Kapitel 3 – Die Legende der Götter
Kapitel 3 – Die Legende der Götter
Aurelie
Nach der Ratssitzung wartete ich noch einen Moment auf Leeander. Graf Dreidolch leistete mir indessen Gesellschaft. Lee würde ihn nachher zu den ehemaligen Arbeitsräumlichkeiten Seiblings geleiten.
Es dauerte nicht lange, da trat er ein. Hinter ihm folgte ein braunhaariger, agil gebauter Mann mit eindrücklich dunklen Augen. Sie wirkten fast schon schwarz. Seine braunen Haare waren lang, selbst noch in geflochtenem Zustand. Der Zopf hing ihm elegant über die Schulter und endete erst auf der Höhe seines Nabels.
„Elok, nehme ich an?“ Ich ging auf die beiden Grigoroi zu.
Elok verneigte sich galant vor mir. „In der Tat, meine Königin. Ich bin erfreut, Eure Bekanntschaft zu machen. Stets zu Diensten.“
Ich nickte dem Grigoroi dankend zu und wandte mich an Leeander: „Ist Seibling sicher in seiner neuen Unterkunft angekommen?“
„Natürlich. Er ist im Kerker und kann dort ruhig ein wenig über sein Verhalten nachdenken. Wünscht Ihr ihn zu späterer Stunde noch zu sprechen?“
„Ich werde mich morgen mit ihm befassen. Lee, bring bitte Graf Dreidolch zu Seiblings altem Arbeitszimmer. Er soll sich in seine Arbeit einlesen und Zahlungen kontrollieren.“ Ich drehte mich zu Graf Dreidolch um und fragte: „Braucht Ihr noch etwas?“
„Nein, Majestät.“ Er verbeugte sich. „Ich werde mich sofort an die Arbeit machen.“
„Perfekt. Falls Ihr etwas entdeckt, meldet es mir.“ Er nickte mir zu und stellte sich zur Tür hin, um auf Leeander zu warten. „Elok, Ihr begleitet mich.“ Gerade als ich mich schon in Bewegung setzen wollte, fiel mir noch etwas ein. „Leeander! Suche danach bitte Graf Targes auf. Ich möchte mindestens zwei Wachen der Schlosswache vor den Kerkern. Und es sollen Leute sein, denen er voll und ganz vertraut. Das Sprechen mit den Insassen ist selbstverständlich verboten und nach außen dringen darf ebenfalls nichts. Ich will, dass Seiblings Gefangennahme möglichst lang unter Verschluss bleibt.“
„Natürlich, meine Königin.“
Ich ging den Gang entlang, während Elok stets einen Schritt Abstand zu mir hielt. Zum ersten Mal überhaupt wurde mir bewusst, wie anstrengend das Regieren eigentlich sein konnte. Ich hatte so unglaublich viele Dinge im Kopf. Seibling bewachen lassen, mir überlegen, wie ich ihn verhören wollte, den Zeitpunkt für seinen Tod festlegen, generell überhaupt entscheiden, dass er sterben musste! Doch diese Entscheidung rief bei mir nicht einmal das Mindestmaß an Trauer oder Bedrücktheit hervor. Und diese fehlende Emotion schockierte mich.
Dann musste ich die Minister ersetzen – obwohl ich die Hoffnung hegte, dass Cyrus‘ Berater baldmöglichst ankämen und sich dieses Problem damit erledigte. Ich musste jemanden schicken, der Seiblings Dokumente, die er sicherlich bei sich im Haus hortete und versteckte, auftrieb und ich musste seine Familie vorladen. Ich konnte und wollte ihnen nicht alles nehmen, ihre ganze Lebensgrundlage, ohne dass ich ihnen einen Grund dafür nannte. Außerdem sollten sie vom bevorstehenden Tod ihres Familienoberhaupts durch mich persönlich erfahren. Denn es war meine Entscheidung gewesen. Also musste ich dort eine Einladung veranlassen.
Und das alles mit genau zwei Männern. Zwei, denen ich wagte, zu vertrauen. Zwar kannte ich Elok nicht, und bestimmt war es keine gute Idee, meinem Gemahl zu vertrauen, wenn es um mein Leben ging, aber ich war mir sicher, dass wenn Cyrus mich umbringen wollte, er es persönlich täte. Das gebot ihm die Ehre, so wie es mir meine gebot, die Familie Seiblings persönlich über sein Schicksal zu informieren.
Bei den Quartieren der Grigoroi angekommen, klopfte ich an Irinas Tür. Ich wusste nicht, ob meine Idee wahnwitzig war, aber ich hatte beschlossen, dass sie es wäre, die zu Seiblings Anwesen reisen würde.
„Majestät …, was machen wir hier?“, fragte Elok vorsichtig.
„Ich gebe dir einen Auftrag.“ Ich lächelte sacht. „Na, eigentlich ihr. Warte es ab.“
Irina öffnete und zog mich augenblicklich in ihre Arme. „Naya“, rief sie erleichtert und drückte mich fest. „Ich habe gehört, der König sei abgereist. Und dich konnte ich nicht besuchen, da du mit den Lackaffen eingesperrt warst“, murmelte sie in mein Haar. „Geht es dir gut?“
Ich kicherte leise und nickte an ihrer Brust. „Alles in Ordnung. Nun, eigentlich mehr als das. Darf ich reinkommen?“
„Äh …“ Hilfesuchend sah Irina hinter mich. „Ich glaube, Elok wäre damit nicht einverstanden. Besser, wir gehen in deine Räumlichkeiten.“
Ich zuckte die Schultern. Auch gut. Moment. Woher kannte Irina Elok?
In meinen Gemächern angekommen, setzten wir uns zusammen in den Salon. Irina nahm wie völlig selbstverständlich den Platz mir gegenüber auf dem Sofa ein, während Elok stirnrunzelnd und angespannt neben mir stand, die Arme hinter dem Rücken verschränkt.
„Jetzt setz dich schon“, forderte ich ihn auf und deutete auf einen der Sessel in meinem Wohnzimmer.
„Aber Majestät …“
„Nichts da, hier drin bin ich Nayara. Und jetzt setz dich. Wenn niemand zuguckt, dann geh das nächste Mal bitte auch neben mir und nicht hinter mir und jetzt entspann dich.“ War das zu forsch? Vielleicht. Egal.
Zögerlich setzte er sich hin, behielt den Rücken aber gerade und steif.
„Also … ich möchte es kurz machen. Irina, ich bräuchte deine Dienste. Wärst du bereit, auf eine Mission zu gehen?“
„Eine Mission?“, fragte Irina sichtlich irritiert. „Was soll ich tun?“
„Ich habe vorher soeben drei der Minister unehrenhaft entlassen. Einer hat daraufhin versucht, mich anzugreifen. Jetzt sitzt er wegen versuchtem Königsmord sowie Hochverrats im Kerker und wird demnächst gerichtet.“ Ich sagte es völlig kalt, doch innerlich war ich aufgewühlt. Wie würde sie reagieren?
„Was?“ Ihre Augen weiten sich vor Entsetzen. Ihr Blick pendelte zu Elok und dann wieder zu mir. „Was ist passiert? Und warum ist der König weg? Er hat fast alle seine Männer mitgenommen! Das wird sich rumsprechen, Naya!“
Ich biss mir verzagend auf die Lippe. Dann lachte ich leicht hysterisch auf. „Ach ja? Ist mir noch nicht in den Sinn gekommen. Und das betrifft beides. Nun, jedenfalls, äh …“ Der Grund. Der Grund war … dass sie … „Sie wollten gehen. Gewissermaßen. Naja, ich habe ihnen gesagt, dass Lee im Saal bleiben wird, und das nicht verhandelbar ist. Daraufhin meinten sie, entweder er ginge oder sie. Und ich habe daraufhin erwidert, dass ich niemanden dazu zwingen würde, für die Krone tätig zu sein. Damit waren sie dann eigentlich auch schon entlassen, denn die drei befanden sich auf halbem Weg aus dem Saal. Aber eigentlich ist das ganz gut, denn das Einzige, was diese Männer die letzten Jahre zustande gebracht haben, war, die königliche Kasse zu leeren und Menschen zu versklaven. Also ist ihr Verlust … wohl eher ein Gewinn. Äh, ja …“
„In den Ostlanden gibt es schon seit Jahrhunderten keine Sklaverei mehr! Die Vampire im Goldenen Reich sind so …!“ Elok brach ab und schlug sich mit einer Hand vor den Mund. „Bitte verzeiht. “ Abrupt stand er auf. „Ich sollte vor der Tür Wache halten!“
„Nein, du bleibst schön hier sitzen. Das Gespräch richtet sich nämlich auch noch an dich. Des Weiteren darfst du dich ruhig einbringen. Und ich stimme dir zu. Die Vampire hier sind altmodisch und stur. Und ich weigere mich, mich ihrem Hochmut und ihrer Besitzgier zu beugen.“
Nur zögernd setzte sich Elok wieder, vermied es aber, mir in die Augen zu sehen. „Es stand mir trotzdem nicht zu.“
„Ist schon gut“, fiel ihm Irina ins Wort. „Naya hasst die Sklaverei und sie ist nicht, wie die anderen Vampire hier.“ Dann wandte sie sich an mich. „Was für eine Mission hast du für mich?“
„Der verurteilte Minister ist Seibling. Er war Meister der Münze. Und ich weiß aus zuverlässiger Quelle“, also ich im Geheimgang am Lauschen, „dass er Gold unterschlagen hat. Ich hoffe zwar, die Dokumente hier in seinem Arbeitszimmer zu finden, aber bezweifle es doch arg. Du sollst zu seiner ehemaligen Residenz reiten und die Informationen beschaffen. Nimm die Dokumente mit. Alle, die du finden kannst. Zeitgleich sollst du seiner Familie meine Einladung aussprechen. Ich werde sie persönlich über die Umstände informieren. Er hat eine Frau und zwei Kinder. Einen erwachsenen Sohn und eine Tochter, die um ein paar Jahrzehnte jünger ist als ich. Bitte sie her. Ich werde dir auch einen Brief für sie mitgeben.“ Ich atmete tief durch und schaute die beiden Grigoroi mir gegenüber abwechselnd an. „Und dann wären wir auch schon beim Grund, für deine Anwesenheit, Elok. Du wirst Irina darauf vorbereiten. Bring ihr alles bei, was sie wissen muss, aber macht möglichst schnell. Morgen früh solltest du los. Ich bin mir ziemlich sicher, sobald die Information über seine Festnahme nach außen dringt, werden sämtliche Pergamente sehr schnell verschwinden.“ Nun sah ich nur noch Elok an. „Zeig ihr, was sie wissen muss. Wovon sie sich auf der Reise ernährt, wo oder was sie bei der Durchsuchung des Hauses besonders beachten soll. Womit kann sie sich vor den Bewohnern ausweisen? Vielleicht bringst du ihr noch ein Mindestmaß an Kampftechniken bei.“
„An einem Tag?“ Mit offenem Mund schüttelte er den Kopf. „Unmöglich! Warum schickt Ihr mich nicht einfach? Oder ich hole seine Familie und Irina durchsucht die Residenz!“
„Ich habe zwei Männer, Elok. Cyrus hat mir zwei ausgebildete Männer dagelassen. Irina kann lesen. Und sie genießt mein vollstes Vertrauen. Aber sie ist nicht ausgebildet, wenn es um den Kampf geht. Und jetzt ist es nun einmal so, dass ich verflucht noch eins, noch ein Kind bin und meine Schwertkunst sich mehr mit einem tollpatschigen Herumhopsen vergleichen lässt, als dass sie wirklich nützlich wäre! Wenn es also zu irgendeiner Art von Kampf kommt, würde ich ziemlich in der Tinte sitzen, wenn ich niemanden an meiner Seite hätte. Und es gibt unglaublich viel zu tun, was nun mal eingearbeitete, ausgebildete Hände erfordert. Lee ist ausgebildet. Er kann mich beraten, denn ich wiederhole es gerne noch einmal: Ich bin ein Kind. Ich werde mir nicht anmaßen, dass ich ausreichend Überblick über die Situation habe, denn dem ist nicht so. Und der König hat mich bisher aus allen Geschäften fein säuberlich herausgehalten, was in dieser Situation nicht gerade hilft!“ Ich redete mich in Rage. Erst als plötzlich Emilis Hand auf meiner Schulter landete, wurde ich mir der Situation wieder bewusst. Erleichtert atmete ich aus und blickte über meine Schulter. „Danke, Emili.“ Sie nickte schweigend und zog sich in ihre Kammer zurück.
„Gut. Also, du wirst natürlich nicht allein gehen. Ich werde dir jemanden aus der Stadtwache mitgeben. Aber …“ Ich biss mir auf die Lippe. „Vertraue ihm nicht. Vertraue niemandem, Irina. Elok und Lee. Bei den beiden weiß ich um ihre Treue zu Cyrus. Sonst hätte er sie nicht hiergelassen. Auch Graf Targes hat sich als vertrauenswürdig herausgestellt, aber er übernimmt jetzt die Aufgaben zweier Minister.“ Etwas leiser fügte ich hinzu: „Außerdem wäre er für so einen Ausflug vermutlich schon zu alt …“
„Gebt ihr zwei Männer aus der Stadtwache mit. Dann wirkt es offiziell. Sie können auch bei der Durchsuchung helfen. Der König hat sich eine Liste aller Wachleute geben lassen. Er wollte wissen, wem er im Zweifel vertrauen kann. Lee sollte diese Liste haben. Oder zumindest wissen, wo sie ist.“
„Ich weiß auch, wie ich mich von Tieren ernähren kann. Allerdings bräuchte ich wohl einen offiziellen Brief mit dem königlichen Siegel. Und eine Kutsche. Ich kann die Familie ja nicht zu Fuß hierherbringen“, merkte Irina an.
„Kannst du eigentlich reiten?“, fragte ich sie, selbst ein wenig erstaunt darüber, dass ich das noch nicht wusste. Das mit der Kutsche wäre nur hinderlich. „Die Familie wird sicherlich eine Kutsche Zuhause haben. Sie würde dich nur aufhalten auf dem Hinweg.“
Irina schüttelte bedauernd den Kopf. „Ist die Residenz denn weit entfernt? Ansonsten kann ich sicher bei einem Wachmann mit aufs Pferd steigen.“
Angeekelt verzog ich den Mund. Generell hatte ich ja eher schlechte Erfahrungen mit Männern und bevorzugte es, ihre Nähe zu meiden. In den meisten Fällen. „Wärst du dazu denn bereit? Ich schätze, um einen Tagesritt dürfte es sich mindestens handeln.“
„Ja, sicher. Es scheint mir die schnellste Lösung zu sein. Und wir werden wohl nicht mehrere Tage unterwegs sein.“
„Voraussichtlich nicht. Aber ich gebe zu, ich habe in Geografie nie wirklich aufgepasst“, gestand ich und verzog gequält mein Gesicht. Ich konnte dieses Thema noch nie ausstehen.
„Im Arbeitszimmer des Königs ist eine sehr ausführliche Karte des Goldenen Reichs. Und bestimmt auch die besagte Liste der Wachleute. Das sollten wir uns auf jeden Fall anschauen.“ Elok stand auf und war im nächsten Moment bei Irina, um ihr aufzuhelfen. Ganz betreten blickte er danach zu mir und reichte stattdessen mir die Hand. „Verzeihung.“
Plötzlich brach ich in Lachen aus. Ich stand auf, hielt mir aber die Hand vor den Mund, um nicht so unglaublich undamenhaft loszuprusten. Doch es brachte nicht viel. Eloks Hand hatte ich dabei ausgeschlagen und auf Irina gezeigt. „Sie ist älter. Ich kann das noch allein!“ Nun, eigentlich war das so nicht ganz richtig. Aber Irina war immerhin erwachsen. Also alt. Zwischen den beiden war irgendwas und ich würde Irina minutiös alles aus der Nase ziehen, sobald sie wieder da war! „Nun denn … solltet ihr noch etwas brauchen, informiert mich.“ Schnell huschte ich aus dem Raum und in die Kammer von Emili und Aurillia. Dort fing ich wieder an, zu lachen. Dabei war es nicht einmal besonders lustig. Aber irgendwie eben auch schon. Wie Elok sich verhielt, war einfach zu komisch!
Aurillia und Emili sahen mich an, als wäre ich bescheuert. Erst versuchte ich noch zu erklären, was vorgefallen war, beließ es dann aber dabei.
„Könnte mir eine von euch dieses Korsett öffnen? Das zieht und drückt schon den ganzen Tag!“, brachte ich schließlich aufs Tapet, weswegen ich sie aufgesucht hatte. „Und danach habe ich Zeit, das Thema von heute Morgen wieder aufzunehmen. Die Ratssitzung hat ja nicht allzu lange gedauert“, erwähnte ich und verdrehte dabei unwirsch die Augen.
„Natürlich.“ Emili kam auf mich zu und begann, die Schnüre zu lösen und zu lockern.
„Was ist denn passiert?“, wollte Aurillia wissen.
„Was?“, entgegnete ich verwirrt.
„Na, du hast gerade so genervt die Augen verdreht. Oder war es nur das übliche Drama?“
„Oh.“ Ich seufzte leise. „Nein, es war nicht nur das übliche Drama.“ Und so wurde das Thema um Emilis seltsame Fähigkeit weiter nach hinten geschoben, denn die beiden Mädchen wollten Details.
Irina und Elok waren aufgebrochen, um Irina auf die Reise vorzubereiten, also hatten wir uns bald schon ins Wohnzimmer gesetzt. Zwar saß ich nun in einer lockeren Hose und einem meiner Hemden da, die ich vor dem König unter meinem Bett versteckt hatte, aber nach wie vor drückte es an meiner Brust.
„Naya? Was machst du da eigentlich die ganze Zeit?“
„Hm?“ Aurillia deutete augenbrauenhebend auf meine Hände. Die an meinen praktisch flachen Brüsten lagen und sie massierten. „Oh, äh … sie tun irgendwie weh. Ich weiß auch nicht. Heute mit dem Korsett war es furchtbar unangenehm und jetzt, wo es ab ist, fühlt es sich an, als wäre es immer noch an.“ Und deshalb versuchte ich, die Haut da mit einer Massage aufzulockern. Es war doch vollkommen normal, dass man sich in Gesellschaft die Brüste massierte! Die ich noch nicht einmal hatte … Seufzend zwang ich meine Hände, mit ihrem Tun aufzuhören und legte sie mir in den Schoss.
„Drückt oder spannt es etwa? Oder zieht es?“, fragte Emili vorsichtig und auch Aurillia wurde hellhöriger. „Und empfindlicher?“ Emili setzte sich zu mir und betrachtete mich seltsam. „Das Korsett lag auch ziemlich eng an. Vielleicht sollten wir es morgen weglassen.“
„Es tut vor allem weh“, murrte ich. „Aber du hast recht, Emili. Ich habe genug Kleider, bei denen ein Korsett unnötig ist.“ Mir war es mehr als unangenehm, dass mir die beiden nun unablässig auf die Brüste guckten. „Äh, wir sollten … ich wollte das Thema von heute Morgen eigentlich nochmals aufgreifen. Emili, das, was du siehst, … ich weiß zwar nicht, was das ist, aber es gibt etwas ganz Ähnliches unter Vampiren.“ Zögerlich fügte ich hinzu: „Allerdings nur in der Familie des Vide-Ludoris. Dem weisen Gott. Und die Kraft ist auch schon Generationen nicht mehr aufgetaucht. Bis jetzt. Eigentlich dachte ich selbst, es handle sich nur um einen Mythos, aber der Fürst des Nordens wurde mit ihnen gesegnet.“
„Was denn für eine Kraft? Ich habe den Namen Vide-Ludoris noch nie gehört“, erwiderte sie. „Was ist das denn für ein Mythos?“
Meine Augen wurden bei ihrem Geständnis groß. „Ihr kennt die Götter nicht?“
„Nein? Es sind die Götter der Vampire. Warum sollen wir die kennen?“, fragte Aurillia.
Auch Emili nickte leicht. „Wir sind Menschen, Nayara. Wir sollen nicht an Götter oder höhere Wesen glauben. Wir sollen euch Vampiren dienen.“
Ihre Aussage zerstörte ein ganzes Weltbild in meinem Kopf. „Aber … aber die Vampire dienen doch den Göttern! Wieso sollten sie verlangen, dass ihr das nicht auch tut?“ Müde stützte ich meinen Kopf auf meine Hände. Etwas leiser sagte ich: „Ich verstehe das nicht.“ Nach einer Weile, in der die beiden unangenehme Blicke ausgetauscht hatten, sah ich wieder auf. „Nun gut. Es gibt vier Götter. Je einen für die vier Vampirstämme. Meine Göttin, und damit die der … bisherigen Königsfamilie, ist Ignis-Robur. Sie ist die Göttin der Stärke und des Feuers. Ihre Gestalt ist ein Drache. Deswegen ist dies auch mein Wappenzeichen“, erklärte ich, doch ich erkannte, dass die beiden diese Geschichte nur für Humbug hielten. Seufzend fuhr ich fort: „Der Gott, über den ich vorhin sprach, ist Vide-Loudoris. Der Gott der Sicht und Weisheit. Er wacht über die Fürstenfamilie des Nordens. Der Familie von Fürst Kretos. Und der Fürst … wurde von seinem Gott gesegnet.“ Kurz blieb ich still und überlegte, wie ich ihnen das am besten begreiflich machen konnte.
„Äh …“
„Warte Aurillia, lass mich ausreden.“ Mit der Legende gelänge mir das wohl am besten. „Also …, vor Äonen von Jahren, so erzählt es die Geschichte, gab es eine Zeit, in der jedes Mitglied der vier Familien über die jeweilige Macht seines Gottes verfügte. Es war eine zauberhafte Welt, in der die Götter selbst noch auf Erden lebten. Jeder in seiner Gestalt. Ignis-Roubr als Drache, Vide-Ludoris als Elf. Ora-Fides, der Gott der Verbundenheit und Loyalität, als Einhorn. Das ist der Gott meines Gemahls. Und Vitas-Ulcus, die Göttin des Wachstums und des Lebens, in der irdischen Form einer Nymphe.“ Ich machte eine kurze Redepause und sah den beiden einmal in die zweifelnden Augen. „Doch dann geschah etwas. Niemand weiß so recht, was der Grund dafür war, aber die Götter verschwanden von der Erde. Und ihre Kräfte traten bei immer weniger Vampiren auf, bis sie schließlich gänzlich verschwanden und zur Legende wurden. Heute ist es nur noch eine Geschichte. Zumindest dachte ich das bis vor kurzem.“
Emili wirkte nachdenklich, während die Mundwinkel von Aurillia immer wieder zuckten und sie nach kurzer Zeit anfing, haltlos zu lachen. „Der König glaubt an Einhörner?!“
Ich verdrehte die Augen, stimmte aber alsbald in ihr Lachen ein. „Naja, als er mir das gesagt hat, habe ich so ähnlich reagiert!“, stimmte ich prustend zu.
„Der Drache war sicher sehr mächtig. Deshalb ist deine Familie königlich und die anderen sind nur Fürsten. Bringt das nicht alles durcheinander, wenn Cyrus jetzt König ist?“, fragte Emili zögerlich. „Und was waren diese Kräfte? Glaubst du, nur weil ich etwas nachdenklich bin und ein paar Sachen gesehen habe, wäre ich … irgendwie mit diesem Vide-Ludoris verbunden? Ich? Ein Mensch?“
„Ich weiß es nicht, Emili.“ Seufzend setzte ich mich richtig auf. „Aber was für eine Erklärung gibt es sonst? Und so abwegig ist es vielleicht nicht. Ich meine, Vampire sterben, wenn sie dein Blut trinken. Du siehst Bilder, wie es eigentlich nur ein Nachfahre des Vide-Ludoris kann … vielleicht …“ Konnte es sein, dass sie von Vampiren abstammte? War es möglich, dass ein Vampir einst einen Menschen geboren hatte? Meines Wissens war das noch nie vorgekommen. Auch ich war zur Hälfte Mensch, aber das Vampirgen schlug durch. Immer. Wäre es nicht so, wäre ich wohl kaum ein hundertjähriges Kind!
„Vielleicht, was?“, hakte Emili nach. „Glaubst du, ich bin mit Kretos verwandt?“ Ihre Stimme klang auf einmal eine ganze Oktave zu hoch.
„Vielleicht?“ Jetzt klang auch meine Stimme zu hoch. „Aber ich weiß es nicht! Es ist nur das Einzige, was in meinem Kopf gerade Sinn machen will! Nur habe ich noch nie gehört, dass ein Vampir einen Menschen zur Welt gebracht hat.“
„Aber meine Eltern sind Menschen! Ich kann doch nicht mit einem Vampir verwandt sein! Das … das passt nicht! Es muss eine andere Erklärung dafür geben!“ Sie schluckte schwer und schloss die Augen. „Ich mag den Mann nicht! Und ich mag den Norden nicht.“
„Du magst eine ganze Region nicht, nur weil du den Fürsten davon nicht magst?“, fragte ich verwirrt.
„Du magst deinen Blutsauger-Verwandten nicht? Dabei könnest du einer Prinzessin gleich leben, wenn das stimmt!“, überlegte Aurillia.
„Es ist kalt im Norden! Und gruselig!“ Emili verschränkte die Arme vor der Brust. „Außerdem kann ich ja nicht zu einem Vampir gehen und ihm sagen, dass ich die Gabe seiner Familie habe.“
„Und deine Augen werden auch nicht weiß, wenn du etwas siehst. Oder?“
„Ich weiß nicht? Wie soll ich das denn sehen?“ Emili stand auf, ging zum Tisch und nahm das Tablett. „Ich bringe das in die Küche. Brauchst du noch etwas, Nayara?“
„Nein.“ Ich seufzte. „Danke.“
Als Emili aus dem Raum war, schnaubte Aurillia auf. „Also ich weiß ja nicht, aber ein menschlicher Vampirnachfahre?“
Ich schüttelte lediglich den Kopf und rieb mir mit den Händen durch das Gesicht. Dann schüttelte ich den Kopf erneut. „Ich weiß doch auch nicht. Es war nur das Einzige, was mir als Erklärung einfallen wollte. Es war nicht meine Absicht, sie zu beunruhigen.“
Gerade als Aurillia den Mund öffnete, um etwas zu erwidern, klopfte es an der Tür zu meinen Gemächern. Aurillia zog fragend eine Augenbraue hoch.
Ich brauchte einen Moment. „Oh … das könnten die ehemaligen Minister sein. Kannst du ihnen öffnen? Aber lass sie nicht herein. Ich will sie nicht hier drinnen. Nimm ihnen einfach ab, was sie dabei haben.“
Aurillia nickte und verschwand. Als sie nach wenigen Minuten zurückkam, trug sie einen großen Korb mit jeder Menge losen Zetteln, den sie wütend auf den Boden knallte. „Dieser miese…!“, schimpfte sie und trat den Korb mit dem Fuß.
Sofort stand ich auf. Und wurde wütend. „Hat er dir was getan?“ Ich hatte nichts gehört … „Ich habe beide davor gewarnt, euch auch nur falsch anzusehen!“, knurrte ich.
„Er hat mich gar nicht angesehen“, brummte Aurillia. „Und sagte nur, ich solle die Dokumente dem verzogenen Kind geben!“
Erleichtert atmete ich auf. „Selbstreflexion braucht bei Männern scheinbar länger“, kommentierte ich halb belustigt, freute mich zeitgleich aber darüber, wie viel ihr an mir zu liegen schien. Dass sie sich so aufregte, nur weil ich beleidigt wurde, bedeutete mir viel. Ich ging hin und zog sie in meine Arme. „Ich danke dir, Aurillia. So, und nun geh.“ Mir ein Lachen verkneifend, gab ich ihr einen Klaps auf den Po. „Du wolltest dich heute doch sicher noch mit einem gewissen Gärtner treffen, oder liege ich etwa falsch?“
Erschrocken sah sie mich an. „Was … woher …? Siehst du jetzt auch schon Dinge?!“
„Deinen Blick zum Stundenglas, ja.“ Ich grinste teuflisch. „Tu nichts, was ich nicht auch tun würde!“
Ihr Blick wurde schelmisch. „Nun denn, Majestät, ich wünsche eine geruhsame Nacht. Heute besteht immerhin nicht die Möglichkeit, dass du plötzlich deinen Gemahl im Bett vorfindest …“ Ich verdrehte die Augen und sie verschwand im nächsten Augenblick mit einem Strahlen im Gesicht durch die Tür.
































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