Kapitel 3 – Schicksalswende
Kapitel 3 – Schicksalswende
Rjna
Warme Sonnenstrahlen kitzelten mein Gesicht und zerrten mich langsam aber sicher zurück in die reale Welt. In meinem Traum war ich zu Hause gewesen, in meinem – oder besser unserem – Bett. Vater hatte Mutter umschlungen gehalten und auch meine Schwester und ich lagen uns in den Armen. Fredi hatte mir zugeflüstert, dass das alles nur ein schlechter Traum gewesen wäre. Dass ich nicht heiraten müsse.
Meine Gedanken spannen weiter, bis hin zum Gedanken, Mister ‚ich mag gern junge Mädchen‘ plötzlich tot am Strassenrand aufzufinden. Das wäre eine wahre Wohltat. Und wehe, jemand verurteilte mich für diesen Gedanken. Ich täte es ja nicht selbst. Ich fände ihn nur rein zufällig dort liegend und wäre meiner altbackenen Zukunft entfleucht. Nun gut. Bei dem Wortwitz schlich sich mir sogar ein Grinsen auf die Lippen.
Es hielt genau so lange, bis mir bewusst wurde, dass momentan tatsächlich ich diejenige war, die fast tot am Wegrand lag. Tja. Wie war das nochmal? Ach ja. ‚Mit seinen Wünschen sollte man vorsichtig sein‘ und ‚Karma schlug zurück‘.
Ich musste gestern irgendwie eingeschlafen sein. Und die Sonne war doch tatsächlich schon aufgegangen. Nein! Das bedeutet, ich war zu spät! Mist! Mist! Mist! Verflucht! Ich hörte meine Mutter praktisch neben mir stehend sagen: Eine junge Frau flucht nicht! Das gehört sich nicht! Immerhin beschränkte ich mein Gefluche meist auf meine Gedankenwelt …
Blinzelnd öffnete ich langsam und vorsichtig meine Augen. Ich hatte nicht wirklich das Bedürfnis, mich mit meinen diesweltlichen Problemen abzugeben. Da wäre mir mein Traum lieber gewesen. Seufzend setzte ich mich auf, was meinen Körper auch sogleich erzürnte und mich vor Schmerz keuchen liess. „Verflucht!“ Das tat weh! Sitzen war also keine gute Idee. Mein Steissbein fühlte sich an, als wäre es gebrochen. Oder vielleicht eher verstaucht?
Das wird wieder, redete ich mir streng ein und fasste mir damit ein Mantra, welches mich noch über Jahre begleiten sollte.
Auf einmal hörte ich Gelächter. Nicht solches, wie man im Dorf hörte, wenn die Waschweiber den neuesten Klatsch aus der Hauptstadt auseinandernahmen. Nein, eher solches, das an eine Horde junger besoffener Männer erinnerte. Wunschlos glücklich und hacke dicht. Und das kombiniert mit einem beinahe bewegungsunfähigen Mädchen am Wegrand … nein. Das wollte ich wirklich um keinen Preis ausprobieren!
So schnell wie möglich raffte ich meinen Körper auf und drückte mich hinter den nächsten Baum. Da glitt ich auch schon vollkommen erschöpft wieder zu Boden. Mein Körper schien jegliche Kraftreserve des Nachts aufgebraucht zu haben, damit ich nicht unterkühlte. Obgleich ich jetzt trotzdem keines meiner Glieder mehr wirklich spüren konnte …
Das Geplänkel der Männertruppe kam immer näher. Auf einmal war es still. So richtig still. Man könnte ein Stück Stroh fallen lassen können und hätte das Aufkommen auf dem Boden noch aus der Ferne gehört.
Aus Reflex führte ich schnell meine Hand zu meinem Mund hin und drückte sie drauf. So konnte man mich zumindest nicht atmen hören, so absurd das auch klang. Meine Augen waren fest zusammengepresst und auf einmal zitterte ich nicht mehr nur vor eisiger Kälte, sondern viel mehr aus nackter Angst. Diese Stille war mir unheimlich und der Kontrast zum vorherigen Geplänkel und Gegröle enorm.
„Was machst du denn hier?“, erklang eine tiefe Stimme direkt über mir, sodass ich vor Schreck fast aufgeschrien hätte. Ich hatte keine Schritte gehört. Obwohl es hier im Wald eigentlich unvermeidlich war, Laute zu machen, wenn man ging!
Langsam öffnete ich meine Augen, um das Gesicht zu dieser maskulinen Stimme sehen zu können. Beim Anblick dieses Riesen blieb mir prompt die Luft weg. Er war gross, hatte dunkelbraunes Haar, stählerne Gesichtszüge, welche durch seine halblangen Haare aufgeweicht wurden und eisblaue Augen. Oh Götter! So stellte man sich doch einen Mann vor! Schnell schüttelte ich den Kopf, um diese irrationalen Gedanken loszuwerden und blickte ihm erneut in die Augen.
„Nun?“, fragte er leicht belustigt und mit einem Lächeln, das mir das Blut in den Adern gefrieren liess, auf seinen Lippen. In seiner Stimme schwang eine unverkennbare Drohung mit.
„Ich…“ Ich war sprachlos. Mehr brachte ich nicht zustande. Was sollte ich denn sagen? Da stand ein unfassbar gutaussehender junger Mann – gut, wahrscheinlich etwas älter als ich, dem Aussehen nach – vor mir und wollte wissen, was ich hier machte. Was sollte ich darauf antworten? Ich wurde gezwungen, mitten in der Nacht Wasser zu holen, bin unterwegs, aber wegen der Beschwerden durch die vorherige Bestrafung eingeschlafen, freut mich, Euch kennenzulernen?
„Scheinbar habe ich noch einen Leckerbissen gefunden. Heute muss wohl unser Glückstag sein“ Das hörte sich weniger gut an. „Und wie lecker du riechst“, merkte er an, wobei er sich näher zu mir hinunterbeugte und an meine Schultern griff.
Bei der Berührung zuckte ich unwillkürlich zusammen. Dieses Mal jedoch nicht aus Angst, sondern mehr wegen der Schnitte unter dem Kleid, auf die er geradewegs drückte. Und schon blutete die Wunde wieder. Na toll. „Scheisse!“, murmelte ich, presste die Lippen des Schmerzes wegen zusammen und entledigte mich seiner Hände von meinen Schultern – was wegen seiner Perplexität über meine ungehobelte Ausdrucksweise sogar problemlos funktionierte.
Ich seufzte leise. Noch ein Blutfleck auf dem Kleid. Genervt besah ich mich des Dilemmas, während sich der Mann über mir aufrichtete und jetzt mit gierigem Blick auf mich hinab starrte. Wortlos ergriff er mein Handgelenk, so wie gestern noch Vater, und zog mich hinter meinem Baum hervor.
Vor mir eröffnete sich ein Bild reinsten Schreckens. Eine Gruppe von Männern, gekleidet in Blut durchtränkte, enganliegende Kleidung, jeder auf einem eigenen Pferd sitzend. Einige in der Gruppe unterhielten sich lachend miteinander, während der augenscheinliche Anführer der Gruppe ganz vorne an dem Trupp auf einem tiefschwarzen Rappen sass und seinen Blick kalt auf mich gerichtet hielt.
Der Mann war noch deutlich breiter gebaut als der, der mich hinter dem Baum hervorgezogen hatte. Unglaublich breite Schultern stachen einem sofort in Auge und wo man die Muskeln in der Bauchregion nur erahnen konnte, überliessen die ärmellosen Arme absolut nichts der Fantasie. Stahlharte Wölbungen zogen sich den ganzen Arm entlang, sodass mich plötzlich der irrationale Wunsch überkam, sie mit eigenen Händen zu befühlen. Ich wollte ihn anfassen. Wie benommen machte ich einen Schritt vor, kam aber nicht weit, da der Mann neben mir seine Hand noch immer fest um mein Handgelenk geschlungen hatte.
„Was hast du denn da aufgelesen, Drego?“, sprach der Anführer belustigt von seinem Pferd hinab. Jetzt erst wurde mir wirklich bewusst, dass tatsächlich die ganze Gruppe auf Pferden sass! Woher um alles in der Welt hatten sie so viel Gold her? In unserem ganzen Dorf hatte nur der Dorfvorsteher selbst eines und das war ein altersschwacher Gaul!
„Ein Menschenmädchen. Und sie riecht verdammt süss. Wenn du erlaubst, nehme ich sie mir als persönliche Sklavin mit“, antwortete er respektvoll und senkte dabei leicht den Kopf.
„So soll es sein“, antwortete der Anführer und nickte knapp. Mir schenkte er keinen zweiten Blick.
Moment. Bitte was?
„Aber bring ihr gefälligst Manieren bei“, knurrte er den Mann neben mir noch an, welcher daraufhin kurz aufblickte und mir sofort eine Schelle an den Hinterkopf gab, sodass mein Kopf gesenkt und nicht mehr länger so unverfroren auf den Anführer gerichtet war. Vielleicht besser so. Immerhin hatte dieser dem anderen gerade erlaubt, mich als Sklavin zu beanspruchen.
Wie käme ich aus dieser Nummer nur wieder raus? Vermutlich nicht, indem ich jetzt versuchte, wegzurennen. Ich kannte nur Vater als Beispiel für das männliche Geschlecht. Und nochmals eine solche Tracht Prügel überstünde mein Körper zu diesem Zeitpunkt nicht. Sklaverei war in Mornem alltäglich. Vielleicht müsste ich ihm nur von Zeit zu Zeit die Gewandung waschen?
Ein Zittern überkam mich, als ich an all die grausigen Schauergeschichten dachte, die man sich über versklavte Mädchen erzählte. Ich liess ihn gewähren, als er seine Hände von hinten um mich schlang, mich über seine Schulter warf, zurück zu seinem Pferd lief und mich schliesslich unsanft über den Rücken des starken Pferdes warf. Als in diesem Moment sämtliche Luft meinen Lungen gepresst wurde, entwich mir ein lautes Keuchen. Sofort spannte sich mein ganzer Körper an – doch nichts folgte. Zumindest hörte ich keine Gürtelschnalle. Vielleicht würde so ja alles besser werden … Schlimmer als Hanggold Silber zum Ehemann zu bekommen, konnte es wohl kaum sein.
Dann spürte ich, wie sich jemand aufs Pferd schwang und es sich kurz darauf in einem schwindelerregenden Tempo in Bewegung setzte. Es ging keine fünf Schritte, da kam mir die Galle hoch und ich übergab mich auf eines der Hinterbeine des Pferdes, welches unter mir immer wieder vor und zurückging. Die ständige, ruppige und ungewohnte Bewegung bekam meinem Magen gar nicht gut. Allerdings gab es nicht viel, was ich, abgesehen von der Galle selbst, hätte erbrechen können und so blieben immerhin die Stückchen dabei aus. Mein Kopf wurde zunehmend schwummriger, bis sich nur noch ein Gedanke darum tummelte.
Das wird schon wieder.









































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