Kapitel 30 – Krank
Kapitel 30 – Krank
Aurelie
„Majestät!“, rief Graf Dreidolch erfreut und erhob sich, wie die anderen Vampire auch. Einer nach dem anderen verbeugte sich, ein mehr oder weniger ausgeprägtes Lächeln auf den Lippen.
„Ich bin froh, dass es Euch gut geht, meine Königin“, sprach Graf Targes mit tiefer Stimme, als er sich aus seiner Verbeugung gerade wieder erhob. „Ihr scheint die Strapazen gut überstanden zu haben.“
„Ja …“ Meine Hand glitt wie von selbst zu meiner Rippe. Ich konnte damit laufen, aber bei jedem Atemzug brannte es und wenn ich erst versuchte, meine Bauchmuskeln zu nutzen, brachte mich der Schmerz zum Stöhnen. „Ich danke“, fügte ich freundlich hinzu.
Baron Loich nickte mir wohlwollend zu, während Herzog Mir die Stirn runzelte. „Seid Ihr sicher, dass Ihr Euch schon wieder der Regierung widmen wollt, Majestät?“ Er deutete auf meine Hand an meinem Brustkorb. „Mir scheint, ihr wurdet verletzt.“ Unverhohlen musterte er meinen Hals.
Ich nickte. „Ja, wurde ich. Und ja …“ Ich setzte mich auf meinen Stuhl, der mir von von Graf Dreidolch sogleich zurechtgerückt wurde. „Ich werde mich von einer Entführung und ein wenig Folter sicher nicht davon abhalten lassen, dieses Land zu führen.“
In der Runde wurde es für einen Augenblick still. Ich erhob eine Augenbraue. „Die Aufstände?“
Graf Targes räusperte sich. „Gäbe es da nicht erst noch ein anderes Thema, das besprochen werden sollte, Majestät?“
Ich runzelte die Stirn, gab dann aber bedacht von mir: „Ich glaube nicht, dass uns Tote gefährlich werden. Die Aufständischen haben jedoch bereits bewiesen, dass sie eine Gefahr darstellen.“
„Ihr solltet mit mehr Respekt über Euren Gemahl sprechen“, presste Mir angespannt hervor, was ihm einen überraschten Blick von mir einbrachte.
„Es war nicht meine Absicht, Cyrus zu beleidigen. Aber es ist nun einmal Fakt.“
Mir senkte sein Haupt, schweigend nickend.
„In Ordnung. Die Aufstände?“
Graf Targes ergriff das Wort: „Die Männer, die bei Eurer Entführung im Haus waren, sind tot. Wir haben in ihren Häusern eindeutige Hinweise auf Verrat entdeckt. Unter anderem die Planung Eurer Entführung. Die Wachen sollten von einem großen Radau im Hof abgelenkt und von Euch weggeschafft werden.“ Er macht eine kurze Pause. „Der Plan hätte vermutlich nicht einmal funktioniert, hättet Ihr die Männer nicht nach draußen geschickt“, merkte er etwas leiser an.
Ich nickte verstehend.
„Die beiden Männer, die wir gefangen genommen haben, werden noch verhört werden.“
„Das habe ich bereits übernommen.“ Überraschung starrte mir entgegen. „Oder, sagen wir, ich habe sie darauf vorbereitet, vernommen zu werden. Zumindest der Große dürfte stark geschwächt sein.“
Mirs Augenbrauen schossen hoch. „Ihr habt was?“
„Habt Ihr sie etwa …“ Auch Baron Loich sah mich stirnrunzelnd an. Keiner der Männer wollte einem mutmaßlichen Kind Folter zutrauen.
„Gefoltert“, antwortete ich stoisch. „Den Großen. Ich bin gespannt, wie lange er leiden wird.“ Die Männer um mich herum warfen sich rege Blicke zu. „Und ich hatte jedes Recht dazu“, merkte ich an und zeigte auf meinen Hals. „Wer mir eine Schlinge umlegt und mich schlägt, kann es sicher auch ertragen, wenn ich zurückschlage.“
Der Schock in den Gesichtern meiner Berater wurde weniger. Vereinzelt tauchte ein leichtes Nicken auf. „Wir verurteilen Euch nicht, Majestät“, räumte Herzog Mir ein. „Das stünde uns nicht zu.“
Nach kurzem Räuspern meldete sich Graf Targes wieder zu Wort: „Jedenfalls sind mehrere Männer entsendet, welche weiteren Spuren nachgehen. Elok konnte, getarnt als Mensch, interessante Informationen sammeln und wurde von uns darauf angesetzt, einer wichtigen zu folgen. Es hätte ein Hinweis auf Euren Aufenthaltsort sein können.“
Ich nickte verstehend.
Gerade als der Graf noch weiter ausführen wollte, öffnete sich die Tür und Lee betrat den Raum. Sein Blick suchte meinen. Unauffällig nickte ich ihm zu. Er hatte Zeit für sich gebraucht. Daran gab es nichts auszusetzen.
„Entschuldigt meine Verspätung, meine Königin“, sprach er förmlich.
„Die ist nicht nötig“, erwiderte ich und deutete auf den Platz zu meiner Linken. „Bitte.“
Die Männer um mich herum nickten ihm begrüßend zu, während der Grigoroi sich, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, hinter mir platzierte.
„Nun“, setzte Targes wieder an: „Von Elok haben wir seit seiner Abreise nichts mehr gehört. Meine Männer suchen aber vorbildlich weiter nach Verrätern, Majestät.“ Betretene Gesichter starrten für einen Moment allesamt schweigsam auf den Tisch.
„Wobei wir beim nächsten Thema wären“, merkte ich nüchtern und wenig motiviert an, wusste ich doch, worum es ging.
„Sollte der König wirklich tot sein …, wäre es das Beste, Ihr vermählt Euch erneut“, sprach Herzog Mir frei heraus. „Ihr seid eine Frau und ein Kind. Unmöglich könnt ihr vollkommen alleine regieren.“
Ich senkte den Kopf, um ein Grinsen zu verbergen.
„Und das sage ich nicht, um Euch zu beschämen, Majestät! Es ist nur so, dass das Volk einen König an Eurer Seite erwartet. Und, wenn ich offen sprechen darf, auch baldmöglichst einen Thronerben.“ Frei heraus. Das hätte ich dem Herzog gar nicht zugetraut.
Doch ehe ich Partei für mich ergreifen konnte, räusperte sich der Hohepriester. „Vor wenigen Monaten mag dem noch so gewesen sein. Aber Ihre Majestät ist, trotz fehlender Reife, auf dem besten Weg dazu, eine hervorragende Königin zu werden. Sie wird die Herzen des Volks auch ohne neuen Gatten erobern.“
Überrascht sah ich zu dem gebrechlichen, alten Mann, der, soweit ich mich erinnern konnte, zum ersten Mal überhaupt in einer Sitzung von sich aus das Wort ergriffen hatte. Gleichzeitig spürte ich Leeanders Anspannung in meinem Rücken. Es wurde nicht darüber gesprochen, wie man seinen besten Freund und Liebsten rächen oder vielleicht gar retten könnte. Stattdessen wurde darüber diskutiert, wie ich nun einen legitimen Erben zur Welt bringen könnte.
„Es gibt grundsätzlich keinen geeigneten Heiratskandidaten“, merkte Graf Dreidolch an, an dem die angespannte Atmosphäre vollkommen vorbeigezogen schien. „Ihre Majestät steht zu hoch in der Hierarchie und ihr Bruder …“
Ich knurrte angriffslustig, meine Fänge traten heraus und in Sekundenschnelle stand ich hinter dem jungen Grafen. Blitzschnell hatte ich mich zu ihm herabgebeugt. „Erwähnt noch einmal eine potenzielle Heirat mit Ashur und ihr fliegt raus!“, gab ich zähnefletschend von mir.
Graf Targes, der neben Graf Dreidolch saß, stand auf und räusperte sich. „Wieso sollten wir über eine Hochzeit mit einem Toten reden? Es gibt keinen Bruder mehr, den Ihr heiraten könntet.“
„Zähne …!“, hauchte Graf Dreidolch und schien überhaupt nicht gehört zu haben, was Graf Targes soeben gesagt hatte. „Ihr seid erwachsen!“, stellte er überrascht fest.
„Meine Glückwünsche.“ Graf Targes erhob sich, nickte knapp, verbeugte sich leicht und setzte sich wieder.
Auch Graf Dreidolch gratulierte mir nun, ebenso wie die beiden Berater, der Hohepriester und zuletzt Leeander, der es ja bereits wusste.
„Das muss gefeiert werden. Das Volk sollte wissen …“, begann Graf Dreidolch. Aber Graf Targes unterbrach ihn.
„Für Feiern ist nun der denkbar ungünstigste Zeitpunkt, in Anbetracht dessen, dass der König angeblich tot ist, die Königin entführt wurde und beinahe gestorben wäre und in der Stadt Unruhen herrschen.“
„Ich stimme Graf Targes zu.“ Ich kam wieder zur Besinnung und zog meine Fänge ein. Die Bemerkung über Ashur hatte mich impulsiv werden lassen. Danach richtete ich mich wieder auf und entfernte mich ein paar Schritte von dem jungen Minister. „Ich brauche keine Feier und auch das Land braucht es noch nicht zu wissen. Wir werden noch nichts verkünden, ansonsten passiert in der aktuellen Lage genau das, was hier gerade so wunderbar demonstriert wurde. Keiner verlangt von einem Kind, sich zu vermählen … schon gar nicht nochmal. Wenn jetzt aber bekannt wird, dass ich endlich gereift bin, wird es nur neue Aufstände geben. Ich würde mich erneut vermählen müssen – immerhin bräuchte ich Nachwuchs.“ Mit dem Rücken zu meinen Ministern sah ich aus dem Fenster. Ehe einer der Männer in diesem Raum dazu etwas sagen konnte, wehrte ich ab: „Und kommt mir gar nicht erst auf die Idee, dass ich jetzt heiraten und danach nur noch brav Beischlaf halten und Kinder bekommen werde. Das wird ganz sicher nicht passieren.“
„Nun“, begann Herzog Mir, „tatsächlich sollten wir erst sicher gehen, dass König Cyrus wirklich tot ist, was ich nicht glaube. Die Gerüchte um seinen Tod können absichtlich von den Aufständischen verbreitet worden sein.“
Baron Loich nickte. „Ja, wir müssen der Sache nachgehen und unsere eigenen Nachforschungen anstellen. Und sollte es Wirklichkeit sein, dass der König dieses Leben verlassen hat, werdet Ihr sowieso zehn Jahre lang das Schwarz tragen. Niemand wird erwarten, dass Ihr sofort wieder heiratet.“
Mir gefiel der Gedanke nicht, dass er noch leben könnte. Dennoch war ich dazu verpflichtet, wenn es noch eine Hoffnung darauf gab, diese auch zu nähren. „Wir können kleinere Suchtrupps losschicken, das auf jeden Fall“, stimmte ich mit gespieltem Enthusiasmus zu. „Aber ich untersage, dass auch nur ein Vampir oder Grigoroi sich aus Heldenmut oder Opferbereitschaft in diesen verfluchen Toten Wald begibt!“ Plötzlich durchfuhr mich ein eisiger Schauder. Verwirrt sah ich zu den Fenstern hin, diese waren allerdings verschlossen.
„Dennoch … sollte der König wirklich tot sein, so werdet Ihr Euch wieder vermählen müssen. Ein König braucht eine Königin und eine Königin braucht einen König.“ Graf Targes musterte mich nachdenklich. „Fürst Kretos ist in Eurem Alter und …“ Er stockte, hob eine Augenbraue und stand langsam auf.
„Themen, die in einigen Jahren besprochen werden können“, sprach Herzog Mir, weil Graf Targes nicht mehr weiterredete.
Graf Targes ging darauf nicht ein, sondern reichte mir seinen Arm zum Unterhaken. „Wollt Ihr Euch wieder hinsetzen, Majestät?“
Ich nickte. Ich fühlte mich leicht benommen. Kam das vielleicht von dem Vampirblut? Hätte ich doch lieber nur Menschliches trinken sollen?
Langsam führte der Graf mich zurück zu meinem Platz. „Sollen wir für heute die Sitzung unterbrechen? Ich denke, die wichtigsten Themen sind bereits besprochen.“
Ich schüttelte den Kopf – was sich augenblicklich als großen Fehler herausstellte. Fest klammerte ich mich an den Arm des Ministers, während sich die ganze Welt zu drehen begann. „Nein, das geht schon“, nuschelte ich und ließ mich von dem Grafen mit beschämend kleinen und langsamen Schritten zu meinem Stuhl geleiten, den er mir besorgten Blickes wieder zurechtrückte. Und schon wieder durchfuhr mich ein unangenehmer Schauder.
Graf Targes seufzte, ging zurück zu seinem Platz und setzte sich wieder. „Gut. Welche Themen haben wir noch zu besprechen?“
„Da wären noch die Anliegen der Bittsteller, um die es sich zu kümmern gäbe“, sagte Mir.
„Und die Handelsrouten zu den Fürstentümern sollten dringend ausgebaut werden. Vielleicht sollten wir uns sogar überlegen, ob wir die häufig befahrenen Straßen nicht sogar mittels Patrouillen überwachen lassen. Es kamen vermehrt Meldungen von Überfällen, die den Transport von Lebensmitteln und …“
Die Stimmen, Gerüche und Eindrücke überlappten sich zusehends. Die Worte der Minister und Berater zogen ungehört an mir vorbei, während mir immer schwindeliger wurde. Es wurde immer anstrengender, aufrecht sitzenzubleiben. Mir war mittlerweile bitterkalt und meine Gliedmaßen begannen zu schlottern. Frierend legte ich meine Arme um meinen Körper und versuchte mir so irgendwie Wärme zu spenden. Doch es wurde nicht besser. Mein Atem fing, gleich meinem Körper, an zu beben. Ich fühlte mich mit jeder Sekunde schlechter. Meine Augen flatterten immer wieder zu, doch um sie zu schließen, war es zu hell. Die Welt um mich herum kam mir immer nebensächlicher vor. Schon eine ganze Weile war ich nur noch darauf konzentriert, mir irgendwie Wärme zu spenden.
„Majestät?“, fragte jemand, doch ich konnte nicht einmal mehr zuordnen, woher die Stimme kam. Alles wirkte so weit entfernt. „Meine Königin!“, sagte jemand eindringlicher. Eine entsetzlich kalte Hand legte sich auf meine Schulter.
Ich zuckte zusammen, mein Kopf ruckte herum und mit meinen Augen versuchte ich jemanden zu erkennen. „Lee…ander?“, kam es mir bibbernd über die Lippen.
„Ihr seht krank aus, Majestät. Wir sollten diese Sitzung unterbrechen“, meinte er und sah zu den Beratern. „Hat sie Fieber? Ihre Wangen sind gerötet und ihre Augen glänzen.“
Herzog Mir erhob sich und trat näher. Langsam beugte er sich zu mir und legte einen Handrücken auf meine Stirn. „Bei den Göttern!“ Er fluchte. „Majestät! Ihr glüht ja regelrecht!“
Meine Lippen aufeinanderpressend, schüttelte ich den Kopf. „Das kann nicht … ich habe keine Zeit … dafür“, stotterte ich schwach.
„Wir sollten hier abbrechen“, schlug Graf Targes vor. Auch er trat zu mir und musterte mich.
„Ja, verschieben wir die Besprechung“, stimmte Graf Dreidolch zu. „Die Gesundheit Ihrer Majestät geht vor.“
Auch der Hohepriester nickte. „Ruht Euch aus, Hoheit.“
Unausstehlich diese Männer. Eine kleine Grippe und sie schickten mich ins Bett! Mein Sichtfeld wurde immer schummriger. Unzufrieden biss ich mir auf die Zunge. „Gut. Geht, die Sitzung ist beendet.“
Die Berater gingen, ebenso wie Graf Dreidolch und der Hohepriester. Nur Lee und Graf Targes blieben bei mir. „Ich begleite Euch“, entschied letzterer. Und ich war mir sicher, dass auch Lee an meiner Seite bleiben würde.
Ich nickte und erhob mich. Beinahe augenblicklich knickten meine Beine ein. Sofort fing Targes mich auf und er hob mich auf seine Arme. „Ich bringe Euch am besten sofort ins Bett.“
„Und ich hole eine Kräuterhexe“, erwiderte Leeander und ging direkt los.
Graf Targes lief los, einen Arm unter meinen Beinen, einen unter meinem Rücken. Zitternd schmiegte ich mich an seine Brust und suchte nach Wärme. Meine eigenen Arme hatte ich wieder um meinen Körper geschlungen.
Bei meinen Gemächern angekommen, öffnete Graf Targes die Tür und trug mich hinein. Dabei war ich schon halb am Schlafen. Ich bekam nur halbwegs mit, wie ich in mein Bett gelegt und zugedeckt wurde.
„Was ist mit ihr?“, drang Emilis Stimme besorgt an mein Ohr, während ich verzweifelt versuchte, warm zu bekommen.
„Sie fiebert. Leeander lässt eine Heilkundige rufen. Sorgt dafür, dass sie ausreichend trinkt. Blut sollte helfen, damit ihr Körper schneller heilen kann.“
Blut.
„Targes?“, flüsterte ich schwach. „Hattet ihr jemals Fieber, nachdem ich von einem Vampir getrunken habt?“
„Nein, nie. Und ich habe zu Folterzwecken schon einige Male Blut von anderen Vampiren getrunken.“ Er blieb bei mir am Bett stehen und sah besorgt auf mich hinab. „Ich denke, es ist noch die Umstellung Eures Körpers. Außerdem wart Ihr ganz kalt und nass, als Ihr wir Euch gefunden haben.“
Ich nickte benommen. „In Ordnung. Das wird es wohl gewesen sein …“
Graf Targes verabschiedete sich mit den Worten, dass ich versuchen sollte, ein wenig zu schlafen.
Emili eilte los, um Blut zu besorgen, und Aurillia blieb bei mir am Bett. Wenig später klopfte es, kurz darauf stand der Hohepriester an meinem Bett. „Lass uns allein, Mädchen“, verlangte er zu Aurillia gewandt. Diese sah unsicher zu mir.
Ich nickte ihr zu. Vor dem Hohepriester drohte ganz sicher keine Gefahr.
Nachdem Aurillia weg war, holte der Hohepriester eine kleine Flasche aus seiner langen Robe und öffnete den Verschluss. „Ich habe das Heilige Öl mitgebracht. Es wird helfen, Euren Körper zu reinigen und das Fieber senken.“ Er gab ein paar Tropfen auf seine offene Hand, stellte die Flasche beiseite und verteilte das Öl in seinen Händen. „Darf ich?“
Wieder nickte ich bloß. Zu sprechen, erschien mir unglaublich anstrengend.
Er näherte sich mit seinen Händen meinem Gesicht und fuhr mit seinen Fingern über meine Schläfen. Dabei massierte er das Öl in sanften, kreisenden Bewegungen ein. Auch meine Wangen, Nasenrücken und Oberlippe massierte er sanft. „Glaubt Ihr den Gerüchten, der König sei tot?“, fragte er unvermittelt und massierte nun vorsichtig meinen Hals, wobei er darauf achtete, nicht an die Stelle zu kommen, die vom Seil eingeschnitten wurde und immer noch schrecklich schmerzte.
„Ich weiß es nicht“, gab ich offen zu. „Aber ich hoffe es“, hauchte ich benebelt.
„Ich befürchte beinahe, dass er zurückkehren wird. Immerhin nahm er alle seine Grigoroi mit, bis auf zwei. Sie werden für ihn in den Tod gegangen sein.“ Er seufzte leise, glitt mit seinen Händen unter meinen Nacken und massierte dort meinen Hals- und Kopfansatz. Der angenehme Geruch des Öls stieg mir in die Nase und ließ mich besser fühlen. Die nagenden Kopfschmerzen wurden erträglicher.
„Wisst Ihr“, begann er: „Ein anderes Gerücht macht mir mehr Sorgen. Es heißt, der Kronprinz sei gar nicht in derselben Nacht gestorben wie der Rest Eurer Familie. Angeblich hättet Ihr ihn versteckt und kürzlich freigelassen. Gerüchte, denen ich nicht glauben kann.“ Sanft glitten seine Hände zurück zu meinem Kopf. „Es wundert mich, dass ausgerechnet heute Graf Dreidolch von Ashur sprach. Und ich frage mich, wie viel Wahrheit in diesen Gerüchten liegt.“
Erschrocken weiteten sich meine Augen. „W…wie meint Ihr das, Hohepriester?“, fragte ich panisch werdend. Mein Atem beschleunigte sich. Wer sollte behaupten, dass ich Ashur zur Flucht verholfen hatte? Wenn Cyrus ihnen Glauben schenkte … und wirklich zurückkam …!
„Ist dieses Gerücht etwa wahr?“, fragte er und stockte in seinen Bewegungen. „Habt Ihr Ashur gerettet und ihn kürzlich freigelassen?“ Anstatt meine Antwort abzuwarten, sprach er einfach weiter: „Dem König wird es vermutlich sogar egal sein, wer Ashur am Ende zur Flucht verholfen hat. Denn nur deshalb musste er das Schloss verlassen. Ja, das ergibt Sinn. Der stille, übereilte Aufbruch und keine Informationen darüber, wohin er wollte oder wie lange er weg sein würde.“
Der Hohepriester keuchte und nahm seine Hände von meinem Kopf. „Der König wird denken, Ihr wolltet, dass er stirbt. Damit Ihr die Krone an Euch reißen könnt. Vermutlich wird selbst Leeander ihn nicht davon überzeugen können, warum Ihr wirklich die beiden Minister habt hängen lassen. Die Aufstände in der Stadt, die erhöhten Wachen im und rund um das Schloss … All das muss für den König so aussehen, als ob Ihr die Macht gewaltsam an Euch gerissen habt, während er unterwegs war.“
Sein Blick heftete sich auf meinen. „Habt Ihr herausgefunden, warum der neue König Euch nicht ermordet, sondern stattdessen geheiratet hat? Wisst Ihr mittlerweile, was er von Euch will?“
Wimmernd schüttelte ich den Kopf. „Woher denn?!“, rief ich verzweifelt und fasste mir ins Haar. Wo es gerade noch besser geworden war, türmten sich die Gedanken auf einmal und rangen mich zu Boden. Ich schluchzte. „Er … darf nicht zurückkommen!“
„Ihr könnt nichts dagegen tun, Majestät. Die Wachen, die anderen Vampire … Sie alle werden auf der Seite des Königs stehen. Immerhin denken sie alle noch, Ihr wäret ein Kind.“
Ich schloss meine Augen und ließ den Kopf auf mein Kissen sinken. „Bitte geht.“
Der Hohepriester nickte. „Selbstverständlich. Aber bitte lasst mich rufen, wenn Ihr meine Hilfe benötigt.“
Ich reagierte nicht mehr auf seine Worte. Ich hielt die Augen geschlossen und versuchte mit aller Macht nicht daran zu denken, was fortan noch auf mich zukommen würde. Ich sollte Ashur freigelassen haben. Ihm geholfen haben. Cyrus hatte mich bereits einmal beschuldigt, mich mit Ashur verbündet zu haben. Und jetzt streiften auch noch Gerüchte darüber durchs Land.
Ein Kälteschauer nach dem anderen schoss durch meinen Körper und ließ mich nicht zur Ruhe kommen. Nach kurzer Zeit schon, wurde ich des Denkens überdrüssig und wünschte mir nichts sehnlicher, als dass mich der Schlaf einholen möge.






















































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