Kapitel 24 – Der Blutpakt
Kapitel 24 – Der Blutpakt
Xelus
Nachdem Tad und ich uns ebenfalls an der Hirschkuh bedient hatten, setzten wir uns gemeinsam ans Feuer. Das Tier würde genesen und anschliessend sein Leben weiterleben. Es war gross genug, um drei Vampirbisse und den geringen Blutverlust zu überstehen.
Rjna war direkt nach dem Trinken – oder eher noch während des Trinkens – der für Jungvampire typischen Trägheit verfallen. Jungvampire neigten nämlich dazu, gleich nach oder sogar noch während des Trinkens einzuschlafen, was uns ältere Vampire doch auch noch nach Jahrhunderten stets amüsierte.
Aus meinem Umhang hatte ich ein möglichst weiches Lager für sie hergerichtet und dem Jungen zumindest Steine und Stöcke aus dem Weg geräumt, damit er nachher nicht voller blauer Flecken wieder aufwachte. Menschen waren, was das körperliche Befinden anbelangte, enorm empfindlich.
Aus dem Haus des Dorfvorstehers hatte ich des Weiteren noch einiges an Verbandsmaterial mitgehen lassen, womit ich den Hals des Jungen neu verbunden hatte. Was mich verwirrte, war, dass der Junge seit zweieinhalb Tagen bewusstlos war. Die Wunde, wenn sie auch sehr grässlich war, verheilte gut und hatte sich nicht entzündet. Und der Blutverlust war nicht dermassen enorm gewesen. Doch anstatt, dass sich sein Zustand verbesserte, wurde er immer schlimmer. Seine Wangen fielen ein, seine Haut wurde blasser und die Atmung schwächer.
Der Junge, sowie auch Rjna lagen beide in der Nähe des Feuers. Tadurial starrte konzentriert in die Flammen und sass mit gebücktem Rücken auf einem umgekippten Baumstamm. Ich hatte es mir auf einem Stein, gegenüber von Tadurial, bequem gemacht und sah meinen alten Lehrmeister und Freund nachdenklich an.
Was er erlebt hatte, war nicht schön. Es war sogar gut möglich, dass er sein ganzes Leben nicht darüber hinwegkäme, was für einen Vampir doch eine sehr lange Zeit darstellte. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, was sie ihm alles angetan hatten und eigentlich … wollte ich das auch nicht. Dennoch musste ich wissen, ob ich ihm helfen konnte. Vielleicht reichte es auch schon aus, ihm ein offenes Ohr anzubieten.
„Tad?“ Fragend sah er vom Feuer hoch und blickte mir in die Augen. „Was geht dir durch den Kopf?“
Einen kurzen Moment blieb er still, murrte dann aber widerwillig: „Dein Mädchen“, und nickte mit dem Kopf in Richtung Rjna.
Mit einem unwohlen Gefühl im Bauch runzelte ich dir Stirn. „Wieso hast du es getan?“ Ich schnaubte. „Was hast du dir nur dabei gedacht?“, setzte ich nach.
Tadurial schüttelte lediglich den Kopf. „Das war ich nicht, Xel.“ Mein Stirnrunzeln vertiefte sich, sodass er fortfuhr: „Du hast ihre Augen doch auch gesehen, nicht wahr?“
Zustimmend und ebenfalls nachdenklich werdend, nickte ich. Mein Blick glitt zu der schlafenden Jungvampirin hinüber, welche sich geborgen in meinen Mantel kuschelte. „Ja. Aber ich kann nicht sagen, was ich da gesehen habe“, gestand ich schliesslich, wofür ich nun den absolut abschätzigen Blick meines Freundes genoss.
„Sicher? Du hast keine Ahnung?“, fragte er mit beinahe schon höhnischer Stimmlage.
Tief sah ich ihm in die Augen und antwortete. „Nicht, wenn ich danach gefragt werde.“
Meine Antwort veranlasste ihn zu einem Stirnrunzeln und erhobenen Augenbrauen, doch der abschätzige Blick wurde milder. Mit diesem Satz hatte ich mich vor meinem Freund gerade offiziell gegen unseren König, respektive dessen Ansicht zu Magiern geäussert, was mich demnächst das Leben kosten würde, wenn Tad seinen Mund nicht hielt.
Einen Moment starrten wir uns schweigend und hoch konzentriert an, dann streckte er seine rechte Hand aus, ritzte mit seiner Vampirklaue die Haut ein, sodass Blut lief, und hielt sie mir hin. „Mein Wort für deins“, sprach er.
Einen Augenblick brauchte ich, um die Tragweite dessen zu verstehen, was wir gerade im Begriff waren, zu tun. Dann zog auch ich mir meine Vampirklaue durch die Handinnenfläche, schlug ein und wiederholte seine Worte. „Mein Wort für deins.“
Damit war der Pakt besiegelt. Es war eine uralte Macht. Eine Magie, die weitestgehend unerforscht geblieben war, weil sich niemand freiwillig mit ihr auseinandersetzen wollte. Keinem von uns war es nun mehr möglich, ein Wort über das Geschehene zu verlieren, abgesehen gegenüber den Personen, die selbst dabei gewesen waren. Unser Handschlag und das Vermischen unseres Blutes besiegelten unsere Versprechen. Der Bruch derer würde die verratende Person auf der Stelle töten. Im Volk wurde der Blutpakt auch der unbrechbare Fuch genannt, da selbst der Tod seines Vertragspartners einen nicht davon erlöste.
So wie ich war auch Tad wieder tief in seinen Gedanken versunken. Der Wald um uns herum lag längst in tiefem Schlaf. Nach einer Weile erhob ich erneut die Stimme. „Tad. Willst du darüber reden?“
„Sie ist stark, Xel“, murrte er mit so leiser Stimme, dass mein Vampirgehör fast nicht mitkam.
„Woher weisst du das?“, fragte ich ernsthaft verwundert. Sollte er Erfahrungen in diesem Bereich haben? Hatte er vielleicht schon Magier für den König gejagt?
Bei diesem Gedanken wurde mir beinahe schlecht. Falls dem so war, dann war es wirklich sehr gut, dass wir diesen Pakt geschlossen hatten. Und sollte sein Hass auf Magier ebenso stark sein wie der des Königs, umso besser. Doch auch wenn Tad’s Hass auf Magier gross wäre, war ihm sein Kopf offensichtlich lieber, denn ein Kniefall vor jemand anderem als dem König … und dann auch noch vor einem Magieträger, war Hochverrat.
Es gab genau eine Person, vor der ein Vampir, abgesehen vom König, knien durfte. Und das war seine Gemahlin. Wenn sich ein Vampir für eine Frau entschied, dann war das so gut wie immer ein Bund fürs Leben. Und unter Vampiren bedeutete das ein Bund für die Ewigkeit.
„Ich kenne mich etwas aus“, murmelte er zögerlich.
Mit einem langgezogenen „Hm“ schaute ich ihm in die Augen. „Und woher?“ Diese Frage missfiel ihm sichtlich. „Gut“, seufzte ich. „Was kannst du mir noch darüber sagen? Können wir es unterdrücken?“ Das war der einzige Weg, wie nie jemand davon erfahren würde.
„Nein. Magie zu unterdrücken, macht es nur schlimmer“, antwortete er langsam. „Du musst ihr Raum geben, den Umgang damit zu erlernen. „Das, was wir im Kerker gesehen haben und erlebt haben …“ Er hielt inne und musste einmal schwer schlucken, bevor er weitersprechen konnte. „Xel, ich glaube nicht, dass sie die Kontrolle darüber hatte. Was aber noch viel wichtiger ist … sie …“ Wieder hielt er inne, beschloss dann aber, seinen Gedanken nicht weiter auszusprechen.
Einen Moment schwiegen wir beide. Er, bestürzt ins Feuer starrend, ich bestürzt auf meinen Schützling starrend.
„Willst du mir damit sagen, dass jemand anderes sie kontrolliert?“
Wage schüttelte er den Kopf. „Das glaube ich eigentlich nicht, nein. Nicht im herkömmlichen Sinne zumindest“, seufzte er.
„Tad. Ihre Augen … Wie soll ich das Verstecken, wenn sie immerzu die Farbe wechseln?“
„Immerzu?!“, stiess er erschrocken aus. „Du hast das schon einmal – das ist schon einmal geschehen?“
„Nach ihrer ersten Blutmahlzeit ist sie ausgerastet“, bestätigte ich trocken und nickte.
Daraufhin herrschte wieder Stille. Irgendwann seufzte er laut auf. „Ich glaube eigentlich nicht, dass sie fremdgesteuert wird. Das würde bedeuten, ein anderer Magier hätte sich ihrer bemächtigt. Doch das hätte sich anders geäussert.“
Ich nickte. Schluckte. „Und wieso … hast du vor ihr gekniet? Du weisst…“
„Ich weiss. Doch das bin ich nicht. Ich habe mich nicht an sie gebunden. Vielleicht hat sich mein innerer Vampir auch einfach die Freiheit genommen, mir eins auszuwischen. Oder vielleicht wollte er ihr imponieren, wegen …“ Zweifelnden Blickes schielte er auf meinen Schützling und schüttelte dann entschieden wieder den Kopf. „Nein. Ganz sicher nicht.“
Ein drohendes Knurren entstieg meiner Kehle. „Wenn du dich auf sie geprägt hast …!“
Er schüttelte den Kopf. „Nein, Xelus. Da war keine Hingabe.“ Murmelnd fügte er hinzu: „Nicht von meiner Seite. Nur … Befehl.“
Ich schluckte. Er war lange eingesperrt gewesen. So mancher war durch solche Zustände schon dem Wahnsinn zum Opfer gefallen. Mit einem letzten Blick ins prasselnde Feuer stand ich auf und wandte mich ab. „Du solltest noch etwas ruhen. Du hast eine harte Zeit hinter dir.“ Vorsichtig legte ich mich hinter Rjna, die schon eine Gänsehaut von der Kälte hatte, und legte einen Arm um ihre Mitte. Innerlich rügte ich mich. Im Haus des Dorfvorstehers hätte es mit Sicherheit Decken zur Genüge gehabt! Dennoch war ich offenbar besser als nichts, denn unterbewusst kuschelte sich mein Schützling bereits fest an meine Brust. „Gute Nacht, Kle… Rjna“, flüsterte ich leise und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.
