Kapitel 29 – Vermessen, Verhört, Verbissen
Kapitel 29 – Vermessen, Verhört, Verbissen
Rjna
Meister Xelus hatte sich in edle Stoffe gekleidet. Vermutlich solche, die seinem Stand hier in der Gesellschaft entsprachen, während er mir etwas von seinem Hausmädchen zur Verfügung gestellt hatte, in dem ich mich fühlte wie eine Prinzessin. Zwar war die Gewandung, die ich trug, nicht ganz so fein gewebt wie seine, doch fühlte sie sich wertvoller und seidiger an als alles, was ich jemals zuvor getragen hatte. Unser Weg führte uns der Hauptstrasse entlang. Beinahe bei jedem zweiten Haus blieb ich fasziniert stehen. Hinter sauberem Glas funkelten riesige Edelsteincolliers, Kleider von höchster Güte oder Schuhe, deren Leder glänzte wie die Meere von Osyl. Hach, die Meere. Ich hatte sie gesehen. Hier, in der Stadt. Xelus hatte mich, höchst widerwillig, an den Hafen begleitet. Dort, wo das raue Gesindel sich herumtriebe. Doch alles, was ich gesehen hatte, war die glitzernde, unendliche Weite der Meere. Was ich gerade jedoch noch viel spannender fand, als die Auslagen, die sich hinter den blitzbanken Gläsern versteckten, war die atemberaubende Architektur. Grosse, mehrstöckige Herrenhäuser standen hier! Allesamt aus Stein! Wo waren die Holzbauten? Wo die durchlässigen Strohdächer? Nein, hier gab es kein Stroh auf den Dächern! Hier hatte man Steine darauf gestapelt! Dünne, rundliche Steine! Und sie brachen nicht ein!
Als Meister Xelus die Ursache meiner schier grenzenlosen Faszination entdeckte, bog er schmunzelnd in eine Gasse ab. Dort liefen wir eine ganze Weile geradeaus. Auch hier gab es Geschäfte rechts und links. Aber mit jedem Schritt wurden sie weniger opulent. Überall waren Waren ausgelegt und wurden fröhlich rufend angepriesen. Wo die Menschen vorhin auf der Strasse nur in saubersten Kleidern wie aus dem Ei gepellt herumgelaufen waren, gab es hier Frauen mit schmutzigen Schürzen und Männer mit schwieligen, schwarz gefärbten Händen. Als plötzlich einer dieser Männer, gross und breit, wie er gebaut war, die Gasse entlanggeschritten kam und dabei beinahe ihre ganze Breite mit seinem Oberkörper einnahm, zuckte ich erschrocken zur Seite. Den Atem flatternd, beobachtete ich, wie sich ein finsteres Lächeln auf seine Lippen stahl, als er vorbeiging. Doch er ging vorbei. Er hielt nicht an. Drei Sekunden noch verweilte ich verängstigt, wie ich war, den Rücken fest an die Gassenwand gepresst.
„Hier sind wir in der Gasse der Handwerker, Rjna.“ Sanft zog mich Xelus weiter. „Komm hier nicht allein hin. Nicht alle Menschen sind gutherzig, wenn es auch viele von ihnen gibt, die gar nicht danach aussehen.“ Er zog mich weiter. Erst mit steifen Schritten, dann immer entspannter werdend, folgte ich ihm. Doch eine gewisse Restspannung blieb. So viele Menschen. So viele Männer. „Hier werden haufenweise Dinge gefertigt.“ Seine Hand machte eine schweifende Bewegung zu einem der Geschäfte hin. „So wie Dachziegel.“ Hitze strömte aus der gedeuteten Richtung und zog mich an wie das Licht eine Motte. Zwar hatte Meister Xelus mir Sillias Mantel übergeworfen, aber kalt war es dennoch.
„Ziegel?“, wiederholte ich leise das neue Wort. Der Dialekt hier in Genral war gewöhnungsbedürftig. In unserem Dorf hatten wir ganz anders gesprochen. „Ziegel“, murmelte ich erneut und liess meine Hände vorsichtig über das ausgelegte Wunderwerk dieses Handwerkers gleiten.
Der Rückweg zur Hauptstrasse stellte Meister Xelus auf eine harte Probe der Geduld. Jetzt, wo ich wusste, was hier gemacht wurde, wanderten meine Augen interessiert über die ganzen ausgestellten und angepriesenen Gegenstände, von denen ich nicht allen eine Bedeutung oder eine Anwendung zuordnen konnte. Selbstständig, wenn auch mit einer gewissen Vorsicht, bog ich in eine nächste Gasse, hörte Meister Xelus’ leicht genervtes Seufzen, lief aber weiter, getrieben von dem Drang zu erkunden.
Als ich schliesslich aus einer Gasse trat und mich wieder auf einer breiteren Strasse wiederfand, blickte ich mich orientierungslos um. Der Zauber der Gassen und Handwerker war hinter mir verblasst. Und vor mir stand ein riesiges Gebäude mit einer seltsamen Skulptur davor. Fragenden Blickes schaute ich zu meinem Meister auf.
Dieser erklärte bereitwillig: „Das ist die Kampfhalle. Die Soldaten brauchen sie, um zu üben.“
Ich nickte langsam; mein Blick glitt mit neu entfachtem Interesse zu dem überdimensionalen Gebäude aus dunkelgrauem Stein zurück. Das klang interessant.
Meister Xelus hatte mich in ein Geschäft geführt, wo mir die gute Laune direkt wieder verging und mein Interesse sich in den Keller verkroch. Überall hingen edle Stoffe von feinstem Material, mit sicherlich völlig übertrieben hohen Preisen. Dort stellte er mich entschieden und all meine Proteste ignorierend auf eine etwas erhöhte Fläche und wartete mit mir einen Moment. Kurz darauf erschien eine kleine, pummelige Frau. Ein Mensch. Denn ich konnte ihren Herzschlag viel zu gut hören, als dass etwas anderes infrage gekommen wäre.
Meister Xelus bat sie um eine komplette Neuausstattung, natürlich meiner genauen Masse angepasst. Nachthemden, Unterhemden, Strümpfe, Kleider, Überkleider, Reisekleider, mindestens ein Abendkleid, ein Reitkleid und die Aufzählung ging weiter. Allerdings sollte sie alles ein wenig locker ausfallen lassen, da ich mich noch entwickeln würde, so Meister Xelus’ Worte. Aller beider Blick hatte bei dieser Aussage musternd auf meiner nicht existenten Oberweite gelegen.
Die pummelige Dame stimmte seiner Aussage vorbehaltlos, wenn auch stirnrunzelnd, zu, während sie meinen beinahe unbekleideten Körper betrachtete. Lediglich auf eine Art Unterhemd hatte Meister Xelus bestanden, damit mein Körper nicht frei ihren Blicken ausgesetzt war. Die Frau nahm meine Masse mithilfe eines Fadens, in dem sie in den jeweiligen Abständen einen Knoten machte. Dann holte sie einige Kleidungsstücke hervor, die ich jetzt bereits anprobieren sollte, damit ich zumindest eine kleine Auswahl an angemessener Kleidung hätte, bis die Massgeschneiderte fertig sei.
All meine entrüsteten Anmerkungen, dass all dies nicht nötig sei, wurden von den beiden gekonnt ignoriert. Sowohl Meister Xelus als auch die Schneiderin waren da absolut entgegengesetzter Meinung und stierten diese verfechterisch durch.
Nach ein oder zwei weiteren Stunden trat ich mit meinem Vampirmeister wieder hinaus auf die Strasse. Die Sonne stand noch hoch am Himmel, spendete aber kaum Wärme. Ausserdem fielen mir nach diesem ständigen Rein und Raus beinahe schon die Augen zu. Ich gähnte lange, versuchte schnell genug die Hand zu heben und es Meister Xelus von heute Morgen nachzumachen. Aber auch meine Hand war dem Einschlafen zugeneigt.
Meister Xelus bestand darauf, alle Einkaufstüten, die uns die Schneiderin mitgegeben hatte, selbst zu tragen. So kam es, dass er nun dezent überladen neben mir durch die Stadt lief. So viel schöne Kleidung. Und es sollte noch mehr kommen. Ich hatte es aufgegeben, ihn davon abbringen zu wollen. Hatte es aufgegeben, Einspruch zu erheben. Ich brauchte das alles doch gar nicht. Ich brauchte … nichts. Nichts, was Meister Xelus mir zurückgeben könnte. Er mochte mächtig und reich sein. Aber Tote erwecken, das konnte auch er nicht.
Erschlagen von dem langen Einkaufsbummel sass ich neben Meister Xelus auf einem schwarzen Ledersofa vor einem gemütlich flackernden Kamin. Wir befanden uns nirgendwo anders als in der Kaserne. Und jetzt, wo Meister Xelus seinen Bericht abgegeben hatte, sassen wir auf Aufforderung dieses älteren Vampirs hier. Ein Vampir, der mir noch unheimlicher war als Tadurial. Immer wenn er im Zimmer war, musterte er mich von oben bis unten, meinen Körper, mein Gesicht, jedes bisschen freiliegende Haut, meine Haltung und auch meine Augen. Sein Blick schien geradezu in meine Seele einzudringen, wenn er mir in die Augen sah. Aber jetzt gerade war er nicht hier. Nur Meister Xelus sass neben mir und griff nach bestimmt meiner Hand.
„Beruhige dich.“ Er lächelte sanft. „Emil ist kein schlechter Mann.“
„Aber er sieht mich immer so an …“, flüsterte ich leise.
Meister Xelus nickte langsam. „Er will bloss herausfinden, ob wir etwas zu verbergen haben. Er will dich kennenlernen. Aber du musst dir keine Sorgen machen.“ Sein Daumen strich in beruhigenden Kreisen über meine Handoberfläche. „Sein Kern ist weich, auch wenn er nach aussen hin rau wirken mag.“
Rau, das traf es recht gut. Auch wenn es nicht das war, was mich störte. Während hier die meisten Männer immer glattrasiert herumliefen, hatte das in meinem Dorf früher als Schande gegolten. Niemals hätte ein Mann sich das Kinnhaar abgeschnitten. Und Hauptmann Emil machte das ebenfalls nicht. Aber seine Augen. Sie waren so aufmerksam. So wach. Als könnten sie durch Zeiten sehen.
Die Tür flog auf. Hauptmann Emil trat rückwärts hindurch, drehte sich zu uns um und offenbarte drei dampfende Tassen in seinen Händen. Sein Blick huschte augenblicklich zu der Hand, die Meister Xelus gerade hastig von meiner zurückzog. Ein Grinsen breitete sich auf dem halb vom Bart versteckten Mund des Hauptmanns aus. „Gut, dann wollen wir mal, nicht?“ Er setzte sich uns gegenüber auf einen ausladenden Sessel und stellte vor jedem eine Tasse Tee ab. „Früchtetee für die Dame. Ich hoffe, ich habe damit deinen Geschmack getroffen, Mädchen.“
Mädchen. Wieso immer diese Übernamen? Doch weder wagte ich es nicht, ihn zu korrigieren, noch zu fragen, was bei den Göttern denn bitte Tee war. Meister Xelus hatte sich angespannt, und diese Spannung war unmittelbar auf mich übergegangen. „Vielen Dank“, murmelte ich. Die Situation war dermassen skurril. Wieso brachte er mir ein Getränk? Wieso nicht sein Weib? Wieso wurde mir überhaupt etwas zu trinken offeriert?
Hauptmann Emil liess sich hörbar ausschnaufend nach hinten in die Lehne fallen. „Also meine Liebe, woher kommst du?“
Ich blickte auf. Meine Liebe. Bisher hatte mein Blick an diesem sogenannten Tee geklebt. Ich empfand es als seltsam, noch etwas anderes zu mir nehmen zu können als Blut. Aber Flüssigkeiten vertrugen wir. Nun jedoch begegnete ich dem rotäugigen Blick des Hauptmanns. „Meine … Kindheit verbrachte ich im Lande Mornem, Hauptmann.“
Verstehend nickte er, als hätte er diese Antwort bereits gekannt oder erwartet. „Dein Name ist Rjna, richtig?“
Ich nickte. Im nächsten Moment fiel mir wieder ein, was Meister Xelus letztens bezüglich Umgangsformen gesagt hatte, weshalb ich schnell noch: „Das ist korrekt, ja“, hinzufügte. Man sollte seine Antworten ja offenbar immer verbal kundtun.
„Ein seltener Name.“ Der Hauptmann stützte seine Arme auf seinen Knien ab und beugte sich ein Stück vor. „Du bist in armem Elternhaus aufgewachsen, man hat dich misshandelt und ausgenutzt. Wie so viele Kinder in diesem vom Hass und Selbstsucht zerfressenen Land. Xelus wärst du aus dem Weg gegangen, hättest du die Wahl gehabt. Männern generell. Aber die hattest du nicht. Er hingegen hätte eine Frau nie zur Verwandlung gezwungen. Doch das wurdest du, so wie du hier sitzt, unwohl in deiner eigenen Haut.“ Die Miene des Hauptmanns sprach von tödlichem Ernst.
Ich schluckte einmal schwer. Woher? Was hatte Meister Xelus ihm gesagt? Aber … in dessen Miene spiegelte sich höchst selbst das Entsetzen über des Hauptmanns Worte!
Etwas veränderte sich. Die kalten, analytischen Augen des Hauptmanns verloren ihre Härte und begannen verschmitzt zu funkeln. Ein derart schneller Stimmungswechsel, dass es mir eine Gänsehaut verpasste. „So. Und jetzt bist du Xelus’ Liebchen …“ Nachdenklich strich sich der Hauptmann mit Zeigefinger und Daumen über den langen Bart. „Wie kam es bloss dazu? Ich hätte ihm ja eher etwas…“
„Hauptmann!“
Der Hauptmann blickte zu Meister Xelus, die Augenbrauen erhoben. Seine Mundwinkel zuckten. „Ein Gentleman geniesst und schweigt, ich weiss, aber Frauen reden normalerweise gern darüber, Offizier. Das solltest du eigentlich mittlerweile wissen.“
Stirnrunzelnd blickte ich zur Seite. Meister Xelus kochte. Unsicher griff ich nach seiner Hand, legte meine darauf und streichelte sachte darüber, so wie er es vorhin bei mir gemacht hatte. In Mornem wäre das unerhört gewesen. Aber hier war alles so anders. Ich konnte nur versuchen, mich richtig zu benehmen und anzupassen. Und diese Geste hatte ich vorhin in einer Seitengasse beobachtet. Ausserdem fühlte es sich nicht schlecht an, Meister Xelus’ Hand zu halten, wenn auch reichlich ungewohnt.
Mein Vampirmeister aber versteifte sich unter meiner Berührung. Unsicher zuckte meine Hand zurück. Der Hauptmann brach in schallendes Gelächter aus. Ich verstand nicht. Ich war verwirrt. Hatte ich etwas falsch gemacht?
Als sich der Hauptmann wieder beruhigt hatte, griff er nach seiner Tasse und führte sie an seine Lippen. Er nahm einen Schluck von der trüben Flüssigkeit, stöhnte leise und setzte sich etwas gerader hin. „Gut“, er räusperte sich, „dann erzähle mir, wie habt ihr euch kennengelernt?“
Unsicher blickte ich von Meister Xelus zum Hauptmann und wieder zurück. Aber mein Meister hatte die Augen entnervt nach unten gerichtet und seinen Kopf in die rechte Hand gestützt. Vielleicht war er gerade in Gedanken gefangen? Dann musste ich das Gespräch jetzt alleine bestreiten? Mein Blick ging zurück zum Hauptmann. Er sah ruppig aus. Seine Manieren machten es seinem Aussehen nach, so sollte man meinen, aber er hatte mir etwas zu trinken gebracht. Aussehen, Handlung und Sprache standen bei ihm in direktem Widerspruch.
Um Zeit zu gewinnen, griff ich ebenfalls nach der Tasse. Der Inhalt dampfte. Vorsichtig setzte ich zum Trinken an. Doch schon im nächsten Moment fing ich, erschrocken über die unvorhergesehene Hitze des warmen Wassers, heftig an, zu husten. Xelus klopfte mir dezent unbeholfen auf den Rücken, wollte vor dem Hauptmann aber offensichtlich keine Berührungen provozieren. „Wir …“, setzte ich nach einer Weile keuchend an, griff mir an die Brust und hustete noch zwei weitere Male, „haben uns in einem Wald getroffen.“
„Mhm …“ Der Hauptmann nickte verstehend. „Und das war vor oder nach deiner Verwandlung?“
Meister Xelus’ Kopf schoss hoch, dann jedoch schnaufte er kapitulierend aus. Meine Stirn furchte sich besorgt. „Danach …“, murmelte ich, den bitteren Gedanken an meine Verwandlung zurückdrängend. Angespannte Stille breitete sich aus und brachte mich zum Schlucken. „Ist … das ein Problem?“
Kein Problem. Der Hauptmann hatte gemeint, es sei kein Problem, sondern lediglich ungewöhnlich. Die ganze Zeit hatte er dabei verschmitzt gegrinst. Ein Grinsen, dem ich keinen Ursprung zuordnen konnte.
Und Meister Xelus? Er hatte sich angespannt erhoben, sich förmlich für das Gespräch bedankt und uns entschuldigt. Jetzt ging ich auf der Strasse neben ihm her, keuchend und kaum fähig, bei seiner Geschwindigkeit mitzukommen.
„Meister Xelus! Was…?“ Keuchend machte ich einen Satz nach vorne. „Was hat der Hauptmann mit dieser Frage gemeint?“
Mein Vampirmeister, offenbar just aus seinen Gedanken gerissen, hielt abrupt inne. „Rjna, du … erzähl keinem, dass du nicht mein Abkömmling bist, ich bitte dich.“ Schnaubend fuhr er sich mit der Hand durchs halblange Haar.
„Aber … wieso?“
„Weil …“ Er sah auf mich herab und seufzte leise. „Na komm, ich erkläre es dir, auf dem Weg.“ Die rechte Hand sachte an meinen Rücken gelegt, führte er mich weiter die Hauptstrasse entlang, dieses Mal jedoch in gemässigterem Schritt. „Einen fremden Schützling aufzunehmen, ist äusserst selten. Es geschieht praktisch nie. Sie werden reden und Gerüchte verbreiten. Aber als mein Abkömmling hast du Rechte, die du ansonsten nicht hättest. Und ich möchte nicht, dass dein Stand infrage gestellt wird.“ Ich nickte, halbwegs verstehend. „Frauen werden eigentlich nur aus einem Grund verwandelt, musst du wissen. Wenn ein männlicher Vampir sich verliebt hat, wenn er den Rest seines Lebens mit ihr verbringen will, dann fragt er sie, ob sie das möchte.“
„Aber …“, kam es leise von mir gemurmelt, „das hat er nicht getan.“
Unser Weg, die Sonne näherte sich bereits dem Horizont, führte uns zu einem grossen Gebäude mitten in der Stadt. Ich war müde, regelrecht erschlagen. Meister Xelus öffnete die Tür und hielt sie mir auf, bevor er mich mit einer eleganten Geste dazu aufforderte, vor ihm einzutreten. Augenblicklich schoss mir der Geruch von Blut entgegen. Panik breitete sich in mir aus. Doch als ich mich gleich wieder umdrehte, um die Flucht anzutreten, prallte ich gegen eine knallharte Brust.
Ohne Wenn und Aber drehte mich mein Vampirmeister an den Schultern wieder dem Raum zu und drückte mich vorwärts, wodurch ich gezwungenermassen hineinstolperte.
Der Raum war kreisrund und mit verschiedenen, eher bescheidenen Sitzgelegenheiten ausgestattet. Das Bild, das sich mir hier darbot, liess mich beinahe würgen.
Sicher zwanzig Vampire sassen auf den hier verteilten Stühlen, mit Frauen auf ihrem Schoss, die Gesichter tief in den Halsbeugen ihrer Opfer vergraben. Meister Xelus führte mich durch den Raum auf eine Treppe zu. Direkt daneben hatte ein stämmiger Mann eine Frau gegen die Wand gedrückt und flüsterte ihr lasziv etwas ins Ohr. Stöhnen, Keuchen und Schmatzen erfüllten den Raum. Es war, als hätte man mich in den Albtraum meiner Vergangenheit hineingeworfen. Nur schlimmer.
Meister Xelus erklärte: „Hier im Erdgeschoss findet das gemeine Vampirvolk seine Nahrung. Der erste Stock, gleich da die Treppe hoch, führt zu den Blutspendern, die dem mittleren und hohen Adel vorbehalten sind.“
Wir stiegen die Treppe hoch, wobei Meister Xelus’ Hand mich sanft, aber bestimmt an meinem Rücken liegend, vorschob. Im ersten Stock angekommen, war es schon viel ruhiger. Die Stimmen von unten waren merkbar gedämpft, und die Einrichtung war nicht ganz so karg. Der Raum hier war kleiner, jedoch gab es überall Türen. Manche der Türen wiesen eine besondere Kennung auf. Die Wände waren in einem leichten Pastellblau eingekleidet und der Boden bestand aus dunklem Parkett. Im Raum selbst waren bequeme Sitzgelegenheiten aufgestellt, Sessel und Sofas; zum Ambiente gehörten aber auch zahlreiche Pflanzen, prächtige Kronleuchter und hohe Fenster.
Der eine oder andere, offenbar Adelige, Vampir, sass gemütlich bei einem kleinen Plausch mit einem anderen auf den Sesseln. Alle beide hatten eine Frau auf ihrem Schoss sitzen, deren Körper sie, ins Gespräch vertieft, abwesend streichelten und berührten.
Und die Frauen? Sie stöhnten, lachten leise oder gaben sonst Zeichen ihrer Willigkeit von sich. Mir wurde ganz bang, wenn ich nur daran dachte, man könnte so etwas von mir verlangen. Hätte ich damals auch noch spielen müssen, dass es mir gefiele …, nein, das hätte ich nicht gekonnt.
Plötzlich packte einer der Vampire das Handgelenk der Brünette auf seinem Schoss und biss beherzt hinein. Die Augen hatte er dabei geniesserisch geschlossen und die Frau stöhnte vor sich hin, während sie ihre freie Hand über seine bekleidete Brust gleiten liess.
Mir war schlecht. Überwältigt schüttelte ich den Kopf, während mein Blick noch immer fest an den beiden Gestalten klebte. Ich musste stehen geblieben sein, denn Meister Xelus schob mich jetzt voran, direkt in eines der angrenzenden Zimmer hinein. „Setz dich aufs Bett und entspann dich, Rjna.“ Die Worte machten es nicht besser. Ganz im Gegenteil.
„Setz dich aufs Bett.“
Blinzelnd versuchte ich mein Möglichstes, das Bild von Lord Dregos wieder zu verdrängen. Ich setzte mich hin und wartete.
Kurz darauf setzte er sich hinter mich, umfasste mich mit seinen Armen; der darauffolgende Schmerz, als er mir den Hals aufriss; meine Schreie, die durch den Raum hallten. Das Gefühl immer schwächer und schwächer zu werden, je länger er sich an mir labte, die flackernde Sicht, meine letzten Hoffnungen, der Gedanke an Fredi, die schwarzen Flecken in meinem Sichtfeld…
„Rjna! Was ist denn los? Komm wieder zu dir!“ Zwei Hände an meinen Schultern, ein fester Griff, ich wurde geschüttelt.
Die Arme, die sich fest um mich klammerten, die ich versuchte, mit letzter Hoffnung, von meinem Körper zu reissen!
„Rjna, alles ist gut, du bist in Sicherheit!“
„Na komm, schlaf mit mir. Dann werde ich auch ganz sanft sein.“
„Rjna, hör mir zu! Du bist hier. In der Stadt des Königs! Ich bin hier! Hörst du mich?“ Wieder wurde ich geschüttelt, seine Arme bekam ich einfach nicht los …, ein metallener Geruch erfüllte den Raum, nein! Aber eigentlich roch es viel eher süsslich … und begehrenswert. Dann drückte sich warme Haut an meine Lippen, welche zu einem stummen Schrei geöffnet waren, und dieser süsse Geschmack glitt mir direkt über Zunge und Gaumen, hinab bis in meinen Magen. Dieser rumorte zufrieden. Meine Hände machten sich selbstständig und griffen nach dem dargebotenen Arm, um ihn festzuhalten.
„So wie du reagierst, willst du doch!“
Laut keuchend liess ich von dem Arm ab, riss meine Augen auf und erblickte zwei sorgenvolle und zugleich verdutzte Gesichter. Der Arm des einen Mannes blutete, weshalb er ihn nahe an die Brust gezogen hatte.
„Bist du schon satt?“, fragte er mit heller und weicher Stimme.
Mein Blick ging zu Meister Xelus hinüber, der mich nur nachdenklich ansah. Wieder blicke ich den Mann vor mir an. Sein Herzschlag war regelmässig. Er wirkte nicht, als hätte er Angst vor mir. Der hübsche Menschenmann gab mir nicht das Gefühl, ein Monster zu sein. Aber das änderte nichts an den Tatsachen. „Ich … bin satt, danke für das … deine … Hilfe.“
Freundlich lächelte er mich an. Meister Xelus warf er noch einen sorgenvollen Blick zu, bei dem er leicht den Kopf schüttelte. Danach verliess er den Raum.
„Wieso lügst du?“
Ich schluckte schwer. Noch immer war ich mit meinen Gedanken in meinen Erinnerungen. Es kam mir vor, als befände ich mich zweierorts. „Ich habe keinen Hunger. Ich bin gesättigt“, wiederholte ich meine Worte von vorhin, doch das machte sie nicht wahrer. Tatsächlich hatte ich ein riesiges Loch im Bauch, aber ich konnte das nicht! Der einzige Grund dafür, dass ich gerade ein oder zwei Schlucke Blut zu mir genommen hatte, war, weil ich vollkommen weggetreten gewesen war und Meister Xelus es mir eingeflösst hatte!
„Rjna, du musst mehr trinken. Das, was du eben genommen hast, reicht dir nicht einmal einen halben Tag!“
„Es reicht mir aber, Xelus!“, rief ich aufgebracht, was ihn überrascht innehalten liess. So verhielt ich mich normalerweise nicht. Schon gar nicht der einzigen Person gegenüber, die so gutmütig für mich sorgte. Aber ich konnte das nicht! Fredi war doch so gestorben!
Resigniert verweilte sein Blick noch einige Momente auf meinem viel zu dünnen Körper, bevor er sanft den Kopf schüttelte. „Rjna, du musst genug trinken. Heute lasse ich es dir noch durchgehen, aber ab morgen ernähre ich dich, wenn es sein muss, unter Zwang!“


































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