Kapitel 26 – Tod oder Lebendig
Kapitel 26 – Tod oder Lebendig
Aurelie
Gnadenlos wurde ich zurück in den Raum gezogen. Im nächsten Moment hatte ich schon eine Schlinge um den Hals. Sofort griff ich danach, um sie mir wieder über den Kopf zu ziehen, doch schon wurde die Schlinge zugezogen und ich verlor den Boden unter meinen Füßen.
„Was hast du mit ihm gemacht?“, schrie der Große erzürnt.
Ich zappelte mit meinen Beinen, versuchte mit meinen Händen das Seil zu zerreißen. Wenigstens bekam ich dank meiner Hände noch etwas Luft. Aber sie drückten schmerzvoll in meinen Hals. Durch mein Zappeln drehte ich mich leicht und sah, dass der andere Mann auf die Seite gefallen war. Er versuchte aufzustehen, bewegte sich aber nur schwerfällig.
Scheiße. Mein Gift … Ich hatte keine Ahnung, wie viel ich ihm verabreicht hatte. Das ging vermutlich ganz von selbst. Und nun lähmte es ihn. Er würde nicht daran sterben, das bezweifelte ich. Aber er konnte mir auch nicht mehr helfen.
Verzweifelt schnappte ich nach jedem bisschen Luft, das ich kriegen konnte. Würgende Geräusche verließen meine Kehle, hilflos, wissend, dass es zu Ende ging. Die Luft wurde weniger, meine Sicht schwammiger. Geräusche drangen nur noch halb zu mir durch. Die Tür war noch offen, das erkannte ich am einfallenden Licht. Ob sie dort oben gerade meinen Tod feierten? Es klang, als ginge etwas zu Bruch. Als ob Möbel umgeworfen würden. Musste ja eine überschwängliche Feier sein.
Eine bleierne Schwere legte sich über mich. Immer wieder öffnete ich meinen Mund, aber ich schaffte es nicht mehr, Luft zu holen. Meine Sicht schwand mehr und mehr, während die Geräusche noch lauter wurden. Und … näher kamen? Also wollten diese Bastarde sehen, wie ich meinen letzten Atem aushauchte. Kraftlos fielen meine Hände zu meinen Seiten.
Ein Schemen erschien in der offenen Tür. Und er glänzte schön. Kam mein Schwert mich etwa besuchen, um mir auf Nimmerwiedersehen zu sagen? Oder waren es meine Entführer? Wollten sie mich am Ende doch noch köpfen, um auf Nummer sicher zu gehen? Das hatte ich nicht mal bei den beiden Ministern gemacht. Im Geiste schüttelte ich den Kopf. Wie lächerlich konnten meine letzten Gedanken sein? Sollte das wirklich das letzte …?
Plötzlich war der Druck um meinen Hals weg. Meine Füße trafen schwungvoll auf den Boden auf. Doch wie zu erwarten, war ich zu schwach, um mich auf den Beinen zu halten. Ich stürzte, doch jemand fing mich auf, bevor ich auf den Boden schlug. Ich wurde hingelegt, Lippen legten sich auf meinen Mund und mir wurde Luft in die Lungen gedrückt.
Luft? Luft! Sofort schnappte ich selbst danach, öffnete schwerfällig die Augen und blinzelte zu der verschwommenen Silhouette meines Retters auf.
„Sie atmet!“, rief die Person, in deren Armen ich lag. Doch wer war das? Das Bild vor meinen Augen war verschwommen. Und mit jedem Blinzeln wurde es nur noch unklarer, bis mein Kopf schließlich kraftlos zur Seite sackte und mein Körper sich der Erschöpfung hingab.
Ich spürte jemandes Arme unter meinem Körper. Die Welt war in Bewegung. Auf und ab, auf und ab …
Der Nebel in meinem Kopf lichtete sich. Zumindest ein klein wenig. Geräusche drangen an mein Ohr. Gespräche, Schritte, Atem, Menschen, Herzen, rauschendes Blut. Meine Nase zuckte, doch da war nirgends der Geruch von Blut in der Luft. Nur … meins. Mein Blut roch nicht besonders prickelnd. Nicht so wie das des Vampirs, den ich angefallen hatte. Wie es ihm wohl ging? Mein Gift schien ihm zugesetzt zu haben. Dabei hatte ich doch überhaupt keines freisetzen wollen. Oder doch? Hatte ich ihm weh tun wollen?
Verwirrt runzelte sich meine Stirn. Meine Zunge tastete sich nach vorn zu meinen Lippen und begann, sie von innen heraus zu benetzen. Es fühlte sich an, als klebten sie aneinander.
Plötzlich wurde ich enger umfasst. „Seid Ihr wach, Majestät?“
Angestrengt kniff ich meine Augen zusammen. Ich traute mich nicht, sie zu öffnen. Schon durch meine Lider konnte ich mit Bestimmtheit sagen, dass es hell war. Außerdem fühlte sich mein Körper so unglaublich zerstört an. So …
Ungefragt kam der Nebel zurück und zog mich in die Tiefen meines Bewusstseins, in süßsanfte Vergessenheit. Ich spürte noch, wie mein zuvor angespannter Kopf sich an eine Brust senkte. Ich fühlte mich geborgen. Ich war so müde.
Stimmen drangen dumpf zu mir durch, doch ich verstand nicht, was sie sagten. Und wenn ich mich auf sie konzentrierte, schmerzte mein Kopf. Auch mein Hals tat schrecklich weh. Ich wollte mir an die Kehle fassen, schaffte es aber nicht, meine Hände zu bewegen. Selbst meine Augen konnte ich nicht öffnen.
Schritte kamen näher. Dann legte sich eine kühle Hand auf meine Stirn. Kurz darauf spürte ich, dass mein Hals vorsichtig mit etwas Kühlem eingerieben wurde.
Ich blieb in diesem Dämmerzustand. Es war, als ob sich mein Körper weigerte, mir die Kontrolle zurückzugeben. Aufgrund der fürsorglichen Behandlung keimte jedoch die Hoffnung auf, dass ich wieder Zuhause war. Zudem lag an meinen Füßen meist etwas Warmes. Kaldor, so hoffte ich. Er lag gerne in meinem Bett. Seine Nähe zu spüren, beruhigte mich.
Die Hand ließ von meinem Hals ab, dessen Haut sich nicht wie meine eigene anfühlte. Kurz darauf knarzte es leise. Das Knarzen einer Bodenplatte? Eines Stuhls?
Es blieb lange still, bis ich ein seltsames Geräusch hörte. Ähnlich einem Schluchzen. Aber es klang so fremd. Die Geräusche hörten nicht auf und wurden immer deutlicher. Bald schon ging das Schluchzen ins Jammern über und schließlich weinte die Person bitterlich.
Nach einer Weile wurde mir klar, warum ich diese Geräusche zuerst nicht hatte einordnen können. Ich hatte noch nie einen Mann schluchzen oder gar weinen gehört. Aber dieser hier weinte. Er weinte so heftig, dass sich unter meinen geschlossenen Lidern ebenfalls Tränen sammelten.
Mein Mund öffnete sich schwach. Ich atmete dadurch ein. Und aus. Füllte meine Lunge bewusst auf und entleerte sie wieder – wenn letzteres auch eher unfreiwillig. Erneut versuchte ich, meine Hände zu bewegen. Ohne Ergebnis.
Das Schluchzen drang noch immer klar und deutlich an mein Ohr. Von rechts, so konnte ich mittlerweile zuordnen. In mir kam das immer stärker werdende Bedürfnis auf, diese weinende Person in den Arm zu nehmen.
Probehalber räusperte ich mich. Als das funktionierte, ließ ich ein Stöhnen verlauten, das zwischen Müdigkeit und Erleichterung schwankte.
Augenblicklich hörte das Schluchzen auf. Ein Klatschen erklang; als hätte sich jemand die Hand vor den Mund geschlagen.
Ich wollte meine Augen öffnen, kniff sie aber nur noch fester zusammen. Als ich sie schließlich öffnete, blinzelte ich erst einmal mehrere Male. Es war dämmrig. Das Zimmer schien nur von einer Kerze beleuchtet zu werden. Demnach war es draußen wohl bereits wieder dunkel. Wie lange hatte ich geschlafen? Noch viel wichtiger: Wie lange war ich in der Gewalt dieser Aufständischen gewesen?
Zu meinen Füßen bewegte sich etwas und die Wärme verschwand. Kurz darauf spürte ich, wie eine nasse Zunge mir leise jaulend übers Gesicht leckte.
Ein Grunzen entkam mir, ehe ich heiser zu lachen begann. „Kaldor“, flüsterte ich schwach und versuchte wieder meine Arme zu heben, um den mittlerweile nicht mehr ganz so kleinen Wolf in meine Arme zu ziehen. Jetzt bemerkte ich auch, wieso ich sie nicht bewegen konnte. Meine Arme lagen unter der schweren Bettdecke, mitsamt meinem Körper, der bis zum Hals eingepackt war. Der Schmerz in meinem Hals ließ mich schnell wieder verstummen.
Jemand schob Kaldor beiseite, dann wurde ich sanft hochgezogen. Kissen landeten hinter meinem Rücken. Erst jetzt schaffte ich es, meine Augen komplett zu öffnen, und blickte direkt in ein Glas Milch, das mir an die Lippen gehalten wurde. Als sich mein Blick endlich klärte, ließ ich ihn stirnrunzelnd einmal durchs Zimmer gleiten. Ich lag in meinem Bett. Der Kamin brannte. Und über mich beugte sich Lee, der mir die Milch geduldig an die Lippen hielt.
Meine Augenbrauen furchten sich. Leeander? Seine Augen waren rot, geschwollen; die Spuren seiner Tränen noch immer deutlich sichtbar auf seinen Wangen. Hatte er geweint? War er es gewesen, der diese Geräusche hatte verlauten lassen?
Der Grigoroi hob das Glas vorsichtig an, damit mir die Milch langsam in den Mund floss. Nicht zu viel, nicht zu wenig. Aber so erfrischend frische Milch auch war, so war es absolut nicht das, was sich mein Körper gerade ersehnte. Schluck für Schluck verleibte ich mir die weiße Flüssigkeit ein, spürte jedoch stetig das ungeduldige Ziepen in meinem Zahnfleisch. Und die Hoffnung – oder Befürchtung – alles wäre nur ein Traum gewesen, löste sich in Luft auf. Ich war erwachsen. Meine Fänge waren ausgebildet und bereit, mich zu ernähren. Oder mich zu verteidigen. Ich hatte Gift. Ich hatte mein eigenes Gift! Ich war wirklich erwachsen!
Heilige Scheiße. Musste ich jetzt immer so grummelig sein wie Cyrus? Cyrus …
Ich schloss meinen Mund und bedeutete Leeander somit, das Glas anzusetzen. „Was ist passiert?“, fragte ich krächzend.
„Wir haben Euch gefunden und befreit. Ihr wurdet in einer Gaststätte festgehalten. Als wir eintrafen, leisteten vier Männer starken Widerstand. Wir mussten sie töten. Aber die beiden Männer im Keller konnten wir gefangen nehmen. Sie sind aktuell im Kerker.“ Seine Stimme klang heiser. „Wenn Ihr Euch erholt habt, könnt Ihr sie befragen. Oder sollen wir sie sofort hinrichten?“ Er stellte das Glas bei Seite und musterte mich eindringlich. „Wie geht es Euch?“
„Nicht hinrichten!“ Meine Stimme brach und brannte beim blossen Versuch, sich zu erheben. „Mit dem einen habe ich noch ein Hühnchen zu rupfen.“ Ich räusperte mich. „Und der andere hat mir geholfen.“ Zum Schluss. Und wie es mir ging? Beschissen. Aber das behielt ich für mich. Lee sah kein Stück besser aus, als ich mich fühlte. „Was ist los?“, verlangte ich zu wissen.
„Die Aufstände konnten wir geringfügig eingrenzen.“ Er wich meiner Frage aus. „Natürlich gibt es noch Unruhen. Aber Graf Targes meint, dass sie weniger werden. Elok ist … ähm. Er wollte einer Spur nachgehen.“
„Leeander …, ich meinte mit dir.“
Er seufzte und setzte sich wieder. „Es sind angeblich nur Gerüchte … aber …“ Er brach ab und schluckte schwer. „Cyrus soll tot sein.“
Ich nickte ruhig, denn das wusste ich schon. Und da er niemals selbst darum bitten würde, zwang ich mich ihm jetzt eben auf. „Umarme mich bitte.“
Leeander stutzte. „Seid Ihr Euch sicher? Ihr … Ihr seht nicht traurig aus.“
„Es geht mir auch nicht um mich. Und das war ein Befehl.“ Mühsam unterdrückte ich ein Schmunzeln, aber dieses war nun wirklich nicht angebracht.
Allerdings schüttelte er den Kopf und stand auf. „Braucht Ihr etwas? Eine Suppe? Etwas Brot und Käse?“ Er drehte sich bereits um.
„Ich wollte eine Umarmung.“ Ernst starrte ich ihn an.
Langsam drehte er sich wieder um. Seine Schultern sanken herab und seine Augen wurden nass. Nur zögerlich kam er auf mich zu, setzte sich neben mich auf die Bettkante und streckte einladend die Arme aus.
Ich lehnte mich zu ihm hin, grub meine eigenen Arme unter der Bettdecke hervor und umschlang seinen muskulösen Oberkörper. Meinen Kopf bettete ich vertrauensvoll an seine Brust. „Glaubst du wirklich, dass er tot ist?“, hauchte ich nach einer ganzen Weile leise. „Hast du überhaupt keine Bindung mehr zu ihm? Weil ich … spüre rein gar nichts. Dabei sollten wir doch verbunden sein …“
„Ich bin ein freier Grigoroi. Obwohl ich Cyrus sehr nahe stehe, sind wir nicht verbunden. Nicht so, wie es üblich ist.“ Seine kühle Hand glitt über meinen Rücken. „Und Ihr spürt nichts, weil … Ihr seid noch ein Kind.“
Mein Kopf schob sich an seiner Brust ein wenig zurecht. „Ja“, nuschelte ich bedrückt. Jetzt konnte ich es sowieso nicht mehr lange verstecken. Meine Hüften, die ganzen Kurven, die man nicht brauchte, das lange Haar und schließlich der Fakt, dass ich von nun an regelmäßig Blut trinken musste. Das noch verstecken zu wollen, konnte ich vergessen. Nur, so wie er es formuliert hatte, müsste ich doch die Bindung spüren. Jetzt, wo ich meine Reife hinter mir hatte! Ich räusperte mich. „Heißt das“, begann ich heiser, „ich spürte die Verbindung, sobald ich erwachsen bin? Also, wenn er denn noch …“, lebt. Aber ich spürte nichts. Was wiederum bedeuten würde, dass er schon tot war, als meine Zähne durchgebrochen waren.
„Diese Frage müsstet Ihr einem Vampir stellen. Dem Hohepriester am besten, er kennt sich mit dem Blutschwur aus.“ Er löste sich leicht von mir und sah mir in die Augen. „Ich möchte, dass Ihr wisst, dass ich bleiben werde, wenn Ihr es wünscht. Ich werde weiter in Eurem Dienst stehen. Cyrus…“ Er stockte, seine Stimme brach. Tränen glänzten in seinen Augen. „Er hätte es so gewollt.“
Leeander liebte meinen Gemahl mit jeder Faser seines Seins. Auch wenn ich nicht verstehen konnte, wie man diesen Mann nur lieben konnte … Er tat es.
„Ich bin mir sicher, er erwidert deine Gefühle“, murmelte ich leise und senkte meinen Blick. „Selbst wenn er jetzt bei den Göttern sein sollte. Was wir nicht sicher wissen! Ich habe nichts gespürt, also vielleicht gibt es noch Hoffnung.“ Hoffnung für Leeander. Ich selbst war, wenn ich wirklich ehrlich zu mir selber war, nicht wirklich traurig über diesen Tod. So hart es auch klang, aber für mich hatte Cyrus nichts als Schmerz bedeutet. Er hatte mich nicht respektiert; mir nicht geglaubt, wenngleich ich die Wahrheit gesagt hatte. Seinetwegen hatte ich Alexander verloren.
Lauf.
Noch immer sah ich das Bild vor mir. Alex, mit dem Oberkörper auf diesem verdammten Tisch liegend, das Blut sprudelnd aus seiner Kehle, als wäre er ein Springbrunnen. Er hatte mich geliebt. Und ich ihn.
Jetzt traten auch mir die Tränen in die Augen, wenn auch einer anderen Person wegen. Eine, die niemals mehr ersetzt werden könnte. Cyrus allerdings … ein König konnte durchaus ersetzt werden. Vielleicht … sollte ich in Betracht ziehen, mich erneut zu vermählen. Eventuell mit Gilead … oder so … Er wäre auf jeden Fall durchaus fähig, an meiner Seite zu stehen. Dessen war ich mir sicher.
„Ja, vielleicht gibt es noch Hoffnung“, seufzte Leeander schwer. Doch Hoffnung schwang in seiner Stimme keine mit.








































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