Kapitel 34 – Herzschlag
Kapitel 34 – Herzschlag
Aurelie
Das Herz schlug. Es schlug. Immer wieder sprach ich die Worte in meinem Kopf, wie ein nie endendes Mantra. Es lebte noch. Nur war da Blut. Und bei Irina hatte es auch geblutet, als sie Avino tot niedergebracht hatte. Götter, bitte nicht!
„Shh“, kam es beruhigend von meiner Linken. Dabei war mein werter Verbundener selbst nicht ruhig! Und ein Impuls an meiner linken Hand änderte da auch nichts daran!
Wie lange brauchte sie denn noch? Die Frau tastete meinen entblößten Bauch ab und hatte mir auch schon zwischen die Beine geschaut! Wobei ich Cyrus ganz sicher nicht dabei haben wollte, aber er hatte nicht mit sich reden lassen.
„Ich weiß sowieso schon, wie es zwischen deinen Beinen aussieht, Liebste“, hatte er beharrt. Beim Gedanken daran schnaufte ich gepresst aus.
„Und?“, wollte Cyrus angespannt von der jungen Kräuterfrau wissen, die noch immer konzentriert mit ihren Händen meinen Bauch abtastete.
Die junge Frau seufzte. „Es tut mir leid, aber ich kann nichts fühlen. Vampirschwangerschaften sind selten. Und dazu noch äußerst langsam, was den Fortschritt des Kindes im Mutterleib angeht. Wie weit bist du denn?“
„Äh … vielleicht …“ Ratlos sah ich zu Cyrus. Mein Zeitgefühl war gerade hintenangestellt.
„Vier Monate, vielleicht fünf.“ Cyrus streichelte meinen Rücken. „Auch wenn die Schwangerschaften von Vampiren länger dauern, ist der Rest doch identisch, nicht wahr? Kommt es auch bei Menschen zu solchen Blutungen?“
„Nun, es blutet ja mittlerweile nicht mehr.“ Die Frau lächelte sanft. „Und es kann durchaus zu Blutungen kommen. Das muss nicht immer schlimm sein, kann aber. Das lässt sich so nicht sagen, tut mir leid. Die Königin muss sich auf jeden Fall ausruhen. Ich empfehle strikte Bettruhe die nächsten Wochen. Und eine gute, ausgewogene Ernährung. Sowohl Blut als auch richtiges Essen! Zudem: Ruhe! Sie soll sich möglichst nicht aufregen.“
Cyrus presste die Lippen zusammen, nickte aber. „Natürlich. Dafür werde ich sorgen. Danke.“ Er legte eine Decke über meinen entblößten Bauch und verscheuchte so die Kräuterfrau. „Irina?“, rief er.
Sofort war die Grigoroi da, obwohl sie von ihm keine Befehle mehr annehmen musste. Aber sie wich kaum noch von meiner Seite, seit sie von der Blutung erfahren hatte. Nur der Diskretion wegen hatte sie vor der Tür gewartet.
„Begleite die Kräuterfrau bitte hinaus. Danach bringen wir Ihre Majestät zu Bett.“
Irina nickte und verschwand kurz darauf mit der Kräuterfrau.
„Entschuldige, Liebes. Ich wünschte, es wäre eine erfahrenere Kräuterfrau gewesen.“
„Sie hat tatsächlich noch sehr jung gewirkt …“, murmelte ich. Noch kam ich mit dem Gedanken, dass ich das Kind vielleicht verlieren könnte, nicht klar. Dass sich das jemals ändern würde, bezweifelte ich.
Irina kam zurück, um mich zusammen mit Cyrus ins Bett zu tragen. Es war nicht so, als hätte ich diesen Weg nicht selbst geschafft … nur war mein Gemahl wieder einmal ein sturer Esel.
„Ich will Honig“, murrte ich, als Cyrus mich fürsorglich unter der beigen Bettdecke begrub.
Ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Möchtest du mit Irina allein sein? Dann besorge ich dir den Honig.“ Er beugte sich vor und küsste meine Stirn. „Andernfalls wirst du mich hier nicht wegkriegen.“
„Ist mir egal. Aber wenn mir niemand Honig holt, gehe ich selbst!“, behauptete ich trotzig, ganz genau wissend, dass ich es nie wieder aus diesem Bett schaffen würde, wenn Cyrus das nicht wollte.
„Nein, ich hole dir deinen Honig. Bleib liegen!“ Cyrus streichelte über meine Wange. Kurz darauf war er weg.
Irina setzte sich zu mir auf das Bett. „Wie geht es dir, Kleine?“ Ihr Blick fiel auf meinen Bauch. Auch sie hörte es. Den schnellen Herzschlag des Kindes.
„Es ist schon gut. Wird schon nichts passiert sein“, entgegnete ich mit aufgesetzter Leichtigkeit. Ich wollte nicht, dass Irina an jene Nacht im Wald zurückerinnert wurde.
„Sei unbesorgt. Wir werden zusammen diese Schwangerschaft durchstehen. Und du wirst eine ganz wunderbare Mutter sein.“
„Ja, bestimmt“, nicht. Ich hatte keine Ahnung, wie man sich als Mutter verhielt. Was machte man da? Wie erzog man ein Kind? Das waren alles Dinge, die bekam man im Laufe seines Lebens normalerweise bei Freunden mit, ehe man selbst Mutter wurde. Oder man wusste es von der eigenen Mutter …
Meine Gedanken wanderten zu Targes. Hatte er mir nicht von seiner Enkelin erzählt? Ein gedankenverlorenes Lächeln breitete sich bei der Erinnerung daran aus. Und unsere Kampfstunden. Götter, ich vermisste den alten Mann. Er war sowohl ein guter Kämpfer als auch ein guter Gesprächspartner. Und garantiert ein großartiger Großvater für seine Enkelkinder.
Meine Hand fuhr zu meinem Bauch. Es würde keine Großeltern haben. Weder väterlicher noch mütterlicherseits.
„Es läuft besser mit Cyrus. Was ist passiert? Er ist plötzlich so fürsorglich und liebevoll zu dir.“
„Ich weiß nicht genau“, murmelte ich gedankenversunken. „Ich glaube, einfach nur zu sagen, wir hätten uns ausgesprochen, wäre falsch …“ Ich drehte mich im Bett herum und suchte eine bequemere Position. Mein Blick wanderte wieder nachdenklich zur Decke hin. „Erst war es wie eine Blase. Ich hatte keine Lust mehr auf Streit und er hat es nicht provoziert, also blieb einfach einmal alles ruhig. Und dann war er so fürsorglich. Und hat sich entschuldigt. Und sich über das Kind gefreut …, wo er es vorher noch abgelehnt hat.“ Ich senkte den Blick. „Ich weiß nicht. So ist das jetzt schon seit mehreren Wochen. Ich … ich sorge mich, dass es wieder anders wird, sobald wir zurück sind. Zurück im Schloss, mit unseren Verpflichtungen. Dass er sich wieder dem Alkohol zuwendet. So wie er jetzt ist, wird er ein wundervoller Vater, aber was, wenn er wieder anders wird?“
„Streit gehört zu einer Beziehung dazu. Es ist immer ein Auf und Ab. Aber es darf nicht eskalieren.“ Irina legte sich neben mich und strich mir sanft über die Wange. „Liebe übersteht alles. Aber nur, wenn es wirklich Liebe ist. Sag mir, Naya, liebst du ihn?“
Verzweifelt biss ich mir auf die Lippe und krächzte schließlich: „Woher soll ich das wissen? Was ist denn Liebe, Irina?“ Welch kindische Frage, dachte ich mir. Aber ich wusste es nicht. Wie konnte ich behaupten, jemanden zu lieben, wenn ich die Bedeutung des Wortes nicht annähernd verstand?
„Liebe ist, wenn er ist, woran du morgens als Erstes denkst. Und das Letzte, woran du abends denkst. Wenn seine Nähe dafür sorgt, dass du dich augenblicklich wohl und geborgen fühlst. Wenn seine Worte dir ein Lächeln auf die Lippen zaubern. Und wenn du es keinen Tag ohne ihn aushältst.“ Irina lächelte und stupste meine Nase an. „Liebe ist, wenn du das Gefühl hast, er macht dich komplett. Weil ihr eine Einheit seid.“
Errötend senkte ich den Blick. Liebe war ganz schön viel, wie es schien. Morgens und abends an ihn denken, wohlfühlen, lächeln … „Das hört sich nach ganz schön viel Arbeit an, jemanden zu lieben“, grummelte ich kleinlaut.
Irina lachte laut und herzlich. „Es sind die kleinen Gesten, die wichtig sind, Kleines. Kleinigkeiten, die bedeutend sind. Wie zum Beispiel, dass er dir Honig holt. Und uns die Gelegenheit gibt, vertraut miteinander zu reden.“ Sie riss die Augen auf. „Oh! Und Liebe ist ein Kribbeln im Bauch. Ein Kribbeln und Ziehen. Ein ständiges, beinahe schon schmerzhaftes Sehnen.“
Ja, eventuell, vielleicht, möglicherweise war da der Wunsch, dass er endlich zurückkam und mit mir kuschelte. Und vielleicht war da auch von Zeit zu Zeit dieses Kribbeln im Bauch – wie als er sich vor mich gekniet und sein Ohr gegen meine Bauchdecke gedrückt hatte. Aber Irinas Liste war lang, und ich konnte absolut nicht einschätzen, ob ich jeden Punkt davon erfüllte.
„Warte, was?!“, stieß ich aus, die Augen riesig. „Hast du gerade impliziert, dass er mich …“, liebte? Honig holen. Honig holen. Kleinigkeiten wie Honig holen, schallte es immer wieder in meinem Kopf. „Du denkst …?!“
„Liebe beruht auf Gegenseitigkeit, Kleines. Nur, wenn die Gefühle erwidert werden, ist die Liebe perfekt.“ Sie lächelte wieder und ergriff meine Hände. „Und Liebe ist auch nicht plötzlich da. Sie wächst, jeden Tag ein wenig mehr.“
War das jetzt ein:‘ Ja, er liebt dich?‘ Ich meine, Irina hatte da vermutlich mehr Erfahrung und…
„Hab welchen gefunden!“ Mit einem strahlenden Lächeln auf seinen wunderschönen Lippen kam mein Verbundener rückwärts, den Kopf aber zu uns gewandt, durch die Tür. „Und noch eine ganze Menge mehr! Du wirst jetzt regelmäßig essen, genau so, wie die Kräuterfrau das gesagt hat.“
Irina warf mir einen verschwörerischen Blick zu, der mir das Blut noch heftiger in die Wangen schießen ließ, als sowieso schon. „Ich nehme vor der Tür Stellung. Ruft, wenn ihr etwas braucht.“ Mit einem Zwinkern zu mir und einem verschlagenen Grinsen stand sie vom Bett auf und ging ganz gemächlich – die Ohren so spitz wie die Nase einer Spitzmaus, darauf hätte ich meine Krone verwettet – aus dem Zimmer.
Verlegen sah ich zu Cyrus auf, dessen Strahlen ein wenig abnahm, als sich wieder Sorge in seinem Gesicht breit machte. „Wie geht es dir?“
Kleine Gesten, wie Honig holen … „Gut!“, quietschte ich und räusperte mich. „Ich meine, ich denke, besser. Also, die Spannungen im Bauch sind weg. Und das Blut ebenso. Es war sicher nur etwas Kleines. Vielleicht … hat es ja mein Temperament geerbt und übt schon mal Kämpfen?“, scherzte ich.
„Wir sollten trotzdem sicher gehen, Nay.“ Cyrus stellte ein großes Tablett ab. Darauf waren zwei Gläser Honig, Brot, Wurst und Käse sowie Eier und etwas Obst. „Was magst du essen?“
„Ich weiß nicht … meine … Arme fühlen sich irgendwie schlapp an. Ich fürchte, ich schaffe das nicht.“ Verflucht! In meinem Kopf hatte das deutlich besser geklungen! Dabei wollte ich eigentlich nur, dass er sich zu mir legte und mir etwas Aufmerksamkeit zukommen ließ. Vielleicht auch etwas mehr als etwas.
„Wirklich?“ Cyrus setzte sich auf die Bettkante. Genau, wie Irina zuvor. „Kribbeln deine Arme? Soll ich dich etwas massieren?“
Nein! Ich hatte hunger! Und wollte eigentlich gefüt… Innerlich schüttelte ich den Kopf und verweigerte mir, diesen Gedanken auch nur zu Ende zu denken. Ich war kein kleines Kind mehr. Ich konnte nicht erwarten, dass er sich um mich kümmerte, als sei ich eines. Was ich auch nicht wollte! „In diesem Fall tut mir der Rücken weh.“ Ich stieß ein leichtes Grunzen aus, beim Versuch, mein Lachen zu unterdrücken. Verlegen schielte ich nach oben, um sein Minenspiel beobachten zu können.
„Hm, tatsächlich?“ Cyrus schmunzelte. Er beugte sich über mich und küsste meine Stirn. „Und was tut dir noch weh? Die Füße? Der Hintern vom vielen Sitzen?“
„Hm … ja, das ist eine gute Idee“, brummte ich angetan, augenblicklich entspannt durch seinen Geruch.
Cyrus lächelte, dann zog er mich in eine sitzende Position und setzte sich hinter mich. Seine Hände legte er auf meine Schultern und begann, meinen oberen Rücken zu massieren. „Ist das zu fest?“
„Nein“, hauchte ich, entzückt von den Schauern, die meinen Körper durchzuckten. „Fester, bitte …“
Er übte ein wenig mehr Druck mit seinen Daumen aus, massierte meine Schultern, knetete meinen Nacken durch und glitt meiner Wirbelsäule entlang bis zu meinen Schulterblättern. Danach arbeitete er sich wieder hoch, massierte meine Schultern, glitt nach außen und knetete meine Oberarme durch.
Besser?“
„Mh …“ Ich gab nur ein leises Stöhnen von mir. Meinetwegen könnte er das noch stundenlang machen. Beschweren würde ich mich nicht. „Danke“, brummte ich rau.
Cyrus lächelte, stand auf und nahm das Tablett mit all den Leckereien. Vorsichtig legte er es auf meinem Schoß ab. Sofort ging meine Hand zu einem der Honiggläser und schraubte es gierig auf.
Cyrus lachte leise. Danach setzte er sich wieder hinter mich. Leise knurrend zog er mich ein Stück näher an seine muskulöse Brust, die mir als Rückenstütze diente. „Bequem?“ Die Beine hatte er locker rechts und links neben mir ausgestreckt; eine Hand wanderte an meiner Seite entlang zu meinem Bauch.
„Ja“, erwiderte ich bloss verträumt, mit vollem Mund. Ganze Sätze waren etwas für Menschen, deren Verstand nicht gerade auf Wolke sieben tanzte. Erneut steckte ich meinen Finger in den Honig, drehte meinen Kopf und streckte Cyrus meinen honigbeschmierten Finger vor den Mund. „Aufmachen“, verlangte ich leise.
„Äh, Honig ist nicht unbedingt …“ Er schluckte den letzten Rest an Protest herunter, nahm meinen Finger in den Mund und zog eine gequälte Grimasse.
Ich zog die Augenbrauen hoch. „Und du sagst immer, ich schmecke süss. Lügst du mich etwa an, Geliebter?“ Meine Mundwinkel zuckten verräterisch.
„Ich bevorzuge a…“ Er stockte, dann wurde er völlig ernst. „Wie hast du mich gerade genannt?“
„Ähm, vergiss es! Ist mir nur so rausgerutscht!“ Oh, Götter! Was dachte er jetzt? War er wütend? Gekränkt? Nein, was? Das ergab keinen Sinn. Oder? Wieso sah er mich so ernst an? Hatte ich etwas Falsches gesagt?
Cyrus brummte und küsste meine Wange. Mittlerweile saß er eher schräg hinter mir, beinahe schon neben mir. „Verstehe.“ Er wirkte immer noch so ernst. Und zeitgleich nahm er meine Hand und führte sie zum Honigglas. „Ich hoffe, du wirst dich jetzt nicht die nächsten zweieinhalb Jahre nur von Honig ernähren.“
Ich verdrängte die Situation von eben und grinste spitzbübisch. „Neeein“, versprach ich langgezogen und verrenkte mich so, dass ich mein Gesicht in seine Halsbeuge drücken konnte. „Ein bisschen von dir will ich auch“, raunte ich an seine Haut, schmeckte Salz und stach im nächsten Moment mit meinen Fängen durch seine Haut.
Nach kurzem schon ließ ich wieder von ihm ab und leckte ihm über den Hals. Sein unwilliges Stöhnen genoss ich in vollen Zügen. Genauso wie das Gefühl seines steifen Glieds an meinem Rücken. „Köstlich“, brummte ich zufrieden. „Willst du auch?“
Cyrus zog mich noch näher an sich und drehte mich dabei ein Stück, sodass ich seitlich an ihn gelehnt saß. Sein Atem ging schwer. Er vergrub seinen Kopf an meinem Hals, welchen ich erwartungsvoll zur Seite neigte. „Nay…“ Seine Stimme war rau, dunkel. Ganz langsam glitten seine Hände über meinen Körper, meine Seite, meine Hüfte. „Du hast Blut verloren. Wir wissen nicht, warum.“ Er drückte mich noch fester an sich. „Ich werde nicht von dir trinken. Ich will nicht die Beherrschung verlieren.“
„Wir müssen ja nicht miteinander schlafen“, versuchte ich enttäuscht zu argumentieren. „Und es war auch gar nicht so viel! Es hat ja auch nicht lange geblutet.“ Es wäre doch nicht schädlich für das Kind, wenn er von mir trank? „Hast du deswegen die letzten Wochen nie wirklich von mir getrunken?“ Nur manchmal hatte er seine Zähne in meinem Hals versenkt, aber getrunken hatte er höchstens ein paar Tropfen. Es verletzte mich. Ich wollte, dass er von mir trank. Wollte, dass ich ihm schmeckte und begehrenswert war. Es musste ja auch gar nicht viel sein …
„Ich möchte nicht, dass dem Kind etwas passiert, Nay. Was, wenn es mein Gift nicht verträgt?“ Seine Arme lagen eng um mich herum und sein Kinn ruhte auf meinem Kopf. „Ich weiß gar nichts über Vampirschwangerschaften. Ich weiß nicht, was dem Kind schadet. Oder was dir schadet.“
Ein erschreckender Gedanke. Ich war davon ausgegangen, dass es ebenfalls immun wäre. Wie ich es war. Zumindest, solange es sich in mir befand. Danach würde ich es von jeglichen Spitzen Gegenständen auf Leben und Tod fernhalten.
Ich seufzte leise und wandte mich meinem Frühstück zu. ‚Du isst aber schon noch mehr als Honig, oder?‘ Lustlos sah ich auf das Tablett und griff schließlich nach dem Brot, um es mit dem süßen Gold zu bestreichen.
Cyrus schmunzelte hörbar. Er zog das Tablett näher heran und nahm sich einen Apfel. „Ich werde meiner Tante schreiben. Und wenn wir wieder zu Hause sind, können wir ein paar Damen einladen. Die Ehefrauen der Minister vielleicht. Und ich kann Kretos fragen, ob es hier Bücher gibt, die Antworten liefern.“
Ich nickte stumm und biss in mein Honigbrot. Das Brot störte. Am liebsten hätte ich einfach nur den Honig abgeleckt. „Das isch eine gupe Idee!“, stimmte ich mampfend zu. Denn ich würde sicher keine ganzen drei Jahre auf seinen Biss verzichten! Oder das Stöhnen an meinem Hals, wenn er von mir kostete.
„Vielleicht auch Herzogin Lelier. Sie war ja erst kürzlich schwanger. Wenn wir wieder im Schloss sind, überlegen wir, wen wir einladen.“ Cyrus legte den angebissenen Apfel beiseite und starrte nachdenklich auf die Tür.
„Was ist los? Oh, im Übrigen, hat Kretos noch etwas interessantes gesagt?“
Cyrus schüttelte den Kopf. Sein Blick wirkte für einen Moment völlig abwesend. Nur, um dann wieder so ernst zu werden. „Wir werden länger hierbleiben, Nay. Und ich werde morgen früh aufbrechen und diese Kräuterfrau suchen. Die, die Kretos ‚die Königin der Kräuterfrauen‘ nennt. Sie wird damit mehr wissen als die anderen.“
„Morgen schon? Aber wir sind doch gerade erst angekommen?“ Was meinte er mit: Wir würden länger bleiben? Ich runzelte die Stirn. „Was meinst du damit? Bleibt Emili hier? Nehmen wir nur die Grigoroi mit? Oder niemanden, wie Emili gesagt hat?“
„Weder noch, Nay. Ich werde dich mit Emili und den Grigoroi hierlassen, diese Frau suchen gehen und sie hierher bringen. Du bleibst hier und ruhst dich aus.“
Für einen Moment war ich wie erstarrt. „Was? Nein!“ Ich riss das Tablett von meinem Schoß, stieß mich von ihm ab und drehte mich um, sodass ich ihm ins Gesicht sehen konnte. „Du verlässt mich nicht!“ Mein Honigbrot war vergessen und landete irgendwo im Bett.
„Nay, ich muss diese Frau suchen. Was ist, wenn die lange Reise in der Kutsche die Ursache für die Blutung war? Das ständige Ruckeln…! Was, wenn wir zurück ins Goldene Reich reisen und du dabei das Kind verlierst? Ich kann das nicht riskieren!“ Cyrus stand umständlich auf und versuchte, sich mir zu entziehen.
„Ich komme mit!“, bestimmte ich. „Deine Grigoroi kannst du meinetwegen hier lassen, aber mich nicht!“
„Ausgeschlossen, Nay! Du wirst hierbleiben. Ich riskiere ganz sicher nicht, dass du das Kind verlierst!“ Obwohl ich mich an ihm festklammerte, stand er auf und verließ das Bett. „Wenn es sein muss, bleibst du hier, bis das Kind geboren ist!“
„Dann reite ich dir eben nach!“, schrie ich ihm aufgebracht entgegen. „Und ganz sicher bleibe ich nicht drei Jahre lang hier! So lange kann das Goldene Reich nicht auf seine Herrscher verzichten, vergiss es!“
„Nein, Aurelie. Du wirst hierbleiben! Ich bringe diese Kräuterfrau her und reite dann alleine ins Goldene Reich weiter. Du wirst dich weder in eine Kutsche noch auf ein Pferd setzen und hierbleiben, bis das Kind da ist!“
Mein Atem stockte. Aurelie? Mein Herz krampfte zusammen und meine Augen wurden groß. Das konnte er doch nicht ernst meinen? „Das kannst du nicht ernst meinen!“, brüllte ich und schälte mich eilig aus dem Bett, um ihm nach zu gehen. Doch meine Füße machten mir einen Strich durch die Rechnung, verfingen sich in den Laken und ließen mich schmerzhaft den Boden küssen.
Sofort war Cyrus bei mir und hob mich hoch. „Du darfst unter keinen Umständen dieses Kind verlieren, Nay!“ Er legte mich wieder in das Bett und küsste meine Schläfe. „Und wenn ich dich an dieses Bett binden lasse!“ Sein Gesicht war ernst und verbissen, die Lippen zu einem schmalen Strich verzogen. „Bleib liegen!“, befahl er. Im nächsten Moment war er schon zur Tür hinaus.
„Dann brauchst du auch nicht wiederzukommen!“, schrie ich ihm wütend hinterher, nur um anschließend verzweifelt schniefend zusammenzubrechen. Wenn er mich hier alleinlassen wollte, konnte er das Königreich auch alleine führen. Und ich würde mich mit meinem Kind irgendwo absetzen und ein entspanntes Leben führen. Genau. Ich schluckte hart, während eine einzelne Träne über meine Wange lief. Vielleicht war es besser so. Vielleicht waren wir beide von Anfang an einfach zum Scheitern verurteilt.
























































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