Kapitel 1 – Verliebt, Verlobt, Verheiratet

Kapitel 1 – Verliebt, Verlobt, Verheiratet

 

Rjna

Schwer atmend, mit den jetzt deutlich schwereren Wassereimern über den Schultern, machte ich mich auf den Weg zurück in unser Dorf. Unser Brunnen, der in der Dorfmitte stand, war bedauerlicherweise letzten Frühsommer ausgetrocknet. Seitdem war es jeweils ein einstündiger Marsch bis zum Fluss und zurück. Zwei Stunden also insgesamt.

Im Winter war es nicht so tragisch, obwohl einem die Glieder da auf dem Weg schon dabei waren zu gefrieren. Jetzt im Hochsommer jedoch, während die Männer und auch teilweise die Frauen auf den Feldern schufteten und dabei Wasser liessen, wie dunkle Wolken, mussten sie auch deutlich mehr trinken. Für ein Bad reichte das Wasser erst recht nicht mehr, aber was machte das schon? So dachte ich zumindest noch letzten Sommer.

Jetzt erreichte ich mein siebzehntes Lebensjahr. Im letzten Jahr hatte ich meine erste Blutung bekommen. Mutter meinte zwar, ich sei viel zu spät dran, aber vielleicht hatte es etwas damit zu tun, dass ich mir ganz doll gewünscht hatte, sie nicht zu bekommen? Vielleicht lag es auch einfach daran, dass ich am Tag nur ein leichtes Süppchen zu essen hatte. Obwohl man es eigentlich kaum ‚Suppe‘ nennen konnte. Seit ich denken konnte, ernährte ich mich von gekochtem Wasser, gestreckt mit etwas Weizen. Wenn wir Glück hatten, wuchs etwas Bärlauch oder ein anderes Kraut auf dem Feld, oder ich fand Pilze im Wald, welche dem Ganzen ein klein wenig Geschmack verliehen. Doch daran war im Moment nicht zu denken. Die Ernte fiele dieses Jahr vermutlich besonders schlecht aus, aufgrund der andauernden Trockenzeit.

Nach einer halben Stunde Weg setzte ich die schweren Eimer kurz ab, liess mich an einem Baumstamm nieder, welcher sich nahe des Weges befand, und atmete tief durch.

Mit meinen Händen versuchte ich an die Stelle zu kommen, die zwischen Schulterblatt und unterem Rücken lag, und die mir immer enorme Schmerzen bereitete, wenn ich wieder einmal, so wie jeden Tag, zum Wasserholen beauftragt worden war. Ich erreichte die Stelle mit meinen Händen und drückte meinen Daumen hinein, doch um mir die ersehnte Erleichterung zu verschaffen, vermochte ich es nicht, an dieser Stelle genügend Kraft aufzuwenden. Wie jedes Mal.



Mit einem tiefen Seufzen liess ich von meinem Rücken ab und vergrub mein Gesicht tief in meinen ruppigen Händen. Tagein, tagaus holte ich Wasser. Tagein, tagaus kam ich schleppend damit zu Hause an und tagein, tagaus ging ich mit Schmerzen im Rücken und in den Schultern schlafen, nur um am nächsten Tag das Ganze wieder und wieder zu wiederholen.

Doch etwas Gutes hatte das Wasserholen tatsächlich. Und das war es vermutlich auch, was mich bisher immer davon bewahrt hatte, verkauft zu werden. Denn meine Blutung war ein Problem. Wüsste Vater davon, dass ich bereits zur Frau gereift war, wäre ich längst nicht mehr zu Haus. Er hätte mich augenblicklich verkauft. Oder, wie er es nannte; verheiratet. Doch dieses Wort stand nur dafür, gezwungenermassen mit einem Mann das Bett teilen zu müssen, ihm Kinder zu schenken und ihn zu verwöhnen. Für mich würden dabei also regelmässige Schmerzen, Narben, Dehnungsstreifen und sehr wahrscheinlich der Tod bei der einen oder anderen Geburt herauskommen. Nicht unbedingt das, was ich mir von meinem Leben erträumte.

Bei meiner ersten Blutung besah sich Mutter des Dilemmas und handelte sofort. Sie liess schnell das rote Bettzeug verschwinden und gab mir alle Tipps, die sie kannte, um mich zu schützen. Ich sollte alles tun, damit Vater es nicht herausfände. Auf diesem Grundsatz baute mein Leben seither auf.

Meine Blutung kam niemals regelmässig, so wie es nach Mutters Aussage sein sollte, aber das störte mich nicht gross. Solange sie nur nicht öfter, sondern seltener kam.

Als Mutter mir an besagtem Morgen half, stand ich mit offenem Mund daneben. Noch nie hatte sie sich gegen Vater aufgelehnt, geschweige denn, etwas hinter seinem Rücken getan. Und nun half sie mir, meine Reife zu verstecken.

Sie sagte mir nicht, warum. Sie sagte nur, ich sei ihr Kind. Aber ich hegte die Vermutung, dass sie mich eigentlich, vielleicht, eventuell doch ein klein wenig gern hatte und mich vor einer Ehe wie der ihren zu schützen versuchte. Aber wie gesagt, war das nur eine Vermutung.

Da wir kein Wasser für ein Bad hatten, kam es mir also tatsächlich gelegen, täglich den Fluss aufsuchen zu müssen. So wusch ich die vollgebluteten Stoffe immer im Fluss, nachdem ich die beiden Kessel aufgefüllt hatte. Aufpassen musste ich nur, dass mich kein anderer aus dem Dorf dabei sah.



Mit siebzehn noch bei der Familie zu leben, liess mich im ganzen Dorf auffallen. Die Männer liessen ständig ihre Blicke über meine neugewonnenen, aber doch sehr mickrigen, Kurven gleiten und das ohne Scham und Anstand. Zudem ohne Rücksichtnahme auf Banalitäten wie den Altersunterschied oder dergleichen. So langsam bekam ich wirklich das Gefühl, dass Männer nur an dem einen interessiert waren. Das Bett zu teilen. Auch wenn ich es nicht verstand. Was sollte daran so toll sein? Nebeneinander zu schlafen? Beieinander zu liegen? Aber Mutter sagte mir, es brächte Vergewaltigungen mit sich, was bedeutete; nicht einvernehmlich das Bett zu teilen. Aber auch wenn man unwillig neben jemandem schlief, sah ich persönlich noch kein Problem dabei. Schlussendlich war es aber auch egal. Ich war immerhin nicht verheiratet, also war alles gut.

Seufzend richtete ich mich nach meiner kurzen Verschnaufpause wieder auf und machte mich auf, die zweite Hälfte des Wegs hinter mich zu bringen. Keuchend hob ich die Wassereimer wieder auf meine Schultern und setzte mich in Bewegung.

Als ich ins Dorfinnere kam, sprang mir plötzlich meine kleine Schwester entgegen. Frederike. Sie rannte direkt in mich hinein, woraufhin einer der Eimer krachend auf dem Boden landete.

„Nein!“, stiess ich noch aus, doch es war zu spät. Das geholte Wasser spies nun den ausgetrockneten Boden und es blieb nur noch ein Kessel übrig. Na wunderbar. „Fredi, was sollte das?“, schimpfte ich mit dem kleinen Mädchen. Sie war noch so jung, dass sie nirgends wirklich helfen konnte, aber auch schon so alt, dass man nicht mehr rund um die ganze Zeit auf sie aufpassen musste.

„Tut mir leid, Rjrj. Das wollte ich nicht“, antwortete sie traurig und senkte beschämt den Kopf zu Boden, auf dem das nun nutzlose Wasser versickerte.

Ich seufzte leise. „Ach, schon gut. Ich kann dir sowieso nicht lange böse sein“, brummte ich milde lächelnd, setzte den zweiten Eimer ab und nahm sie auf den Arm. Mein Rücken protestierte lautstark, doch wenn ich zwei Stunden Eimer schleppen konnte, schaffte ich das bei meiner kleinen Schwester, welche ebenso wenig ass wie ich, auch. Obwohl ‚ebenso wenig‘ nicht ganz stimmte. Meist überliess ich ihr noch die Hälfte meiner Suppe. Ich konnte es schlichtweg nicht mitansehen, wie sie immer noch dünner wurde. Auch bei mir traf das zu, doch mein Leben war mir gleichgültig, wenn es in Vergleich mit ihrem stand.



Einmal drehte ich mich um mich selbst, was ihr ein freudiges Lachen entlockte, ehe ich sie wieder absetzte und mich gleichzeitig dazu ermahnen musste, mir den Schmerz nicht ansehen zu lassen.

Zusammen griffen wir den Eimer, wobei sie mehr versuchte, ihn nicht nach unten zu ziehen, und liefen den Rest des Weges bis zu unserer Hütte. Da verbrachten wir die restliche Zeit des Tages damit, die Hütte sauber zu halten, den Kamin für den Abend anzuheizen und das Abendessen zuzubereiten. Ich schnippelte noch zwei schrumpeligen Pilze, die ich auf dem Heimweg im Wald entdeckt hatte, in die Suppe hinein, und als es Abend wurde, betrat auch Vater die Hütte.

Mutter lag krank im Bett und war hochschwanger. Vater war höchst angespannt, obgleich ich vermutete, es war weniger wegen Mutter als mehr aufgrund der Frage nach dem Geschlecht des Kindes. Und ob es dieses Mal überlebte. Sollte es wieder ein Mädchen werden … ich sorgte mich um Mutter. Aber das durfte ich nicht, denn ich hatte beileibe schon genügend Sorgen, meine kleine Schwester und mich einigermassen zu ernähren. Noch ein weiteres Maul zu stopfen entsprach überhaupt nicht den Möglichkeiten, doch das schien für Vater unwichtig.

 

„Rjna!“

„Ja, Vater?“ Mittlerweile hatten wir uns alle – also Frederike, Vater und ich – am Tisch eingefunden, das Abendgebet gesprochen und sassen so nun vor den Suppentellern. Vater war ein grossgewachsener, muskulöser Mann. Das musste er auch sein, um auf dem Feld Arbeit zu leisten. Auf persönlicher Ebene hatten wir uns noch nie unterhalten. Ich hatte keine Ahnung, was für ein Mann er als Person war. Ich wusste nur, dass er Vater und Mutter, Mutter war. Mutter war kalt, mit Ausnahme ihrer Hilfe beim Vertuschen meiner Blutung. Vater war … nun, kälter. Er sprach nie auch nur ein Wort, welches nicht für die Organisation des Tages vonnöten war. Mit Ausnahme unserer Bestrafungen. Aber das war in Ordnung. Er war nun mal Vater.

„Du wirst heiraten.“ Vor lauter Schreck fiel mir der Löffel aus der Hand und ging klappernd zu Boden. Mein Mund stand wahrscheinlich weit offen und meine Augen, so vermutete ich, waren ebenfalls weit geöffnet. Doch bevor ich etwas erwidern konnte, fuhr er schon fort. „Wenn deine Blutung noch nicht eingesetzt hat, wird sie das auch nicht mehr, sagt der Priester. Du bist kaputt. Nicht zu gebrauchen, denn du wirst niemandem je Kinder schenken können. Doch dein Zukünftiger hat schon drei Frauen und auch genügend Kinder. Er will dich nur um deines Körpers Willen und das ist sein gutes Recht“, diktierte er weiter, während sich bei mir ein eisiger Klumpen im Magen bildete. Fredi schaute nur von mir zu Vater und wieder zurück und schien nichts zu verstehen. Besser so, dachte ich.



Ich wollte nicht. Das sollte offensichtlich sein, aber ich wusste auch, dass ich da nichts mitzureden hatte. „Wer denn, Vater?“

Ein straffender Blick ging über sein Gesicht. Unaufgefordert zu sprechen war uns nicht erlaubt. Ich hätte es besser wissen sollen. Dennoch antwortete er: „Hanggold Silber.“

„Was!?“, rief ich empört aus. Ja. Dass der schon genügend Kinder hatte, wusste ich. Aber die Kinder waren im Alter Vaters! Hanggold Silber war … alt! Ich wusste nicht, wie alt, aber verdammt alt! Und er war auch immer eines dieser Ekel, die mich ohne Scham und Anstand musterten, wenn ich durchs Dorf schritt! Wenn ich mich richtig entsann, tat er das sogar schon sehr lange.

Wütend stand Vater vom Tisch auf und griff dabei unsanft nach meinem Handgelenk. Fredi befahl er zwischenzeitlich, sich ins Schlafzimmer zurückzuziehen, welches wir uns mit Mutter und Vater teilten. Ein weiteres Zimmer stünde ja auch nicht zur Auswahl …

Vater zog mich in die eine Ecke, in die er uns immer zog, wenn wir etwas falsch gemacht haben. Egal ob Mutter, Fredi oder ich. Egal, ob schwanger oder nicht. Meist nahm ich die Schuld auf mich, sollte Fredi etwas falsch gemacht haben. Solange er keine Beweise dafür hatte, wer es gewesen war, nahm ich immer alles auf mich. Hauptsache, Fredi wurde nicht so oft geschlagen. Ich hatte das als kleines Kind durchgemacht und wollte nicht, dass ihr dasselbe widerfuhr. Entsprechend sah mein Körper mittlerweile auch aus …

Vater deutete auf die Wand.

Ohne ihm in die Augen zu blicken, zog ich mein Kleid und mein Unterkleid aus, denn ich hatte nun mal von beiden nur eins. Es wäre dumm, sie voll bluten zu lassen. Dann wandte ich mich, mit meinem jetzt nackten Körper, der Wand zu und kniete mich hin. Meine Handflächen lagen flach an der Wand.

So hatte Vater es uns gelehrt. So nahm man Bestrafungen entgegen. Es dauerte nicht lange, da vernahm ich auch schon das Geräusch von Vaters Gürtelschnalle.

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