Dank. Ich habe schon befürchtet, Ihr bestündet nur noch aus Haut und Knochen. Ihr seht schrecklich aus. Aber nicht so schlimm, wie befürchtet.“
„Hör doch bitte auf mit diesen Formalitäten. Ich dachte, das hätten wir schon hinter uns?“ Ich lächelte gequält und zählte schier die Sekunden, darauf wartend, dass ihr der Gesichtsausdruck entgleiste. „Setz dich.“
Ein schiefes Lächeln hielt auf ihrem Gesicht Einzug. „Ich habe dich vermisst. Und nach allem, was du mir geschrieben hast, wäre ich am liebsten nie gegangen.“ Darleen stellte die Lampe auf die andere Bank und setzte sich neben mich. Dann zog sie mich sofort in ihre Arme. „Du bist kein Kind mehr. Und viel schöner geworden, als ich je vermutet hätte.“
Ich erwiderte die Umarmung und lächelte leicht. „Ja. Ich bin erwachsen geworden. Ein Hoch auf mich, ich habe es doch noch geschafft“, sprach ich sarkastisch und lachte leise auf. Tatsächlich sehnte ich mir die Tage zurück, in denen zu wenig Essen und meine zu lange Kindheit noch meine größten Probleme gewesen waren. Jetzt handelte es sich um hunderte, tausende von Menschen, mit zu wenig Essen, zu wenig Bildung, zu viel Arbeit und zu wenig Lohn zum Leben.
„Willst du hereinkommen? Ich habe dir ein Gästezimmer herrichten lassen. Oder du schläfst bei mir. Aber zuerst musst du unbe…“ Darleen stockte und kniff die Augen zusammen, als würde sie lauschen. Dann schüttelte sie blinzelnd den Kopf und sah wieder zu mir. „Du musst unbedingt etwas essen! Worauf hast du Lust?“
Bei ihrer Reaktion musste ich ein ungläubiges Lachen unterdrücken, was in einem belustigten Schnauben endete. „Ja, sicher. Etwas zum Essen wäre gut.“ Ich hatte die letzten zwei Wochen so viel gegessen, wie ich konnte. Aber mit dieser Distanz zwischen Cyrus und mir fiel es mir enorm schwer. „Ich habe mich gefragt, ob du mich vielleicht ins Schloss schleusen könntest? Damit mich niemand sieht?“
„Ja, natürlich. Wie ich Cyrus kenne, wird er sowieso erstmal schauen, was ich alles geändert habe.“ Sie grinste breit, griff nach der Lampe und stutzte wieder. Ihr Blick glitt kurz zu mir, dann legte sie sich eine Hand auf den Bauch.
„Was ist?“, fragte ich scheinbar irritiert. Wenn sie sich schon so begriffsstutzig verhielt, erlaubte ich mir jetzt nun mal einen Spaß mit ihr.
„Naja, ich dachte kurz, da wäre ein Tier unter der Kutsche. Aber das wäre schon weg.“ Darleen schüttelte sichtlich irritiert den Kopf. „Und ich bin nur zwei Tage drüber… zwei Tage!“
„Oh, du meinst das schnelle Pochen, das mit dir in die Kutsche gekommen ist?“ Ich hatte große Mühe, nicht laut loszulachen.
„Ich habe es vorher nicht gehört…“ Sie stockte wieder und hielt sich eine Hand vor den Mund. „Oh, Götter…! Aber wer…?“
Jetzt konnte ich mich nicht mehr halten. Ich lachte laut und losgelöst, wie ich schon lange nicht mehr gelacht hatte. Am Ende hatte ich Tränen in den Augen. Sowieso konnte ich mich gar nicht mehr beruhigen. Erst als Darleens Blick ins ernsthaft Besorgte überging, konnte ich mich stoppen. „Ja“, stimmte ich ihr noch immer recht erheitert zu. „Der Gedanke ging mir auch schon durch den Kopf.“
„Wer der Vater ist?“ Darleen sah mich vollkommen irritiert an. „Ich…“ Sie strich sich mit beiden Händen durch die Haare. „Ich kann jetzt nicht schwanger sein!“
Ich seufzte leise. Zeit, die Misere aufzuklären. „Ich bin sicher, du wärst eine geniale Mutter, Darleen. Und noch mehr wirst du eine fabelhafte Tante sein.“ Zweiten Grades zwar, aber was spielte das für eine Rolle?
„Tan…te?“ Es dauert einen Moment, bis Darleen begriff. Dann schlug sie sich eine Hand vor den Mund, nahm sie aber sofort wieder weg. „Du bist schwanger? Aber du bist doch gerade erst erwachsen geworden!“
Mein Grinsen verging mir. „Ja. Und dabei haben wir noch nicht mal regelmäßig … also, es waren nur zwei oder drei Mal, wo ich freiwillig mit ihm …“ Beschämt sah ich zu Boden. „Du weißt schon.“
„Nun, ob freiwillig oder nicht…“ Sie brach ab. „Weiß Cyrus davon? Ist er überhaupt der Vater?“
„Nein und ja. Ich habe … nur einmal jemand anderem beigelegen, aber das ist schon zu lange her. Das war, bevor ich so sehr abgemagert bin, dass ich kaum noch stehen konnte. Und die Kräuterhexe hat sich da klar ausgedrückt. So hätte ich ein Kind niemals empfangen können. Also “, ich holte tief Luft, „muss es von Cyrus sein.“
„Du bist abgemagert?“ Wieder nahm Darleen mich in den Arm. „Du musst mir alles erzählen!“
„Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist. Er ist dein Cousin. Du … musst dich doch irgendwie zerrissen fühlen?“ Stöhnend stützte ich mir den Kopf in die Hände. „Ich hätte dich da nie mit reinziehen dürfen, es tut mir so leid! Aber als er Emilis und Aurillias Leben bedroht hat, habe ich mir nicht mehr anders zu helfen gewusst!“
„Ja, Cyrus ist mein Cousin. Aber ich weiß eigentlich sowieso bereits zu viel, nicht wahr?“
Ich nickte traurig. Noch so etwas, was seit Monaten ging, und ich nie hatte zuordnen können, jetzt aber mehr oder weniger Sinn ergab: Meine Stimmung wechselte wie das Wetter im April. „Wie war das mit dem Angebot, bei dir zu schlafen? Also, falls dich das Gepolter in meinem Bauch nicht stört.“
„Nein, es stört mich nicht.“ Sie lächelte mich an, ging vor mir auf die Knie und legte beide Arme um meine Taille. Dabei schmiegte sie ihren Kopf an meinen Bauch. „Ich werde Tante! Und wir bekommen einen neuen Prinzen oder eine neue Prinzessin!“
„Ja …“ Ich schluckte. „Und eine alleinerziehende Königin obendrauf.“ Meine Hände verfingen sich in Darleens Haaren, als ich ihren Kopf zu kraulen begann. Eigentlich sollte es nicht Darleen sein, die sich auf das Kind freute. Wie wäre es wohl, wenn Cyrus so vor mir säße? Ganz verzückt von dem Leben, welches wir trotz aller Widrigkeiten zusammen zustande gebracht hatten?
„Du wirst Aurillia und Emili wieder bei dir haben. Und auch weitere Freunde, Vertraute und Verbündete. Und das Kind wird wachsen.“ Darleen atmete tief ein und seufzte. „Der Herzschlag ist so schön. So gleichmäßig und kräftig.“
„Den kannst du die ganze Nacht belauschen, wenn du willst. Aber dafür, dass du vorher beinahe vor Schock umgekommen wärst, beim Gedanken selbst ein Kind auszutragen, bist du ganz schön angetan davon, das ist dir klar?“
„Ja. Hauptsache, ich muss es nicht aus mir herauspre…“ Sie unterbrach sich und hob den Kopf. „Kinder sind so süß! Hast du schon mal ein Neugeborenes auf den Arm gehalten? Daran gerochen? Die Kleinen haben einen ganz eigenen, wundervollen Duft! Und die kleinen Füße erst!“
Ich rutschte unangenehm auf der Bank hin und her. Ich hatte tatsächlich schon ein Neugeborenes auf dem Arm gehalten, und das hatte schrecklich gestunken. Ein Traum. Regelrecht. Ein Albtraum. „Können wir rein? Ich sitze seit zwei Wochen in dieser Kutsche und bin nur raus, um mich zu erleichtern. Ich möchte nicht, dass das hier schon die Runde macht. Und insbesondere Cyrus … soll nichts davon erfahren. Vielleicht verliere ich es ja auch bald wieder …“
Schimpfend erhob sie den Zeigefinger. „Streich Letzteres besser gleich wieder aus deinem Kopf! Und ja, gehen wir rein. Und ich lasse uns etwas zu essen bringen. Wenn du magst, rufe ich sofort Emili und Aurillia.“ Sie erhob sich mühsam und kletterte aus der Kutsche. Danach half sie mir heraus und wir eilten ins Schloss. Jeder, der mir auch nur ansatzweise nahekam, wurde von Darleen verscheucht.
„Danke!“ Ich trat in ihr Gemach und ging gleich weiter, da ich eigentlich nur noch zu Bett und schlafen wollte. Bei der Einrichtung ihres Schlafgemachs staunte ich nicht schlecht.
„Gefällt es dir?“, wollte Darleen wissen, die soeben durch die Schlafzimmertür trat und an einer Schnur daneben zog.
„Es ist zauberhaft!“ Sie hatte absolutes Talent, sollte sie diese Zeichnungen an den Wänden selbst angefertigt haben. Und der Stolz, der in ihrer Stimme mitschwang, ließ nichts anderes vermuten. Allerdings hielt meine Faszination nur kurz, denn ich spürte, wie Müdigkeit mich förmlich überrollte. Ich setzte mich aufs Bett und legte mich mit dem Oberkörper nach hinten. Nur kurz die Augen schließen …
Dann war ich auch schon weg.

























































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