Kapitel 28 – Niemals wieder
Kapitel 28 – Niemals wieder
Aurelie
Das freundliche Bauernpaar und ihr ältester, erwachsener Sohn hatten uns eingeladen, mit ihnen am abendlichen Feuer zu sitzen. Eine Tradition, wie es schien. Und so kam es, dass mich Cyrus einfach wie selbstverständlich an sich gezogen hatte, sodass ich nun zwar nicht auf ihm, aber doch immerhin an ihn angelehnt auf dem bequemen Sofa saß und ein wohliges Seufzen unterdrücken musste.
Der Kamin spendete Wärme und tauchte den Raum in beruhigendes, flackerndes Licht. Das Bauernpaar saß kuschelnd in einem ausladenden, großen Sessel; neben mir hatte sich Emili niedergelassen, neben ihr wiederum der älteste Sohn der Familie. Die beiden unterhielten sich leise, was mich irgendwie überraschte. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass Emili sich freiwillig mit Fremden unterhalten würde. Generell war sie doch eigentlich eher die zurückgezogene Art Mensch? Vor allem wohl aufgrund ihrer unergründlichen Fähigkeiten.
Wie sein Vater war der Sohn der Familie großgewachsen, breit gebaut und trug einen wilden Bart. Irgendwie erinnerten mich beide Männer an Alof. Ob wohl alle Männer hier im Osten solche Bärte trugen?
Neugierig drehte ich meinen Kopf in Cyrus‘ Richtung. Seine Arme lagen um meinen Oberkörper herum; mit seinen Händen streichelte er mir liebevoll über den flachen Bauch, aus dem ein regelmäßiges, kräftiges Pochen die Existenz des Wunders in mir bestätigte und jedem, der es hören konnte, verkündete, dass ein Thronfolger auf dem Weg war.
Es fühlte sich an, als befände ich mich in einer Blase. Alles war perfekt. Cyrus‘ Arme lagen schützend um mich herum, ich lehnte mich an ihn an und wir stritten nicht. Ich fühlte mich vollkommen. Tief in mir drin war mir bewusst, dass ich diesen Traum irgendwann wieder verlassen musste, dass ich mit ihm darüber sprechen musste, dass er uns verlassen wollte. Aber nicht jetzt. Für den Moment genoss ich einfach diese Nähe, die bei uns viel zu selten vorkam und mir doch so viel gab.
„Hattest du auch einmal einen Bart?“, flüsterte ich neugierig.
Cyrus hob die Augenbrauen, grinste und nickte. „Ja, als ich jünger war. Aber nur einen kurzen. Ich fand damals, ich würde damit erwachsener aussehen.“ Er rieb sich über die Bartstoppeln an seiner Wange. „Mittlerweile brauche ich keinen Bart mehr, um männlich auszusehen.“
Ich gluckste leise. „Natürlich“, stimmte ich schmunzelnd zu. „Du bist durchweg die Männlichkeit in Person.“ Auch wenn ich es als Scherz gemeint hatte, zog sich meine Mitte bei diesen Worten erwartungsvoll zusammen. Und der Gedanke, er könnte seine Männlichkeit beweisen wollen, versetzte mich in einen Zustand der reinen Wollust.
„Oh, ich weiß.“ Sein Grinsen verrutschte für einen Moment und seine Arme zogen mich näher. „Wie findest du es hier?“
Langsam und möglichst unauffällig drückte ich meine Beine zusammen und scholt mich für die Feuchtigkeit zwischen ihnen. „Schön. Sehr gemütlich. Und herzlich.“ In einem Versuch, meinen Körper zu beruhigen, drückte ich meine Nase an seine Brust. Ein Fehler, denn sein Geruch schmälerte meine Lust kein Stück.
„Sie haben auch Honig“, raunte er mir leise ins Ohr.
Vergessen war meine Lust. „Wo?“, fragte ich laut, kerzengerade auf dem Sofa sitzend.
„In der Küche. Die Bäuerin hat es mir vorhin gesagt. Sie gibt dir sicher etwas davon.“
Etwas? Eine Augenbraue angehoben, blickte ich zu ihm runter. Denn er saß noch immer entspannt auf dem Sofa und hatte ein leichtes Schmunzeln auf den Lippen. Schnell wandte ich mich an die Bäuerin: „Darf ich bitte den Honig haben? Ich kann nicht versprechen, dass es nachher noch hat, aber es würde uns sehr glücklich machen!“
„Ah, der Honig, natürlich! König Cyrus hat bereits erwähnt, dass Ihr eine Schwäche dafür habt.“ Die Frau des Hauses stand auf und verschwand schmunzelnd in der Küche. In der Zwischenzeit legte ihr Mann Holz im Kamin nach.
„Warum braucht ihr nur zwei Zimmer?“, fragte der älteste Sohn des Bauernpaares.
„Naja …“, setzte ich zögerlich an. „Grigoroi schlafen nicht. Und Emili, Cyrus und ich passen in zwei Zimmer.“ Blieb die Frage nach der Aufteilung. Sollte ich bei Emili schlafen? Vermutlich war das, auf unseren Ruf bezogen, keine gute Idee. Aber sowieso zog es mich gerade viel eher zu Cyrus hin. Wie oft hatte ich überhaupt schon die Nacht mit ihm verbracht? War es möglich, dass wir öfter zusammen gekuschelt und geschlafen hatten, als ich noch ein Kind gewesen war? Denn ich erinnerte mich nur an ein- oder zweimal, die ich in seinem Bett geschlafen hatte. Seitdem ich erwachsen war.
„Oh, das sind Erschaffene, verstehe. Ich habe mich schon gefragt, wieso nur so wenige mit uns gespeist haben.“ Der junge Mann wandte sich Emili zu. „Willst du auch irgendwann verwandelt werden?“
Der Vater setzte sich wieder. „Solche Fragen stellt man nicht, Theobald.“
Emili schüttelte jedoch bereits den Kopf. „Nein. Ist schon in Ordnung. Ich werde keine Grigoroi. Mein Weg ist ein anderer.“ Sie lächelte und blickte entspannt in die Flammen.
Wehmut erfasste mich. Aurillia könnte und würde ich wahrscheinlich irgendwann verwandeln. Vorausgesetzt, sie wollte das. Aber Emili konnte ich nicht verwandeln. Sie würde altern. Und irgendwann unweigerlich sterben.
Die Bäuerin kam lächelnd mit dem Honig in der Hand zurück, einen Löffel anbei. Als sie mir beides in die Hand drückte, warf sie einen verheißungsvollen Blick auf meine Hand, die auf meinem Bauch lag, zwinkerte mir zu und erklärte, dass ich das Glas gerne auch mitnehmen dürfe, womit mein Abend gerettet war. Gemeinsam mit ihrem Gemahl verabschiedete sie sich gleich darauf: Sie würden sich schlafen legen.
Das Honigglas fest umschlungen, setzte ich mich zurück aufs Sofa.
„Naya? Ich gehe schlafen, bleibst du noch auf?“
„Jetzt schon?“ Ich seufzte. Dabei hatte ich noch gar keine Zeit gehabt, mich mit Emili zu unterhalten. „Gut, dann … schlaf gut.“
„Ich geleite die Dame gleich auf ihr Zimmer“, bot der Bauernsohn an. „So ersparen wir uns komplizierte Wegbeschreibungen.“ Er setzte ein keckes Lächeln auf und zwinkerte Emili verschmitzt zu.
Ich warf ihr einen warnenden Blick zu, der insoweit sagte: Sei vorsichtig. Und tue nichts, was ich nicht auch tun würde. Den zweiten Teil, so fiel mir dann aber ein, nahm sie besser nicht zu ernst. Nicht, wenn man bedachte, dass ich auf einem gewissen Ball letztens nicht unbedingt wählerisch gewesen war, was die Männerwahl anbetraf.
Schamlos setzte ich mich in den Schneidersitz und öffnete das Honigglas. Die hautengen Hosen von Darleen gefielen mir. Sie waren nicht zu groß, wie die von Cyrus, aber eben auch keineswegs so lästig wie ein Kleid. Damit eröffneten sich ganz neue Welten des Unanständig-Seins! Wie beispielsweise sich in den vollkommen verpönten Schneidersitz zu setzen, die Beine gespreizt. Ich ließ den Löffel achtlos liegen, tunkte meinen Finger in das süße Gelb und leckte ihn leise stöhnend ab. „Ich bin süchtig nach dem Zeug“, gestand ich meinem Gemahl, blickte aber nicht auf, denn mein Finger war bereits wieder auf dem Weg ins Glas.
„Ja, ich sehe es. Aber könntest du bitte den Löffel nehmen?“ Er seufzte tief und setzte sich etwas weiter von mir weg. Aber nicht zu weit weg. Unsere Knie berührten sich noch immer.
Ich hielt inne und sah von meinem Finger zu ihm auf. „Aber wieso? Mein Finger ist jetzt schon nass, das wäre doch absolute Verschwendung? Außerdem hat sie gesagt, wir dürfen ihn mitnehmen!“ Demonstrativ tunkte ich meinen Finger wieder ein, rührte darin herum und steckte ihn mir in den Mund.
Cyrus‘ Augen wurden dunkel. Er nahm mir das Glas weg, stopfte Zeige- und Mittelfinger in hinein und hielt es mir dann an die Lippen.
Plötzlich wurde mir ganz anders. Mein Atem wurde schneller und schwerer, mein Leichtsinn verflog und ich erkannte, was mein Verhalten bei ihm bewirkt hatte. Ein paar schnelle Atemzüge vergingen, ehe ich mich mit meiner Zunge vortastete und so anfing, seine Finger abzulecken. Herausfordernd sah ich ihm in die Augen.
„Ich weiß nicht, ob das wirklich so eine gute Idee ist, Nay.“
Als er Anstalten machte, mir seine Finger zu entziehen, umfasste ich schnell sein Handgelenk. Jetzt stülpte ich meine Lippen über seine Finger und lutschte auch den Rest des Honigs ab. Er hatte die Wollust in mir heraufbeschworen. Jetzt einen Rückzieher zu machen, wäre gemein. Außerdem … Ich entließ seine Finger meinem Mund und rutschte näher. „Ich bin doch schon schwanger“, raunte ich und platzierte einen Kuss auf die Innenfläche seiner Hand. „Was hätte passieren können, ist schon passiert.“ Ein zweiter Kuss fand seinen Platz an seinem Handgelenk, ein dritter am unteren Unterarm, ein vierter in seiner Halsbeuge.
„Nay…“ Er stöhnte leise auf und rang sichtbar mit sich. „Ich dachte, du willst … aus anderen Gründen nicht …“ Sanft legte er seine Hände an meine Wange und brachte mich dazu, ihn anzusehen.
„Wieso?“
„Weil es dich erinnert. An die Momente, wo ich dich mit Gewalt…“ Er brach ab und seufzte tief. Zärtlich strich sein rechter Daumen über meine Wange. „Ich dachte, du hasst es, mit mir zu schlafen.“
Besorgt runzelte ich die Stirn. Wieso dachte er das? „Nicht doch …“, murmelte ich. „Die letzten Male waren sehr schön.“ Ich legte meine Hand über seine an meine Wange und küsste noch einmal seine Handinnenfläche. „Sonst wäre ich nicht in dein Bett gekommen, Cyrus.“
„Ich dachte, das war nur aus der Not heraus. Weil die Hand nicht mehr reichte …“ Cyrus schloss die Augen und atmete tief durch.
Meine Mundwinkel zuckten. „Glaub mir, ich habe mich mit Lyssa schon ganz gut arrangiert.“ Leise seufzte ich. „Nur, als ich gemerkt habe, dass meine Blutung nicht mehr gekommen ist, habe ich Panik bekommen, dass ich vielleicht … in anderen Umständen sein könnte. Und da wollte ich, dass du nicht mehr in mir …, weil ich … mich noch nicht dafür bereit gefühlt habe. Und bei aller Unwahrscheinlichkeit hast du es trotzdem irgendwie geschafft!“ Ich knuffte ihn in die Seite und fügte ein leises: „Idiot“, an.
Jetzt waren es seine Mundwinkel, die zuckten. Erst nur leicht, dann immer mehr, bis er anfing zu lachen. Ein leises, erleichtertes Lachen. „Dann hätte ich ohne deine Schwangerschaft also Jahrzehnte warten müssen, bis ich das hier tun darf?“
„Ich weiß nicht …“ Ich legte meinen Kopf an seine Schulter, sah ihm aber weiterhin in die Augen. „Du hättest einfach darauf eingehen können, als ich dich darum gebeten habe, deinen Samen nicht in mir zu ergiessen.“ Und auch mindestens eine Entschuldigung war er mir schuldig geblieben. Zuallererst dafür, dass er sein früheres Verhalten als gerechtfertigt dargestellt hatte. „Hast du dich wirklich im Recht gesehen?“, fragte ich leise, den Blick mittlerweile auf seine Brust gerichtet. „Ich meine, denkst du immer noch, dass, was du getan hast, richtig war? Mich gegen meinen Willen…“ Ich schluckte und verbot mir den Gedanken. Ich wollte die Blase nicht jetzt schon platzen lassen. Ich wollte – nur noch ein wenig länger – meinen Mann genießen, ohne immer streiten zu müssen. „Vergiss es.“
„Nay, sieh mich an.“ Er legte eine Hand unter mein Kinn. Seine Lippen küssten zärtlich meine Nasenspitze. „Es tut mir leid, Nayara. Es tut mir so unendlich leid. Ich wollte dir nicht wehtun. Nie. Und trotzdem habe ich so unsägliches Leid über dich gebracht.“ Cyrus legte seine Stirn an meine. „Es wird nie wieder geschehen. Niemals wieder.“





















































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