Kapitel 25 – Rettung und Verlust
Kapitel 25 – Rettung und Verlust
Cyrus
Ich ging, auch wenn es noch so sehr schmerzte. Ich ging, ohne noch einmal einen Blick zurückzuwerfen. Es war schon schlimm genug, Nayara weinen zu hören, da musste ich es nicht auch noch sehen. Denn ich wusste, würde ich zurückblicken, würde ich umkehren.
Innerlich verfluchte ich mich selbst, aber ich hatte keine andere Möglichkeit gesehen, als sie zum Hof von Kathia und Herold zu bringen. Gilead war kein Kämpfer. Auch er würde bei ihnen bleiben. Einerseits beruhigte es mich, ihn bei Nayara zu wissen, auf der anderen Seite brodelte meine Eifersucht. Allerdings wusste ich auch, dass er sich Nayara nicht nähern würde, wenn sie es nicht wollte.
Wir gingen zu Fuß. Die Soldaten der Palastwache waren gestern Abend zurückgekehrt und wir hatten bis spät in die Nacht darüber geredet, was sie in Erfahrung gebracht hatten. Demnach verließen regelmäßig ein oder zwei der neuen Männer von der Stadtwache die Stadt durch das westliche Tor. Um nicht aufzufallen, waren diese nicht verfolgt worden. Am selben Tag waren sie jedoch jeweils bereits wieder zurückgekehrt. Da und also Richtung und Dauer ihrer Abwesenheit bekannt waren, konnten wir den Zielort ungefähr eingrenzen.
Und genau dorthin gingen wir nun. Der stramme Marsch machte den Soldaten nichts aus. Graf Targes, von dem man meinen sollte, sein Alter würde ihn langsam gebrechlich werden lassen, lief uns strammen Schrittes voran.
Noch immer hörte ich Nayara weinen und schreien. Es war beinahe, als würde ich einen körperlichen Schmerz fühlen, und ich wünschte, ich könnte umdrehen und sie wieder in meine Arme schließen. Die nächsten Tage würden schwer werden. Verdammt schwer. Nicht nur für sie, sondern auch für mich. Ich vermisste sie jetzt schon. Wie würde das nur bei größerer Distanz werden? Ob es erträglicher werden würde? Bei der Stärke unserer Verbindung eher unwahrscheinlich. Und in diesem Moment hasste ich, dass Nayara und ich so stark voneinander abhängig waren. Wie würde sie sich die nächsten Tage ernähren, wenn nicht durch mich? Vermutlich würden Lyssa und Gilead ihr etwas Blut spenden. Aber es wäre nicht mein Blut …
Ich schüttelte den Kopf, als könnte ich meine Gedanken auf diese Weise vertreiben. Doch es ging nicht. Obwohl ich Nayara zurückgelassen hatte, war sie mein ständiger Begleiter.
Nach zwei Tagen kam die Hauptstadt in Sicht, die wir großzügig umrundeten, und weiter nach Westen marschierten. Die Anspannung in der Gruppe war gestiegen. Am dritten Abend errichteten wir vorzeitig ein Lager. Morgen würden wir uns aufteilen, um einen verlassenen Hof oder Ähnliches zu suchen. Vielleicht erwischten wir die verräterischen Stadtwachen auch mitten bei der Arbeit?
Mein Blick glitt gen Himmel. Die Sonne schickte sich gerade an, hinter den Bergen im Westen unterzugehen. Die letzten Sonnenstrahlen verfärbten sich in Rottönen. Wie schön es doch wäre, solch einen Sonnenuntergang mit Nayara zu sehen. Aber weder war sie hier, noch konnte sie etwas sehen. Wenigstens würde sie nicht heimlich ausreißen und zurück zum Heiligtum gehen können. Gilead hatte mir versprechen müssen, dass er Nayara davon abhalten würde.
Graf Targes setzte sich zu mir und sah ebenfalls zur Sonne empor, die mittlerweile fast komplett hinter den Bergen verschwunden war. „Es muss schwer für Euch sein“, meinte er.
Irritiert wandte ich den Blick ab und sah zu dem alten Mann. Meinte er mich oder sich selbst? „Inwiefern?“
„Die Ehe meiner Frau und mir war arrangiert, wie wohl die meisten Hochzeiten. Ich schätze und respektiere sie, aber Liebe war es nie. Wir schenkten unserer Tochter all unsere Liebe, und dennoch war ich der strenge Vater, während mein Eheweib die fürsorgliche Mutter war. Umso schöner war es, als ich Großvater wurde. Meinem Enkelkind konnte ich all die Liebe geben, die ich bei meinem eigenen Kind oft zurückhielt. Warum, weiß ich bis heute nicht.“
„Die Freuden und Tücken des Vaterseins stehen mir noch bevor.“ Ich musterte den alten Mann nachdenklich. Es war sicher nicht leicht für ihn, zum jetzigen Zeitpunkt über seine Familie zu reden.
Targes nickte schwach. „Allerdings.“ Er schluckte. „Macht nicht denselben Fehler wie ich. Schenkt Eurem Kind all Eure Liebe. Wir wissen nie, wann wir sie das letzte Mal gesehen haben.“ Eine Träne stahl sich aus seinem rechten Auge. Doch er wischte sie nicht weg, sondern ließ sie rollen.
„Das werde ich.“ Nachdenklich glitten meine Augenbrauen tiefer. „Aber das ist es nicht, was Ihr meintet, oder? Das es schwer für mich wäre.“
Der Graf seufzte tief, den Blick noch immer gen Westen gerichtet. „Ihr liebt Eure Frau sehr. Ich weiß nicht, ob ich jemals in meinem Leben eine solch starke Verbindung gesehen habe. Es muss schwer gewesen sein, sie zurückzulassen.“
„Sie ist dort in Sicherheit.“ Sofern sie sich nicht wieder selbst in Gefahr bringt. Und sobald wir Targes‘ Familie gerettet hatten, würde ich einen Weg suchen, damit Aurelie ihr Augenlicht zurückerhielt. Die Götter durften nicht so grausam zu ihr sein. Das durften sie einfach nicht.
Am nächsten Tag brachen wir auf und suchten das geheime Versteck. Drei Höfe kamen infrage. Ein alter Gasthof sollte sich als der Richtige herausstellen. Die folgende Nacht verlief unruhig. In meinem Kopf wirbelte ein Gedanke nach dem anderen. Am nächsten Morgen beschloss ich schweren Herzens, das Gebäude einen Tag lang zu beschatten, ehe wir zugriffen. Wir wussten nicht, mit wie vielen Wachen oder Geiseln wir es zu tun hatten. Am Ende war Targes’ Familie nicht allein da drinnen und wir unterschätzten die Bemannung der gegnerischen Soldaten. Das durfte mir mit sechs Mann – mir inklusive – nicht passieren.
Vorsichtshalber hatte ich mir eine Stelle neben Targes gesichert. Der Mann saß auf glühenden Kohlen, verständlicherweise. Aber der Drang, seine Familie da rauszuholen, durfte die Mission nicht gefährden. Er war alt, erfahren, und das waren vermutlich die einzigen Gründe, wieso er nicht längst seinem inneren Trieb nachgegeben und auf den Hof gestürmt war. Sein Eheweib, Kind und Kindeskind befanden sich aller Vermutung nach in diesem Gebäude. Ich hatte nur eine sehr vage Ahnung, wie sehr er gerade litt. Und das, wo ich selbst erst seit wenigen Stunden von meiner Verbundenen und unserem Ungeborenen getrennt war.
Mit Einbruch der Dunkelheit schlichen wir uns an das Haus heran. Wir planten einen Angriff von zwei Seiten. Targes würde mit Esteran zusammen für Ablenkung sorgen, ein großes Fenster einschlagen und so die Aufmerksamkeit der Wachen auf sich ziehen.
Dilos, Joe und Almond warteten mit mir an der Tür. Sobald wir das Glas klirren hörten, wurde es laut auf der anderen Seite des Hauses. Kurz darauf erklang das Geklirr von aufeinandertreffenden Waffen.
Ich nickte Almond zu, der beinahe lautlos die Tür öffnete, und wir schlichen hinein. Dilos und Joe gingen direkt zu der Quelle des Lärms, um Targes und Esteran zu helfen. Almond ging mit mir den Flur entlang und half mir, das Haus zu durchsuchen. Im Keller sollten wir fündig werden. Wir hatten Schwerter dabei, die wir schützend vor uns hielten. Je weiter wir die Treppe hinuntergingen, desto schrecklicher wurde der Gestank. Es roch nach Schweiß, Fäkalien und Verwesung. Leise, ängstliche Stimmen flüsterten miteinander. Ausnahmslos weibliche Stimmen. Wie viele Frauen waren hier unten?
Ein Schatten sprang auf uns zu. Almond stolperte einen Schritt zur Seite und wehrte die Klinge ab, die nur schwach im Schein einer einzelnen Kerze zu erkennen war. Metall schlug auf Metall. Sofort setzte ich nach und überrumpelte den Feind. Während Almond ihn bewusstlos schlug und fesselte, sah ich mich in dem spärlich beleuchteten Keller um. Sechs kleine Käfige standen im Raum verteilt. Und hinter jeder vergitterten Tür blickten mich ängstliche, verwirrte und teils erleichterte Augenpaare an. Ein Kind weinte!
Ich näherte mich dem Käfig. Er war verschlossen. Sofort suchte ich nach den Schlüsseln und fand den Bund am Körper des bewusstlosen Mannes. Hastig eilte ich zurück. Das Kind schrie wie am Spieß. Das Ächzen des Schlüssels im Schloss schickte unangenehme Schauer durch meinen Körper. Als es endlich klickte, atmete ich erleichtert aus. Vorsichtig öffnete ich die Käfigtür. Bisher hatte ich nicht hineingesehen. Umso mehr schockierte mich, wen ich darin ausmachen konnte.
„Herzogin Lelier?“ Ich war ebenso sprachlos wie sie. Vorsichtig half ich ihr aus dem Käfig. Sie sah schrecklich aus. Die wunderschöne, stets in feinste Stoffe gekleidete Dame, war vollkommen verdreckt, abgemagert, und ihr Haar hing ihr ungepflegt ins Gesicht.
Almond trat hinter mich. „Majestät, die Schlüssel.“
„Oh …, ja.“
Almond öffnete auch die anderen Käfige. Käfige, nicht größer als solche, in denen man wilde Tiere hielt! „Bei den Göttern …!“ Almond würgte unterdrückt.
Die Herzogin nickte mir zu. „Geht, helft ihm.“
Die Käfige waren offen. Nur trauten sich die Frauen nicht heraus.
„Wer ist das Eheweib von Graf Demos Targes?“
Niemand antwortete zunächst, bis ein leises Schluchzen aus einem der mittleren Käfige drang. „Meine Mutter ist… Sie ist… Sie liegt hier.“ Eine Vampirin mittleren Alters kroch aus dem Käfig. Mein Blick glitt zu ihr, dann spähte ich an ihr vorbei. Dort lag eine ältere Frau mit aschgrauem Haar. Der Herzschlag war schwach und unregelmäßig. „Ist mein Vater hier?“ Die Frau war neben mich getreten und sah nun ebenfalls auf den beinahe reglosen Körper ihrer Mutter hinunter. Ihre Stimme klang belegt. „Kam er, um uns zu retten?“
„Ja. Er ist hier.“
Targes‘ Tochter nickte stumm, wandte sich aber wortlos einem anderen Käfig zu und humpelte zu ihm hin. Dort lag eine weitere Frau mit verdrehten Gliedern und entblößtem Unterkörper. Jetzt wusste ich, wieso Almond sich vorher beinahe übergeben hätte. Die Frau war tot. Seit Tagen schon, dem Geruch nach zu urteilen. Targes’ Tochter wimmerte stumm und bedeckte die nackte Scham der Toten mit einem abgerissenen Fetzen ihres Kleides.
„Ich … hole ihn.“ Während ich an den anderen Käfigen vorbeiging, warf ich vorsichtige Blicke hinein. Es lag zum Glück niemand mehr auf dem Boden. Aber diese Frauen waren verängstigt und traumatisiert. Sie trauten sich nicht heraus, obwohl die Käfigtüren weit offenstanden. Ich eilte die Treppe hinauf und atmete tief durch, als ich oben im Flur ankam. Der Kampflärm war mittlerweile verstummt.
Graf Targes eilte mir entgegen. Sein rechter Arm blutete. „Meine Frau…!“
Er wollte an mir vorbeigehen, doch hielt ich ihn am linken Arm fest. „Demos“, begann ich zögernd und nannte ihn das erste Mal bei seinem Namen. „Es steht schlecht um sie. Und…“ Ich brachte es nicht über mich. Ich konnte ihm nicht sagen, dass dort unten nur noch seine Tochter herauskommen würde. Aber ich konnte mich auch irren. Es könnte auch sein, dass die Leiche dort unten nicht die, seiner geliebten Enkeltochter war …
Der Graf riss sich von mir los und eilte die Treppen hinunter.
Wie benommen blieb ich einen Moment stehen und versuchte, mich zu sammeln. Nun, wo ich nicht mehr im Keller war, erdrückten mich die Eindrücke und Bilder. Ich roch noch immer den Gestank. Ich sah noch immer die entsetzten und verängstigten Gesichter der Frauen.
„Majestät!“, rief jemand und riss mich damit aus meinen Gedanken.
Ich eilte zu der Stimme hin. Ein kleines Schlachtfeld breitete sich vor meinen Augen aus. Sechs Männer lagen auf dem Boden. Aber ein Gesicht … Ich schloss die Augen, um mich zu sammeln, dann ging ich neben Dilos in die Hocke. Blut rann aus seinem Mund. Er griff zitternd nach meiner Hand. „Ich… Ich habe versagt…“
„Nein, das habt Ihr nicht, Dilos.“ Fest drückte ich seine Hand. Mit der anderen strich ich ihm die Haare von der Stirn. „Wir haben die Gefangenen gerettet, Dilos. Das ist Euer Verdienst.“
Er wollte noch mehr sagen, aber seine Worte gingen in einem blutigen Husten unter. Sein Körper krampfte, wenig später schlug sein Herz ein letztes Mal.
Bedrückt schluckte ich den Kloß in meinem Hals hinunter. Ich hob meine freie Hand; behutsam schloss ich seine Augen, löste seine Hand aus meiner und legte sie auf seinem Brustkorb ab. Dann stand ich auf und sah zu den anderen drei Männern. „Ist jemand verletzt?“
„Halb so wild“, meinte Esteran und hob leicht sein Hemd. Eine tiefe Schnittwunde klaffte an seiner linken Seite.
Ich wollte gerade etwas erwidern, als ein herzzerreißender Schrei aus dem Keller die Luft durchschnitt. Targes …
Eine Woche später waren wir wieder zurück auf dem Weg zum Hof, wo Gilead und Nayara auf uns warteten. Die Stimmung war gedrückt. Graf Targes hatte kein einziges Wort mehr gesprochen, nachdem er seine Frau und seine Enkeltochter zu Grabe getragen hatte. Die anderen Frauen hatten wir in Tyras Frauenhaus untergebracht und Herzogin Lelier war mit ihrem Kind sicher nach Hause zurückgekehrt, wo der Herzog seine Familie weinend in die Arme geschlossen hatte. Dilos‘ Leichnahm hatten wir einem fahrenden Händler anvertraut. Auch er würde zurück in die Arme seiner Familie geführt werden. Wenn … auch nicht so, wie sie es sich mit Sicherheit erhofften.
Obwohl wir die Frauen befreit hatten, fühlte es sich an, als hätten wir verloren. Wir hatten nichts erfahren. Wir wussten nicht, wer diese Frauen hatte gefangen nehmen lassen und wer deren Gatten erpresste. Wir wussten gar nichts. Selbst die Tatsache, andere Frauen gerettet zu haben, schmälerte nicht das Gefühl, versagt zu haben. Targes’ Frau war tot und seine Enkeltochter hatten diese Schweine geschändet und zu Tode geprügelt. Für die Leliers freute ich mich. Es war ein Wunder, dass deren Säugling noch lebte. Dies … war der einzige Lichtschein am ansonsten trüben Horizont.
Herold und Kathias Hof näherte sich mit jedem Schritt. Als er in Sichtweite kam, beschleunigte ich meine Schritte. Die Kinder rannten draußen im Garten herum und spielten. Jedoch stoppten sie ihr Spiel, als sie mich entdeckten, abrupt, und sahen mich traurig an.
Ich ging an ihnen vorbei, eilte zur Tür. Gerade als ich sie aufstoßen wollte, wurde diese von innen geöffnet. Gilead stand vor mir. Ich wollte mich an ihm vorbeischieben, um meine Frau zu sehen. Zwei viel zu lange Wochen war ich fort gewesen. Doch Gilead legte beide Hände auf meine Schultern. „Cyrus … sie ist fort.“
„Wer ist fort?“ Ich wollte ihn beiseiteschieben, hörte gar nicht richtig zu, aber er hielt mich davon ab.
„Nayara ist fort. Seit drei Tagen schon.“



























































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