Kapitel 24 – Offenbarte Gesichter
Kapitel 24 – Offenbarte Gesichter
Aurelie
Es ging alles unglaublich schnell. Im einen Moment stand ich noch allein mit Leeander in der Mitte des Thronsaals, im nächsten waren wir von dunkel-vermummten Gestalten umringt. Mindestens zwölf, eher vierzehn Männer standen um uns herum, mich und Lee in ihrer Mitte eingekesselt, der sofort dichter an mich herantrat und dabei sein Schwert zog.
Plötzlich spürte ich in meiner Hand etwas Kühles, woraufhin ich nach unten sah. Lee hatte mir einen Dolch zugesteckt.
„Was wollt ihr?“, fragte er laut und hob das Schwert in eine Abwehrhaltung. Dabei schweiften seine Augen nach links uns rechts.
Hinter uns waren die Minister und Berater. Aber vermutlich würde nur Graf Targes zur Waffe greifen. Ich wusste nicht, ob die anderen drei Männer kämpfen konnten. Wir waren den Gestalten hoffnungslos unterlegen. Daran würde auch der Dolch nichts ändern. Die Geschwindigkeit, mit der sie den Raum betreten hatten, deutete auf Vampire oder Grigoroi hin. Schwer schluckend sah ich mich um. Es dauerte nicht lange, da standen Leeander und ich Rücken an Rücken und deckten uns so gegenseitig. Den Dolch hielt ich in beiden Händen fest vor mich gestreckt.
Ein Blick zum Thron bestätigte meine Vermutung. Herzog Mir, Baron Loich und Graf Dreidolch waren in die Knie gezwungen worden und wurden nun auf dem Boden gehalten. Die drei Männer verzogen grimmig das Gesicht, rührten sich aber nicht. Jeder von ihnen hatte eine drohende, glänzende Klinge am Hals. Einzig Graf Targes hatte das Schwert gezogen und behauptete sich gleich gegen drei der Angreifer. Zweifellos waren sie ihm einzeln unterlegen, aber zusammen …?
Schnell wurde meine Aufmerksamkeit wieder auf die Männer gezogen, die uns umringten. „Lee, was machen wir jetzt?“, fragte ich panisch, als die drohenden Klingen immer näherkamen. Von den Wachen, die eigentlich im Vorraum hätten warten müssen, war keine Spur zu sehen.
„Sie stellen keine Forderungen“, knurrte er leise. Was eigentlich nur einen Schluss zuließ …
Der Angriff von einem der Fremden erfolgte so schnell, dass ich die Bewegung erst sah, als Metall auf Metall traf und laut klirrte. Lee hatte den ersten Schlag kaum abgewehrt, da griff schon der nächste an.
Hinter mir stöhnte jemand unter Schmerzen auf. Ich wagte einen kurzen Blick über meine Schulter. Blutgeruch stieg mir in die Nase. Eine der schwarzen Gestalten sank zu Boden. Aber die Lücke wurde sofort gefüllt. Und als mein Blick kurz zu den Ministern hinwanderte, musste ich mitansehen, wie der Graf von mittlerweile vier Männern geradezu gnadenlos attackiert wurde.
Lee zog mich beiseite und stellte sich schräg vor mich. Eine Klinge schnellte auf ihn zu. Sofort schlug der Grigoroi danach. Wieder griff jemand an, diesmal von der anderen Seite. Ich duckte mich. Die Klinge durchbohrte Lee’s rechte Schulter. Das Schwert steckte so tief, dass ich mit aufgerissenen Augen einen Schritt nach hinten wich.
Jemand griff nach meinem Arm. Aber schon war Lee wieder da. Er drängte den Mann zurück. Zeitgleich holte ein anderer Angreifer aus. Die Klinge schnitt tief in Leanders linkes Bein. Dafür konnte Lee einen schwungvollen Gegenangriff starten, welcher einen der Angreifer zu Boden brachte. Und trotzdem waren es noch zu viele.
„Wo sind die Wachen?“, schrie Lee über den Kampflärm hinweg. Gerade rechtzeitig blockte er einen Angriff, der ihn beinahe enthauptet hätte. Ich hörte sein Keuchen, sah und roch das viele Blut, das er verlor!
„Aufhören!“ Leeander würde nicht mehr lange leben, wenn das so weiter ging! „Was wollt ihr?!“, schrie ich ihnen entgegen. Hinter mir hörte ich wieder jemanden unter Schmerzen ächzen.
„Lasst die Waffen fallen!“, rief einer der Angreifer.
Wieder sah ich kurz über die Schulter. Graf Targes hielt sich die rechte Hand. Blut sickerte durch seine Finger. Das Schwert war ihm aus der Hand gefallen, und nun wurde auch er auf die Knie gezwungen.
Sieben maskierte Männer richteten ihre Waffen auf Lee und mich. „Fallen lassen! Sofort!“
„Lee.“ Ich schluckte und ließ die Waffe fallen, die klirrend auf den Boden traf. „Runter damit. Lass es fallen.“
Der Grigoroi presste die Lippen zusammen. Dann ließ er klirrend das Schwert zu Boden fallen. Mein Dolch folgte.
Sofort griffen zwei maskierte Männer nach mir und zogen mich von Leeander weg.
„Nein!“, rief er laut und wollte mir hinterher. Eine vermummte Gestalt schnellte auf ihn zu und durchbohrte den Brustkorb des Grigorois mit dem Schwert. Lee stürzte mit aufgerissenen Augen zu Boden und blieb reglos liegen.
„Nein! Lee!“ Energisch schlug ich um mich. „Lasst mich los! Verdammt! Loslassen!“ Leeander … bitte sei nicht tot! Cyrus würde mir das niemals verzeihen. Und ich mir ebenso wenig.
Ich wurde von den Männern durch den privaten Ausgang des Thronsaals geschleift, vorbei an den Ministern und Beratern. Ich fauchte wütend, aber die Männer ließen sich davon nicht irritieren und schleppten mich weiter, die Arme fest um meine Taille geschlungen.
„Majestät!“ Graf Dreidolch sah verängstigt zu mir hin, währenddessen Targes mit ausgefahrenen Fängen knurrte. „Lasst sie frei!“
Doch auch davon ließen sich die dunkel gewandeten Männer nicht beirren. Erzürnt und panisch zugleich schlug ich um mich und traf irgendwas. Der Mann, der mich an sich presste, knurrte auf und drückte fester zu.
„Loslassen, du Schuft!“, schrie ich erstickt. So fest wie er mich hielt, bekam ich kaum noch Luft.
„Das Mädchen hört nicht auf zu zappeln, kann mir mal jemand helfen?“, schrie es gegen mein Ohr. Keine Sekunde später stand ein weiterer Mann vor mir. Unter dem maskierenden Tuch erkannte ich ein Grinsen.
„Liebend gern“, entgegnete die tiefe Stimme des Grinsenden. Er holte aus und schlug zu. Mein Kopf flog zur Seite; meine Schläfen wummerten. Ich hörte Targes rufen und mehrere Leute schadenfroh lachen. Mein Körper verlor seine Spannung und meine Augen flatterten. Dann wurde ich über eine Schulter geworfen, die mir spitz in den Bauch stach und mir auch die restliche Luft zum Atmen nahm. Immer mehr meiner Sicht wurde schwarz, bis die Dunkelheit mich ganz eingenommen hatte.
Als ich wach wurde, lag ich auf einem harten, kalten Untergrund. Stimmen drangen zu mir hin. Zu leise, als dass ich etwas verstehen konnte. Aber sie stritten definitiv. Auch die Stimme einer Frau meinte ich zu herauszuhören.
Mein Kopf pochte. Zögerlich schlug ich meine Augen auf. Wollte ich überhaupt wissen, was mich hier erwartete? Es dauerte nicht lange, da hatte ich die letzten Ereignisse in meinem Kopf wieder zusammengeklaubt. Der Bitttag. Die Frau, die um ihre Familie weinte. Ashurs Morde. Und schließlich der Überfall. Der grinsende Mann.
Stöhnend richtete ich mich auf. Umständlich stützte ich mich auf meine Unterarme und bemühte mich, nicht gleich wieder zusammenzubrechen. Es war dunkel. Mit zusammengekniffenen Augen konnte ich gerade mal Konturen um mich herum erkennen. Praktisch blind brachte ich mich in eine sitzende Position und ertastete irgendwas, woran ich mich anlehnen konnte.
Müde seufzend, schloss ich meine Augen wieder. Was war heute nur los? Eine Hiobsbotschaft nach der anderen? Ashur war noch immer frei, mein Gemahl ihm auf den Spuren. Hier aber abwesend. Eigentlich sollte ich dankbar dafür sein. Mit Leeander, den Ministern und Beratern brauchte ich ihn nicht. Ich kam zurecht. Und vor den leidigen Aufgaben drückte er sich ganz offensichtlich auch, also wofür sollte ich ihn brauchen? Ich verspürte ihm gegenüber nicht diese Anziehung. Ich verspürte nicht diesen Schmerz, den Seiblings Gemahlin verspürt hatte, noch bevor ihm der Boden unter den Füßen schwand und er gurgelnd in den Seilen hing. Diese beiden hatten eine Verbindung gehabt, die offensichtlicher nicht hätte sein können. Auch wenn ich nicht verstehen konnte, wie man einer solchen Abscheulichkeit verfallen sein konnte.
Worauf meine Gedanken herausliefen, war: Ich fühlte mich Cyrus nicht verpflichtet und das trotz des Blutschwurs. Wenn er anwesend war, spürte ich die meiste Zeit nur Angst. Es hatte kurze Momente gegeben, in denen ich mich ihm nahe gefühlt hatte, aber diese waren immer schnell wieder von seinen unvorhersehbaren Stimmungsschwankungen überschattet worden. Nichts im Vergleich dazu, was Gilead in mir auslöste, dachte ich verträumt und musste mich ermahnen, nicht wohlig zu seufzen. Der Gedanke an die Dinge, die wir gestern getan hatten … brachte mich hier nicht weiter.
Als ich mehrere Male tief durchgeatmet hatte, begann ich mich hochzuziehen. Meine Glieder zitterten. Meine Beine drohten, mich nicht zu halten, und meine Hände fühlten sich an, als wäre ihnen alle Kraft entzogen worden. Die ersten Versuche, mich an dem unförmigen Gegenstand hinter mir hochzuziehen, gingen schief. Ich konnte mit meinen Händen nicht richtig greifen. Als wären sie nicht richtig durchblutet. Als wollten sie mir nicht gehorchen. Doch nach einigen Versuchen wurde es besser.
Schließlich stand ich keuchend auf meinen Beinen. Nur was hatte ich jetzt davon? Es war dunkel und mein Kopf, meine Schläfen pochten quälend. Als ich mit meiner Zunge das erste Mal über meine ausgetrockneten Lippen fuhr, wusste ich auch endlich, wieso sie sich so falsch anfühlten. Sie mussten aufgeplatzt und angeschwollen sein.
Eine Tür öffnete sich quietschend. Das quietschende Geräusch ließ mich das Gesicht verziehen; das einfallende Fackellicht blendete meine Augen. Zwei Männer traten ein. Sie trugen immer noch dunkle Kleidung, hatten das Gesicht jedoch nicht mehr verdeckt. Also sollte ich hier drin wirklich sterben …
Ein Mann mit kurzen, schwarzen Haaren ging vor. In seinem Gesicht war eine kleine Narbe, direkt über der rechten Augenbraue, zu erkennen. Er hielt mehrere Pergamente in der Hand.
Der andere Mann war einen Kopf größer und grinste, als er mich erblickte. Es war dasselbe Grinsen, das ich schon kurz vor meiner Ohnmacht gesehen hatte. Wie der andere trug er sein ebenfalls schwarzes Haar kurz. Brüder, vermutlich. Oder Vater und Sohn. Das war manchmal nicht so einfach zu unterscheiden. Er trug in der Hand eine einfache Laterne, die den Raum zumindest ansatzweise erhellte. Ich hatte auf dem Boden gelegen. Rund um mich herum standen Fässer und Regale mit Wein. An einem der Fässer musste ich mich hochgezogen haben. In der gegenüberliegenden Ecke des kleinen Raumes stand ein einfacher Tisch mit zwei Stühlen.
Auf diesen Tisch steuerte der Mann mit den Papieren zu und setzte sich. Der andere stellte sich dahinter. Mit einer Hand hielt er die Laterne hoch, die andere legte er an den Knauf seines Schwertes. Unabdinglich lag das überhebliche Grinsen auf seinen Lippen.
„Kommt her und setzt Euch“, befahl der Mann am Tisch und deutete auf den einzigen, freien Stuhl.
Entgegen seiner Aufforderung trat ich einen Schritt zurück. „Was wollt ihr von mir?“
Der Unbekannte breitete die Pergamente auf dem Tisch aus und beschwerte sie mit Steinen. Dann holte er eine Schatulle aus einer Tasche, klappte diese auf und entnahm ihr ein kleines Tintenfass sowie eine Schreibfeder. „Ihr werdet das hier unterschreiben“, erwiderte er und taxierte mich, nachdem er die Schreibutensilien fein säuberlich auf dem Tisch neben den Papieren ausgebreitet hatte, wieder mit seinem Blick.
Meine Aufmerksamkeit huschte von den Männern zur Tür.
„Versucht Euch gar nicht erst an einer Flucht. Sie wird sinnlos sein“, erriet der Mann am Tisch meine Gedanken. „Und jetzt setzt Euch endlich!“
„Ich kann sie auch ein wenig gefügiger machen“, schlug der grinsende Mann vor.
Ich verengte meine Augen. Ich würde sicher nicht kriechen. Niemals wieder! Das hier war nicht Ashur. Nicht der Schlosskerker und ich war kein Sklave mehr! Verdammt, ich war Königin des Goldenen Reiches! „Ihr habt euch des Hochverrats schuldig gemacht und stellt jetzt auch noch Forderungen?“ Spöttisch hob ich die Augenbraue und versuchte mühsam, die Angst aus meiner Stimme zu verbannen.
Der Mann am Tisch nickte dem Großen zu. Dieser hängte die Laterne an die Wand und war nach vier großen Schritten bei mir. Seine riesige Hand umschloss meinen Hals. Dann drängte er mich zurück an die Wand, bis ich hart mit dem Rücken dagegen knallte. „Du sollst unterschreiben!“, knurrte er wütend.
Nur leicht schüttelte ich den Kopf. Im nächsten Moment zog der Kerl mich an der Wand etwas höher, bis meine Füße den Boden nicht mehr berührten.
„Wir haben Zeit. Wir können Euch hier jeden Tag besuchen“, erklärte der Mann am Tisch ruhig. „Aber dieses Land ist derzeit ohne Führung. Wie lange dauert es da wohl, bis sich die Unruhen ausbreiten und das Land im Chaos versinkt?“
Ich lachte erstickt. „Meine Grigoroi hat die Erlaubnis mich in allen nötigen Belangen zu vertreten und der Rat steht an ihrer Seite.“ Nun, mehr oder weniger. „Außerdem habt ihr mir eure Gesichter gezeigt. Ich bin doch nicht blöd“, würgte ich. Sobald ich unterschrieb, war ich tot.
„Das Land kann nicht von einem Grigoroi geführt werden.“ Der Mann am Tisch überschlug die Beine. „Außerdem …, wie will sie das Land regieren, wenn Ihr tot seid?“ Er nickte dem großen Kerl zu. Dieser holte aus und schlug mir mit voller Wucht in den Bauch.
Ich hustete, mein Körper krümmte sich. Und noch immer bekam ich nur sehr wenig Luft. „Mein … Gemahl …“ Ich hustete mir die Seele aus dem Leib und röchelte hörbar. Doch als ich wieder zum Sprechen ansetzen wollte, überkam mich der nächste Hustenanfall.
„Lass sie sprechen“, verlangte der Mann. Der andere grinste wieder, zog mich nah zu ihm hin und drehte sich dabei mit mir. Noch immer lag seine Hand um meinen Hals. Er drückte fester.
Mir blieb die Luft weg und meine Sicht wurde undeutlich. Kurz darauf saß ich am Tisch. Und ich bekam endlich wieder Luft. Kaum waren seine Hände von meinem Hals, ersetzte ich sie durch meine eigenen. Ob, um meinen Hals vor einem erneuten Angriff zu schützen oder um mir irrationalerweise zu mehr Luft zu verhelfen … Als würde es helfen, wenn ich mir die Hände selbst um den Hals legte. Noch immer ging mein Atem laut und japsend. Trotzdem versuchte ich zu fauchen. Einen kurzen Moment vermeinte ich sogar, mein Zahnfleisch würde reißen und Fangzähne vorschnellen, so sehr wie mein Kiefer plötzlich schmerzte. Wimmernd legte ich meine Hände um die untere Hälfte meines Gesichts und versuchte, den Schmerz mit einer kleinen Massage zu lösen. Die beiden Männer waren mir gerade egal. Die Zahnschmerzen waren schlimmer als sonst welche. Ich konnte nichts gegen sie tun und der Schmerz brachte mich in sekundenschnelle um den Verstand. Ungewollt bildeten sich Tränen in meinen Augen, und ich schluchzte auf. Wieso tat das nur so weh?
Der große Kerl fing heftig an zu lachen. „Hast du das gehört? Sie hat gefaucht wie eine Katze!“ Er lachte so laut, dass meine Ohren dröhnten. Dabei hielt er sich den Bauch. „Und jetzt flennt sie wie ein Kind!“
„Sie ist ja auch ein Kind“, meinte der Mann neben mir, der plötzlich nach meinem Kinn griff und meinen Kopf über den Tisch hinweg zu sich zog. Sein Gesicht war mir so nah, dass ich sogar die grauen Sprenkel in den grünen Augen erkennen konnte. „Also, Kleine. Ihr unterschreibt das hier und ich lasse Euch frei. Wie klingt das?“
Unterschreiben? Nein. Aber ich konnte erst mal lesen, worum es überhaupt ging. Und da sie offensichtlich noch nichts über meine angebrochene Reife wussten, nutzte ich dieses Detail nur zu gerne aus. Wieder schluchzte ich auf, dieses Mal aber halbwegs absichtlich. Der Schmerz in meinen Zähnen wurde den Göttern sei Dank langsam weniger, hallte aber noch spürbar nach. „Gut“, wimmerte ich. „Ich werde lesen“, murmelte ich und zog ängstlich den Kopf ein.
Langsam zog ich das erste Pergament zu mir hin und blickte darüber. Ich hatte schnell erfasst, worum es ging, und die Zeilen waren gelesen, noch ehe mir die beiden stumpfsinnigen Vampire wohl zugetraut hätten, mit dem Lesen überhaupt begonnen zu haben. Wenn ich das unterschrieb, würde jeder Mensch, in jedem von Vampiren beherrschten Reich, mit sofortiger Wirkung als Sklave angesehen werden. Die Menschen dürften sich weder wehren, wenn von ihnen getrunken wurde, noch wenn von ihnen andere körperliche Leistungen verlangt wurden. Jeder Mensch wäre Freiwild und dürfte von den höhergestellten Vampiren beansprucht und als Eigentum gebrandmarkt werden. Bei letzterer Forderung lief mir ein kalter Schauer den Rücken hinab.
Grundsätzlich stand auf dem Dokument, dass sämtliche Menschenrechte abgeschafft würden. Es sollte erlauben, Familien auseinanderzureißen und die Menschen wahllos gefangenzunehmen. Sie sollten nur noch die Aufgabe erfüllen, für uns zu arbeiten, uns ihr Blut zu geben und unsere Lust zu stillen. Nur, dass ich nicht über alle Reiche verfügen konnte …
Bevor ich mich dem nächsten Dokument zuwandte, blieb ich noch eine halbe Ewigkeit beim Ersten. Mein Finger stolperte Buchstabe für Buchstabe vorwärts, manchmal verblieb ich länger bei einem und runzelte die Stirn, manchmal fuhr ich wieder an den Anfang eines Satzes zurück. Mit dem Mund formte ich lautlos und scheinbar mühselig die Buchstaben, die unter meinem Finger hinwegglitten. Mir wurde langweilig, aber ich tat weiterhin, als wäre ich hochkonzentriert.
„Wir sitzen die ganze Nacht hier, wenn das so weitergeht!“, stöhnte der Größere. „Lies ihr die Texte einfach vor. Oder ich zwinge sie, zu unterschreiben!“
Allerdings hob der andere Mann nur eine Hand, sah zur Tür und nickte den beiden Männern dort zu. „Bringt doch bitte etwas zu Essen“, bat er und blickte danach wieder zu mir. „Wir können die ganze Nacht wach bleiben. Aber wir werden uns dabei die Bäuche vollschlagen.“
Sollte das ein Versuch sein, mich mit Essen zu erpressen? Ich hatte schon deutlich längere Zeit nichts gegessen als nur ein oder zwei Tage …
Ich positionierte meinen Finger an einer Stelle, noch immer relativ weit oben im Dokument, und sah seufzend auf. „Ihr könnt auch gehen. Ich bin besser darin, wenn ich allein bin“, nuschelte ich und schaute beschämt nach unten.
„Wir sollten sie sofort töten. Verschwenden wir unsere Zeit nicht mit ihr“, knurrte der Größere.
„Sie ist immer noch ein Kind“, mahnte der Andere. Dabei nahm er mir das Schriftstück aus der Hand und begann damit, mir den Text vorzulesen, den ich bereits kannte.
Mist. Das hatte nicht funktioniert. So viel zum Zeitschinden. Vielleicht hätte mich Targes oder jemand von der Stadtwache bald gefunden. Aber dafür bräuchten sie Zeit. Wer wusste schon, wo ich war?
Er legte das Pergament auf den Tisch, nahm die Schreibfeder und hielt sie mir hin. „Unterschreibt dies!“
Ich schüttelte entschieden den Kopf. In einer gewissen Art und Weise, wie es nur Kinder taten. Erschreckend stellte ich fest, dass ich dieses Verhalten bewusst spielen musste. Es kam nicht mehr einfach so … „Das kann ich nicht“, sagte ich bestimmt.
Beinahe bedauernd seufzte der Mann vor mir. Er warf einen Blick zu dem Größeren. „Leg sie übers Knie.“
Sofort war der Mann dem dem hässlichen Grinsen bei mir. Er packte mich an den Haaren, zog mich vom Stuhl und setzte sich selbst. In der gleichen Bewegung zog er mich grob über seinen Schoß.
„Ah! Nein! Ich kann nicht! Versteht doch, ich kann nicht über alle Reiche…!“
Die Hand sauste erbarmungslos auf meinen Hintern und ich könnte schwören, er hatte seine ganze Kraft in den Schlag gelegt.
„Auuu!“ Mein Po brannte. Der Schmerz trieb mir sofort die Tränen ins Gesicht. Mein Körper hatte sich aufgebäumt, mit den Beinen strampelte ich und mit den Armen versuchte ich von dem sadistischen Mistkerl wegzukommen. Mit herzlich wenig Erfolg.
Der Mann am Tisch nahm das nächste Blatt und begann, vorzulesen. Auf dem Dokument stand, dass mit sofortiger Wirkung die Fürstentümer aufgelöst und alle Reiche von der Krone regiert werden. „Damit ist Euer Problem erledigt, nicht wahr?“
Innerlich verkniff ich mir ein Grinsen, während ich äußerlich meinem Körper gehorchte und gequält das Gesicht verzog. Wieder schüttelte ich den Kopf. „Ist es nicht.“
Der Mann nickte und schon sauste die Hand wieder auf meinen Hintern. Gleich dreimal hintereinander.
„Verdammte Scheiße, jetzt lasst mich doch einmal ausreden!“, schrie ich, mich aufbäumend. Und wieder klatschte die Hand auf meinen Po. Mein Atem ging mittlerweile schwer und zittrig. „Ich kann doch gar nicht …“, schniefte ich. Und es war wahr. Ohne Cyrus konnte ich solche Entscheidungen nicht fällen. Wir regierten zusammen; hatten uns das Zepter geteilt.
Bei jedem Schlag spannte sich mein ganzer Körper an, zuckte zusammen, entspannte sich wieder und das Spiel begann von Neuem. Das kannte ich schon von Ashur, nur dass es da eine Peitsche gewesen war. Die Hinterlassenschaften waren folglich etwas blutiger gewesen als ein roter Hintern. Was bei Ashur aber absolut nie passiert war, war, dass plötzlich meine Mitte zu pochen begonnen hatte. Schauder rannen mir direkt zwischen meine Beine und machten mich feucht. Genauso wie gestern, als ich mit Gilead …
Die Tür wurde geöffnet und eine junge Frau kam herein. „Wohin?“, fragte sie leise. Sehen konnte ich sie nicht, aber ich sah, dass der Mann am Tisch die Pergamente wegnahm. Kurz darauf landete ein Tablett dort und die Schritte entfernten sich wieder.
„Natürlich könnt Ihr unterschreiben. Ihr seid die Königin. Auch, wenn Ihr eine wahrhaft erbärmliche Figur abgebt.“ Der Mann am Tisch hob wieder seine Hand. Dieses Mal wurde ich zu meinem Erstaunen aber nicht geschlagen.
Der Mann, auf dessen Schoß ich lag, stand auf. Dabei warf er mich rücksichtslos auf den Boden. „Ich gehe was essen“, meinte er und verschwand.
Mein Gesicht landete im Dreck. Böse blickte ich ihm hinterher. Dann rappelte ich mich langsam auf, bevorzugte es aber, auf dem Boden sitzenzubleiben und mich mit dem Rücken und einigem Abstand zum Tisch an eines der Fässer zu lehnen. Meinen Kopf ließ ich nach hinten fallen.
„Wer entführt denn ein Kind und schlägt es?“, brummte ich.
„Ihr habt es selbst in der Hand. Unterschreibt diese Schreiben und wir lassen Euch frei.“ Der Mann nahm etwas vom Tablett. Eine Scheibe Brot mit Käse. Er rutschte mit dem Stuhl zurück, schlug die Beine übereinander und ass entspannt. „Habt Ihr Hunger?“
Eigentlich war meine Aussage lediglich eine Reaktion auf seine Bemerkung gewesen. Denn in unserer Gesellschaft galt es doch als deutlich schlimmer, ein Kind zu misshandeln, als wenn sich das Kind unfähig anstellte. Also war strenggenommen nicht ich diejenige, die hier erbärmlich war.
„Nein“, murmelte ich nur – auf beides bezogen. Ich zog meine Beine zu mir heran, zischte, als mein Po sich dadurch verlagerte, und schlang meine Arme um meine Beine. Den Kopf legte ich seitlich auf meinen Knien ab.
„Ich verstehe nicht, warum Ihr Euch das hier so schwer macht.“ Er seufzte leise, biss in das Brot und kaute genüsslich, während mein Magen verräterisch knurrte. „Ihr seid alles, was das Volk noch hat, nun, wo der König tot ist. Bald verbreitet sich die Nachricht im ganzen Land. Und Ihr fehlt, um das Chaos zu verhindern.“

























































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