Kapitel 27 – Heimkehr

Kapitel 27 – Heimkehr

 

Xelus

Nur noch wenige Stunden bis zur Stadt und ausgerechnet jetzt griffen uns Banditen an? Ich seufzte leise. Es hiess schliesslich nicht ohne Grund, man solle den Tag nicht vor dem Abend loben. Sowieso war die Reise alles andere als wie geplant verlaufen. Das unerwartete Auffinden der verlassenen Jungvampirin in meinen Armen. Die rätselhaften Vorgänge Grenzdorf – dazu Tadurials Gefangenschaft. Plötzlich auftretende, unerklärliche Narben auf dem Rücken meines Schützlings. Und jetzt auch noch ein Banditenangriff.

Alles in allem verstand ich nichts mehr. Die Narben sahen schon alt aus, verheilt und längst nicht mehr frisch – dennoch war die Haut darum gerötet. Und als ich Rjna nach unserer Ankunft im Grenzdorf erst einmal vom Blut befreit und gebadet hatte, hatten diese Narben noch nicht existiert!

Skurrilität stand bei diesem Mädchen grossgeschrieben. Daran musste ich mich gewöhnen. Eine andere Möglichkeit gab es auch nicht, denn tatsächlich verspürte ich eine Art Meister-Schützling-Band zu ihr, obwohl das faktisch gar nicht sein konnte. Es war mir völlig unerklärlich, wie das möglich war, wo sie doch überhaupt nicht mein Vampirgen in sich trug. Es war nicht ich gewesen, der sie gebissen und ihr damit das Vampirgen verabreicht hatte! Nichtsdestotrotz genoss ich das Gefühl, endlich wieder einen Schützling zu haben. Es war schon eine ganze Weile her. Ausserdem war sie etwas ganz Besonderes. Kein gewöhnlicher Schützling – das hatte sie vorher gerade wieder einmal unter Beweis gestellt.

Als Tadurial und ich mit den Banditen abgerechnet hatten, und meine Aufmerksamkeit wieder meinem Schützling galt, lag diese nahezu bewusstlos auf der Brust des namenlosen Jungen. Benebelt blickte sie auf. Blinzelte. Ihre Augen leuchteten schwach, matt. Die sonst so kraftvolle, kupferne Farbe glich jetzt eher einem stumpfen Bronze. Doch schon nach einem Wimpernschlag war es wieder verschwunden und die gewohnte, dunkelbraune Frabe war in ihre Iriden zurückgekehrt. Ihr Kopf wankte auf ihrem Körper hin und her, als wäre er ihr zu schwer. Ihre Lieder flatterten träge. Schon sank sie mit der linken Wange voran kraftlos zurück auf die Brust des Jungen.



„Was ist denn nur los?“, hauchte ich besorgt.

Tadurial beugte sich stirnrunzelnd ebenfalls zu ihr hinab. „Ich weiss nicht. Kollabiert vielleicht?“

„Vampire kollabieren nicht, Tad!“ Meine Nasenflügel zuckten und mein Blick glitt, die Augen zusammengekniffen, zum Arm des bewusstlo… des wachen Jungen. Es blutete schwach durch den behelfsmässigen Verband hindurch. Jeder andere Jungvampir hätte sich auf das Magierblut gestürzt. Aber nicht Rjna. Sie hatte ihn nicht angegriffen. Stattdessen hatte sie ihn notdürftig verbunden.

 

Eine Stunde später wurde Rjna langsam wieder munter. Tadurial und ich hatten beschlossen, unseren Weg fortzusetzen. Nicht mehr lange und wir erreichten die Tore.

Mein Griff um sie wurde fester, damit sie nicht vom Pferd rutschte. „Rjna?“, sprach ich leise. Ein zustimmender Laut verliess ihre Lippen, welcher aber zugleich deutlich machte, wie müde sie noch war. „Rjna, fühlst du dich dazu imstande, einige grundlegende Regeln zu erlernen? Damit du verstehst … wie die Gesellschaft funktioniert.“

Zur Antwort erhielt ich ein müdes Nicken und ein ausgiebiges Gähnen, bevor sie sich enger an mich schmiegte, die Augen bereits wieder geschlossen. Das Mädchen tat gerade alles andere, als mir zuzuhören. Alles, was ich von mir geben würde, könnte ich genauso gut einer Wand erklären.

Also umfasste ich ihre Taille und hob sie mit meinen Armen vom Pferd, nur um sie dann gleich verkehrt herum wieder draufzusetzen. So. Jetzt sass sie mir gegenüber, ich konnte ihr Gesicht sehen, ihre Reaktionen einschätzen und vor allem konnte sie sich nun nicht mehr an mich anlehnen und einfach einschlafen. Tadurial warf mir derweil einen belustigten Blick zu, hielt den mittlerweile wieder schlafenden Jungen aber weiter vorbildlich im Arm und stützte ihn so, dass er nicht vom Pferd fiel.

Rjnas Augen klappten einige Male verschlafen auf und zu, als ob sie sich wirklich Mühe gäbe, wach zu bleiben. Und hatte ich gerade noch gedacht, die könne sich auf diese Weise nicht an mir anlehnen, dann belehrte sie mich jetzt eines Besseren. Ihre Arme hatte sie um mich geschlungen und ihr Gesicht an meiner Brust vergraben. Den Kampf gegen die Müdigkeit verlor sie hochkant.



Ergeben seufzend, überliess sie ihren Träumen. Einem Jungvampir würde man diesen Auftritt sicherlich verzeihen. Gerade einem, der noch so blutjung war. Da fiel mir ein …

„Tad!“ Fragend sah er mich an. Auf mein Gesicht schlich sich ein unheilvolles Grinsen. „Hast du dir schon überlegt, wie du deinen Auftritt gestalten willst?“ Allein bei der Vorstellung an die fassungslosen und bestürzten Gesichter musste ich schon grinsen. Oh, die Guten alten Zeiten. Früher hatten Tadurial und ich unsere Zeit nur zu gerne damit verbracht, den älteren Vampiren das Leben schwer zu machen.

Lachend schüttelte Tad den Kopf, blickte mich dann aber wieder an. „Xelus, du wirst wohl nie erwachsen, oder?“

„Also ich muss doch sehr bitten!“, verteidigte ich mich, das Gesicht zu einer stoischen Maske der Hochnäsigkeit verzogen. „Ich bin doch die Reife in Person!“

Schmunzelnd schüttelte er den Kopf. „Es ist ein schönes Gefühl, wieder nach Hause zu kommen …“ Zum Ende hin wurde seine Stimme von einer gewissen Wehmütigkeit belegt. „Bestimmt haben sie mich mittlerweile ersetzt.“

„Deinen Posten als Hauptmann?“ Das fröhliche, leichte Gefühl verflog, meine Lippen presste ich aufeinander. „Emil hat übernommen. Aber der alte Kauz weigert sich, die Stelle fest anzunehmen. Dein Meister war überzeugt davon, dass du zurückkehren würdest. Er hat dich nie aufgegeben.“ Ich schluckte schwer, als mir bewusst wurde, dass ich Tadurial im Gegensatz zu seinem verrückten Erschaffer sehr wohl aufgegeben hatte. In einem Versuch, die Stimmung wieder zu heben, erklärte ich: „Keiner hält es mit ihm aus, du kennst ihn.“ Ernst fügte ich hinzu: „Du wirst herzlich willkommen geheissen werden, Tad.“

Tadurial brummte bloss. Als er seinen Blick schweifen liess, blieb er an Rjna haften.

Ich räusperte mich. „Kannst du das, was du heute Morgen gesehen hast, für dich behalten?“

Kritisch beäugte er mich. Ich liess seine Blicke über mich ergehen. „Aus welchem Grund?“, wollte er wissen. „Du weisst, ein solches Merkmal müsste man melden, allein der Sicherheit der Stadt wegen.“

„Ja, das ist mir bewusst. Aber wenn ich eins in den letzten Tagen über sie gelernt habe, dann, dass sie nichts mit ihrer Vergangenheit zu tun haben will. Weder will sie daran erinnert werden, noch spricht sie auch nur ein Wort darüber.“



„Aber…“

„Ihre Erinnerungen holen sie ein, Tad. Ich will sie nicht noch einmal in einem solchen Zustand sehen. Das halte ich nicht aus. Und wenn man über ihre Narben Bescheid weiss, wird das unweigerlich Fragen nach sich ziehen. Fragen, die sie erinnern werden …“

Tadurials Stirn runzelte sich stark, während sein Blick von mir zu meinem Schützling und wieder zurück glitt. „Und ich dachte, sie wäre ein verzogenes Balg“, murmelte er in seinen nicht vorhandenen Bart hinein – doch ich verstand jedes Wort klar und deutlich.

Mein Blick verschärfte sich, und ich kam nicht umhin, ein wütendes Knurren auszustossen. Was dachte er denn bitte, woher die Narben stammten? Vom Kuchen essen? „Mitnichten!“

„Ganz ruhig, Xel. Ich vertraue ihr nicht und ich denke, sie könnte eine Gefahr darstellen. Es ist einfach ein Gefühl. Ich vertraue meiner Intuition, damit habe ich noch nie falsch gelegen. Aber wenn es dir so viel bedeutet: Ich werde nichts über ihre Narben sagen.“ Eisern hielt er meinem prüfenden Blick stand, bis ich mich abwandte. Rjna zog ich noch näher in meine Umarmung, sodass sie förmlich in meiner Gestalt unterging.

Er würde den Mund halten. Es würde es für sich behalten. Das war das Wichtigste. Ob er ihr nun vertraute oder nicht. Er war dazu gezwungen, das Wissen über ihre Magie für sich zu behalten; dafür würde der Blutpakt Sorge tragen. Und er würde kein Wort über ihre Narben verlieren. Das hatte er versprochen. Das war gut …, denn jetzt standen wir vor den schweren, weit geöffneten Toren. Zwei Wachposten davor nickten mir respektvoll zu. Des einen Augen wurden gross, als er Tadurial hinter mir reiten sah, wo der andere noch nicht lange genug in Diensten seiner Majestät stand, um den verschollenen Hauptmann zu erkennen.

Sie liessen uns passieren. Kaum hatten wir die Tore durchquert, war die Umgebung eine völlig andere. Waren wir zuvor hauptsächlich von Wald und Tier umgeben gewesen, hatten vereinzelt Höfe und kleinere Dörfer gesehen, so befanden wir uns nun inmitten einer Stadt. Gleich hinter den Toren befand sich ein kleiner, runder Platz, der in mehrere Gassen und Strassen, unter anderem in die Hauptstrasse, mündete. Auch der Geruch veränderte sich markant. Zwar existierte ein unterirdisches Abwassersystem, doch Menschen und Vampire schwitzten, betrunkene Männer urinierten oftmals nicht in die dafür vorgesehenen Aborte und Nahrungsmittelabfälle verwesten. Es war der natürliche Geruch des Lebens, der einem hier entgegenschlug.



„Xelus!“ Ein ernst dreinblickender Vampir, der soeben die Treppe von der Mauer hinunterkam, hob grüssend die Hand.

„Raksa!“ Glücklich, ihn zu sehen, nickte ich ihm zu. Raksa war, so wie ich, Offizier des Königs, und eigentlich ebenfalls in der Externen Einheit.

„Da springe ich einmal auf der Mauer ein und unser verschollener Mann kehrt genau jetzt zurück!“ Er lachte befreit auf. „Man könnte meinen, der alte Emil hätte deine Ankunft vorausgesehen.“

Amüsiert hob ich eine Augenbraue. Verschollen? „Ich bin zwei Tage im Verzug“, entgegnete ich schmunzelnd.

Raksas Mundwinkel zuckten. „Und ich kann mir leibhaftig vorstellen, wo du sie verbracht hast, alter Säufer!“ Mittlerweile bei uns angekommen, musterte er Rjna, beide Augenbrauen verschwörerisch gehoben, während sie, die Arme schlaff zu beiden Seiten hängend und das Gesicht an meiner Brust angelehnt, in aller Ruhe unsere Ankunft verschlief.

Schnell wurde mir bewusst, wie viel Aufsehen ihre Anwesenheit hier auslöste. Jeder Wachmann auf der Mauer und jeder Vampir, der noch auf den Strassen war, hatte seine Augen auf Rjna gerichtet. Auf die unbekannte Fremde, auf die Frau, die eine Vampirin war und in meinen Armen schlief. Als mir klar wurde, worauf Raksa anspielte, schüttelte ich schnell den Kopf. „So ist das nicht, sie ist…“

Seine Stirn hatte sich gerunzelt. „Ein Vampir.“

Ich nickte. „Mein Abkömmling.“

 

Sachte legte ich Rjna in einem meiner Gästezimmer ab, strich ihr eine Strähne aus der Stirn und setzte mich für einen Augenblick noch zu ihr hin. Es war schön, sie so zu sehen. Ruhig und gelöst. Was nach dem Banditenüberfall geschehen war, verfolgte mich. Hatten wir einen Angriff übersehen? Hatte sie ihn mit ihrer Magie abgewehrt?

Ich platzierte einen Kuss auf ihre Stirn, ehe ich mich von ihr abwandte, aufstand und das Gemach verliess. Es würde ihres sein. Sie dürfte es einrichten, wie sie wollte. Doch erst einmal sollte sie ankommen. Ihr Leben hatte sich rasant geändert.

Auch bei dem Jungen schaute ich herein. Tadurial hatte ihn bis in ein zweites Gästezimmer gestützt. Doch als ich jetzt einen Blick hineinwarf, war es leer. Als Geräusche aus dem angrenzenden Badezimmer erklangen, atmete ich auf und verliess das Zimmer wieder.



Aus dem letzten Zimmer, an dem ich vorbeiging, drangen Atemgeräusche. Seit etwa sechs Jahren beschäftigte ich ein Hausmädchen. Sillia war ein Menschenmädchen aus der Unterschicht.

Eines kühlen Tages war sie mir auf dem Marktplatz in einem dünnen Fetzen von Kleid direkt in die Arme gelaufen. Kaum erwachsen war sie gewesen. Zwölf junge Jahre. Ihr ganzer Körper hatte gezittert, sowohl vor Angst als auch Kälte. Und ihre Finger? Die hatten bereits in meinen Taschen gesteckt.

Da hatte ich sie aufgehalten, hatte gefragt, ob ihr denn nicht kalt wäre. Ich hatte mir den Mantel von den Schultern genommen und über ihre gelegt, ihren zitternden, vor Angst bebenden Körper aus dem Menschengetümmel geführt. Familie hatte sie keine, wie sie mir später anvertraut hatte. Und als ich beiläufig erwähnte, eine Stelle in meinem Haushalt freizuhaben, da hatte sie sich sofort angeboten.

Mit einem melancholischen Lächeln auf den Lippen liess ich die Erinnerung ziehen. Sie hatte niemals böswillig gestohlen, sondern lediglich aus Hunger und Not. Und der Vampir, der dazumal auf Patrouille gewesen war, und sie verfolgt, ja beinahe schon gefasst hatte, dem hatte ich gesagt, die Arbeit in meinem Haus wäre meine Art sie büssen zu lassen. Ich hatte nichts übrig für Kinder ohne Hände. Diese Methode war barbarisch und veraltet. Stattdessen genoss sie jetzt zumindest ein wenig Einfluss und hatte ein sorgenfreies Leben. Als eine Art Tochter. Ja, gewissermassen hatte ich damals eine Tochter bekommen. Keine des Blutes, aber eine des Herzens. Und morgen würde sie kennenlernen, wen ich ihr als Schwester mitgebracht hatte.

Ich seufzte leise. Meine Füsse trugen mich die Treppe hinunter ins Erdgeschoss, wo Tadurial schon bei einem Humpen Met sass und nachdenklich in die Leere starrte. „Das habe ich vermisst“, murmelte er leise.

Ich zog die Augenbrauen hoch. „Den Alkohol?“ Dabei war ich derjenige von uns beiden, der eher einmal einen über den Durst getrunken hatte. Deswegen stand für mich wohl auch schon ein zweiter Humpen neben seinem auf dem Tisch.

Tadurial nickte schwach, noch immer geradeaus in die Leere starrend. „Emil wird jeden Moment da sein“, murmelte er leise.

„Ja.“ Ich hatte den stellvertretenden Hauptmann eingeladen, trotz später Stunde. Der Bericht konnte bis morgen warten. Aber einem Teil des Berichts wollte er bestimmt schon heute Abend wieder begegnen. Emil, Tadurials Erschaffer und früherer Hauptmann, war ein Arbeitstier, wenn man ihm einmal Arbeit aufdrückte. Aus eben diesem Grund lehnte er normalerweise jede Arbeit ab. Er war aus des Königs Diensten ausgetreten, hatte sich nach dem Tod des alten Königs vor zwanzig Jahren zurückgezogen und ein Leben in Abgeschiedenheit gewählt. Aber dann, als Tadurial vor zehn Jahren abrupt verschwand und ein Krieg drohte, wurde auf ihn als früheren Hauptmann zurückgegriffen.



Ob sich die Gerüchte über Tadurials Rückkehr schon verbreitet hatten? Nicht jeder hatte ihn erkannt. Aber wohl genug.

Mit leisem Ächzen setzte ich mich zu ihm hin. „Was willst du tun?“

„Wie wird er reagieren?“

Ich kniff meine Augen leicht zusammen. War es Angst, die er empfand? „Seid ihr im Streit auseinander?“ Langsam griff ich nach dem Humpen, hob ihn an und liess mir die süss-bittere Flüssigkeit mit unterdrücktem Stöhnen in den Rachen laufen.

„Nein …“ Schwach schüttelte er den Kopf. „Aber er ist jetzt wieder Hauptmann. Mein Posten…“

„Den Posten wollte er nie. Nicht unter König Kelevan.“

„Früher war es nicht besser“, brummte er.

„Nein, war es nicht. Unser alter König war grausamer. Aber den Geschichten nach, soll er nicht immer so gewesen sein.“

„Mhm …“

Eine angenehme Stille kehrte ein. Eine des Ankommens, eine, wie man sie nur unter alten Freunden kannte. Wartend starrten wir in der Leere herum, beide tief in unseren Gedanken versunken. Auf einmal polterte es über uns.

Tadurial knurrte leise. „Ich gehe nachschauen, was er macht.“ Und damit verschwand er lautlos die Treppe hoch.

In diesem Moment erklang das dumpfe Klopfen des Türklopfers. Ich stand auf, wappnete mich innerlich.

Ich hatte noch keinen Schritt getan, da wurde die Tür bereits eigenständig geöffnet. Emil schritt unüberhörbar durch den Eingangsbereich und kam zielsicher im Durchgang zum Wohnzimmer stehen. „Alter Knabe, weisst du, was für Sorgen sich deine Kumpanen gemacht haben? In den Ohren gelegen sind sie mir!“ Achtlos spuckte er zu Boden, hob dann die Hand an seinen langen, wilden Bart und strich mürrisch grummelnd hindurch. „Reisst Weibsbilder auf, wo du sie findest, hm? Na, immerhin bist du wieder zurückgekommen.“

Von Rjna hatte er also schon gehört, dachte ich abgelenkt. Mein Blick hing an seiner Spucke auf meinem Holzboden, die er soeben noch mit der schlammbeschmutzten Sohle seines linken Stiefels verteilte.

Weder verhielt noch kleidete sich Emil so, wie es von einem Hauptmann erwartet würde. Anstand und Respekt kannte er nur vor dem König oder den ersten vier ersten Prinzen. Heute trat er auf in einer lockeren, braunen Stoffhose, die in seine Stiefel gesteckt endete, und einem unsauber wirkendem, abgenutztem Leinenhemd. Auf den ersten Blick wirkte er eher wie ein Vagabund als ein Hauptmann seiner Majestät. Doch auf den zweiten Blick – bezog man den teilweise todernsten Blick in seinen tiefroten Augen mit ein, die zuweilen eine Macht ausstrahlten, der man lieber nicht in die Quere kommen wollte – lag der Gedanke an einen Gesetzlosen plötzlich fern.



„So muss es wohl aussehen“, entgegnete ich nach einer kurzen Weile und deutete einladend auf das Sofa. „Setz dich.“ Wer Emil mit Höflichkeitsfloskeln kam, hatte sein Leben gelebt.

Sein Blick glitt für eine Sekunde durch den Raum. Dann setzte er sich in Bewegung und liess sich auf dem Sessel gegenüber dem Sofa nieder. „Zwei angetrunkene Humpen“, stellte er scharfsinnig fest, den Blick auf den kleinen Tisch vor dem Sofa gerichtet. Dann sah er auf, die Augen blitzend. „Weswegen bin ich hier? Du erwartest doch nicht, dass ich mir jetzt noch deinen Bericht anhöre?“

„Meinetwegen.“ Die Worte hallten im Raum wider, in dem jedes andere Geräusch verstummt zu sein schien. Hinter mir stand Tadurial, ohne Zweifel. Er hatte es sich tatsächlich nicht nehmen lassen, einen eindrücklichen Auftritt hinzulegen. „Xelus wollte dir mitteilen, dass ich zurück bin.“ Und damit hatte ich erfüllt, weswegen ich noch anwesend gewesen war. Die beiden Männer redeten in einer Tour, tranken mir meinen Vorrat leer und hatten irgendwann zu johlen begonnen.

Ich leerte meinen ersten Humpen und stand auf. „Ich werde mich jetzt nach meinem Schützling sehen und mich anschliessend um den Bericht kümmern, die Herren.“ Ein gemütliches Bad, dann der Bericht und dann legte ich mich zu Rjna und hielt sie im Arm, korrigierte ich für mich. Denn sie schlief deutlich besser, wenn ich sie hielt. Ruhiger. Die Albträume blieben fern. Am Morgen hatte sie einen Hang zur Klaustrophobie. Aber auch das war in Ordnung so. Es würde besser werden. Hauptsache, sie begann, mir zu vertrauen. Die Distanz, die ich gefühlt hatte, als sie sich im Grenzdorf im Badezimmer eingeschlossen und einfach nicht reagiert hatte, war unerträglich gewesen. Und dann noch dieser markerschütternde Schrei. Ich hatte mich dermassen hilflos, verzweifelt und unfähig gefühlt. Ich hatte nichts tun können, um sie zu trösten, denn sie hatte mich von sich gestossen.

Meinetwegen durfte sie alles machen. Sie könnte mich sogar um meinen Ruf bringen und es wäre mir gleichgültig. Hauptsache, sie schloss mich nicht aus, wenn es ihr schlecht ging. Das hielt ich nicht aus. Mein Instinkt erlaubte mir nicht, zuzusehen, wie sie litt.

„Sehen!“, grölte Emil und Tadurial stimmte in sein Lachen mit ein. „Viel Spass dabei, nach deinem Schützling zu sehen! Schütz sie mit deinem Speer, so du es denn vermagst!“ Emil brach in brüllendes Lachen aus, während mir allein bei der Vorstellung, mich Rjna ungebührlich zu nähern, alle Gesichtszüge entglitten. Emil schlug Tadurial auf die Schulter, sodass dieser unter dem starken Schlag fast zusammenbrach, und griff bereits wieder nach seinem Humpen.



Ich drehte mich um und ging zur Treppe, die mich in den ersten Stock und damit in meine Gemächer führen würde. Ich hatte das dringende Bedürfnis, mich zu waschen.

„Junge!“, rief mir die höchst beschwipste, tiefe Stimme Emils hinterher, der aufgestanden und mir hinterher getorkelt war. „Morgen dann die Besprechung …, du weisst schon.“ Er strich sich durch die Haare. Die andere Hand suchte irgendwo Halt, um den Vampir, an dem sie gezwungenermassen klebte, auf den Beinen zu halten. „Und bring das Mädchen mit, zu dem du dich gleich legst!“ Er gluckste, stolperte und stützte sich schliesslich am Türrahmen zum Wohnzimmer ab. „Den Bericht und … und das Mädchen, genau! Dann kannst du mir alles erzählen. Alles … was ihr erlebt habt und … so. Genau …“ Als hielte er noch einen Humpen in der Hand, hob er sie und prostete mir zu, wobei sowohl Humpen als auch das Met darin fehlten.

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