Kapitel 3 – Der Brief
Kapitel 3 – Der Brief
Cyrus
Ich blickte in den Spiegel und zupfte meine Tunika zurecht. Eine Bewegung im Spiegel ließ mich zur Seite schauen.
Leeander, mein bester Freund, Berater und rechte Hand, näherte sich mir und neigte kurz sein Haupt. „Was hebt deine Stimmung so sehr, dass du dich für eine farbenfrohe Tunika entschieden hast?“
Meine Mundwinkel zuckten belustigt. Mein Blick glitt zurück zu meinem Spiegelbild. Das dunkelblaue Oberteil mit silberner Borte konnte man kaum als farbenfroh bezeichnen. Allerdings hatte Leeander in einem Punkt recht. „Heute kommen die Bauherren, die ich vor drei Monaten in die Sümpfe geschickt habe, um neues Bauland zu erkunden. In einem Brief wurde mir bereits mitgeteilt, dass sie zuversichtlich sind.“ Ich strich meine schwarzen Haare zurück, überprüfte das Band, das sie im Nacken zusammenhielt, und drehte mich zu Leeander um.
„Du willst wirklich die Menschen umsiedeln? Sie sind geschwächt. Dieser Umzug könnte ihnen noch mehr schaden.“
Ich verstand seine Argumentation. Aber ich hatte keine andere Wahl. „Wenn ich die Familien an der Grenze zum Goldenen Reich nicht bald umsiedle, wird der König sie einfordern.“ Zudem war aktuell ein milder Sommer und daher die beste Zeit für derlei Unterfangen.
„Er nimmt sich zu viel“, stimmte er zu.
Ich nickte nur. Denn es war keine Neuigkeit. Der König des Goldenen Reichs nahm sich, was er wollte und so viel er wollte. So war es schon immer gewesen und es würde sich auch nie ändern. Die Menschen litten besonders schwer, denn für ihn waren sie bloß potenzielle Sklaven. Lebende Blutspender und billige Arbeitskräfte. Im Goldenen Reich starben sie so schnell, dass sie sich kaum fortpflanzen konnten.
„Sorge dafür, dass die ersten Menschen bald umsiedeln. Sagen wir, in zwei Wochen.“ Mir war bewusst, dass in den letzten drei Monaten kaum ausreichend Häuser hatten errichtet werden können. Aber es musste reichen. Die Menschen konnten vor Ort weitere Häuser bauen.
Wir verließen mein Gemach und gingen hinunter in mein Fürstenzimmer. Kein Vergleich zum Thronsaal im Schloss des Königs, aber durchaus eines Fürsten würdig.
„Was steht heute an?“, fragte ich Leeander und setzte mich hinter meinen Schreibtisch.
„Es sind nahe der Grenze vier junge Frauen verschwunden. Sie alle sind Töchter der jeweiligen Dorfvorsteher. Ihre Eltern bitten um Aufklärung und möchten, dass sie wohlbehalten zurückkehren.“
Ich massierte meine Schläfen. Natürlich wusste ich sofort, wo sie waren. Und vermutlich lebte nicht mal mehr die Hälfte von ihnen. Ein Grund mehr, den Umzug der Menschensiedlung zu beschleunigen.
„Sorge dafür, dass unser Diplomat das Thema anspricht, und verlange eine Ausgleichszahlung.“ Zwar war mir klar, dass die Eltern der jungen Frauen das Gold nicht wollten – wenn sie es überhaupt erhalten sollten – aber mehr konnte ich gegen den König nicht unternehmen. „Und ich möchte…“ Weiter kam ich nicht, denn ohne jede Vorwarnung wurde plötzlich die Tür geöffnet. Lee und ich sahen überrascht auf.
Ein Diener lief herein und stammelte eine Entschuldigung, aus der ich vernehmen konnte, dass wir hohen Besuch erhielten. Dem Diener deutete ich mit einer Handbewegung an, dass er verschwinden sollte.
Mein Augenmerk richtete ich auf den Vampir, der mit langsamen Schritten meinen Saal betrat und sich in alle Richtungen umsah. Vor dem Schreibtisch blieb er stehen, richtete seinen Blick allerdings noch immer nicht auf mich.
„Dein Lakai soll auch verschwinden“, verlangte mein werter Besucher mit kalter, arroganter Stimme.
Ich musste mich zusammenreißen. Am liebsten hätte ich gesagt, dass Leeander ganz sicher nicht mein Lakai war und er bleiben würde. Jedoch wollte ich den Zorn des Kronprinzen nicht schon am Anfang des Gesprächs auf mich ziehen. In den Augen der Königsfamilie waren Grigoroi nur Abschaum. Verwandelte Menschen, die zwar schneller und kräftiger als Menschen waren, aber niemals an einen echten Vampir herankamen. Sie dienten ihrem Erschaffer im Gegenzug für ein überdurchschnittlich langes Leben von mehreren hundert Jahren.
Ich nickte meinem besten Freund zu und richtete meine Aufmerksamkeit wieder auf den Kronprinzen. Wie sein Vater hatte er dunkelbraune, lockige Haare, die ihm ins arrogant verzogene Gesicht hingen. Seine Lippen waren nur ein schmaler, bleicher Strich und verbargen seinen Unmut nicht. Natürlich trug er nur die edelsten Stoffe und Edelsteine.
„Mein Prinz“, grüßte ich förmlich und deutete auf die gemütliche Sitzecke. „Was verschafft mir die Ehre Eures Besuches?“ Langsam erhob ich mich von meinem Schreibtisch, trat hervor und verbeugte mich.
„Mir sind Gerüchte zu Ohren gekommen“, säuselte der Mann und ging hinüber zur Sitzecke. Ohne auf seine Worte einzugehen, folgte ich ihm und setzte mich ihm gegenüber. Dabei ließ ich ihn nicht eine Sekunde aus den Augen. Wie erwartet, fuhr der Kronprinz mit seinen Erklärungen fort: „Die Einwohner von Balin haben den Fluss umgeleitet, um ihre Felder damit zu bewässern.“
Scheinbar desinteressiert lehnte ich mich zurück und blickte in das junge, ebenmäßige Gesicht des Kronprinzen. Allerdings konnte seine äußere Perfektion nicht verbergen, wie verdorben sein Innerstes war. „Balin …“, erwiderte ich gedehnt und machte mir im Kopf eine Notiz, Leeander später zu fragen. „Die Siedlung liegt an der Goldenen Ader. Wie sollte es Menschen gelingen, den kompletten Fluss umzuleiten?“
Das Gesicht des Prinzen verfinsterte sich und er lehnte sich auf seinem Sessel weiter vor. Als müsse er seine Macht untermauern, schossen seine Fangzähne heraus. Eine klare Drohgebärde. „Es ist mir egal, was die Menschen gemacht haben. Sie haben damit das Königshaus provoziert. Meine Männer haben das Dorf bereits ausgelöscht.“
Ein entrüstetes Schnauben unterdrückend, erinnerte ich mich, wen ich hier vor mir hatte. Ihm den Kopf abzureißen, wäre eine schrecklich dumme Idee, mit ebenso schrecklichen Folgen. Das kurze Hochgefühl wäre schön, aber trügerisch. Somit beließ ich es dabei, an meinen knirschenden Zähnen vorbeizusprechen: „Ohne meine Zustimmung, mein Prinz? Ist Euch bewusst, dass ich dies als Angriff auf mein Fürstentum sehen kann? Als Angriff auf mich?“ Ich lehnte mich zur Seite, stützte den Arm auf der Lehne ab und legte mein Kinn in meine Hand – bemüht darum, möglichst gelassen auszusehen. Innerlich jedoch brodelte ich.
„Daher unterrichte ich Euch jetzt davon, Fürst Cyrus. Die Anwohner haben einen unverzeihlichen Fehler gemacht. Ihr versteht doch sicher, dass wir sofort handeln mussten. Mit aller Härte, ganz so, wie es das Gesetz vorschreibt.“
Ich zwang mich zur Ruhe. Die Gesetze des Goldenen Reiches galten nicht in meinem Fürstentum, und das war der Königsfamilie durchaus bekannt. Mir war allerdings auch bekannt, dass meine eigenen Gesetze dem Königshaus missfielen. „Ich hätte die Angelegenheit gerne selbst untersucht“, erwiderte ich scheinbar gelassen. Balin war eine wichtige Siedlung für die Menschen und versorgte die anderen Siedlungen mit wertvollem Getreide und Mehl.
„Oh, wir wissen, dass Ihr ein viel beschäftigter Mann seid, Fürst Cyrus. Seht es als Zeichen unserer guten Beziehungen, dass wir dem Fürstentum des Ostens so schnell und unkompliziert unter die Arme gegriffen haben.“ Der Kronprinz lächelte breit und entblößte dabei noch ein Stückchen mehr seiner Fangzähne.
Da wollte er mich in meinem eigenen Schloss zurechtweisen und schikanieren. Und kam damit auch noch durch. Er genoss es sichtlich, mich an meinen Platz zu erinnern. Immerhin war ich bloß ein Fürst. Einer von drei Fürsten, welche dem Goldenen Reich und der Königsfamilie unterstanden. Seine unterschwellige Drohung war mir keineswegs entgangen, ebenso der Hinweis, dass die Königsfamilie weit mehr wusste, als sie zugab. Waren ihnen meine Pläne zur Umsiedlung bekannt? Nach außen hin saß ich mit entspannten Gesichtszügen da. Ich war nicht dumm und würde mich sicher nicht aus der Reserve locken lassen. Dennoch konnte ich mir einen kleinen Kommentar nicht verkneifen. „Wie überaus freundlich“, knurrte ich kaum hörbar. „Gibt es noch ein Anliegen, mein Prinz?“
Der Kronprinz musterte mich eingehend und ließ nach einem leisen Lachen seine Fangzähne verschwinden. Wahrscheinlich dachte er, er hätte mich damit eingeschüchtert. Ich ließ ihn gerne in dem Glauben. „Ich überbringe Euch einen Brief meines Vaters.“ Mit diesen Worten holte er einen Brief mit dem königlichen Siegel hervor, den er auf den Tisch legte.
Entgegen meinem Reflex ließ ich den Brief liegen. Leider konnte ich aufgrund seiner Mimik nicht ablesen, was darin geschrieben stand. Aber ich ahnte, dass meine Bitte abgelehnt wurde. Wahrscheinlich hatte der König fadenscheinige Ausreden genutzt, um mein Gesuch auszuschlagen. Dabei wäre es auch in seinem Interesse gewesen, wenn seine Tochter mich geehelicht hätte – wenn es auch nicht den Traditionen des Goldenen Reiches entsprochen hätte. „Danke“, erwiderte ich knapp und erhob mich. Meiner Meinung nach gab es keinen Grund, den Kronprinzen weiter aufzuhalten.
„Im Übrigen haben sich natürlich die Grenzen bei Balin geändert“, erklärte der Kronprinz süffisant lächelnd. „Ihr werdet noch eine entsprechende Änderung auf Eurer Karte vornehmen müssen.“
Oh, wie ich diesem Widerling am liebsten an die Gurgel gehen würde … „Selbstverständlich. Ich werde meine Kartografen anweisen, die Grenzen neu einzuzeichnen.“ Wütend schenkte ich dem Kronprinzen ein ebenso falsches Lächeln, wie er es auf den Lippen trug. Ganz so, als wäre es mir eine regelrechte Freude, dem König einen Teil meines Landes zu schenken. „Ich werde es veranlassen.“
Der Kronprinz neigte seinen Kopf, und nachdem ich mich erneut vor ihm verbeugt hatte, verschwand er endlich.
Nur wenig später trat Leeander in den Saal und kam langsam auf mich zu. Er richtete den Blick auf den Brief, schwieg aber.
„Wir werden noch heute nach Balin reisen. Ich muss mit eigenen Augen sehen, was passiert ist“, entschied ich.
„Natürlich. Sonst noch etwas?“
„Du begleitest mich.“ Es wäre angebracht, die Grenzen zum Goldenen Königreich zu kontrollieren. Jede Siedlung in unmittelbarer Nähe könnte in Gefahr sein. Ich griff nach dem Brief, brach das Siegel und faltete ihn auseinander. Der Brief war kurz gehalten. Der König teilte mir mit, dass die Familie um den Verlust ihrer geliebten Tochter, Aurelie Nayara Athanasia, trauerte und die offizielle Trauerzeit seit kurzem beendet wäre.
Diese Nachricht kam überraschend. Vor mehreren Jahren hatte ich bereits einmal um die Hand von Aurelie angehalten. Der Antrag war formlos und ohne jede Erklärung abgelehnt worden. Beim nächsten Bankett wollte ich das Thema eigentlich erneut zur Sprache bringen …, dazu hatte ich auch bereits ein Schreiben verfasst und an den König gesandt. Doch das würde sich nun wohl erübrigen. Bedauerlich. Ein Tod in so jungen Jahren. Doch brauchte ich keinen weiteren Gedanken daran zu verschwenden. Ich würde rasch Ersatz finden, wenn ich das denn wollte. Doch der eigentliche Gedanke dahinter – eine Verbindung zum Königshaus zu schaffen, auf diese Weise mehr Einfluss zu gewinnen und so langfristig etwas ändern zu können – wäre bei jeder anderen nicht mehr gegeben.
Stumm las ich weiter. Unzählige Zeilen, die an die jährlichen Steuern und Tributzahlungen erinnerten. Wütend knüllte ich das Papier in der Hand zusammen und warf es in den Kamin. Natürlich erinnerte mich der König an die Zahlungen, denn letztes Jahr hatte ich gerade mal die Hälfte dessen zahlen können, was er verlangt hatte! Und jetzt, wo er mir noch Balin genommen hatte, erinnerte er an meine Schulden!
„Schlechte Nachrichten?“, fragte Leeander.
„Der König erinnert an die Steuern“, knurrte ich wütend.
„Wie jedes Jahr.“
Ich nickte bloß und starrte in die Flammen, die sich gierig das Papier einverleibten. Bevor das Papier komplett verbrannte, konnte ich noch einen Namen lesen: Aurelie.
„Lee? Ich möchte, dass die Spione im königlichen Palast unauffällig kontaktiert werden. Ich habe drei Jahre Zeit, bis der König das Bankett hält.“ Leeanders Augenbrauen schoben sich fragend zusammen, aber er nickte bloß. „Seit dem Tod meiner Eltern …“ Ich unterbrach mich, denn obwohl ihr Tod nun schon so lange zurücklag, schmerzte er mich noch immer. Vor allem, weil meine damalige Verlobte mich an den König verraten hatte. Seither hatte ich mir geschworen, nie wieder auf das angeblich schwächere Geschlecht hereinzufallen. Frauen kompensierten ihre Schwäche mit Intrigen, Lügen, List und Verrat. „Seit ihrem Tod werden die Menschen in meinem Fürstentum immer weiter in die Sümpfe zurückgedrängt. Ich kann das nicht länger hinnehmen!“ Angriffslustig glitten meine Fangzähne heraus. „Der König nimmt sich seit Jahrzehnten zu viel. Land, Vieh, Menschen und Gold! Er lässt mein Fürstentum ausbluten und verlangt immer mehr! Niemand kann seine Gier befriedigen und vor allem die Menschen leiden darunter!“ Leeander nickte bloß. Das alles war ihm nicht neu. Viele gebürtige Vampire hatten meinem Fürstentum bereits den Rücken gekehrt und die restlichen Familien würden sich mit Sicherheit auch bald von mir abwenden, dessen war ich mir sicher. „Der König muss abgesetzt werden, ansonsten stirbt mein Fürstentum in den nächsten hundert Jahren aus!“





































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