Kapitel 26 – Narben

Kapitel 26 – Narben

 

Rjna

Stöhnend schlug ich die Augen auf und fand mich … zurück in unserem Lager? Umhüllt vom Umhang meines Vampirmeisters und seinen höchst angefressen um mich geschlungenen Armen. Als ich das realisierte, machte ich die Augen einfach wieder zu. Meine Füsse brannten. Ich musste wirklich irgendwann einfach in mich zusammengesunken sein. Dem Gefühl in meinen Füssen nach war ich den ganzen Wald abgelaufen. Doch nirgendwo war ein Tier auch nur in der Nähe gewesen! Und als ob mein Magen meinen Gedanken folgte, knurrte er auch schon.

„Na gut. Wenn du weiter einen auf schlafend tun willst … Tad? Kann ich dir Rjna kurz mal übergeben? Ich hole uns jetzt was zu essen und dann müssen wir los.“

Was? Nein! Nein!

Und schon lag ich auf Tadurials Armen. Kaum hörte ich das Blätterrascheln, welches mir Xelus Abwesenheit signalisierte, fing ich an, mich wie wild zu winden und zu strampeln, um den Armen des grossgewachsenen Vampirs zu entkommen. Für den schienen meine Bemühungen aber höchstens belustigend zu sein, denn ich kam nicht vom Fleck.

„Lasst mich runter, Tadurial! Lasst mich los!“

„Nein. Dein Meister hat gesagt, ich soll dich festhalten.“

Kurz hielt ich inne und versuchte mich an diese Worte zu erinnern. Nein. „Das hat er nicht gesagt!“, protestierte ich.

„Stimmt. Er sagte nur, ich soll dich kurz übernehmen, oder? Dann war das jetzt kurz genug.“ Und damit liess er mich fallen.

Ich landete weich, das war nicht das Problem. Aber mein Rücken fühlte sich auf einmal an, wie erstochen! Nein, eher wie …

 

Vater bitte, bitte nicht!

„Knie dich hin, habe ich gesagt!“ Er zog den Gürtel aus. Die Luft barst und ihr Sirren drang verhöhnend an mein Ohr.

Klatsch.

Wieder holte er aus.

Klatsch.

Ein grausames Lächeln zog sich über sein Gesicht.

Klatsch.

 

„Rjna! Mädchen! Um der Götter Willen! Was ist los?“ Tadurial. Innerlich dankte ich ihm gerade wirklich sehr, dass er mich aus dieser Erinnerung gerissen hatte, bevor sie Gelegenheit hatte, richtig zu beginnen. Er kniete neben mir, das Gesicht über mich gebeugt. Dann lag ich auf dem Rücken? „Rjna, sag doch was!“

Was war nochmal los gewesen? Ach ja. Er hatte mich fallen lassen. Und jetzt litt ich Schmerzen. Unerklärliche Schmerzen. Denn weder war ich so hart auf dem Boden aufgekommen, noch gab es sonst einen Grund dafür. Aber mein Rücken brannte, als würde er zeitgleich von tausend Klingen durchbohrt!



„Rjna! Sag mir, was los ist, verdammt!“

„Mein … Rücken …!“, presste ich unter zusammengebissenen Zähnen hervor, die Augen weit aufgerissen, den Rücken durchgedrückt in der utopischen Hoffnung, dem Schmerz entkommen zu können. Während mein Äusseres noch einigermassen beherrscht wirkte, schrie mein Inneres sich heiser. Es tat so weh! Wieso musste das so schmerzen? Wieso schmerzte es überhaupt? Da war doch weit und breit überhaupt kein Grund dafür! Doch keiner meiner Schreie drang nach aussen. Kein Laut des Schmerzes verliess meine Lippen. Kein Wort der Klage erreichte die Freiheit.

Ohne zu zögern, drehte Tadurial mich auf den Bauch. Gerade noch wollte ich protestieren, da schob er schon das übergrosse Leinenhemd, das ich trug, meinen Rücken hoch. Meine Hand klatschte wütend auf den feuchten Waldboden; über mir äusserte sich ein entsetztes Keuchen, gefolgt von einem Klatschen, Haut auf Haut. Vermutlich hatte seine Hand sich selbstständig gemacht und sich vor seinen Mund geklatscht.

„Rjna … was?“

Mein Rücken brannte heiss. Folglich war mein Fokus nur bedingt auf das Entsetzen des Vampirs über mir konzentriert. „Was ist da?!“, presste ich angestrengt hervor und warf meinen Kopf herum, sodass ich ihn ansehen konnte. Hatte mir vielleicht ein Stock in den Rücken gepikst? Oder, den Schmerzen nach, mich wohl eher durchstochen?

„Narben“, antwortete er schluckend und mit geweiteten, starrenden Augen.

„Ich meinte … Neues!“, keuchte ich wütend auf, kurz darauf wand ich mich aber auf dem Bauch herum und konnte meinen Schrei dieses Mal nicht mehr unterdrücken. Vor Angst und Schmerz gesteuert, presste ich meine Hände auf meinen Mund und versuchte so den Ausdruck meines Leidens zu schmälern. Als das nichts brachte und meine Schreie dennoch laut, wenn auch etwas gedämpfter, zu hören waren, drehte ich meinen Kopf zur Seite und biss mir in den Oberarm.

Der akute Schmerz am Rücken zog sich bei dem neuen Schmerzgefühl etwas zurück und so konzentrierte ich mich nur auf meinen Arm. Auf das pochende, unangenehme und schmerzhafte Gefühl meiner Zähne in meinem Arm, nahe der Schulter, tief vergraben.

Tadurial starrte noch immer wie gebannt auf meinen Rücken. Kurz darauf, vermutlich durch den Geruch meines Blutes auf mein Handeln aufmerksam geworden, rissen seine Augen weit auf. „Du … hör sofort auf damit!“ Nein. Mein Kiefer blieb schön dort, wo er war. Es stillte den Schmerz ungemein. Nein, es lenkte ihn lediglich ab. Es war ein vertrauter Schmerz. Nur stand er heute unter meiner Kontrolle. „Rjna lass sofort von deinem Arm ab!“, befahl er wieder.



Dann wurde er plötzlich weggeschleudert, förmlich von mir gerissen, mein Rücken wurde bedeckt und mein Körper umgedreht, was eine erneute Schmerzwelle auslöste und den Biss in meinen Arm noch fester werden liess. Meine Augen hatte ich fest zusammengepresst, aber es half wenig gegen den Schmerz.

„Rjna. Mach die Augen auf“, sagte eine kontrollierte, beruhigende Stimme. Meister Xelus. Mit einem gedämpften Stöhnen folgte ich dem Befehl und schielte zu meinem Vampirmeister auf. „Nun nimm deine Zähne aus deinem Fleisch“. Den Kopf schütteln konnte ich schlecht, also verneinte ich, in dem ich nichts tat. „Rjna. Raus damit!“, befahl er erneut, dieses Mal mit einer mir ungeheuren Präsenz in der Stimme. Sofort senkte ich unterwürfig den Blick; mein Kiefer liess widerwillig von meinem Arm ab. Die Schmerzen im Rücken hatten indessen ebenfalls nachgelassen. Sie waren noch nicht weg, aber schwächer. Ertragbar. „Na geht doch“, sprach Meister Xelus und gab noch weitere, beruhigende Phrasen von sich. Bis sein Blick auf die grässliche Bisswunde fiel. „Scheisse!“, murmelte er, die Stimme angespannt. „Was dachtest du dir dabei? Und auch noch so fest?“ Einen Moment blieb sein Blick noch an der Bisswunde haften, die ich nur mit einem kurzen Seitenblick würdigte. Ich mochte das nicht an meinem Körper sehen. Die zwei Einstichstellen; ich hatte sie oft genug gesehen. Aber es hatte geholfen, das war die Hauptsache.

Schulterzuckend richtete ich mich in eine sitzende Position auf, wartete, bis die schwarzen Punkte vor meinen Augen verschwanden und rieb mir den Rücken. Die Schmerzen waren weg, als ob sie nie dagewesen wären. Doch das waren sie, denn sicherlich war das keine Einbildung gewesen!

„Hast du …“ Er schluckte. „Hast du von dir getrunken?“

„Nein“, erwiderte ich mit rauer Stimme. Daran hatte ich noch nicht einmal gedacht.

„Gut.“ Er wirkte erleichtert. Solange zumindest, bis sein Blick meinen mittlerweile wieder bedeckten Körper hinunterglitt. „Rjna, woher stammen die neuen Narben?“

„Was?“

„Da sind neue Narben, Rjna. An deinem Rücken. Sie sehen nicht neu aus, sondern sind verheilt, nur noch gerötet, aber sie waren noch nicht da, als ich dich gefunden habe! Also woher? Und wage es dir ja nicht, mich noch einmal zu belügen!“



„Ich …“, war absolut ratlos. War das der Grund für die Schmerzen gewesen? Doch das machte ja vorn und hinten keinen Sinn! Wieso sollten neue Narben nicht wie neu aussehen? „Xelus, das, was Ihr sagt, kann doch gar nicht der Möglichkeit entsprechen!“ Ich sah ihn mit einer Mischung aus Verwirrung und Sorge an. Ja, auch ich machte mir Sorgen, wenn so plötzlich mir nichts, dir nichts neue Narben auf meinem Körper auftauchten. Nicht dass ein paar mehr oder weniger noch einen Unterschied gemacht hätten, aber dennoch.

„Nun, gut“, lenkte mein Vampirmeister scharf ausatmend ein; in seinen Augen blitzten Schmerz und Traurigkeit auf. „Ich zwinge dich nicht, darüber zu sprechen.“ Wieder ein Schlucken, dann nickte er zu einem bewusstlosen Wildschwein, welches er am Waldrand zurückgelassen hatte. „Komm her und trink. Das verlange ich.“

Gehorsam rappelte ich mich auf. Beinahe wäre ich aufgrund meiner wackeligen Beine gleich wieder zu Boden gegangen, doch Meister Xelus war sofort zur Stelle und stützte mich. Gemeinsam liefen wir die paar Schritte bis zu dem am Boden liegenden Tier. Meister Xelus deutete mir eine geeignete Stelle für den Biss. Ich kniete mich hin, streichelte über das raue Fell und biss zögerlich zu. Wie auch schon am Vorabend schluckte ich, soviel ich konnte, dann dämmerte ich auch schon wieder weg. Zuletzt spürte ich noch, wie mich die starken Arme meines Meisters zu sich zogen und mich hochhoben. Dann wurde alles schwarz.

 

Meister Xelus’ Arme waren in festem Griff um meinen Oberkörper gelegt und hielten mein bis eben noch schlafendes Ich zuverlässig fest, während das Pferd sich unter uns bewegte. Der Tag nahm seinen Lauf. Zum Mittag wachte ich auf und bald schon war später Nachmittag. Laut Meister Xelus sollten es nur noch wenige Stunden sein, bis wir in der Stadt ankämen. Zu Sonnenuntergang, hatte er gesagt.

Viel geredet hatten wir nicht mehr, doch ich hoffte inständig, dass die lockere Stimmung vom Vortag keine Ausnahme gewesen wäre. Denn es war wirklich schön gewesen. Ausgenommen den Teil mit dem Jagen, wo Meister Xelus knallhart den strengen Meister gemimt hatte. Darauf hätte ich gut und gerne verzichtet.

Die Schmerzen vom Morgen ignorierte ich gekonnt. Und das war auch nicht weiter schwer, immerhin waren sie längst völlig abgeklungen und das genauso plötzlich, wie sie aufgetreten waren. Gedankengut verschwendete ich dafür also keins. Narben hatte ich schon immer auf meinem Körper getragen, ein paar mehr oder weniger machen da keinen Unterschied mehr.



Dass Tadurial meine Narben am Rücken zu Gesicht bekommen hatte, störte mich hingegen schon etwas mehr. Noch schlimmer aber war sein Blick, der, seit ich aufgewacht war, unablässig auf mir ruhte, mit einer Intensität, die mir wirklich unangenehm war. Immerzu blickte er zu mir, die Stirn gerunzelt und die Augenbrauen gefurcht. Eine unausgesprochene Frage schimmerte in den grünen Iriden, aufdringlich, durchdringend und intensiv. Er wollte eine Antwort.

Auf einmal wandte Tadurial den Kopf um. Er schien beunruhigt. Und auch Meister Xelus hatte, auf meine Verwunderung hin, den Kopf zu seinem Kumpanen gedreht. Jetzt tauschten die beiden fleissig unauffällige Handzeichen aus.

Ein Winken zu dem Jungen und mir, dann das Zeigen mit dem Finger zu ihm, zwei Finger ausgestreckt – da kam ich nicht mehr mit. Verstehen tat ich ihre Zeichen sowieso nicht und ausserdem folgten diese viel zu schnell aufeinander, als dass ich sie überhaupt noch richtig hätte wahrnehmen können.

Dann nickten sich beide zu, Meister Xelus umfasste mich mit den Armen, nur um mich dann in hohem Boden durch die Luft direkt in Tadurials Arme zu werfen. Erschrocken stiess ich einen kurzen Schrei aus, landete im nächsten Augenblick aber sanft in Tadurials Armen. Dieser riss sowohl mich als auch den Jungen sofort zu Boden – sein Pferd löste sich dabei in Luft auf.

„Bleib schön hinter mir, Kleine und pass auf den Jungen auf!“, verfügte er und stellte sich breitbeinig mit dem Rücken zu mir vor mich hin. Der Junge sowie auch ich sassen, beziehungsweise lagen, nun zwischen den beiden Meistervampiren, die alle beide breitbeinig von uns wegschauend ausharrten. Dann, bevor ich überhaupt etwas davon hätte wahrnehmen können, streckte Meister Xelus plötzlich seinen Arm aus und hielt im nächsten Moment einen Pfeil in der Hand, der geradewegs auf mich zugeflogen wäre. Das … war schnell! Und ich hatte den Pfeil weder kommen sehen noch gehört!

Schon preschte Tadurial vor, veränderte seinen Standpunkt und kam ein paar Schritte nebenan wieder zum Stehen, wo er gerade einem stinkenden Menschen das Schwert aus der Hand schlug und ihm gleich darauf das Genick mit blossen Händen brach. Würgend schlug ich mir die Hand vor Mund und Nase. Andererseits hatte ich nach drei Jahren Kerkeraufenthalt vermutlich keinen Deut besser gerochen.



Schon stürmten die nächsten beiden Gestalten aus den Gebüschen, deren sich Xelus annahm. Die Angreifer schienen Menschen zu sein. Noch dazu äusserst dümmliche. Wer griff den zwei Vampire an? Die waren doch ganz offensichtlich überlegen! Und weshalb nur?

Der nächste Pfeil sirrte durch die Luft, dieses Mal hielt ihn aber Tadurial davon ab, mich zu durchbohren. Hatten die Angreifer es etwa auf mich abgesehen? Ausgerechnet auf mich? Aber dieser Gedanke war unsinnig!

Immer mehr Männer drängten vor und griffen an. Meister Xelus und Tadurial wurden langsam zurückgedrängt und unser Schutzkreis wurde enger. Dementsprechend rückte ich näher an den Jungen heran, bis ich schliesslich direkt neben ihm sass.

Die Bewegungen der beiden Vampire gingen mittlerweile fliessend ineinander über, fast so, als führten sie einen komplizierten Tanz aus. Fasziniert beobachtete ich das Spektakel eine Weile. Dann kam erneut ein Pfeil angesirrt und streifte er den Jungen am Arm. Erst dachte ich, der Pfeil hätte verfehlt …, aber dann war da der Geruch seines Blutes. Der Pfeil hatte ihm eine kleine Schnittwunde am Arm zugefügt.

Meine Nasenflügel weiteten sich gierig. Der Kampf um uns herum war vergessen, vergessen meine Bewunderung für die Kampfkunst der beiden Vampire, vergessen die Gefahr, in der wir schwebten. Unwillkürlich hatte ich mich über den Jungen gebeugt und starrte gierig seine Wunde an. Etwas in mir drängte mich dazu, ihn zu kosten, aber andererseits … war er doch schon bewusstlos …! Würde ich jetzt zugreifen, wäre das sicher sein Tod!

Ich schluckte schwer. Ich musste mich zusammenreissen! Ich durfte jetzt nicht nachgeben! Also riss ich mir mit aller Kraft einen Teil des übergrossen Leinenhemds ab und band ihm den dreckigen Stoffstreifen um den leicht blutenden Arm. Schlimm war die Verletzung nicht, aber der Geruch nahm mit dem Verband etwas ab und die Konzentration fiel mir deutlich leichter.

Gerade als ich damit fertig war, den Arm des jungen Mannes zu verbinden, bewegte sich dieser so impulsiv und kraftvoll, dass meine Arme, mit denen ich mich über seinen Körper gestützt hatte, unter mir wegbrachen. Ich landete auf seinem Oberkörper. Erschrocken schnappte ich nach Luft, doch noch ehe ich Gelegenheit bekam, mich wieder hochzudrücken, hatte seine Hand nach meinen Nacken gegriffen und zog nun meinen Kopf … genau zu seinem hin! Mit einer ungeheuerlichen Kraft zog er mich zu sich runter, bis unsere Lippen sich berührten.



Alle Kraft, die ich aufwandte, brachte genau gar nichts. Die Versuche, mich mit meinen Armen hochzudrücken, der Versuch, den Kopf wegzudrehen – nichts funktionierte! Das Einzige, was ich damit auslöste, war, dass sein Griff um meinen Nacken noch fester, ja geradezu schmerzhaft wurde! Also stellte ich meine Versuche ein und blieb resigniert auf ihm liegen, unsere Lippen einander berührend. Was um und herum geschah, nahm ich nicht mehr auch nur im Ansatz wahr. Seine kalten Lippen bewegten sich ein kleines bisschen gegen meine, als ob er spräche. Während sich eine seiner Hände fest in meinem Nacken festgekrallt hatte, begann die andere zu wandern. Sie fuhr meinen kurvenlosen Körper entlang, verweilte kurz an der Seite meiner kleinen Brust und griff dann plötzlich, ohne Zögern, direkt – Bei den Göttern!

Ich wollte mich aufbäumen, mich dagegen wehren! Zu oft in meinem Leben hatte ich einen Mann machen lassen, was er wollte! Zu oft hatte ich unter den groben Händen verschiedenster Männer gelitten und war daran fast zugrunde gegangen und dahingesiecht! Ich wollte mich auf ihn stürzen, ihn lehren, dass man so nicht mit einer Frau umzuspringen hatte, die nicht die seine war! Aber was wusste ich denn schon? Meine Kraft liess immer mehr nach, mit jeder Sekunde, in der unsere Lippen versiegelt blieben, wurde ich schwächer. Langsam sank ich auf ihm zusammen. Ruckartig löste er den Griff um meinen Nacken und mein Kopf fiel auf seine Brust. Offenbar war er wieder bei Bewusstsein, immerhin hatte er sich bewegt.

Ich hingegen war zwar noch bei Bewusstsein, aber nur gerade so. Meine Sicht war gedimmt und verschwommen; mein Handeln praktisch nicht existent und meine Wahrnehmung liess stark zu Wünschen übrig. So vegetierte ich erst einmal, auf seiner Brust liegend, vor mich hin.

Mir wurde warm, aber das konnte doch nichts mit ihm zu tun haben, oder? Nein. Nein, ganz bestimmt nicht. Objektiv gesehen war er zwar attraktiv, schätzte ich, aber trotzdem gefiel er mir nicht sehr gut. Noch weniger das, was er gerade getan hatte.

Die Kampfgeräusche stellten sich irgendwann ein und die schemenhaften Umrisse zwei grosser Silhouetten nahmen vor mir Gestalt an. Ich wagte einen Versuch, zu sprechen, doch den hätte ich mir schenken können. Sie gingen vor mir in die Hocke und schienen angeregt miteinander zu sprechen, aber ich verstand nichts. In meinen Ohren klingelte es und zugleich herrschte gähnende Leere. Meine Sicht war noch immer unklar und die Befehle an meinen Körper, sich zu bewegen, wurden ignoriert oder kamen nie bei ihm an.



Sachte spürte ich den kräftigen Atem des jungen Mannes an meinem Hals. Er musste etwa in meinem Alter sein. Zwanzig oder vielleicht etwas darüber. Vielleicht aber auch etwas darunter.

Dann wurde ich hochgehoben. Meine Augenlider flatterten wild herum, während ich mich bemühte, nicht ins Schwarz abzutauchen.

„…los?“

„Ich weiss nicht. Kollabiert vielleicht?“

„Vampire kollabieren nicht, Tad!“

So ging das weiter. Meine Augen hatte ich geschlossen, denn das Dröhnen in meinem Kopf war kurz davor, mich meines Verstandes zu berauben. Nach einigen nie zu enden scheinenden Momenten beschlossen die Herren weiterzureiten und positionierten den Jungen und mich wieder vor sich auf den Pferden. Die mussten sie also schon wieder beschworen haben …

Mein Kopf wurde durch den frischen Gegenwind ein klein wenig klarer. Nun aber war ich einfach nur noch enorm müde. Einmal blickte ich noch zu dem Jungen hinüber, welcher tatsächlich wach war. Aber auch er schien erschöpft, wenngleich er schon deutlich mehr Farbe im Gesicht hatte als zuvor.

Was da passiert war! Das … das, oh Götter, hoffentlich hatte das niemand gesehen! Teilweise war es ja meine Schuld, dass ich auf ihn drauf gefallen war. Die Bewegung seines Arms hatte mich aus dem Gleichgewicht gebracht, meine stützende Hand weggeschlagen und dann war ich auch schon auf ihm gelegen. Aber … aber …

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