Kapitel 31 – Zu alt

Kapitel 31 – Zu alt

 

Aurelie

Cyrus wollte mir wirklich erlaubten, zu trainieren? Er machte keinen Spaß? Das war sein Ernst? So wie er lächelte, war es das. Oder er erlaubte sich einen wirklich üblen Scherz mit mir. Doch ich sollte nicht mehr dazu kommen, ihn zu fragen.

In diesem Moment klopfte es seitens Kutschbock an der Wand. „Majestäten? Die Mühle ist gleich vor uns. Allerdings ist Bewegung in dem Ort. Mehrere Männer. Vermutlich haben sie uns schon gesehen. Sollen wir anhalten oder bis zur Mühle vorfahren?“

Fragend sah ich Cyrus an. „Elok ist doch da, oder? Wieso ist er noch nicht eingeschritten? Oder ist sie gar nicht da?“

„Er soll vorrangig beobachten“, erklärte er ruhig, dann wandte er sich an seinen Grigoroi: „Wir reiten bis zur Mühle und ein kleines Stück weiter. Als wäre sie nicht unser Ziel.“

„Verstanden. Wir geben Elok ein Zeichen, dass er zu uns aufschließen soll.“

Kurz darauf hielt die Kutsche an. Cyrus stieg aus und half mir die kleine Treppe hinunter. „Nun?“, wollte Cyrus wissen.

Amaro deutete auf das Gebüsch rechts von uns. „Dahinter ist die Mühle. Elok kommt gle…“

„Schon da!“ Genannter Grigoroi tauchte zwischen den Büschen auf, blickte jedoch ernst drein, als er berichtete: „Majestäten, die Zofe der Königin wird mit ein paar anderen Mädchen gerade von der Mühle auf einen Wagen verfrachtet. Sie haben Eure Kutsche gesichtet und wohl Verdacht geschöpft. Ich konnte lediglich drei Männer sehen. Aber es könnte sein, dass da noch mehr in der Mühle sind.“

„Die Mühle ist zweitrangig, befreit die Mädchen. Aber lasst die Sklavenfänger am Leben!“, befahl Cyrus. Er stieg hinter die Kutsche auf, öffnete eine Truhe und schnallte sich ein Schwert an den Gürtel. Dann zog er ein weiteres heraus und reichte es mir. Danach sah er zu Irina. „Du bleibst hier bei der Kutsche! Wenn dir jemand zu nahe kommt, beiß fest zu!“

Irina blickte zu mir, woraufhin ich seinen Befehl abnickte. „In Ordnung.“ Ich war unglaublich aufgeregt! Mein erster richtiger Kampf! Und Cyrus hatte mir ein Schwert gegeben! Und das, obgleich ich mich in anderen Umständen befand …! Sollte mir das zu denken geben? Wollte er vielleicht, dass ich es verlor? Schnell schüttelte ich den Gedanken ab. Das war nicht die richtige Zeit für Zweifel. „Dann los!“



 

Auf dem Weg zur Mühle fragte ich mich, ob es nicht klüger gewesen wäre, mein eigenes Schwert mit auf die Reise zu nehmen. Es war scharf und für die Hände einer Frau gemacht. Jedes Einhandschwert, das für Männer geschmiedet worden war, musste ich jeweils mit beiden Händen führen. Was mich langsamer machte.

Eine Baumreihe vor der Mühle hielt ich an, um mir selbst noch einmal einen Überblick über die Situation zu verschaffen. Instinktiv hob ich die flache Hand, um den anderen zu deuten, es mir gleichzutun.

Zwei Männer waren gerade dabei, zwei weitere Mädchen aus der Mühle zu tragen. Sie waren vermutlich etwa zwölf Jahre alt. Das eine Mädchen wand sich energisch, konnte sich aber weder aus dem Griff des Mannes hinter ihr lösen, noch sich von den Fesseln befreien, die ihr um Hand und Fußgelenke gebunden worden waren. Das zweite Mädchen war starr vor Angst.

Auf dem Wagen saßen bereits drei weitere Mädchen. Zwei davon weinten, das dritte saß ruhig da und sah sich ungeduldig um. Emili. Ich musste grinsen, als ich sie so sah. Und das, obwohl die Situation alles andere als lustig war. Aber ich hatte so eine kleine Vorahnung, dass sie ganz genau wusste, dass wir da waren. Gerade noch fragte ich mich, wieso keines der Mädchen schrie, da entdeckte ich die Stofffetzen, die ihnen im Mund hingen.

„Zwei von Euch gehen auf die andere Seite der Mühle, damit niemand entkommt“, hörte ich Cyrus kommandieren. „Amaro, du übernimmst die Mühle. Nay?“ Den ganzen Körper angespannt und kampfbereit, drehte ich mich zu meinem Verbundenen um. „Wir wollen sie lebendig.“ Zur Unterstreichung seiner Worte hob er beide Augenbrauen an.

Ich unterdrückte ein Seufzen. Schwert, Feuer, Fänge. Alles, was ich an Waffen hatte, war tödlich. Zur Antwort wiegte ich meinen Kopf hin und her. „Ich gebe mir Mühe.“ Oder auch nicht. Ich war nicht gerade gut auf Sklavenhändler zu sprechen.

Seine Mundwinkel zuckten. „Es geht hier auch um das Leben von Emili.“ Er beugte sich zu mir vor und gab mir einen kurzen, aber sehr intensiven Kuss. „Du bist stark. Und du kannst das Feuer kontrollieren. Sie werden mich fürchten, weil sie nicht wissen, dass du viel gefährlicher bist.“ Cyrus nickte Stinan und Elok zu. „Ihr sorgt dafür, dass niemand entkommt. Gebt uns Rückendeckung, falls nötig.“ Die beiden Grigoroi nickten. Und schon ging Cyrus los.



„Warte!“ Schnell zog ich ihn zurück. „Ich habe eine Idee. Lass mich mal die Mädchen befreien. Sobald ich auf dem Wagen bin, greift ihr an.“ Damit drückte ich ihm schweren Herzens mein Schwert in die Hände, drückte kurz noch einmal meine Lippen auf seine und lief dann fröhlich summend aus dem Wald. Direkt auf die beiden Männer zu, die die Mädchen über ihren Schultern soeben auf dem Wagen absetzten.

„Meine Herren? Ich befürchte, ich habe mich verlaufen.“ Peinlich berührt kratzte ich mich im Nacken. „Kann mir jemand helfen?“ Erst jetzt ließ ich meinen Blick sichtbar über die Mädchen auf dem Wagen gleiten. „Oh … äh, ich …“ Stolpernd lief ich einen Schritt zurück. Einer der Männer zog sofort sein Schwert. Er holte aus, als wolle er mir den Kopf von der Schulter schlagen. Ich wich zurück und zog den Kopf ein. „Tut mir leid, wirklich! Ich wollte nicht stören!“ Bei diesem Akt der Aggressivität wären mir beinahe die Fänge ausgefahren, doch noch hielt ich sie zurück. Nun griff auch der andere Mann an.

Im selben Moment hörte ich hinter mir schnelle Schritte. Der Mann, der sein Schwert als erstes gezogen hatte, lag auf dem Boden. In seiner Brust steckte ein Schwert. Cyrus‘ Schwert. Mein Verbundener zog es heraus und wirbelte zu dem zweiten Mann herum, der aber bereits von Elok erledigt worden war. Stinan stand auf der Karre und näherte sich einem weiteren Sklavenhändler, der soeben versuchte, einem der Mädchen die Kehle aufzuschlitzen.

Ich verdrehte die Augen. Stinan hatte den Mann binnen eines Sekundenbruchteils bewusstlos geschlagen. Für mich war rein gar nichts übriggeblieben. Gleichzeitig trat Amaro mit zwei bewusstlosen Kerlen über den Schultern aus der Mühle.

Ich drehte mich zu Cyrus um, der schon dabei war, sein Schwert wieder zu reinigen. „Was sollte das? Ich hätte das schon geschafft!“, fuhr ich meinen Verbundenen angefressen an. Ich war beleidigt. Wieso hatten sie mich nicht auch gefangen nehmen wollen? War ich etwa nicht schön genug? „Jetzt kann man ihn ja nicht einmal mehr austrinken!“ Ich stieß mit meinem Stiefel gegen den Toten und zog eine Schnute. Ohne weiteres Wort drehte ich mich um und stieg zu den Mädchen auf den Karren. Zu Stinan sagte ich: „Bring ihn zu den anderen, ich kümmere mich um sie.“ Er nickte und schaffte den Bewusstlosen weg. An die Mädchen gewandt, fragte ich: „Geht es euch gut? Niemand verletzt?“ Mein Blick suchte insbesondere Emilis, welche tatsächlich die Frechheit hatte, die Augen zu verdrehen.



Auffordernd hielt sie mir die gefesselten Hände hin und nuschelte etwas in ihren Knebel hinein. Die anderen Mädchen wichen vor mir zurück. Tränen liefen über ihre Wangen. Einige davon schüttelten den Kopf. Auf welche Frage sie damit antworteten, wusste ich nicht.

Ich löste Emilis Knebel und griff dann nach ihren Fesseln. Zwar könnte ich sie verbrennen, aber dann bestünde auch die Gefahr, dass ich meiner Freundin Verbrennungen zufügte. Ich drehte meinen Kopf herum. „Cyrus, hast du einen Dolch?“

Er stand mit seinen Grigoroi etwas abseits und war gerade dabei, Informationen aus den Männern zu prügeln, die das kleine Scharmützel überlebt hatten. Dennoch drehte er sich zu mir um, kam auf mich zu und reichte mir einen kleinen, schmalen Dolch. Erst dann kam die Frage. „Wofür?“

Ich deutete auf die Seile, nahm den Dolch entgegen und machte mich an die Arbeit Fuß- und Handfesseln der Mädchen durchzuschneiden, sowie die Mädchen, die meisten von ihnen noch Kinder, von ihren Knebeln zu befreien.

„Ihr hättet ruhig mal schneller machen können“, maulte Emili schlecht gelaunt.

„Welche Laus ist dir denn über die Leber gekrochen? Ich habe mich nicht von einem Bauernsohn gefangen nehmen und verschleppen lassen, ohne das geringste Geräusch von mir zu geben.“ Ich hob beide Augenbrauen und sah sie an. Gleich darauf befreite ich auch das letzte der Mädchen. Diese blieben jedoch alle sitzen, zitternd vor Angst.

„Habe … ich euch Angst gemacht?“ Vorsichtig tastete ich mit meiner Zunge meine Zähne ab, aber meine Fänge waren eingezogen.

„Was…Was passiert jetzt mit uns?“, fragte eines der Mädchen ängstlich.

„Ich wollte nicht heiraten“, meinte ein anderes Mädchen und rang um Fassung. „Deswegen hat mein Vater mich an diese Männer verkauft!“

„Meine Eltern sagten, sie müssten mich hergeben“, schluchzte eine andere. „Sonst verbrennen sie unseren Hof.“ Offensichtlich hatte das kurze Gespräch von mir und Emili ihre Zungen gelockert.

„Mist“, murmelte ich. Also wurden Familien erpresst, damit sie ihre Kinder hergaben. „Grundsätzlich seid ihr frei. Ihr könnt zu euren Familien zurückkehren. Oder ich kann euch anbieten, im Goldenen Reich im Schloss zu dienen. Das aber nur, wenn ihr wirklich wollt. Vielleicht nimmt euch auch Darleen auf“, überlegte ich laut.



„Im Schloss a…arbeiten? A…als was?“, fragte eine der Mädchen unsicher.

„Wir sollten sie erst zu Darleen bringen“, meinte Cyrus. „Es sind Mädchen aus den Ostlanden. Ich schreibe einen Brief an meine Cousine. Dann kam sie mit den Familien der Mädchen in Kontakt treten.“ Er nickte mir knapp zu und ging wieder zu den Männern.

„Oder so.“ Ich stand auf. Da keines der Mädchen weiter verletzt war oder Hilfe zu benötigen schien, erhob ich mich und sprang vom Wagen. „Fürstin Darleen ist nett, nur keine Sorge.“ Ich ließ die Mädchen allein, drehte mich um und ließ meine Fänge anwachsen. Einerseits wollte ich auch noch etwas Spaß haben, andererseits wollte ich dringend wissen, wieso mich die Männer nicht einfach gefangen nehmen wollten! Und ja, verdammt, ich war beleidigt! Ich hatte heute noch nicht einmal Honig geleckt!

Ich platzte in die Männerrunde und stellte mich mit gebleckten Fängen vor die Männer. „Wieso wolltet ihr mich nicht gefangennehmen, hm?“

Die Sklavenfänger saßen allesamt mit hinter dem Rücken gefesselten Händen auf ihren Knien. Fünf waren es an der Zahl. Zwei davon lagen bereits ohnmächtig oder tot am Boden, die restlichen drei Leichen lagen noch immer nahe dem Wagen verstreut.

Der Mann direkt vor mir spuckte vor mir aus. „Zu alt.“

Ich spürte, wie meine Zähne noch ein Stückchen länger wurden. Mit einer unfassbaren Wut im Bauch ging ich in die Hocke und packte den Mann am Kinn. Zu alt. Zu alt. Zu alt. Zu hässlich. Zu vernarbt. „Ich bin erst hundertvierzehn, du pädophiles Schwein!“ Schwungvoll versenkte ich meine Fänge in seinem Hals. Ich dachte noch nicht einmal daran, vorsichtig zu sein. Schluck für Schluck lief mir die Kehle hinab. Der Mensch konnte sich nicht wehren. Ich hörte sein Gurgeln, hörte aber nicht auf. Offenbar hatte ich etwas in seinem Hals beschädigt, denn kurz darauf krampfte sein Körper und er begann zu würgen. Bevor mich etwas treffen konnte, drehte ich seinen Kopf zur Seite. Ein lautes Knacken ließ mich genervt aufstöhnen und mich meine Fänge zurückziehen.

Ich stand wieder auf und sah auf den Mann hinunter, der mich so eben noch zu alt genannt hatte. Jetzt war er nur noch ein Häufchen Elend mit gebrochenem Genick. Verächtlich schnaubend, wischte ich mir mit dem Handrücken über den Mund. Ich spürte Cyurs‘ Blick in meinem Profil. Aber was hatte er erwartet? Ich ließ mich nicht einfach so beleidigen! Und ich hatte ihn vorgewarnt. Menschen starben, wenn ich von ihnen trank.



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