Kapitel 26 – Gefangen
Kapitel 26 – Gefangen
Aurelie
Finsternis, Dunkelheit, Stille und das all die Zeit. Es war feucht. In der Ecke des Raumes, in dem mein kleiner Käfig stand, tröpfelte Wasser die Wand hinab. Es roch nach Schimmel und alter, modriger Luft. Leise ächzend zwängte ich meine Hand durch das verformte Eisen, drückte sie in die seichte Wasserlache und zog sie hastig zurück. Getrieben von einer Gier, einem Durst, den ich schon lange, lange Zeit nicht mehr hatte ertragen müssen, leckte ich meine Hand schließlich ab. Ein leises Stöhnen bahnte sich seinen Weg durch meine Kehle. Einerseits erleichtert, andererseits gierend nach mehr, denn die wenigen Tropfen hatten meinem ausgedursteten Körper nicht genügt.
Die Gitterstäbe hatte ich ganz zu Anfang, als ich hier, in meinem beengenden, neuen Zuhause, wieder zu mir gekommen war, mithilfe meiner Kräfte verbogen. Meiner ausgesprochen eingeschränkten Kräfte. Dem winzig kleinen Fünkchen Magie, das ich in meiner Panik noch fähig gewesen war, zu mobilisieren. Ein Fünkchen, das die Göttin wohl übersehen hatte, als sie mir genommen hatte, was sie einst zu geben bereit gewesen war. Doch jetzt war es aus. Und alles, was ich damit erreicht hatte, war, mir Zugang zu einem kleinen Wasserfundus zu verschaffen, der mich aller Wahrscheinlichkeit bald schon krank machen würde.
Ich wusste nicht, wie es hier drinnen aussah. Ich wusste nicht, ob es irgendwo Licht gab. Für mich war alles dunkel. Monate schon lebte ich ohne Licht. Manchmal bildete ich es mir ein. Manchmal, vorwiegend in meinen Träumen, da sah ich strahlendes Sonnenlicht, leuchtend in allen Farben und scheinend so hell, dass man nicht anders konnte, als sich die Hand vor die Augen zu legen. Manchmal, da stellte ich mir Cyrus’ Gesicht vor, wenn er lächelte, wenn er mich schön nannte, wenn er mich ansah, mit all der Liebe in seinen Augen, die mein Herz beinahe platzen ließ.
Sicher lächelte er jetzt nicht. Vermutlich hatte er gespürt, dass etwas nicht stimmte. Oder auch nicht … Immerhin hatte ich mich schon vorher so schrecklich allein gefühlt. Vielleicht machte es keinen großen Unterschied. Ob ich jetzt wirklich allein war, oder mich nur so fühlte, es war doch dasselbe.
Ich hätte einfach warten sollen. Hätte mich damit abfinden sollen, als Weib geboren worden zu sein, und mein Schicksal akzeptieren müssen. Ich hätte niemals Königin spielen dürfen. Hätte mich nie in die politischen Angelegenheiten des Landes einmischen dürfen. Wieso hatte ich es nicht gemacht, wie all die Frauen zuvor? Wieso hatte ich nur immer mehr gewollt? Ich war dem Drang nachgegangen, anderen zu helfen, etwas zu erleben, mein eigenes Leben zu leben! Doch ich hätte es nicht tun sollen. Denn wäre ich einfach nur bei Kathia in der Küche geblieben …, hätte ich einfach weiterhin blind Kartoffeln geschält und mir dabei in die Finger geschnitten, so wie die Strafe der Göttin es mir abverlangte, dann säße ich auch jetzt noch dort. Dann wäre mein Kind in Sicherheit. Und Aurillia. Ich hatte keine Ahnung, was mit ihr geschehen war. Ich konnte nur hoffen, dass sie entkommen war.
Sicher war Cyrus mittlerweile zurück. Targes hatte seine Familie wieder in seine Arme geschlossen und kam wieder richtig auf die Beine. Und Cyrus … hielte mich jetzt im Arm. Oder würde mir die Seele aus dem Leib lieben. Oder mir zärtlich über den Bauch streicheln, so wie ich es jetzt gerade tat. Doch wäre er es, dann liefen mir keine Tränen die Wangen hinab. Wäre er es, dann wäre mir nicht so bitter kalt. Wäre er es, schlüge ich jetzt meine Zähne in seinen Hals, und wäre nicht dabei, hier einsam und allein zu verdursten.
Ich seufzte leise, klammerte meine Hände in meinen weichen, aber dicken Bauch und hielt mich an dem einzigen anderen Lebewesen hier fest. Das ewige Tröpfeln in der Ecke lud zum Versinken in Erinnerungen ein, doch der Durst holte mich immerzu wieder zurück. Gelegentlich wiegte mich das leise Plätschern in einen unruhigen Schlaf, doch auch dieser währte nie lange, denn ein verdurstender Vampir konnte nicht schlafen. Seine Instinkte ließen ihn nicht. Wenn das so weiterging, wäre der nächste Mensch, Vampir oder das nächste, sonstige Lebewesen, das ich in meine Finger bekam, tot, ehe es auch nur ‚Hilfe‘ schreien konnte. Auch wenn ich das Blut meines Gemahls allem anderen vorzog, in meiner jetzigen Situation interessierte mich herzlich wenig, wessen Blut ich zu trinken bekam. Doch auch feste Nahrung musste ich zu mir nehmen. Und auch diese gab es hier nicht.
So gut es mit meinem Bauch noch ging, zog ich die Beine an meine Brust und umschlang sie mit meinen Händen. Langsam wurde das schwierig. Ich begann zu summen. Trotz trockener Kehle war es eines der wenigen Dinge, die mir halfen, bei Verstand zu bleiben. In dieser ewigen Finsternis. Getrennt von meinem Geliebten. Allein.
„Wieso nur tust du das?“, hauchte ich müde, schniefte, und wischte mir eine Träne von der Wange. Meine Augen hörten nicht auf zu tränen, denn mein Verzagen schien kein Ende zu finden. Meine Hoffnung schwand stündlich ein kleines bisschen mehr. Dabei sollte ich mit dem Wasser in meinem Körper achtsamer umgehen. „Wieso hast du mich verraten?“ Schniefend summte ich weiter. Allerdings brach mir jeder Ton. Als es in meinem Bauch schließlich auch noch zu rumoren begann und sich mein Ungeborenes mit unruhigen Bewegungen an meinem Leid beteiligte, begann ich mit zitternder Stimme zu singen. Nur, um die Schatten um mich herum ein kleines bisschen weniger werden zu lassen. Um mich ein klein wenig besser zu fühlen. Um das Kind in meinem Leibe zu beruhigen und zu behüten. Doch was meinem Mund entsprang, war nichts, was Hoffnung hätte bringen können. Es war der Spiegel meines Herzens, in dem sich Resignation und Hoffnungslosigkeit breitgemacht hatten.
„In stiller Nacht, wo Träume wehn,
Die Sehnsucht flüstert, leise, schön,
Ein Herz, das ruft nach Licht und Glanz,
Nach einer Hand, die führt zum Tanz.“
Symbolisch hatte ich meine Hand ausgestreckt. Ich erinnerte mich nur zu gut an die wenigen Male, als mich Cyrus auf die Tanzfläche geführt hatte. Jedes einzelne Mal war mir mein Herz vor Angst und Aufregung fast aus meiner Brust gesprungen. Noch kein einziges Mal … hatten wir miteinander getanzt, seit unserer Aussprache. Seit unsere Seelen zu einer geworden waren.
„Schlafe nun, mein Kind, so sacht,
Die Hoffnung blüht in dunkler Nacht,
Ein Retter wird kommen, von fern oder nah,
Er bringt dir Frieden, süß und klar.“
Als hätte ich einen Zauber gewirkt, hörten die ermüdenden Tritte gegen meine Bauchinnenwand auf. Jetzt fühlte ich mich nur noch mehr allein. Ich wimmerte leise. Ich konnte nicht aufhören zu weinen. Was wollte er von mir? Agierte er allein? Nein, das war nicht möglich. Doch wieso? Wann hatte er sich gegen mich gestellt? Und wieso jetzt erst zugegriffen? Wieso lebte ich noch, war er doch offensichtlich der Feind?!
All diese Fragen quälten mich. Es war Folter, hier sitzen zu müssen, fern von jeder Wärme und jedem Geräusch – zählte man das stetige Tröpfeln des Wassers, resultierend aus einer undichten Zimmerdecke, nicht dazu. In einem Raum befand ich mich, so viel war sicher. Meine Stimme hallte, so wie es auch meine Schreie getan hatten. Anfangs. Selbst jeder Wassertropfen wurde mit einem Widerhallen seines Plätscherns beschenkt. Ansonsten hatte ich jedoch keinerlei Anhaltspunkte, wo ich mich befand. Wohin er mich verschleppt hatte, gleich nachdem ich einem heftigen Schlag auf den Hinterkopf zum Opfer gefallen war. Mein Bewusstsein hatte sich in diesem Moment verabschiedet. Und aufgewacht, war ich hier, frierend, einsam und allein.
Auf einmal knarrte es. Ich schreckte auf; wurde gewaltsam aus der Trance gerissen, die das ständige Tropfen über mich gebracht hatte. Angespannt hielt ich den Atem an. Kam jetzt jemand, um es zu beenden? Immerzu kamen sie. Aber noch nie hatten sie mir etwas getan. Sie warfen mir Essen hin. Kaum aber in regelmäßigen Abständen. Doch auch wenn das Essen nicht zyklisch kam, so blieb eine Regelmäßigkeit bestehen: Der verdammte Verräter kam nie selbst! Oh, ich würde ihn leiden lassen! Ich würde ihm den Kopf abreißen und sein Blut an die Mücken verfüttern!
„Essen!“, grunzte es verächtlich. Etwas wurde die Treppen hinabgeschleift. Müde sah ich in Richtung Dunkelheit. Unfassbar, dass ich mein Gesicht noch immer Geschehnissen zuwandte. Ich sah doch sowieso nichts …
Ein Stöhnen ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Bisher hatte ich nur feste Nahrung bekommen. Kein Blut. Das dürfte auch die Erklärung für den sich anbahnenden Wahnsinn meines Verstandes sein. Doch jetzt brachte man mir ein lebendes, atmendes … Einen Menschen.
Das Türchen meines Käfigs wurde aufgeschlossen. Hastig rutschte ich davon weg. Ein dumpfes Geräusch, dann schloss sich das Gitter wieder. „Guten Appetit!“, höhnte die Stimme von vorhin, während ein Wimmern neben mir meine Aufmerksamkeit auf sich zog. „Wenn Ihr es nicht gleich tötet, könnt Ihr Euch ja vorher noch daran befriedigen! Immerhin wollen wir ja nicht, dass es unserem Thronerben an etwas fehlt!“ Die spottende Stimme entfernte sich, bis die Tür wieder knarrte und von jemandes Verlassen dieses Raums kündete.
Befriedigung. Götter, ja, das wäre schön. Aber blind machte es nur halb so viel Spaß. Und ohne Cyrus … Ich glaube, da wäre mir der Spaß sogar schon vergangen, bevor er begonnen hätte. Ich wollte meinen Mann. Keinen Beliebigen. Aber das waren Luxusprobleme. Denn jetzt war ich mit einem anderen Lebewesen in diesem unglaublich engen Käfig gefangen. Und ich konnte es nicht töten. Ich konnte nicht von ihm trinken. Wie groß war die Wahrscheinlichkeit, dass ich augenblicklich in einen Blutrausch geriete? Das wäre sein Ende! Und des damit einhergehenden Energieverlusts meiner gleich mit.
„B…bitte tut mir nichts!“ Etwas kroch von mir davon. „Bitte …! Ich will nicht sterben …!“ Seine Stimme klang weinerlich, zitternd. Der Mann roch gut. Frisch. Ihm haftete der Geruch von Blumen an. Ein weiterer Geruch stieg mir in die Nase. Blut. Er war verletzt.
Unweigerlich bahnte sich ein Knurren meine Kehle empor. Verflucht! Jeder einzelne meiner Instinkte trieb mich zu ihm hin!
„M…Majestät … Bitte!“ Seine Stimme brach, als er anfing zu schluchzen. „Ihr h-habt mir Euer Wort gegeben … Uns allen …!“ Sein Atem ging immer schneller. Sein Herz pumpte kräftig und verteilte das Blut in seinem Körper. „Ihr habt gesagt, Ihr würdet nie … Nie…!“
Hastig biss ich mir auf die Unterlippe. Wer auch immer er war, er kannte mich. Und ich hatte immerzu versichert, Unwilligen kein Leid anzutun. Ich konnte das nicht. Ich konnte mein Versprechen nicht brechen. All meine Prinzipien verraten! Es war ein einziger Kampf. Verstand gegen Körper, Herz gegen Instinkt. Mein Körper wollte vorschnellen, den Mann um sein Blut erleichtern und mir dadurch Kraft einflößen. Auch Kraft für das Kind! Aber der Mann … er war ein Mensch. Er hatte ein Leben. Er hatte mir nichts getan! Wer wäre ich, sein Leben zu beenden, nur weil ich durstete?
Ein Wimmern stieg in mir auf, als mir die Ausweglosigkeit dieser Situation bewusst wurde. Schluchzend zog ich meine Beine wieder an meinen Oberkörper und schlang meine Arme darum. Ich würde hier sterben. In dieser vermaledeiten Dunkelheit. Sie würde mich erst in den Wahnsinn treiben und dann meucheln.
Ich schniefte. Mit rauer Stimme fragte ich: „Wer seid Ihr? Woher kennt Ihr mich?“
Der Mann atmete ein paar Mal tief durch. „Ich war eimal im Speisesaal, um Euch und den König zu bedienen. Er ist gegangen. Und Ihr habt darum gebeten, dass ich Euch Gesellschaft leiste.“ Das Beben in seiner Stimme wurde langsam weniger, doch seine Worte waren durchzogen von leisen Schluchzern.
„Oh …“ Meine Mundwinkel zuckten bei der Erinnerung. Aber ich konnte mich beim besten Willen nicht mehr an seinen Namen erinnern. „Ihr habt eine Tochter“, murmelte ich leise. Daran erinnerte ich mich. Gedankenlos glitten meine Hände zu meinem Bauch.
„Ja, richtig. Ihr habt nur das Innere von dem Brot gegessen. Es hat mich an sie erinnert.“ Er seufzte tief. Dann hörte ich ihn ächzen und kurz darauf klang es, als ob er an Gitterstäben oder dergleichen rütteln würde.
„Ihr werdet hier nicht rauskommen, … äh …“
„Rolf, Majestät.“
Ich atmete aus. „Rolf. Es gibt keinen Weg hier raus. Denkst du denn, ich hätte nicht bereits alles abgetastet? Obwohl …“ Ich lachte auf, einen Anflug von Hysterie in meiner Stimme. „Wenn du etwas siehst, sag Bescheid.“ Mit Augen war das Erkunden eines Ortes deutlich einfacher. Aber vielleicht war es auch stockdunkel in diesem Raum.
„Nun, es kommt etwas Licht durch ein Fenster herein.“ Wieder rüttelte er an etwas. „Aber ich sehe auch nicht viel mehr als Ihr. Nur dieser Käfig in einem riesigen, leeren Raum …“
Jetzt lachte ich richtig auf, doch durch die Trockenheit meiner Kehle hörte es sich schaurig an. „Dann siehst du schon eine ganze Menge mehr als ich. Und leg die Titel ab. Ich sitze in einem Käfig mit fettigem Haar und rieche vermutlich schlimmer als die Ratten im Kerker.“ Aber wir waren nicht im Kerker. Dort gab es kein Licht. Außerdem war der Geruch nach Tod hier nicht so allgegenwärtig. Wieder entschlüpfte mir ein Knurren. Der Geruch von Rolfs Blut machte mich wahnsinnig. Wahnsinnig durstig. Meine trockene Zunge glitt über meine rissigen Lippen, schaffte es aber nicht, sie zu befeuchten. Also nahm ich die Anstrengung auf mich und kroch näher zu Rolf und dem Plätschern hin. Ich musste etwas trinken.
Ich schniefte. Mit rauer Stimme fragte ich: „Wer seid Ihr? Woher kennt Ihr mich?“
Der Mann atmete ein paar Mal tief durch. „Ich war eimal im Speisesaal, um Euch und den König zu bedienen. Er ist gegangen. Und Ihr habt darum gebeten, dass ich Euch Gesellschaft leiste.“ Das Beben in seiner Stimme wurde langsam weniger, doch seine Worte waren durchzogen von leisen Schluchzern.
„Oh …“ Meine Mundwinkel zuckten bei der Erinnerung. Aber ich konnte mich beim besten Willen nicht mehr an seinen Namen erinnern. „Ihr habt eine Tochter“, murmelte ich leise. Daran erinnerte ich mich. Gedankenlos glitten meine Hände zu meinem Bauch.
„Ja, richtig. Ihr habt nur das Innere von dem Brot gegessen. Es hat mich an sie erinnert.“ Er seufzte tief. Dann hörte ich ihn ächzen und kurz darauf klang es, als ob er an Gitterstäben oder dergleichen rütteln würde.
„Ihr werdet hier nicht rauskommen, … äh …“
„Rolf, Majestät.“
Ich atmete aus. „Rolf. Es gibt keinen Weg hier raus. Denkst du denn, ich hätte nicht bereits alles abgetastet? Obwohl …“ Ich lachte auf, einen Anflug von Hysterie in meiner Stimme. „Wenn du etwas siehst, sag Bescheid.“ Mit Augen war das Erkunden eines Ortes deutlich einfacher. Aber vielleicht war es auch stockdunkel in diesem Raum.
„Nun, es kommt etwas Licht durch ein Fenster herein.“ Wieder rüttelte er an etwas. „Aber ich sehe auch nicht viel mehr als Ihr. Nur dieser Käfig in einem riesigen, leeren Raum …“
Jetzt lachte ich richtig auf, doch durch die Trockenheit meiner Kehle hörte es sich schaurig an. „Dann siehst du schon eine ganze Menge mehr als ich. Und leg die Titel ab. Ich sitze in einem Käfig mit fettigem Haar und rieche vermutlich schlimmer als die Ratten im Kerker.“ Aber wir waren nicht im Kerker. Dort gab es kein Licht. Außerdem war der Geruch nach Tod hier nicht so allgegenwärtig. Wieder entschlüpfte mir ein Knurren. Der Geruch von Rolfs Blut machte mich wahnsinnig. Wahnsinnig durstig. Meine trockene Zunge glitt über meine rissigen Lippen, schaffte es aber nicht, sie zu befeuchten. Also nahm ich die Anstrengung auf mich und kroch näher zu Rolf und dem Plätschern hin. Ich musste etwas trinken.
„Wie meint Ihr das? Könnt Ihr nichts sehen? Haben sie Euch das Augenlicht genommen?“ Eine Hand legte sich zögerlich auf meinen Arm. „Was … Was ist mit dem König? Lebt er noch?“
Mit meiner Hand fand ich die Pfütze, langte hinein und führte sie anschließend erschöpft zu meinem Mund. Erst als ich meine ganze Hand abgeleckt hatte, wandte ich mich wieder Rolf zu. „Mein Augenlicht ist fort, korrekt. Aber wer es mir genommen hat, ist nicht weiter von Belang. Und Cyrus …“ Ich schluckte schwer. „Ich bin sicher, er lebt. Anderenfalls wäre ich ebenfalls nicht mehr. Ich hoffe … ich hoffe, er kommt uns nicht suchen.“
Ich tastete mich zu dem Mann vor und legte meinen Kopf auf seinen Schoß. Er erstarrte unter mir. „Bitte“, flüsterte ich leise. „Mir ist so kalt.“ Mir war schon seit dem Verlust meiner Kräfte immerzu so schrecklich kalt.
„Warum hofft Ihr dies? Wir wünschen uns seit Wochen nichts sehnlicher, als dass Ihr und der König zurückkommt und uns von dem Übel befreit.“ Er rieb über meinen Arm, erst zaghaft. Dann aber spürte er offenbar die Kälte, die meine Haut durchdrungen hatte, und zog mich noch etwas näher an sich. „Bitte verzeiht, es ist unangemessen …“ Aber er hörte nicht auf, mich zu wärmen, und ich war dankbar.
„Dann sei es eben unangemessen“, seufzte ich leise. „Wer wird uns hier dafür klagen?“ Ich blieb eine Weile still. „Cyrus und ich … wir haben versucht Männer zu mobilisieren. Einen Plan zur Rückeroberung zu schmieden. Wir wussten noch nicht einmal, gegen wen wir kämpfen. Wer versucht hat, uns vom Thron zu stoßen. Jetzt habe ich da so meine Vermutung“, gab ich bitter zu und kämpfte gegen die Müdigkeit an. Jetzt, wo es zumindest ein klein wenig wärmer war – selbst wenn ich noch immer darum kämpfen musste, Rolf nicht die Kehle herauszureißen und meinen Durst an ihm zu stillen – wollte ich zumindest versuchen, zu schlafen und etwas Ruhe zu finden.
Seine Frage kam mir wieder in den Sinn. Wieso ich nicht wollte, dass Cyrus uns retten kam? Weil es eine offensichtliche Falle war. „Er darf nicht kommen“, hauchte ich müde. Er konnte nicht wissen, wie stark unsere Verbindung war. Er konnte nicht davon ausgehen, dass Cyrus mit mir sterben würde, selbst wenn ich es mit Sicherheit wusste, es regelrecht spürte. Unsere Seelen hatten sich verwoben. Sie ließen sich nicht mehr trennen. „Es wäre unser beider Tod.“































































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