Kapitel 32 – Durst
Kapitel 32 – Durst
Rjna
Geburtstage feiern. Es war ein komisches Konstrukt für mich. Natürlich wusste ich von Tadurials kleiner Feier, ich war sogar dabei gewesen, doch dass man es jedes Jahr täte? Selbst für mich?
Zu Hause. Früher. Bei Vater und Mutter … Zu behaupten, dass wir gefeiert hätten, wäre übertrieben, aber wir hatten durchaus unsere kleine Zeremonie. Unser kleines Ritual, welches wir jedes Jahr abhielten. Mutter gab mir an diesem Tag immer einen Kuss auf die Stirn, klopfte mir aufmunternd auf den Kopf und manchmal, als ich noch jünger war, gab es sogar eine Umarmung. Das war weit mehr Zuwendung, als es sonst im ganzen Jahr für mich gab. Somit könnte man den Geburtstag wohl schon als zelebriert bezeichnen.
Doch nicht diese Erkenntnis liess mich innehalten, sondern viel mehr die, dass Xelus sich wirklich um mich sorgte. Wahrhaftig an mir interessiert war. Und ich … ich fühlte mich wohl. Geborgen und sicher. Gefühle, die ich nicht empfinden durfte. Freunde, Gefühle, Zuneigung: Alles Schwächen, die Löcher in meine Verteidigung rissen! Schwächen machten angreifbar. Und Angriffe verletzten. Verletzungen führten zu Schmerz und Leid, Kummer und Sehnsucht nach längst Vergangenem, einst Besessenem.
Vor meinem inneren Auge blitzten die ganzen Szenen meiner Gefangenschaft auf. Unten im Kerker, stundenlang in die Schwärze vor mir starrend, Dunkelheit, kein Tag, keine Nacht, kein Mond, keine Sterne, keine Sonne, kein Licht. Keine Freude, keine Liebe, keine Zuneigung, keine Gefühle ausser Schmerz, Hass und Verachtung.
Mit einem Gefühl endloser Einsamkeit tief in meinem Innern presste ich meinen Kopf in das weiche Kissen auf meinem Bett und liess mich durch dessen Sanftheit trösten. Die weichen Laken unter mir gaben meinem Gewicht nach, nicht wie der kalte, harte Kerkerboden, den ich gewohnt war. Sie umschmeichelten zärtlich meine Haut und streichelten dabei meine geschundene Seele. Doch konnte ich den Gedanken nicht ertragen. Fredi lag vermutlich noch nicht einmal begraben in unserer kleinen Hütte im Dorf. Ihr Körper dürfte mittlerweile verwest sein. Die Käfer und Ameisen liefen über ihre kindlichen Knochen, Maden und andere Tiere hatten ihr Fleisch verzerrt…
Ein lauter Schrei zerriss meine Gedanken und brachte mich auf den Boden der Tatsachen zurück. Meine geschundene Kehle schmerzte aufgrund der ungewohnten Intensität ihrer Nutzung. War ich das gewesen? Der Druck, der sich in meinem Innern aufgebaut hatte, war nicht weg, aber nunmehr etwas leichter zu ertragen.
Keine Sekunde später stand Xelus kampfbereit in der Tür zu meinem Gemach. Als er mich zusammengekauert auf dem Bett entdeckte, erweichte sich sein Blick und Sanftheit nahm den Platz der Anspannung ein. Vorsichtig machte er einen Schritt auf mich zu, woraufhin ich unweigerlich zusammenzuckte. Schnell wandte ich meinen Blick von ihm ab und presste mein Gesicht in mein Kissen.
Ich hatte Schmerz und Kummer in seinen Augen aufflackern sehen, doch darauf nahm ich keine Rücksicht. Das konnte ich einfach nicht. „Geht, bitte“, brachte ich nach einem Moment der Beruhigung hervor, als ich mir sicher war, dass meine Stimme dazu fähig wäre, die zwei Worte vollständig zu formen, ohne daran zu zerbrechen.
Doch Xelus blieb stehen. Kein Wort verliess seine Lippen und ich traute mich nicht, meinen Blick ihm zuzuwenden. Mein Gesicht war verheult, meine Haare standen mir bestimmt ungezähmt vom Kopfe ab und der Schmerz, welcher mein Herz verzehrte, schmückte sicherlich gleichermassen mein Gesicht. Also drückte ich es nur noch weiter in die Laken hinein und wartete, bis Xelus sich endlich dazu entscheiden würde, zu gehen.
Blinzelnd öffnete ich meine Augen und fand mich eng umschlungen in einer festen Umarmung wieder. Mittlerweile war es Nacht geworden, zumindest sandte der Mond kühles Licht durch den Schlitz der zugezogenen Vorhänge in das Gemach hinein. Demnach musste ich eingeschlafen sein. Und Meister Xelus … war geblieben.
Am liebsten hätte ich mich weiter in seine Umarmung gekuschelt. Aber mein Magen knurrte und wollte sich gar nicht mehr beruhigen. Und da kam mir eine Idee. Funktionierte es vielleicht, wenn …?
Vorsichtig schälte ich mich aus Xelus’ Armen. Er lag weiterhin ruhig da, also musste er wohl noch tief und fest schlafen. Auf leisen Sohlen tapste ich ins Badezimmer und schloss die Tür. So würde ihm der Geruch meines Blutes zumindest nicht gleich in die Nase steigen. Meine Füsse beschwerten sich, als ich mein Gewicht auf sie verlagerte. Auch in der letzten Nacht musste ich sie mir wieder auf dem rauen Asphalt der Strassen zerschunden haben. Schwach blitzte das Bild eines kleinen, heruntergekommenen Unterschlupfs vor meinem inneren Auge auf, in dem niemand anderes als dieser Junge lag. Nomrin. Unter einer fadenscheinigen Decke versteck; das blonde Haar wild von Kopf abstehend. Aber er hatte gesünder gewirkt. Nicht mehr ganz so abgemagert und verletzlich.
Mein Magenknurren brachte mich mit den Gedanken zurück in die Realität. Von Menschen zu trinken, brachte ich nicht über mich. Ständig plagten mich Schuldgefühle und immer wieder tauchte Fredis Gesicht vor meinem inneren Auge auf. Sie sah mich an, traurig, anklagend und verletzt. Ich war ein Monster. Ich war genau zu dem geworden, was zuerst ihr und anschliessend mir das Leben geraubt hatte. Ein verdammter, blutsaugender Vampir. Und noch dazu ein verdammt Durstiger! Nicht, dass ich das je vor Xelus zugeben würde, aber der Durst brachte mich nahezu um den Verstand!
Das Nachtgewand – in das mich Xelus dann wohl noch gesteckt haben musste – hatte lange Ärmel, von denen ich einen leise hoch stülpte. Das würde funktionieren, oder?
Ein Reisender, der einst unser Dorf passierte, hatte mir erzählt, dass er in Zeiten der Wasserknappheit von seinem eigenen Harn getrunken habe. Wenn das funktionierte, wieso sollte ich mich nicht von meinem eigenen Blut ernähren können?
Vorsichtig wandte ich mich zum Spiegel und blickte mir selbst entgegen. Ich atmete einmal tief durch. Zuerst mussten sich meine Fänge verlängern. Ich öffnete meinen Mund und begutachtete zum ersten Mal die abnormal spitzen Eckzähne darin. Vorsichtig fuhr ich mit meinem Zeigefinger daran entlang und spürte die glatte, kalte Oberfläche. Automatisch, als ob sie sich geschmeichelt fühlten, wuchsen sie an, nahmen an Gefährlichkeit zu und wurden zu den Waffen jener Monster, die ich so fürchtete. In meiner unteren Zahnreihe streckten sich nun ebenfalls die Eckzähne empor, fast so, als wären sie auf die Aufmerksamkeit, die ich ihren Kontrahenten schenkte, eifersüchtig. Die oberen beiden waren leicht nach innen gebogen. Vielleicht, um die Beute besser festhalten zu können? Schnell tat ich den Gedanken ab.
Allein beim Gedanken daran, damit jemanden zu beissen, zog sich mein Inneres vor Angst und Ekel zusammen. Mein Bauch krampfte beim Gedanken daran, und wäre ich noch ein Mensch, käme mir jetzt wohl die Galle hoch. Nun aber richtete ich meinen Blick vorsichtig auf mein freigelegtes Handgelenk. Es war schmal und abgemagert. Es würde mich aber auch überraschen, wenn es anders wäre.
Vorsichtshalber öffnete ich die Vorrichtung, aus der das Wasser nur so sprudelte, damit Xelus auch sicher keinen Verdacht schöpfte. Immerhin war ich nicht der einzige Vampir hier, der mit verbessertem Gehör gestraft war. Und während es mir zumeist lediglich Kopfschmerz bereitete, konnte er damit umgehen.
Im nächsten Moment übertönte das Rauschen des Wassers mein schmerzliches Quietschen, als ich mir sowohl mutig als auch dumm selbst ins Handgelenk biss. Mutig, denn ich zog es durch, doch dumm, da ich vom Mut geblendet viel zu fest zugebissen hatte. Es schmerzte! Doch diesen Schmerz hatte ich schon so einige Male verspürt und das auch schon deutlich schlimmer.
Ich spürte Fänge in meinem Fleisch, wie ich sie schon unzählige Male gespürt hatte. Aber jetzt, in diesem Moment, fühlte ich ebenso die andere Seite. Ich konnte die Wärme wahrnehmen, die mein Fleisch aussandte, welches meine Zähne umhüllte. Ein Wunder eigentlich, denn die verringerte Körpertemperatur von Xelus, im Vergleich zu einem Menschen, war mir schon aufgefallen. Somit dürfte ich mich eigentlich auch nicht mehr besonders warm anfühlen. Aber auch schon als Mensch hatte ich immer eine höhere Körpertemperatur gehabt als andere. Was nicht damit gleichzusetzen war, dass ich nicht fröre.
Es fühlte sich befremdlich an, mein eigenes Fleisch zwischen den Zähnen zu haben und gleichzeitig aber auch auf der anderen Seite zu stehen. Opfer und Täter zugleich zu sein. Kurz blitzte das Bild von Dregos Fängen in meinem Handgelenk auf, aber genauso schnell war es wieder verschwunden. Das hier war nicht er. Das war ich! Ich biss mich. Und ich allein hatte die Kontrolle darüber! Niemand anders!
Schnell stellte sich ein Saugreflex ein, während ich meine ersten Schlucke nahm und … sie am liebsten gleich wieder ausgespuckt hätte. Das schmeckte noch deutlich schlimmer als Tierblut! Nichtsdestotrotz trank ich weiter und weiter. Den Geschmack ignorierend, füllte sich mein Magen nach und nach, bis ich pappsatt war. Ein solches Sättigungsgefühl hatte ich zeit meines Lebens noch nicht erlebt. Es fühlte sich absolut herrlich an. Der drängende Durst nach Blut war weg, als ob er nie da gewesen wäre!
Nachdem ich mir den Mund mit Wasser ausgespült und den ekelerregenden Geschmack in meinem Mund versucht hatte loszuwerden, klemmte ich die Wasservorrichtung wieder ab, band kurzerhand ein Tuch um die frische Wunde an meinem Handgelenk und begab mich wieder in das Schlafgemach. Ich war satt. Ein ganz unglaubliches Gefühl!
Xelus lag immer noch eingekuschelt im Bett und schlief. Seine Züge waren so weich, wie es sich tagsüber nur vermuten liess. Seine ganze Ausstrahlung war die Ruhe selbst. Wie alt er wohl gewesen war, als er verwandelt wurde? Älter als dreissig sicher nicht. Vielleicht fünfundzwanzig? Hatte man sein Alter vor über zweitausend Jahren überhaupt schon gezählt? Bei Gelegenheit könnte ich es vielleicht in Erfahrung bringen. Doch nicht jetzt.
Leise schlich ich zum Bett zurück und stand dann eine Weile unschlüssig davor, während mein Vampirmeister friedlich weiterschlief. Mit anderen ein Bett zu teilen war mir zwar nicht gänzlich fremd, immerhin hatten wir in der Hütte nur eine Schlafstelle gehabt, auf der wir zu viert gelegen waren …, doch das war Familie gewesen. Zwar hatte Xelus einmal erwähnt, dass ein Vampirmeister etwas Ähnliches wie ein Vater wäre – in diesem Fall wäre er also sowas wie mein Vampirvater – aber ob das der Bedeutung eines familiären Verhältnisses, wie ich es kannte, gleichkam, vermochte ich nicht zu sagen.
„Wenn du nicht willst, dass ich bei dir liege, sag es ruhig.“
Erschrocken japste ich auf. Er hatte nicht geschlafen! Er hatte nur die Augen geschlossen! Oh, wie unangenehm! Wie lange war ich wohl dagestanden und hatte ihn betrachtet? Schnell liess ich mein verbundenes Handgelenk hinter meinem Rücken verschwinden. Und das keinen Moment zu früh. Seine Augen öffneten sich mit einem vor Traurigkeit getrübten Blick.
„Ich, also … Es ist nicht … Es ist nur …!“, stotternd versuchte ich mein Unwissen kundzutun. War es richtig, so bei seinem Vampirmeister zu liegen? Gehörte sich das denn?
Eine seiner Augenbrauen hob sich; ein schelmisches Funkeln trat in seine Augen, welches den ruhigen Gesichtsausdruck zunichtemachte. „Traust du dich etwa nicht, bei deinem Vampirvater zu liegen? Mache ich dir etwa Angst?“
Die Frage war spassig und locker gestellt, ganz so, als ob ihm die Antwort einerlei wäre und er ihr überhaupt keinen Wert beimessen würde. Doch tief im Inneren ahnte ich, dass ihm meine Antwort alles andere als gleichgültig war. Wenn ich jetzt sagte, dass ich Angst vor ihm hätte oder dass ich mich nicht traute, mich zu ihm zu legen, würde er sich vermutlich dafür schelten, dass er mir nicht genügend Wohlbefinden verschaffte. Nicht, dass ich ihn bisher in irgendeiner Weise unsicher erlebt hätte, doch liess mich das Gefühl nicht los. Auf einmal erschien mir meine Antwort wirklich wichtig. Dieser Moment wirkte wichtig, bedeutsam. Die Frage war nicht, ob ich mich traute, mich zu ihm zu legen oder ob ich Angst vor ihm hätte. Vielmehr ging es darum, dass er herauszufinden versuchte, ob ich ihm vertraute. Ob ich …
Er stützte sich auf, mit den Augen unverwandt meinen Blick erwidernd. „Würdest du mich als deinen Vampirvater akzeptieren, Rjna?“
So langsam bekam ich das Gefühl, dass die Worte ‚Vampirmeister‘ und ‚Vampirvater‘ nicht eins in ihrer Bedeutung waren. Ein Meister erzog, lehrte, rügte und lobte. Ein Vater … dazu konnte ich nichts sagen. Wenn ich mich hier in Genral so umsah, bedeutete es vermutlich etwas vollkommen anderes als für mich. Für mich verkörperte das Wort Schmerz, Leid, Hunger und Bestrafung. Hier in Genral hatte der Begriff wahrscheinlich aber eine völlig andere Bedeutung. Sonst würde Xelus es wohl kaum so ausdrücken, so gütig wie er immer zu mir war!
Vorsichtig krabbelte ich wieder auf das Bett, legte mich mit dem Rücken zu Xelus hin und schloss für einen Moment die Augen. Dann flüstere ich: „Ich habe keine Angst vor Euch, Xelus. Ich habe keine Angst vor meinem Vampirvater. Ihr habt mir das Leben gerettet.“ Meine Stimme war kaum zu hören, so leise sagte ich die nächsten Worte: „Ich wäre jetzt tot ohne Euch. Allein hätte ich es nie mehr aus diesem Wald geschafft.“ Meine Stimme zitterte bei meinen letzten Worten. Unsicherheit überkam mich. Was, wenn er mich doch noch ablehnte? Wenn er mehr über mich erfuhr und sich dann gegen mich entscheiden würde? Schluckend zog ich meine Knie an meine Brust.
Von hinten umfassen mich zwei starke, schützende Arme und zogen mich an Xelus’ Brust. Schniefend liess ich mich in die Umarmung fallen. Das Letzte, was ich hörte, bevor ich wieder in das Reich der Träume glitt, waren Xelus’ Worte: „Ich werde dich immer retten, Rjna. Du wirst nie wieder allein sein.“ Seine Stimme war wie immer ruhig, sanft, wie eine leichte Brise an einem milden Sommertag. So gerne wollte ich dieses Versprechen glauben. Doch hatte mir das Leben bisher nichts als Schmerz gebracht und so würde abzuwarten bleiben, ob ich der Hoffnung Vertrauen schenken konnte, die mit seinen Worten in mir aufzukeimen begann.
Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit verspürte ich echte Dankbarkeit, dem Tode noch einmal entkommen zu sein. Noch war es nur ein kleiner Funke. Ein winziger Funke Freude darüber, eine Chance auf Leben zu haben. Eine Chance auf Rache zu haben. Wie auch immer meine Zukunft aussehen mochte. Ich würde kämpfen.


































Kommentare