Kapitel 28 – Überleben

Kapitel 28 – Überleben

 

Aurelie

Ich hatte lange nicht mehr so gut geschlafen. Und ich hätte auch noch weiter schlafen können, wäre da nicht das unheilverkündende Knarren einer sich öffnenden Tür ertönt. Noch tiefer mumelte ich mich in die warme Decke ein. Der Boden war hart, aber hinter mir und um mich herum, war es warm. Warm und weich, so weich, so …

„Das glaube ich jetzt nicht“, hörte ich es murmeln. „Der Mensch lebt ja noch.“ Lebt noch. Wunden. Trinken. Blut. Meine Fänge schossen hungrig vor, was mich zu einem erschrockenen Keuchen veranlasste. „Und die Frau kaum mehr“, grummelte eine andere Stimme.

„Will sie sich jetzt etwa zu Tode hungern?“ War da Sorge in der Stimme zu vernehmen?

Maulend wurde erwidert: „Müssen wir sie jetzt auch noch zum Trinken zwingen?“

„Sie darf noch nicht sterben. Er will das Kind“, entgegnete der andere in gelangweilter Tonlage.

„Aber sie müsste doch ausgehungert sein. Und sie ist jung. Wir haben ihm doch extra ein paar Wunden…“

„Idiot, das bringt auch nichts, wenn sie entschlossen hat, sich umzubringen. So dumm diese Entscheidung auch sein mag. Da ist sie schon schwanger, erfüllt ihren Lebenszweck und will das Kind nicht einmal mehr zur Welt bringen.“

Ein ohrenbetäubendes Klirren ging durch den Käfig, welches mich angsterfüllt zusammenzucken ließ. „Bitte nicht“, wimmerte ich leise und krallte mich an die Wärme. Sie durften sie mir nicht wegnehmen! Das wäre grausam. Mir war so kalt.

Tatsächlich wurde der Mann von mir weggezerrt. Rolf stöhnte unter Schmerzen auf. Kurz darauf war er derjenige, der bettelte und flehte.

„Sei still, Mensch!“, knurrte einer der Eindringlinge. „Wenn du Glück hast, kriegst du noch nen Steifen, während du krepierst!“

Kurz darauf erfüllte der Geruch von Blut den Raum mit einer ungeheuren Intensität, begleitet von einem gurgelnden Geräusch. Ich wurde an den Haaren aus meinem Käfig gezogen. Abwehrend hielt ich eine Hand vor mein Gesicht, die andere Hand drückte ich schützend vor meinen Bauch.

„Ach du Scheiße! Hast du schon mal so lange Fangzähne gesehen?“, entfuhr es einem der Männer.

Wieder ein Gurgeln; ein verzweifelter Versuch, Luft zu holen. Dann wurde mein Kopf mit Gewalt nach unten gedrückt. Der Blutgeruch stieg mir direkt in die Nase. Es musste direkt vor mir sein. „Jetzt trink schon! Der Kerl ist sowieso gleich tot.“



„Nein!“, schrie ich verzweifelt, meine Stimme schrill und krächzend, und versuchte, nach einem der beiden Männer zu schlagen. Den Kopf drehte ich zur Seite. Ich wollte sein Blut nicht trinken! Noch einmal röchelte es gluckernd. Das Geräusch war eine Darstellung reinster Grausamkeit. „Er hat Familie!“, warf ich den beiden Monstern kreischend vor Hysterie vor.

„Dann holen wir die auch noch her, wenn du jetzt nicht trinkst!“, knurrte einer der Männer. Der Griff in meinem Haar wurde fester. Fremde Finger schmierten mir etwas Warmes, Nasses auf die Lippen.

Mein Atem stockte. Ohne dass ich es wollte, schnellte meine Zunge vor, kostete das verbotene Blut des Unschuldigen und brachte mein Herz zum Rasen. Schnell schlug es in meiner Brust, drängte meinen Atem zu beschleunigen und wischte jede Hysterie von mir. In diesem Moment schrumpfte meine Welt, wurde so klein, dass ich nur noch eines wahrnahm. Einen schnellen Herzschlag, mein Kind. Einen etwas langsameren, jedoch rasenden, den meinen. Den sterbenden, Rolfs. Und dann die, die wirklich verführerisch waren. Zwei konstante, stark schlagende Herzen, die in langsamem Takt, aber stark wie zehn Pferde zugleich, eine ganze Menge leckeres, saftiges, vollmundiges Vampirblut durch die Adern der beiden monströsen Männer pumpten.

Zögerlich beugte ich mich ein Stück vor, berührte Rolfs Haut und platzierte sorgsam meinen Biss. Töten, dachte ich. Möglichst schnell, möglichst schmerzlos. Die Geräusche ließen einzig den Schluss einer aufgeschlitzten Kehle zu. Lange hätte er so oder so nicht mehr zu leiden, aber mit meinem Gift … dürfte es schneller gehen. Einen Herzstillstand aufgrund von zu großen Mengen meines Giftes. Es war die letzte Gnade, die ich ihm erweisen konnte.

Als Rolfs Körper unter mir erschlaffte, löste ich meine Fänge aus seiner Haut. Traurigkeit spülte in einer Woge über mich hinweg, drang aber nicht wirklich bis zu mir durch. Mein Verstand wurde verdrängt. Der Blutdurst hatte ihn tun lassen, was ihm wichtig gewesen war. Jetzt wollte er Blut.

Kniend vor der Leiche eines Freundes sah ich auf. Zwar war ich blind, aber das bedeutete nicht, dass meine Augen nicht dennoch Blitze schießen konnten. Vor Wut. Vor Hunger. Vor Gier.



„Er war nicht gut im Bett“, klagte ich trotzig. Jedes Gefühl von Scham hatte ich abgelegt. Theatralisch seufzte ich. „Dabei wäre ich doch so willig.“ Leicht drückte ich meine Unterlippe heraus, während ich mit meiner rechten Hand zögerlich damit begann, meine linke Brust zu streicheln.

Ich hatte Hunger. So unendlich großen Hunger! Von Rolf hatte ich nicht getrunken. Das hatte ich ihm versprochen. Zudem hatte es Anstrengung erfordert, in meinem Zustand noch mein Gift zu injizieren.

„Bist du blöd, oder was?“, knurrte einer der Männer. Ich spürte und hörte, dass er Rolf trat. Noch immer rann Blut aus seiner Kehle. „Du stinkst. Frau hin oder her, denkst du wirklich, wir wollen dich ficken?“

„Also wenn du nicht willst“, meinte der andere, dessen Hand sich in meinem Haar festgekrallt hatte und gar nicht mehr loslassen wollte.

„Die ist doch schon fast tot. Das kann keinen Spaß machen …“

Mein Kopf wurde angehoben, kurz darauf spürte ich den Atem eines Mannes in meinem Gesicht. „So schlecht sieht die gar nicht aus. Und wenn ein Fick ihr letzter Wunsch ist …“

„Ja …!“, keuchte ich. Mein Körper war alles andere als erregt, aber sicherlich sah man meine harten Brustwarzen durch den dünnen Stofffetzen, den sie mir gelassen hatten, hindurch. Es war nun mal kalt hier unten! „Und wenn …“ Ich biss mir auf die Lippe. „Wenn ich etwas Wasser bekäme … und vielleicht einigermaßen regelmäßig zu essen, könnte das auch mehr als einmal Spaß machen!“ Mir wurde an den Haaren gerissen, meine Kehle freigelegt. Mühsam schluckte ich die Panik herunter. „Ich bin es gewohnt, zwei Männer zu nehmen! Wir können uns richtig austoben!“ Ich musste wieder zu Kräften kommen, und ohne Nahrung würde das schwierig werden. Auch wenn mir davor grauste, dafür mit meinem Körper zu bezahlen.

„Zwei Männer, ja?“ Seine Lippen waren nun direkt vor meinen. Ich konnte seinen Atem riechen. Minze und Honig. Mein Magen knurrte.

Der Mann vor mir ließ mich los. „Schön, wenn du das so dringend brauchst …“

„Willst du ihr jetzt wirklich zu essen geben?“

„Ja, natürlich. Du hast ihn doch gehört. Sie soll das Kind austragen. Und das heißt, sie darf uns nicht vorher wegsterben.“

Ihre Schritte entfernten sich. „Hätten wir sie dann nicht schon früher füttern müssen?“ Die Tür knarrte; die Scharniere quietschten. Die gefolgte Antwort wurde von den Geräuschen verschluckt. Sie waren fort. Und ließen mich mit Rolfs Leiche zurück.



Kraftlos stützte ich mich auf. Sie hatten mich nicht wieder in den Käfig eingesperrt. Ich war draußen. Naja, im Raum. Eine Hürde weniger! Wenn ich jetzt fliehen würde … das könnte klappen. Nebst dem, dass ich weder wusste, wo ich war, noch, wie man hier herauskam. Einzig Rolfs Anwesenheit deutete darauf hin, dass ich mich im Schloss befand. Dem Ort, der in der Theorie, mein Zuhause war.

Ich war hin- und hergerissen. Ich konnte Rolf nicht einfach hier zurücklassen! Ich war schon auf halbem Weg zur Tür, als ich, einen wütenden Schrei ausstoßend, wieder kehrtmachte und mich erneut auf den Boden niederließ und nach Rolfs Körper tastete. Zitternd griff ich nach seiner leblosen Hand. „Was soll ich nur tun?“, schluchzte ich leise. „Der Durst bringt mich um! Und der Hunger! Und was ist mit meinem Kind? Was wollen sie von meinem Kind?!“ Erneut schluchzte ich auf. Ein langes, klagendes Geräusch, welches selbst die Ratten dazu brachte, sich schnellstens in Sicherheit zu bringen. Ja, selbst Ratten wäre ich momentan bereit, zu verspeisen.

 

„Die ist ja nicht mal raus!“

Erschrocken zuckte ich zusammen. Ich hatte ihre Schritte nicht gehört. Das Knarren der Tür nicht vernommen!

„Also ist sie nicht nur blind, sondern auch noch dumm.“ Hallende Schritte kamen neben mir zum Stehen. Der Geruch von Gebratenem ließ mich den Kopf heben, die Augen aufgerissen und die Nasenflügel geweitet. „Hier, eine Gänsekeule.“ Etwas Warmes wurde mir in die Hand gedrückt. „Und Bier.“ Kurz darauf wurde mir ein Humpen in die andere Hand gegeben.

„Wenn du aufgegessen hast, hole ich dir noch Wasser, damit du dich waschen kannst.“

„Das ist äußerst freundlich.“ Ich schluckte. „Danke.“ Und nach dem Waschen wollte er sich an mir vergehen. Jeder Hunger verging mir bei diesem Gedanken. Doch ich musste mich besinnen. Es wäre nicht das erste Mal, dass ich einem Mann unfreiwillig beilag. Es war nicht schön, das sicher nicht. Aber es brachte mich auch nicht um.

Ich zwang mich, zu essen und zu trinken, bis ich den Humpen schließlich kopfüber über meinen geöffneten Mund hielt, und das so lange, bis kein Tropfen mehr herauskommen wollte. Ich musste in einen Rausch gefallen sein, denn derweil kam einer der Männer bereits wieder mit einem Kessel Wasser, in dem es leise plätscherte. So viel dazu, dass er warten wollte. Am Ende sollte ich mich noch direkt vor ihnen waschen – allein beim Gedanken kam mir das Essen fast wieder hoch.



Ich mahnte mich. Ich war schwanger. Ich musste richtig essen, richtig trinken, ansonsten überlebte mein Kind das nicht. Und wenn ich es nicht totgebären wollte, wie Irina Avino, dann musste ich alles dafür tun, dass es dem Kleinen gut ging. Wie es mir erging, war schlussendlich egal. Es musste überleben. Mein Kind musste überleben!

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