Kapitel 27 – Bereit zur Revolte
Kapitel 27 – Bereit zur Revolte
Cyrus
Noch am Tag unserer Rückkehr zum Hof waren wir weitergereist, zurück in den Unterschlupf, der uns nun schon seit beinahe einem Jahr als zu Hause gedient hatte. Die drei Palastwachen und Graf Targes begleiteten mich. Gilead blieb bei Lyssa und seiner Schwester, die vorerst auf dem Hof bleiben wollten.
Wie sehr hoffte ich, dass ich Nayara im Heiligtum, im Haus der Götter, finden würde? Oder zumindest Aurillia, die ebenfalls wie vom Erdboden verschluckt und vermutlich mit Nay fortgegangen war? Aber tief in mir spürte ich, dass es mich nicht dorthin zog. Alles in mir wollte zum Schloss. Nicht, um Rache zu nehmen, wie Graf Targes. Nein, ich spürte, dass Nayara dort war. Ich spürte, dass die litt.
Am späten Abend erreichten wir das seltsame Gemäuer, das uns so lange schon eine Bleibe war. Wir nahmen die letzten Vorräte, bereiteten damit eine Mahlzeit zu und gingen nach dem Essen wieder auseinander. Zu schwer lagen einem jeden die Erinnerungen an die Frauen in diesem Keller noch im Magen. Das Grauen, das sie dort erlebt hatten. Ich sah Targes nach. Es fraß ihn innerlich auf. Zu wissen, dass sich diese elenden Bastarde an seiner Enkeltochter vergriffen hatten. Mehr noch, als der Verrat an Nayara und mir – der sich als völlig unnötig entpuppt hatte. Er hatte weder seine Frau noch sein geliebtes Enkelkind dadurch retten können.
Auch ich zog mich zurück. Allerdings nicht in das Zimmer, das Nayara und ich uns geteilt hatten. Es roch noch nach ihr und der Schmerz, sie nicht bei mir zu haben, war beinahe körperlich spürbar. Er nahm mir beinahe die Luft zum Atmen. Meine Schritte führten mich in den großen Raum mit den Podesten. Das größte Podest, auf dem Ignis-Robur erschienen war, mied ich. Der Drache würde mir nicht helfen. Auch mein Gott konnte es nicht. Aber Vide-Ludoris, der Gott der Sicht und Weisheit, konnte es. Er konnte mir den Weg weisen, den ich zu gehen hatte. Daher trat ich auf das kleinste Podest zu und sank davor in die Knie. Ich hatte kein Blut, um ihn zu rufen, und wollte es auch nicht erzwingen. Nichts läge mir ferner, als den Zorn eines Gottes auf mich zu ziehen.
Nur der Schein meiner Kerze erhellte spärlich das Podest vor mir. Die Fackeln waren nicht mehr angegangen. Wahrscheinlich, weil Nayara nicht mehr hier war. Ich schloss meine Augen. Vide-Ludoris. Ich brauchte seinen Rat. Und so betete ich. Stumm, ergeben und demütig. Ich bat um seine Hilfe, immer und immer wieder. Meine Knie begannen zu schmerzen, doch ich ignorierte es.
„Bitte, Vide-Ludoris! Es sterben Menschen! Kinder! Unschuldige!“ Ich konnte nicht sagen, wann mein stilles Gebet in lautes Bitten übergegangen war. Mir schien, dass ich schon seit Stunden hier kniete und immer wieder dasselbe sagte, nur mit anderen Worten. „Ich flehe Euch an! Sie ist mein Weib! Mein Leben! Mein Ein und Alles!“ Die Kerze ging aus. Sie war heruntergebrannt. Hunger und Durst quälten mich, aber ich ignorierte sie, wie ich auch die Schmerzen und die an mir nagende Müdigkeit ignorierte. „Ich brauche Eure Hilfe!“ Ich fühlte mich erbärmlich. Erniedrigt. Verzweifelt. In mir war schon lange keine Demut mehr, sondern pure Hoffnungslosigkeit. Und in diesem Moment erkannte ich, dass mein Glaube an die Götter nie besonders stark gewesen war. Selbst dann nicht, als ich Ignis-Robur aus dem Ei schlüpfen sah. Oder beobachtet hatte, wie die Götter höchstselbst am Flussufer gestanden hatten. Warum also sollten die Götter uns helfen? War es nicht einfacher, diese Welt zu zerstören und neu aufzubauen? Ohne Neid und Gier?
Immer mehr sackte ich in mir zusammen. Nayara wurde das Augenlicht genommen. War es nun meine Strafe, dass sie mir genommen wurde? War es meine Schuld, dass ich unser Kind niemals kennenlernen würde? Denn wer immer Nayara in seiner Gewalt hatte, ich glaubte mittlerweile fest daran, dass dieses Kind überleben würde. Auf Nayara und mich wartete der Tod.
„Dann soll es so sein“, murmelte ich erschöpft. „Ich hoffe, unser Kind wird eine Zukunft haben. Das ist es, wofür ich beten will. Das ist mein Wunsch.“ Nur mühsam stand ich auf. Die erloschene Kerze nahm ich mit mir. Kaum hatte ich mich umgedreht, entflammten plötzlich alle Fackeln. Erstarrt blieb ich stehen und drehte den Kopf, ganz langsam nur, herum.
„Vide-Ludoris.“
Der Gott sah aus wie wir Vampire, hatte jedoch blau-grünes Haar und weiße Augen. Seine Figur war schlank; hinter ihm ragten durchsichtige, libellenartige Flügel hervor. Sein Gesicht war schmal und mit weißen Linien durchzogen, die schwach zu leuchten schienen. Ein fremdartiges Wesen und dennoch wunderschön anzusehen. Ihn umgab ein Glanz, ein Strahlen, das ihn übermenschlich schön wirken ließ. Eine porzellanartige Haut spannte sich über den agilen Körperbau, der trotz schmächtiger Statur weitaus kraftvoller wirkte, als mein eigener. Einzig die pupillenlosen Augen wirkten gewissermaßen verstörend, wie sie so auf mich hinabblickten. Und das hochnäsige Grinsen auf seinen Lippen, sandte mir Schauer über den Körper.
„Hallo, kleine Maus. Du hast gefleht. Gebettelt.“ Sein Grinsen wurde breiter. „Ora-Fides ist vor Neid geradezu erblasst, so lange rutschst du schon vor mir auf Knien.“
Meine Gesichtszüge froren ein und eine Welle der Wut spülte über mich hinweg. Die Arroganz in seinem Blick. Die Schadenfreude. Ich riss mich zusammen. Mühsam unterdrückte ich den aufwallenden Zorn in mir. Ich zwang mich, ruhig zu bleiben, sachlich. Schluckte meinen Stolz und den Rest meiner Würde hinunter. Demütig senkte ich den Blick und verneigte mich. Tief. „Ich brauche Eure Hilfe, Vide-Ludoris. Ich muss meine Frau befreien, unser Volk in die richtige Richtung führen und den Menschen ein würdiges Leben in unserer Mitte ermöglichen. Aber das schaffe ich nicht ohne Euch.“
Das höhnische Grinsen auf seinen Lippen binnen einer Sekunde. „Ihr seid dermaßen unverschämt. Die Zeit, in der wir euch zur Seite standen, hat geendet, als eure Vorfahren beschlossen haben, uns einen aus unseren Reihen zu entreißen! Sie haben das Geschenk unserer Anwesenheit und unsere Güte, unsere Kräfte, die wir mit ihnen teilten, mit Füßen getreten und Verrat an uns begangen!“ Die engelgleiche Stimme war zu einer regelrechten Kakophonie aus schrillen, ungleichen Tönen geworden. Das hier war ein Gott. Und so menschlich er auch schien, er war es nicht. Die Töne, die er ausstieß, sie hatten nichts Menschliches mehr, aber auch als animalisch konnte man sie nicht bezeichnen. Sie waren hoch, verzerrt …
Auf einmal war es still. Ein geradezu gütiges Lächeln hatte den Platz der vor Kälte klirrenden und Bosheit ringenden, verzerrten Maske, die sich eines Gottes Gesicht schimpfte, eingenommen. „Aber ich werde dir helfen. Denn wir Götter sind gütig. Wir füttern unsere Mäuschen, wenn sie so demütig quieken. So nimm dies als Geschenk!“
Und was folgte, raubte mir beinahe den Verstand. Die Götter waren noch so viel schlimmer als irgendwelche alten Kräuterhexen. Man hätte meinen können, sie waren deren Vorbilder.
Und mit engelsgleicher Stimme, begann der Gott vorzutragen:
„Mit gebrochenen Herzen
ist nicht zu scherzen.
In unwissender Dunkelheit
ist Eifersucht gereift.
Es lockt die Gier nach Macht
bei Tag und auch bei Nacht.
Verzicht ist keine Schwäche
Hör hin, wenn ich spreche.
Sei im Herzen rein
erspare anderen die Pein.
Gib zurück, was du erhalten hast
und teile deine schwere Last.“
Ich starrte das Wesen vor mir an. Diesen Gott. Dieses unglaublich mächtige Wesen. Er konnte normal reden. Und trotzdem warf er mir dieses Gedicht voller Rätsel hin, das keinen Sinn ergab. ‚Sei im Herzen rein, erspare anderen die Pein. Gib zurück, was du erhalten hast…‘ Was sollte das heißen? Gib die Krone ab und bleibe ein braver, umsorgender Gatte und Vater? Denn die Krone weckte nur die Gier nach Macht. Und da war noch irgendwas mit ‚in Dunkelheit…‘
Vide-Ludoris verschwand und ließ eine noch größere Leere zurück als überhaupt möglich. Tausend Fragen ließen mich starr in den wieder dunkel gewordenen Raum hineinstarren, regungslos und apathisch. Am schlimmsten fand ich, dass die Götter uns zürnten. Seit Jahrtausenden! Sie straften uns für das, was unsere Vorfahren getan hatten. Für etwas, woran sich kein Vampir erinnern konnte. Etwas, das nirgendwo festgehalten worden war. Niemand wusste, dass dieses Unrecht jemals geschehen war. Wie also hätte man es wieder gut machen können?
Ich verließ diesen Raum. Mehr stolpernd, als gehend, denn meine Knie waren vollkommen steif. Mein Rücken schmerzte und mein Magen knurrte. Als ich in der Küche ankam, starrten die Männer mich völlig überfordert an.
Almond fand als Erster seine Stimme wieder. „Wir dachten, Ihr seid schon weg, Majestät. Wir wollten gleich morgen früh los.“
Graf Targes musterte mich von oben bis unten. An meinen Knien blieb sein Blick etwas länger hängen. „Wir haben die Pferde besorgt, wie auf der Reise besprochen.“
„Sehr gut“, entgegnete ich und stakste zu der Gruppe. Mit einem Mal verstand ich, warum Targes meine Beine so seltsam angesehen hatte. „Ich war beten und habe wohl die Zeit vergessen“, entschuldigte ich mich knapp.
„Ein paar Gebete schaden sicher nicht.“ Joe nahm eine Schüssel, schöpfte diese ordentlich voll und reichte mir diese mit einem Löffel. „Ich bin froh, dass die Zeit des Wartens vorbei ist.“
„Ich auch.“ Mit einem Nicken nahm ich die Schüssel entgegen und setzte mich zu meinen Männern. „Meine Berater sind mittlerweile sicher schon bei meiner Cousine. Und wie ich sie kenne, ist sie schon dabei, eine Armee aufzustellen.“
Im Morgengrauen ritten wir los. Dank der Pferde hatten wir das Schloss des Ostens bereits nach zehn Tagen erreicht. Und wie vermutet, hatte sie schon allerlei Männer mobilisiert. Rund um das Schloss waren Zelte aufgeschlagen, Männer trainierten mit dem Schwert oder Pfeil und Bogen.
Erstaunt glitt mein Blick über die Masse an Männern. Über einhundert mussten es sein. Und mitten unter ihnen stand Darleen, die mit einer Handvoll Untergebener sprach, Offiziere vermutlich.
„Darleen!“, rief ich bereits von Weitem, während wir auf sie zu ritten. Sie hatte ihre Haare in vielen, kleinen Zöpfen geflochten. Ihr wildes, kämpferisches Erscheinungsbild wurde abgerundet durch eine dunkle, enge Lederhose mit passendem Korsett, unter dem sie ein weißes Hemd mit ledernen Armschienen trug. Kurz vor ihr sprang ich vom Pferd und reichte Graf Targes die Zügel.
Ihre ernsten Züge erhellten sich, ehe sie mich wortlos in eine feste Umarmung zog und mich für eine ganze Weile gar nicht mehr loslassen wollte. „Dir geht es gut“, hörte ich sie leise gegen meine Brust murmeln.
Etwas pikiert sah ich zu ihrem Leibwächter, Alof, der mit seinen langen, roten Haaren und seinem wilden Bart wie immer ein eher raues Bild abgab, auf. Bei unserem letzten Aufeinandertreffen hätte ich ihn um ein Haar einen Kopf kürzer gemacht. Stoisch stand er neben meiner Cousine und sorgte dafür, dass ihr niemand zu nahe kam. Mir nickte er knapp zu.
Darleen löste sich langsam wieder von mir. „Ich habe dir zweihundert Mann. Manche mehr, manche weniger ausgebildet. Und nicht alle sind Vampire. Aber manche der Menschen werden dich mit ihrem Können überraschen.“
„Zweihundert Männer …“ Mehr, als ich zu hoffen gewagt hatte. Selbst ein Viertel davon wäre weit über meine Erwartungen gewesen. „Danke, Darleen. Ich wusste, dass ich auf dich zählen kann.“ Zuversichtlich ließ ich meinen Blick über die Männer gleiten, die motiviert zusammen trainierten. Mit diesem Trupp würde ich meine Ziele erreichen können.
Eine Hand legte sich auf meine Schulter. „Aber Cyrus“, Darleen sah mich ernst an: „Die anderen Fürstentümer werden wissen, dass ich aufgerüstet habe. Kretos hat es vermutlich längst gesehen und kennt den Grund, aber Andyr … könnte es falsch verstehen. Auch sie haben ihre Spitzel. Selbst an meinem Hof.“
„Dann weiß er, dass die Männer da sind, damit ich mein Schloss und die Krone zurückerobern kann.“ Mein Blick ging gen Westen. Dort, wo das Schloss des Goldenen Reiches liegen musste. Dort, wo ich Nayara noch hatte spüren können. Sie war noch dort. Irgendwo. Und ich würde sie finden.
Suchend sah sich Darleen um. Dann räusperte sie sich, die Augen zusammenkneifend. „Und wo ist dein Weib? Du weißt schon, die Frau, die mittlerweile ganz schön rund sein dürfte und dein Kind austrägt“, fügte sie grinsend an und trommelte mit ihren Fingern auf meiner Brust.
„Wir hatten uns getrennt …“ Ich seufzte tief und schüttelte leicht den Kopf. Diese Geschichte würde ich ihr nicht hier erzählen. Nicht jetzt. „Reden wir später unter vier Augen darüber.“ Mit einer Geste deutete ich auf die Männer. „Wann können sie aufbrechen?“
Meiner Cousine entglitten die Gesichtszüge. Und von der Vertagung des Gesprächs wollte sie absolut nichts wissen. „Wie jetzt? Sie ist schwanger! Du kannst doch nicht … ihr könnt euch doch jetzt nicht trennen!“
„Nicht hier und nicht jetzt!“, erwiderte ich zornig und wandte mich von ihr ab. Ich würde mich nicht vor den Augen der Männer, die sie zusammengetrommelt hatte und die unter meiner Führung kämpfen würden, mit ihr streiten.
Darleen zuckte zusammen und zog den Kopf ein. „Wie du meinst. Mein König.“ Ihr Ton wandelte sich von zurückhaltend, über spöttisch, zu befehlend. „Dann lass uns reingehen und die Dinge klären, Cousin! Jetzt. Oh, und die Männer sind abmarschbereit, sobald ich den Befehl gebe.“ Schnippisch drehte sie sich herum – wobei sie ihr Haar in einer einzigen Bewegung herumschwang, sodass die vielen kleinen Zöpfchen ihr um den Kopf peitschten – und ging in Richtung Schloss davon.



























































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