Kapitel 35 – Prinzessin
Kapitel 35 – Prinzessin
Rjna
Ruckartig öffneten sich meine Augen. Mit einem Mal sass ich senkrecht im Bett, brauchte aber einen Moment, um mich zu orientieren. Das Bild vor meinen Augen war verschwommen, dennoch meinte ich die Konturen meines Vampir…vaters zu erkennen. Ein warmes Gefühl breitete sich beim Gedanken an letzte Nacht in meinem Bauch aus. Familie. Er sah mich als Familie. Aber zugleich war da ein Sog, ein Stecken von Schuld in meiner Brust. Konnte ich einfach weitermachen? Fredi vergessen? Alles vergessen, was gewesen war und hier ein neues Leben beginnen?
„Xelus?“, krächzte ich leise und erschrak über meine Stimme. Meine Sicht klärte sich langsam. Xelus’ Augen waren verweint und geweitet. Keine Sekunde später fand ich mich fest von seinen Armen umschlossen wider und wusste nicht so recht, was ich tun sollte. Sein Weinen und Schluchzen schien gar nicht mehr aufhören zu wollen, und er drückte seinen Kopf fest in meine Halsbeuge. Dort atmete er einige Male tief ein und aus.
Ich stagnierte, zu überrascht, um seine Umarmung zu erwidern. Dann kam Bewusstsein in meinen Körper. „Xelus! Weg! Geht gefälligst weg! Raus hier!“ Ich war unbekleidet in der Götter Namen! Vollkommen kleidlos und für alle Augen sichtbar! Für ganze sechs Augen sogar! Da war zum einen Xelus, dann noch ein Rotäugiger – demnach wohl auch Vampir, denn Menschen mit dieser Augenfarbe kannte ich nicht – und dann war da auch noch ein Junge. Nein! Nicht irgendein Junge! Das war der Junge, der … der mich auf der Reise beim Banditenüberfall so unanständig angefasst hatte! Nomrin! Der sich in meine Träume geschlichen und von einer falschen Familie und einer Prophezeiung geschwafelt hatte! Was machte er hier? Wieso war er ganz verbrannt? Was machte der fremde Rotäugige hier? Wieso in der Götter Namen hatte Xelus geweint?! Von all den Fragen, die mir im Kopf herumschwirrten, war letztere die lauteste.
Eine leise Stimme in meinem Kopf meldete sich zu Wort und erinnerte mich daran – währenddessen ich mich ausgiebig der Personen in meinem Gemach besah –, dass ich noch immer keinerlei Kleidung trug. Meine Hände zuckten zu meinen intimsten Zonen, jedoch vermochten sie es weder meine Blösse zur Gänze zu verdecken noch meine Narben auch nur ansatzweise verschwinden zu lassen. Meine Bettdecke war weg. Hastig sah ich mich um. Zu meinen Füssen!
Mit ausgefahrenen Fangzähnen knurrte ich in den Raum. Die Decke hatte ich hochgezogen und mir vor meine Blösse gehalten. „Raus!“, forderte ich erneut, doch natürlich regte sich keiner. Xelus sah mich noch immer mit undefinierbarem Blick an, den ich einfach nicht zu deuten wusste, und der andere Rotäugige starrte mich mit einer Mischung aus Verwunderung, Verwirrung, Misstrauen und Freude an. So zumindest das, was ich seinem Gesicht entnehmen konnte, bevor er, wie auch Xelus so oft, eine undurchsichtige Maske über seine Züge legte, die keine Regung mehr durchsickern liess.
Des Rotäugigen Augenbrauen hoben sich kaum merklich. Sein berechnender Blick löste bei mir eine Welle des Unwohlseins aus. Mein ganzer Körper erschauderte und Stück für Stück schrumpfte ich zusammen. Jetzt wurde ich mir erst der Macht bewusst, die er ausstrahlte. Instinktiv zog ich den Kopf ein. Dahin war mein Selbstbewusstsein. Gebückt und zusammengesunken sass ich auf dem Bett. „Xelus, bring den Magier-Abschaum raus und behalte ihn im Auge.“
Mein Vampirvater wollte Protest einlegen, liess es aber schliesslich. Nachdem Xelus mit Nomrin den Raum verlassen hatte, wurde mir bewusst, was der Rotäugige eigentlich gesagt hatte. „Magier-Abschaum?“, fragte ich leise durch meine Fangzähne lispelnd, meine Hände noch immer vor mir, die Decke haltend, und die Stirn gerunzelt.
Allerdings schien meine Frage den Rotäugigen nicht zu kümmern. Wortlos schritt er langsam zu mir ans Bett. Ich bekam ein Gefühl, das sich am ehesten noch mit einer gejagten Maus in Vergleich setzen liesse. Mit jedem Schritt, den er auf mich zu machte, krabbelte ich auf dem Bett zurück, bis ich – wie sollte es auch anders sein – mit dem Rücken gegen die Wand stiess und keinen Fluchtweg mehr sah. Wieso hatte mich Xelus gleich nochmal mit diesem Verrückten allein gelassen?
Der Rotäugige hob seine Hände, doch was vermutlich als beruhigende Geste gemeint war, erinnerte mich gerade nur noch an meine Vergangenheit. Vater, Drego …
Ich zuckte zurück, zog meine Arme hoch und steckte meinen Kopf dazwischen. Mein Atem wurde immer schneller und meine Bemühungen, von ihm wegzukommen, immer gehetzter.
Als er das sah, hielt er inne und musterte mich wieder. Prüfend glitten seine Augen über meinen Körper und liessen mich furchtbar verletzlich fühlen. „Habe keine Angst. Ich bin Heiler.“ Er trat einen vorsichtigen Schritt näher. „Rjnaria, richtig?“
„Rjna“, korrigierte ich leise.
„Eine Abkürzung?“
„Nein. Mein Name ist Rjna. Keine Abkürzung“, stellte ich klar und hielt dabei den Augenkontakt aufrecht. Er mochte vielleicht das gefährlichere Monster von uns beiden sein, aber ich war keine geistlose Beute! Wenn ein Jäger dir nahekam, dann liess man ihn nicht einfach aus den Augen! Zumindest sagte mir das ein Instinkt. Wenn ich an meine Vergangenheit dachte, tendierte ich hingegen eher dafür, den Blick zu senken und mich zu verkriechen.
Leicht übersehbare Falten bildeten sich auf seiner Stirn. „Gut, Rjna. Wie bereits erwähnt, bin ich Heiler. Mein Name ist Prinz Alomis Mnir Melur, zweiter Abkömmling des alten Königs und zweitältester lebender Vampir. Ich Heiler der königlichen Familie.“ Er nickte auf meinen Körper. „Du brauchst dich nicht zu schämen deretwegen. Narben trägt man mit Stolz, Prinzessin. Auch wenn es nie so weit hätte kommen dürfen.
Eine ganze Weile später befand ich mich mit Xelus im Bluthaus, wo er seit einer guten halben Stunde versuchte, mich zu überreden, den Menschen vor mir zu beissen. Doch ich blieb standhaft. Trotz des unaufhörlichen Magenknurrens wollte ich nicht. Konnte ich nicht.
Schliesslich kam der Mensch mit einer Karaffe, gefüllt mit Blut, zurück. Er reichte sie mir, warf Xelus einen undeutbaren Blick zu und verliess das Zimmer wieder.
Xelus sass mir gegenüber auf dem Bett, den Blick von einer ungewohnten Strenge durchzogen. „Mund auf, Rjna.“
Ich schluckte schwer, schüttelte den Kopf und presste meine Lippen aufeinander. „Ich möchte nicht …“
„Du wirst.“ Er hob den Krug an, deutete mir, ihn zu nehmen.
Erneut warf ich den Kopf hin und her. „Ich will nicht!“
Xelus knurrte. Er knurrte! „Ich habe dich heute fast verloren, Rjna. Du warst fast tot! So knapp davor! Und ich konnte dich noch nicht einmal … Ich hätte nur zusehen können! Ich akzeptiere es nicht, wenn du dich selbst zu Tode richtest, nur weil du deinen Durst nicht an einem Menschen stillen willst!“ Mit diesen Worten rückte er näher an mich heran, zog mich vor sich, umarmte mich von hinten und hob den Krug vor meine Lippen. „Jetzt trink.“
Und ich trank, denn in diesem Moment machte er mir Angst. In diesem Moment wagte ich es nicht mehr, das Wort gegen ihn zu erheben. Er hatte es mir bereits gesagt. Er würde dafür sorgen, dass ich tränke und sei es mit Gewalt. Das Blut floss dickflüssig über meine Lippen, meine Zunge und schliesslich meine Kehle hinab. Laute der Gier und des Hungers entkamen mir. Und als der Krug leer war, schnellte meine Zunge hervor, an meinen Fängen vorbei, und leckte den Krug aus, bis mir die Tränen kamen. Meinen Körper verlangte es danach. Ich kämpfte einen Kampf, den ich nicht gewinnen konnte. Und dennoch flüsterte ich, kraftlos und müde und von der bereits gewohnten Trägheit befallen: „Wieso nur zwingt Ihr mich dazu …?“
Zwei Tage voller Verzweiflung und Eigenbrötelei später sass ich auf dem Sofa im Studierzimmer von Xelus’ Haus, während er selbst am Schreibtisch sass und arbeitete. Mittlerweile war ich sogar in den Genuss einer kleinen Hausführung gekommen. Im oberen Stockwerk befanden sich die Schlafzimmer mit angrenzenden Badezimmern. Doch das eigentlich Interessante war das Erdgeschoss. Darin fanden sich nicht nur Küche und Badezimmer, sondern auch das Wohnzimmer, ein Salon für den Gästeempfang, ein Musikzimmer und Xelus’ hauseigenes Arbeits- und Studierzimmer. Zwar hätte mein Vampirvater auch in der Kaserne sein Arbeitszimmer, allerdings bestand er darauf, vorerst noch von hier aus seiner Arbeit nachzugehen.
Momentan sass ich auf dem Sofa und tat so, als würde ich konzentriert lesen und mir wichtiges Adelswissen durch das Anstarren dieser kryptischen Symbole aneignen. Mein Vampirvater hatte sich am Schreibtisch niedergelassen und ging seiner Arbeit als Offizier der Königsstadt nach.
Plötzlich klopfte es. Auf Xelus’ Aufforderung trat ein Soldat ein. „Ein Brief von Hauptmann Tadurial, Offizier Xelus!“
Mit einem, für Leute, die ihn nicht kannten, undefinierbaren Gesichtsausdruck, nahm mein Vampirvater das Pergament entgegen und bedeutete dem Soldaten, zu gehen.
Xelus’ Gesichtsausdruck war eine Maske. Und auch wenn ich es nicht beherrschte, Bücher zu lesen, waren Masken für mich doch wie ein offenes Buch. Sowohl Menschen als auch Vampire bedienten sich gleichermassen ihrer Vorteile und litten gleichermassen unter ihren Nachteilen.
Masken vermochten uns zu schützen. Verbargen unser Innerstes und beschützten es vor Einflüssen, welche uns zu verletzen drohten. Welche drohten, uns Schmerz zuzufügen. Und wenn sie auch nicht den Körper zu schützen vermochten, so bildeten sie doch immerhin um unseren Geist eine Mauer, deren Stärke allein von der Willensstärke des Individuums abhing. Aber Masken stärkten nicht nur. Sie brachten nicht nur Vorteile mit sich. Wie so oft bei guten Dingen hatten auch sie ihre Nachteile. Ein Fakt, über den keiner sprach, oder auch nur einen Gedanken daran verschwenden wollte.
Wollte man sich mit den Folgen auseinandersetzen, die das stetige Tragen einer solchen Maske mit sich brachten? Nein. Denn mit dem Verbergen seiner Gefühle verweigerte man anderen in seiner Umgebung den Eintritt in seine eigene Welt. In seine Gedanken und Gefühle, in sein Verständnis, wie die Welt sich drehte und in seine Meinung, wie der Hase zu laufen hatte. Man wurde einsam.
Nicht, dass ich besser wäre, dachte ich, mit einem Hauch von Selbstironie. Denn auch ich trug nach wie vor meine Maske, meinen Schutz. Nur, dass die meine nach innen gerichtet war. Sie schirmte mich ab vor meiner Vergangenheit, den Dingen, die ich erlebt, gesehen und erfahren hatte und den Dingen, die ich niemals hatte wissen wollen.
In Xelus’ Augen sah ich Sorge und Traurigkeit, welche er meisterlich unter seinen strengen Gesichtszügen verbarg, ohne ihnen die Chance zu geben, herauszubrechen. Der Inhalt des Briefes, den er eben erhalten hatte, schien seine Laune nicht zu verbessern und sorgte für tiefe Sorgenfalten auf seiner Stirn. Als er meinen Blick bemerkte, sah er fragend zu mir auf.
Schnell blickte ich wieder auf das Buch in meinem Schoss herunter. Ich konnte nicht lesen, woher denn auch? Aber es ihm zu sagen, traute ich mich nicht. Einzig ein paar Buchstaben hatte ich mir beigebracht. In dieser Nacht hatte ich mich in Xelus’ Arbeitszimmer geschlichen und seine Briefpost durchsucht. Denn in den Briefen, die er erhielt, musste schliesslich auch sein Name stehen. Und so hatte ich herausgefunden, dass man das Iks X schrieb, und der zweite Buchstabe ein e sein musste. Das Iks hatte ich in dem Buch auf meinem Schoss noch kein einziges mal entdeckt. Das e hingegen kam so oft vor, dass mir schon beinahe schwindelig davon geworden war. Mit dem Ell ging es weiter und so fuhr ich fort.
Mein Plan, um unbemerkt Lesen zu lernen, war eigentlich ziemlich simpel gewesen. Doch dann hatte Xelus mich des Nachts erwischt, wie ich seine Briefe durchforstet hatte. Die Enttäuschung in seinem Blick, als er dachte, ich würde mich an seiner persönlichen Post vergreifen, hatte mich tief getroffen.
Im Buch, welches geduldig und unnütz auf meinem Schoss lag und dort, scheinbar gelesen, vor sich hingammelte, hatte ich zu Beginn noch nach den einzelnen Buchstaben gesucht, welche ich mittlerweile kannte, jedoch liessen sich damit nicht sehr viele Wörter formen. Lex, Lxe, Elx, Exl, Xel, Xle. Die Auswahl war nicht besonders gross und zu aller Schande auch noch äusserst unbrauchbar.
Ich biss mir auf die Lippe. Was stand in diesem Brief? „Worüber … macht Ihr Euch Sorgen?“, fragte ich schliesslich leise und blickte vorsichtig auf.
Meine Frage aber quittierte er nur mit einem leichten Kopfschütteln und den Worten: „Darüber brauchst du dich nicht zu sorgen.“ Mit einem Seufzen legte er die Papiere, an denen er gerade noch gearbeitet hatte, beiseite und erhob sich. Seinem Deuten, es ihm gleichzutun, kam ich ohne zu zögern nach. „Na also. Dann wollen wir mal sehen, was von der Lektüre hängen geblieben ist“, meine er gespielt freudig und klatschte dabei in die Hände.
Da ich aber absolut keinen Schimmer davon hatte, was da eigentlich in diesem Buch geschrieben stand, geschweige denn, welches Thema es überhaupt behandelte, stand ich lediglich falsch lächelnd da und hoffte, meine Unwissenheit irgendwie noch überspielen zu können. Doch das Gefühl des Versagens war zum Greifen nah. Es drückte, es stach und es löste eine innere Unruhe in mir aus. Er würde wissen, dass ich es nicht gelesen hatte. Würde erfahren, dass ich es nicht konnte! Lediglich ein dummes, ungebildetes Bauernkind war ich! Aus der Unterschicht, ohne Bildung, ohne Kenntnis der gehobenen Welt!
„Gut. Also erst einmal zu deiner Körperhaltung …“, murmelte er in Gedanken versunken vor sich hin und musterte meine Haltung dabei aufs Genaueste. „Deinen Kopf trägst du stets oben, ausser du befindest dich in der Anwesenheit eines Höhergestellten. Da du aber selbst“, er stockte, fuhr dann aber fort: „Darauf kommen wir später noch zurück. Jedenfalls musst du deinen Kopf höher halten, ja genau, nein, nicht so hoch, einfach so, dass man dir deinen Stand ansieht, ja genau.“
Es war ein ungewohntes und gleichermassen unbehagliches Gefühl, meinen Kopf derart erhoben zu halten. Es fühlte sich falsch an und am liebsten hätte ich mich, wie eine ängstliche Maus, in ein Loch zurückgezogen und für den restlichen Tag versteckt.
„Schultern nach hinten und – Rjna, Kopf hoch habe ich gesagt!“
Zum unzähligsten Mal schon, ja, brummte es in meinen Gedanken. Wie oft noch? Wie lange sollte diese Tortur noch anhalten? Erneut richtete ich meinen Kopf in die richtige Position aus und klemmte meine Schulterblätter hinten am Rücken zusammen. Das fühlte sich nicht nur enorm falsch an, sondern war auch ätzend unbequem! Als ob die Menschen – oder Vampire – hier täglich so rumliefen?!
„Nein, du sollst deine Schultern nicht so weit nach hinten ziehen wie nur möglich, sondern lediglich so, dass dein Rücken gerade ist!“, korrigierte mich Xelus wieder.
Ein sowohl erleichtertes als auch entnervtes Seufzen entrang sich meiner Kehle. Als Xelus zufrieden mit dem Kopf nickte, und ich mich wie eine Puppe an Fäden aufgehängt fühlte, gestand ich schliesslich, was mir so brennend auf der Zunge lag. „Xelus, ich – diese Position – das ist unfassbar unangenehm. Und ich fühle mich so … nun ja, arrogant damit. Das … mag ich nicht.“
Mein Vampirvater lächelte verständnisvoll. „Du wirst es lernen.“ So viel, zum Verständnis, dachte ich zähneknirschend. „Kommen wir zum Knicksen“, fuhr er fort und endlich hatte ich einmal das Gefühl, etwas zu können. Denn Mutter hatte mir beigebracht, wie man sich von den Dorfältesten und dem Dorfvorsteher verhielt, und dazu gehörte nun einmal auch das Knicksen. Also führte ich es stolz so vor, wie Mutter es mich gelehrt hatte. Allerdings schüttelte Xelus nur den Kopf und begann mit weiteren Ausführungen. Ich … konnte also nicht einmal standesgemäss knicksen. Wie demütigend.
„Tiefer, tiefer, Beine nicht so verkrampft! Nein, nicht …!“ Mit Vampirgeschwindigkeit fing er mich gerade noch auf, bevor mein Gesicht den Boden geküsst hätte. Denn bei dieser Art von Knicks, wie er ihn sehen wollte, und wie es sich hier offenbar gehörte, verweigerten mir meine Muskeln strikt den Dienst. Gerade eben hatte ich das Gleichgewicht wegen dieser komischen Beinhaltung schon wieder verloren und war mit rudernden Armen zu Boden gegangen. Oder eben nicht, denn Xelus’ Arme umfingen mich erneut und stellten mich wieder auf meine eigenen Beine. Als er mir dann erzählte, dass dies nur der Knicks für mir Gleichgestellte war, und ich den Knicks vor dem König noch deutlich tiefer vollführen und auch noch viel länger halten können müsste, gesellte sich meine restliche Geduld zu meinen Muskeln in die Erschöpfung, und ich liess mich frustriert zurück in die weichen Sofakissen sinken.
Stur weigerte ich mich, Xelus in die Augen zu blicken, denn die Enttäuschung, die ich dort sicherlich vorfände, könnte ich jetzt nicht ertragen. Allein beim Gedanken, nicht einmal knicksen zu können, drohten meine Augen zu tränen, was ich aber sogleich zu unterbinden wusste. Nur, wie sollte ich in diesem Leben jemals bestehen? Es war alles so viel! So gross, so schön, so prächtig und so viel erhabener, als ich es gewohnt war! Ich hatte es weder verdient noch eignete ich mich dafür, ein solches Leben zu führen!
Xelus wollte mich dazu bringen, das Üben wieder aufzunehmen, musste sich aber irgendwann selbst eingestehen, dass ich nicht mehr konnte. Also gesellte er sich zu mir auf das Sofa des kleinen, aber gemütlich eingerichteten Studierzimmers und fing an, mich in den Theoriethemen abzufragen, welche ich ja theoretisch die letzten beiden Tage, während meiner vorgeschriebenen Bettruhe durch Prinz Alomis, tunlichst in mich aufgenommen hatte. „Nun gut. Wie begrüsst du den König?“
Ja, also, was sollte ich da sagen … Probieren ging über Studieren? „Guten Tag, Majestät, sehr erfreut, Euch kennenzulernen!“
Dem skeptischen Blick meines Vampirvaters nach … war das falsch. „Zeig mir die Stelle“, verlangte er und deutete mit dem Kopf auf das nutzlos aufgeschlagene Buch. Jetzt wurde es unangenehm. Und irgendwie wurde ich an die Situation im Wald erinnert, in der ich ebenso gelogen und vorgegeben hatte, den Geruch eines Tieres gewittert zu haben. Wie das geendet hatte, spürte ich noch immer in meinen müden Füssen, auch wenn das mittlerweile wohl nur noch Einbildung war. Sollte ich es dennoch wagen …? Nein. Die Chance, dass ich das Buch genau auf der richtigen Seite aufschlagen würde, lag bei eins zu fünfhundertachtundsiebzig. So viele Seiten hatte dieser Wälzer nämlich. Und da die Bilanz nun mal so war, wie sie war, entschied ich mich dieses Mal für die Wahrheit. Oder einen Teil davon.
„Ich weiss nicht mehr, wo ich es gelesen habe. Es waren so viele Seiten die letzten beiden Tage, ich kann mich nicht mehr an alles erinnern, fürchte ich.“
„Aha.“
Ich schluckte schwer. In seinem Gesicht war keine Emotion zu erkennen. Es zeigte bloss Strenge und Härte. So mochte ich meinen Vampirvater nicht. Ganz und gar nicht. So erinnerte er mich stets an Vater und das ertrug ich nicht! „Entschuldigt mich“, sagte ich schnell und wollte aufstehen und mich in mein Gemach zurückziehen. Mit diesem Gesichtsausdruck in seinem Gesicht kam ich einfach nicht klar. Und jedes Mal, wenn ich das zu Gesicht bekam, umfasste eine Hand mein Herz und drückte zu. Mein Magen fing an zu rebellieren, und mein unterwürfiges Ich drang an die Oberfläche. Das geschah oft. Gerade, wenn mir ein anderer Mann als Xelus begegnete. Mit ihm konnte ich mich unbeschwert unterhalten. Aber die anderen kannte ich doch gar nicht!
„Nein“ Entschieden packte Xelus mich am Arm und hielt mich fest. Es schmerzte nicht, aber das Gefühl war eins, das mir doch allzu bekannt war. Also wollte ich ihm meinen Arm entreissen, scheiterte dabei aber kläglich. „Lasst mich los“, verlangte ich mit rauer Stimme.
Aufs Wort gehorchte er. Sein Blick wurde weicher, behielt aber seine Strenge. „Lies mir die Seite aus dem Buch vor“, verlangte Xelus sanft und doch erschreckend bestimmt, und nickte mit dem Kopf auf das noch immer aufgeschlagene Buch. Es führte kein Weg drumherum. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass er es schon wusste. Oder zumindest stark vermutete.
Zögerlich glitt mein Blick, fast schon angsterfüllt, zu dem Buch. Tränen bildeten sich in meinen Augen, und dieses Mal schaffte ich sie nicht wegzublinzeln. Mein Blick glitt wieder zurück, fanden die tiefroten Augen meines Vampirvaters, doch ich hielt seinem Blick nicht stand. Schnell senkten sich meine Lieder, mein Blick glitt zu Boden, nur um kurz darauf seine Hand unter meinem Kinn zu spüren, welche meinen Kopf hochhob und mich zwang, ihn anzusehen.
„Behalte deinen Kopf immer oben, Rjna“, sprach er mit sanfter Stimme und sah mir tief in die Augen. „Und jetzt sag es.“
Und so sagte ich ihm die Wahrheit. Auch wenn ich mich davor fürchtete. Mich davor fürchtete, was für Konsequenzen sie für mich hätte. Doch Xelus fragte nicht, wieso ich es ihm nicht schon früher gesagt hatte. Er fragte nicht nach, wieso ich es nicht einfach gestanden und gefragt hatte, wie es denn ging. Aber er fragte: „Warst du deswegen gestern an meiner Post?“
Seine Frage veranlasste mich zu einem kurzen, verheulten Auflachen, welches aber genauso gut ein Schluchzen hätte sein können, doch den Kopf behielt ich schön weiter gegen seine Brust gedrückt. Das heimelige Gefühl, welches sein Geruch in mir auslöste, war reinigend, beruhigend und … heimisch. Besser vermochte ich es nicht zu beschreiben. „Ja“, gestand ich schliesslich. „Ich kann jetzt Iks, E und Ell lesen. Aber Euer Anfangsbuchstabe ist das Unnützeste, was ich jemals gesehen habe. Der kommt nur in Eurem Namen vor und sonst nirgends. Der ist blöd“, nuschelte ich und spürte nach meinem zweiten Satz ein heftiges Beben an seiner Brust, was mich selbst auch zu einem verheulten Grinsen veranlasste. Sein Lachen drang durch das ganze Haus und es war ehrlich und rein. Ich schniefte und murmelte schliesslich leise: „Ich hab Euch lieb.“
