Kapitel 2 – Folgen
Kapitel 2 – Folgen
Rjna
Schreie. In meinem Kopf schrie ich so laut, es übertönte beinahe schon die klatschenden Geräusche von Leder auf Haut. Doch meine Schreie hörten sich an wie Musik in meinen Ohren. Ich hörte dabei weder Vaters schwere Atmemzüge noch, was er sagte. Ich hielt meine Augen fest geschlossen und so sah ich nicht, dass es ihm enorme Freude bereitete, mich zu schlagen. So hatte Mutter zumindest das erklärt, was bei meinem Vater in der Hose immer plötzlich hervorstach. Als ‚Freude‘.
Wieso es einem Mann Freude bereitete seine Kinder und seine Frau zu schlagen? Keine Ahnung. Aber vielleicht war das bei Männern normal. Das Einzige, was ich mir nicht wegdenken konnte, war, wenn er mir nahekam und ich seinen Atem auf meiner Schulter oder an meinem Ohr spürte.
Beim nächsten Hieb entkam mir Keuchen. Gepeinigt von dem Wissen, was jetzt folgen würde, presste ich die Augen noch stärker zusammen.
„Umdrehen“, verlangte Vater. Ich folgte dem Befehl augenblicklich, obwohl mir das Bewegen schreckliche Schmerzen bereitete. Ich hatte schon wieder einen Fehler gemacht. „Du weisst, wieso du jetzt noch weite Schläge bekommst?“, fragte er nach. Ich nickte. Ich hatte einen Laut von mir gegeben. Nun würde er mich auf Bauch und Brust schlagen und ich müsste zu ihm aufsehen. Wandte ich den Blick ab, würde es noch viel schlimmer. Das wollte ich auf keinen Fall.
Es geschah immer dann, wenn ich mich aktiv versuchte, gegen ihn zu wehren. Als es mich das erste Mal damals dennoch nicht gefügig gemacht hatte, hatte er Fredi geholt. Von da war Schluss bei mir. Seitdem hatte ich mich nie wieder gegen seine Strafen aufgelehnt.
Bis heute. Wieso nur hatte ich meine Stimme erhoben?
Aber es spielte keine Rolle mehr. Vater schnallte sich den Gürtel wieder um und drehte sich zum Wasserkessel. Er wollte das Blut, mein Blut, von seinem Gesicht waschen. Ich lag derweil auf dem Boden, all meiner Kräfte beraubt. Dauer der Bestrafung hatte ich es geschafft, meine Haltung aufrechtzuerhalten. Ich hatte kein einziges Mal geschrien und nach meinem Keuchen und der damit einhergegangenen Zusatzstraffe auch keinen Mucks mehr von mir gegeben. Und ihm in die Augen geschaut. Durchgehend. Meinen Blick hatte ich kein einziges Mal abgewendet. Aus diesen Gründen war die Bestrafung jetzt endlich vorbei.
Sobald er sich den Gürtel wieder umschnallte, durften wir uns aus der Position lösen. Kaum hatte er das getan, brach ich auch schon auf dem Boden zusammen. Doch das war egal. Die Straffe war vorbei. Viel schlimmer war der Gedanke, der nun wiederkehrte, wieso ich die Strafe erhalten hatte.
Hanggold Silber. Mein zukünftiger Ehemann.
Auf gar keinen Fall! Ich musste mir etwas einfallen lassen, meinen Vater zu beschwichtigen. Er musste es sich anders überlegen!
Ein vor Wut verzerrtes Geräusch kam vom Waschbecken. „Rjna?“
„Ja, Vater?“
„Hast du das Wasser heute geholt?“
Oh, nein. „Ja, Vater. Allerdings …“
Wütend drehte er sich zu mir um. „Allerdings?“, fragte er ungeduldig nach.
„Allerdings ist mir einer der Kessel, auf dem nach Hause Weg ausgeschüttet“, erklärte ich mit niedergeschlagener Stimme und hoffte inständig, er glaubte mir. Falls er den Vorfall mit Fredi gesehen hätte, würde mich jetzt nicht nur eine weitere Strafe für das verschüttete Wasser erwarten. Sondern auch noch eine fürs Lügen. Die fiele noch deutlich härter aus. Und Frederike würde dann auch bestraft, da sie der Grund für das verschüttete Wasser war.
„Und da hast du dir gedacht, du kommst ohne den zweiten Eimer Wasser nach Hause.“ Es war keine Frage. Es war eine Feststellung. Eine Feststellung, die in einem Ton gesprochen wurde, der mir die Kälte in die Knochen trieb und mich lähmte.
„Es… es war keine Absicht, Vater! Ich war nur fast schon Zu Hause und …“ Doch schon wurde ich unterbrochen.
Vater packte meinen nackten, geschundenen Körper am Genick und hielt mich hoch. Dabei schaute er mir tief in die Augen, bevor er mich wieder fallen liess, was ich mit einem unterdrückten Hmpf quittierte. Er griff sich an die Hüfte und zog den Gürtel wieder aus.
Zwar war ich völlig verzweifelt, doch andererseits kannte ich das Prozedere. Schnell beruhigte ich mich und wappnete mich innerlich für weitere Schläge. Ich würde mindestens einn Mond nicht liegen können. Mein Körper wies jetzt schon, sowohl vorne als auch hinten, unzählige frische Wunden auf, manche blutend. Mein Zustand machte sich mitleidslos bemerkbar. Mir war schwindelig und ich war müde. So unglaublich müde.
Vater war nicht zimperlich, wenn es darum ging, seine Familie zu züchtigen. Ich ignorierte die drohenden Zeichen meines Körpers und wartete auf Vaters nächste Anweisungen. Und Götter, ich hoffte inständig, es wären weitere Schläge. Doch mit einer Handbewegung seinerseits wurde meine Hoffnung restlos zertrampelt, in den Boden gestampft und in Kleinteile zerhackt. Doch mich zu wehren, fiel mir im Traum nicht ein. Er wusste, um meine Schwäche Fredi zu beschützen und nutzte sie auch schamlos aus, sollte ich nicht gehorchen.
Ich positionierte mich also wie gewünscht auf allen vieren, die Brust in den Boden gedrückt, mein Hinterteil erhoben. Dann folgte der Schmerz.
Als Vater die Bestrafung erneut für beendet erklärte, indem er sich seinen Gürtel wortlos wieder umschnallte, blieb ich kraftlos liegen. Ich hatte zahllose Tränen in den Augen, aber auch dieses Mal hatte kein Laut meine Lippen verlassen. Mein Gesicht hingegen war tränenüberströmt. Und auch dieses Mal war ich den Schreien, die meinen Kopf erfüllten, dankbar. Mehr als dankbar.
„Du wirst heute noch den fehlenden Eimer ersetzen“, ertönte Vaters gebieterische Stimme, noch keuchend vom Beseitigen siner Freude.
Aber, das konnte er nicht ernst meinen! Es war dunkel! Bei Nacht diesen Weg zurückzulegen, käme Selbstmord gleich! Abgesehen von meinen Verletzungen, mit denen ich wohl eher schlecht als recht laufen können würde. Es war kalt, ich hatte keinen Mantel, was … Aber eigentlich war es auch egal. Ich würde mich Vater nicht widersetzen. Das würde ich Fredi nie wieder antun.
Also nickte ich und bestätigte seinen Befehl auch mit Worten. Als er sich ins Schlafzimmer zurückzog, wusste ich, was ich nun tun musste. Ob ich es überlebte, wäre eine andere Sache. Aber wenn, hatte ich immerhin Fredi ein letztes Mal schützen können, bevor ich verkauft wurde. Und wenn nicht, hoffte ich inständig, Fredi würde es gut gehen.
Im Hinterkopf sah ich mich schon vor Kälte erfroren oder einem wilden Tier zum Opfer gefallen auf dem Waldweg liegen, zwei Eimer neben mir. Das einzig Unsichere dabei war, ob die Eimer schon gefüllt wären und ich mich auf dem Rückweg befände oder ob mich schon auf dem Hinweg die Kraft verliesse. Mit ausgelaufenem Wasser erfröre ich wahrscheinlich schneller. Das … wäre vermutlich etwas Positives …?
Während ich meine Gedanken allmählich verdrängte, richtete ich mich langsam auf. Beim vierten Versuch war ich damit endlich auch erfolgreich und stand auf zitternden Beinen. Ich zog mir mein Unterkleid und darüber mein Kleid an und versuchte einen Schritt zu wagen. Fehler. Ganz dummer Fehler. Kein ganzer Schritt und meine Welt fing an, sich zu drehen. Ein spektakuläres Bild, keine Frage, aber einen schlechteren Zeitpunkt gab es dafür kaum. Der raue Stoff meines Unterkleides scheuerte auf meinen noch nicht einmal ansatzweise verheilten Wunden. Für meine Füsse hatte ich nur Strohsandalen vom Vorjahr und mein Kleid war auch nicht besonders warm. Es war Anfang der Hitze. In einem normalen Jahr, begännen jetzt die Felder langsam zu blühen. Aber in der Nacht war es bitterkalt.
Nichtsdestotrotz schnappte ich mir kurze Zeit später, als sich die Welt einigermassen wieder eingefunden hatte, die beiden Kessel und den dazugehörigen Stock, mit dem man die beiden über die Schulter nahm. Heute machte ich es aber etwas anders als gehabt. Die Eimer griff ich mit einer Hand, der Stock diente mir als Stütze. Ohne den zu laufen und dann noch den langen Weg, wäre in meinem momentanen Zustand nicht mehr wirklich realistisch.
Das Laufen an sich stellte sich als absurd schmerzhaft heraus. Mein Hinterteil tat von letzterer Bestrafung Vaters noch unglaublich weh. Dagegen spürte ich die unzähligen Schnitt- und Platzwunden im Vergleich fast überhaupt nicht mehr. Bei jedem Schritt fühlte es sich an, als wäre er immer noch dabei, die Strafe auszuführen. Es fühlte sich seltsam voll und zugleich leer an. Es fühlte sich einfach falsch an. Aber darüber wollte ich nun wirklich nicht weiter nachdenken. Fakt war: Es tat weh.
Und so humpelte ich den Pfad entlang, abgestützt auf einem Wassereimer-Halter-Stock.
Nach tausenden von Ellen blieb ich stehen. Meine Füsse spürte ich schon seit einer guten halben Stunde nicht mehr. Meine Hände waren mittlerweile so weit unterkühlt, dass mir schon zum dritten Mal die Eimer aus der Hand fielen, einfach weil ich kein Gespür mehr darin hatte. Zudem kam die Müdigkeit. Mein Körper sollte sich auf meine Heilung konzentrieren. Stattdessen musste er gegen eine Unterkühlung ankommen und einen langen Marsch in Kauf nehmen. Und das ganz ohne Schlaf und mit nur einer Winzigkeit an Essen. Ich war verdammt.
Zitternd packte ich die Eimer von Neuem und machte einen weiteren Schritt. Der Fluss drüfte nicht mehr all zu weit entfernt sein. Ausserdem waren meine Wunden nicht tief und dürften bereits aufgehört haben, zu bluten. Vielleicht hatte sich schon ein leichter Schorf gebildet? Obwohl die mühseligen Bewegungen dem Heilprozess natürlich entgegenwirkten.
Ich konnte es Vater aber nicht übelnehmen. Ich hatte gegen die Regeln verstossen und wurde dafür bestraft. Regeln waren Regeln. Wenn man sie nicht befolgte, wurde man bestraft. Das Prinzip war einfach. Simpel. Jedes Kind konnte es verstehen. Und dennoch, ob absichtlich oder nicht, verstiess ich immer wieder in irgendeiner Weise gegen die Regeln. War ich so dumm, dass ich mich nicht an ein paar simple Anweisungen halten konnte?
Schwer atmend schleppte ich mich weiter. Es konnte nicht mehr weit sein. Ich hätte längst ankommen müssen, zumindest wenn man von einer gesunden Person ausginge.
Schliesslich brach ich zusammen. Ich konnte mich gerade so noch an den Wegrand ziehen, bevor mir endgültig das Licht ausging. So viel zu meinem eisernen Durchhaltevermögen, auf das ich so stolz war. Nicht einmal bis zum Fluss schaffte ich es. Wie schwach ich doch war.
Und mit diesen Gedanken driftete ich schliesslich ab, tief in die Dunkelheit.
