Kapitel 36 – Geheimer Ausflug

Kapitel 36 – Geheimer Ausflug

 

Rjna

„Ich hab Euch lieb“, nuschelte ich leise, ohne Bedenken, ohne Angst. Erstmals in meinem Leben gestand ich Gefühle ein. Erstmals hatte ich das Gefühl, jemandem wirklich vertrauen zu können …

Xelus drückte mich fest an sich. „Ich dich auch, Rjna. Meine Tochter.“ Seine Lippen landeten sanft auf meinem Scheitel und hinterliessen einen Kuss. So verweilten wir eine ganze Weile. In inniger Umarmung, Vater und Tochter.

Doch irgendwann musste jeder Moment zu Ende gehen, und so auch dieser. „Du erinnerst dich noch an die Nachricht, die die Wache vorbeibrachte?“ Ich nickte sacht. „Der König möchte dich kennenlernen. Morgen soll das Kennenlerntreffen stattfinden, in dem er mir auch die Erlaubnis geben wird, dich offiziell zu meiner Vampirtochter erklären zu dürfen. Deshalb … werden wir heute noch ein wenig das Knicksen üben müssen“, fuhr er zögerlich fort, in der Hoffnung, meine Frustration nicht gleich wieder zu wecken. Doch seine Sorge war unberechtigt. Ich war viel zu verblüfft und gleichermassen geschockt, dass ich wirklich einem König gegenüberstehen würde! „An deinen Umgangsformen arbeiten wir heute ebenfalls noch weiter und heute Abend werde ich einen Teil der massgeschneiderten Kleider von der Schneiderin für dich abholen.“

Ich konnte nur nicken. Ich war dermassen bestürzt und zugleich doch auch aufgeregt, dass ich zu mehr nicht mehr imstande war. Ich würde einen König treffen. Ich würde meinen waschechten König treffen! Aber … „Wieso will der König mich kennenlernen?“ Der König der Vampirlande konnte doch nicht die Zeit dazu haben, jedes Kind im ganzen Land, das adoptiert werden sollte, erst einmal persönlich kennenzulernen!

Unbehagen breitete sich auf dem Gesicht meines Vampirvaters aus und sein Blick wich dem meinen aus. So hatte er sich noch nie verhalten … und das verursachte ein unangenehmes, bedrückendes Gefühl in meiner Magengrube. Irgendetwas hatte er mir verschwiegen und wollte es auch jetzt noch nicht sagen.

Hatte er mich etwa doch verraten? Was wussten die anderen? Der König? Hatte er etwas über meine Vergangenheit erfahren? Hatte Xelus vielleicht Hauptmann Tadurial über unsere erste Begegnung in Kenntnis gesetzt? Dass ich nicht Xelus’ Sprössling war, wusste der wiedereingesetzte Hauptmann bereits. Und da waren auch noch meine Narben, wobei ich nicht damit gerechnet hätte, dass Xelus jemandem etwas von ihnen erzählte. Aber Tadurial …

„Also … es ist so …“, fing er zögerlich an und verlagerte sein Gewicht während des Sprechens unruhig vom einen auf den anderen Fuss. „Ich trage den Familiennamen Melur.“ Das sagte er, als ob damit alles erklärt wäre, doch da musste ich ihn enttäuschen. Auf meine erhobene Augenbraue hin fuhr er seufzend fort: „Melur ist der Familienname der königlichen Familie.“ Oh. Langsam beschlich mich eine böse Vorahnung, wo dieses Gespräch hinführen würde. Xelus seufzte schwer und brachte etwas Abstand zwischen uns, sodass er mir gut in die Augen blicken konnte. „Ich bin Prinz. Einer von vielen in diesem Reich. Und das macht dich zur…“

Ich hörte gar nicht mehr zu. Prinzessin, das wollte er sagen. Oder hatte er es gesagt? Bei den Göttern! Ich sollte königlich werden? Den Familiennamen der Königsfamilie tragen? Prinz Alomis! Er wusste es! Er hatte mich Prinzessin genannt, aber das hatte ich als schlechten Scherz abgetan! Ich hatte mir nichts weiter dabei gedacht! Prinzessin Rjna … Melur.

 

Ich lag mit hochgelegten Beinen und geschlossenen Augen auf dem Sofa im Wohnraum. Meinen Kopf hatte ich auf die Seitenlehne gelegt und so erholte sich mein Geist langsam von den Strapazen des Tages.

„Ich mache mich jetzt auf den Weg zur Schneiderin!“, rief mein Vampirvater. Und da war es auch schon: Mein Zeichen. Denn ich hatte beschlossen, nicht länger untätig sein zu wollen. Zwar waren erst wenige Tage vergangen, doch es waren Tage zu viel gewesen, in denen Fredis Tod ungesühnt blieb. Ich lebte hier ein Leben in Saus und Braus. Jetzt wurde ich sogar noch zur Prinzessin. Ich hatte versucht, mich dagegen zu wehren, doch einen Weg darum herum schien nicht existent. Und doch – ungeachtet dessen, dass mein Leben mittlerweile von allerlei Bequemlichkeiten versüsst wurde – weigerte ich mich, meine Wurzeln zu vergessen. Meinen Schwur zu vergessen. Ich würde kämpfen lernen. Ich würde diese Schweine allesamt töten! Doch wie begann man damit? Wie funktionierte das? Mir fiel nur eine Möglichkeit ein, und so fand ich mich eine ganze Weile später vor diesem grossen Gebäude, das ich bei unserem ersten Stadtbesuch entdeckt hatte. Die Kampfhalle.

Ein grosses, überdachtes Gebäude, mit einem weitläufigen, gepflasterten Platz davor, der mit einer Statue zweier Männer geschmückt war. Alle beide hatten sie das Schwert erhoben und zielten damit auf ihren Kontrahenten. Der Linke stand mit dem Schwert in der rechten Hand da und hatte das Schwert so positioniert, dass es dem anderen wohl in nächster Sekunde in die Rippen stäche. Der andere führte ein grösseres Schwert. Das Schwert des linken Kämpfers war eher dünn und sah handlich aus, während das Schwert des Rechten, gross und schwer wirkte. Der Rechte hielt sein schweres Schwert mit beiden Händen, statt nur mit einer, und hatte beide Arme über dem Kopf ausgestreckt, sodass seine Klinge auf seinen Gegner nieder preschen würde. Wie wahrhaftig das wirkte … Fast so, als hätte man zwei Schwertkämpfer mitten im Kampf zum Erstarren gebracht.

Meine Hände ballten sich zu Fäusten. Das wollte ich auch können! Und das würde ich! Doch dafür musste ich üben, zweifellos. Was würden die anderen Vampire zu einer Frau in der Kampfhalle sagen? Würde sie es akzeptieren? Wohl kaum … Aber vielleicht als Zuschauer? Vorerst.

Mutig schritt ich auf den Eingang der Kampfhalle zu, als mich plötzlich ein quietschendes Geräusch erschreckte und mich schnell in den Schatten der Kämpferfiguren springen liess. Jetzt hurte ich direkt unter der Figur, die gerade das schwere Schwert über dem Kopf erhoben hatte und seinen Gegner damit niederstrecken wollte. Als ich aufblickte, schlug ich mir schnell die Hand vor die Augen. Entsetzen machte sich in mir breit. Wieso hatte der Bildhauer das denn so detailliert darstellen müssen? Die beiden Kämpferstatuen waren lediglich mit einem Lendenschurz bekleidet und von meiner Position aus …

Als es erneut quietschte, fand mein Blick den Ursprung dessen. Da war eine Tür! Eine unscheinbare, viel kleinere Tür, als es der Haupteingang war! Und wenn ich mich nicht irrte, war das vermutlich der Bediensteteneingang. Ein Grinsen schlich sich auf meine Lippen und ein Gefühl der Leichte machte sich in mir breit. Ich würde einfach den Bediensteteneingang nehmen. Wieso hatte ich mir Sorgen gemacht? Was sollte schon passieren? Man würde davon ausgehen, dass ich eine gewöhnliche Bedienstete war und mich nicht weiter beachten. Das war genial!

Unauffällig liess ich meine Deckung hinter der Statue fallen und machte mich vorsichtigen Schrittes auf zur Tür. Der Bedienstete, der sie zuvor geöffnet hatte, war wieder in dem Gebäude verschwunden, also dürfte niemand mehr draussen sein, der mich sehen oder verdächtigen könnte. Vorsichtig zog ich die Tür auf. Und auch dieses Mal quietschte sie unangenehm in meinen Ohren. Ich liess mich davon nicht beirren und betrat den schmalen, nur sehr spärlich beleuchteten Flur dahinter. Ein trostloser Gang, ohne jegliche Verzierungen oder gar Annehmlichkeiten. Es war ja schliesslich auch nur der Bedienstetengang. Da ging ja kein königliches Volk ein und aus.

Einige Schritte weiter befand sich eine Tür, genauso unscheinbar wie schon die, durch die ich diesen Gang überhaupt erst betreten hatte. Aus schlichtem, hellem Holz gefertigt – vermutlich Tanne. Der Gang vor mir führte noch weiter, vorerst beschloss ich aber, die Tür zu meiner Rechten zu öffnen. Das Blut rauschte in meinen Ohren; den Atem hielt ich an. Wenn jemand in dem Raum wäre, bekäme ich Probleme. Nur einen Spalt breit, sodass ich gerade den Kopf hindurch strecken konnte, öffnete ich die Tür. Als ich niemanden erspähen konnte, beruhigte ich mich wieder ein wenig.

Vor mir eröffnete sich ein mittelgrosser Raum. Gegenüber der Tür, durch die ich jetzt vorsichtig hindurchtrat, war noch eine weitere Tür. Vermutlich führte diese dahin, wo auch wirklich gekämpft wurde. Staunend sah ich mich um. An den Wänden hingen überall Waffen. Schwerter, Äxte, Dolche und noch ganz viel Weiteres, dem ich keinen Namen zuordnen konnte. Von jeder Waffe gab es scharfe Versionen, die aus kaltem Metall gefertigt worden waren und selbst ohne grossen Lichteinfall todbringend glänzten. Und dann gab es noch die Versionen aus Holz, die vermutlich für Übungskämpfe hier aufbewahrt wurden.

Sollte ich …? Nein, vermutlich sollte ich nicht. Und doch stand ich vor diesen Waffen, mein Blick gebannt, meine Aufmerksamkeit gefangen, streckte die Hand aus und wollte sie berühren. Die scharfen Klingen, das glänzende Metall. Mit einer fast schon absurden Faszination zog mich das kalte Eisen an. Ich gierte geradezu danach, es in die Hände zu nehmen, es zu schwingen und Gliedmassen damit von den Körpern meiner Feinde zu … Was?!

Erschrocken taumelte ich rückwärts und stiess dabei voller Wucht gegen einen Tisch hinter mir. Lautes Scheppern zeugte von mehreren Waffen, die vorher auf dem Tisch gelegen hatten und sich nun am Boden wiederfanden. Erschrocken drehte ich mich um; mein Blick glitt zu den hinuntergefallenen Waffen. Ich bückte mich, griff nach einer der Waffen und hob sie hoch, mit der Absicht, sie wieder auf dem Tisch abzulegen. Aber so weit sollte es nicht kommen.

Das Schwert fühlte sich gut in meiner Hand an, wenn auch deutlich zu schwer. In einer unkontrollierten Bewegung schwang ich es einmal durch die Luft, sodass diese leise sirrte. Zu bekannt war mir dieses Geräusch. Ich zuckte zusammen, doch nichts geschah. Kein Hieb traf meinen Rücken und kein Schmerz loderte auf. Vorsichtig – als würde ich darauf warten, dass der Hieb doch noch käme, und mich für mein schändliches Verhalten strafte – schwang ich das Schwert ein zweites Mal, keuchend, denn das Gewicht lag schwer in meiner Hand.

Dann stieg mir ein Geruch in die Nase. Blumig, vollmundig und rein. Suchend glitten meine Augen durch den Raum, bis sie schliesslich wieder an der Waffe in meinen Händen hängen blieben. Eine dünne Blutspur hatte sich darauf verteilt. Doch ich hatte mich nicht verletzt. Es musste bereits zuvor da gewesen sein! Meine Nasenflügel zuckten begeistert und meine Fänge drückten sich bettelnd heraus. Fasziniert und bestürzt zugleich, starrte ich auf die dunkelrote Flüssigkeit an der Waffe. Nicht mehr als ein Tropfen. Meine Hand, in der die Waffe lag, zitterte. Schweiss rann mir den Nacken hinab. Es würde doch keiner merken, wenn ich …? Immerhin waren sie schon gebraucht und mussten erst noch gereinigt werden. Es … es würde also niemand … solange man mich nicht hier drinnen erwischte …

Mein Finger glitt über die Blutspur, noch ehe ich den Gedanken zu Ende gedacht hatte. Erneut zuckten meine Nasenflügel. Meine Stirn runzelte sich leicht. Es roch anders. Es roch … besser als Menschenblut. Ungeduldig leckte ich mir über die Lippen. Probieren. Ich wollte nur ein klein wenig …

„Sicher, dass Ihr etwas gehört habt? Es ist sonst niemand mehr hier, Eure Maj…“

„Denkst du, wenn ich mir nicht sicher wäre, ginge ich nachsehen? Vielleicht ein Dieb. Ein sehr dummer Dieb, aber möglich ist alles.“

Mein Blick huschte gehetzt von der Waffe in meiner Hand zu meinem blutbeschmierten Finger und wieder zurück zur Waffe. Dann zur Tür, hinter der ich den Kampfraum vermutete. Schritte näherten sich. Schweiss rann mir den Körper hinab. Mein Atem ging schnell.

„Wir werden ja gleich sehen“, sprach die erste Stimme, nun genau von vor der Tür.

Oh nein! Wenn hier jetzt jemand reinstürmte … Was machte ich hier? Wieso um der Götter Willen wartete ich denn? Kaum hatte dieser Gedanke meinen Verstand passiert, löste ich mich aus meiner Starre und kam wieder zu Sinnen. Weg hier! Das Schwert, welches ich eben noch voller Bewunderung in der Hand gehalten hatte, liess ich achtlos zu Boden fallen, was ein lautes, schepperndes Geräusch verursachte. „Verflucht!“, zischte ich, ignorierte es aber und rannte zur Tür. Kaum war ich hindurch, hörte ich, wie die Tür zur Waffenkammer von der anderen Seite aufgestossen wurde. Doch ich blickte nicht zurück. Meine Beine trugen mich so schnell sie konnten durch den nur kläglich beleuchteten Flur hindurch und zum Bediensteteneingang hin.

Den ganzen Weg nach Hause blickte ich immer wieder verstohlen über meine Schulter, drehte mich und suchte nach Verfolgern, doch trotz der aufgestellten Nackenhärchen war da niemand. Unbehelligt erreichte ich das Haus meines Vampirvaters und atmete erleichtert auf. Als ich das Haus jedoch betrat, war meine Erleichterung wie von Winde verweht.

„… sie ist nicht hier“, hallte eine Stimme, die mir nur vage vertraut vorkam, zu mir hin.

„Wie meinst du das? Sie muss hier sein. Ich war nur kurz weg!“

„Ich korrigiere“, brummte die Stimme, „da hat sich gerade jemand ins Haus geschlichen.“ Ein Windhauch erreichte mich von hinten. „Nicht wahr, Prinzessin?“

Ich zuckte zusammen. Tadurial … Hauptmann Tadurial … „Was … macht Ihr hier?“ Er, vor mir auf einem Knie. Ich riss ihm das Hemd vom Körper. Schnell hob ich meine Hände und rieb mir die Augen. Was waren das für Bilder?

Plötzlich räusperte sich jemand hinter mir. Langsam drehte ich mich um und blickte nur unwillig zu Xelus auf. Eigentlich hatte ich längst wieder da sein wollen, wenn er zurück nach Hause kam. „Du haust ab?“ In seinen Augen blitzte die Enttäuschung. Von mir selbst enttäuscht, weil ich ihn enttäuscht hatte – wieder einmal – senkte sich mein Blick. „Wo warst du?“

Ich zuckte zusammen. Er blieb ruhig, schrie mich nicht an und schlug mich nicht. Doch irgendeine Art der Bestrafung würde mich erwarten und das Warten darauf raubte mir jeglichen Nerv.

Mit grossen Schritten kam er näher, bis er genau vor mir stand, und mein Blick auf seine Stiefel fiel. Etwas fester als sonst umfasste er meine beiden Schultern und schüttelte. Mein Blick blieb schuldbewusst auf den Boden gerichtet, dem seinen ausweichend. „Rjna, wo warst du?“, fragte er nochmals eindringlicher, doch dann hörte das Schütteln abrupt auf und er zog erschrocken die Luft ein. Zielsicher griff er nach meiner Hand und hob sie hoch. Daran klebte noch immer das Blut der Waffe. „Sag mir nicht, dass du das schon wieder versucht hast!“, rief er aufgebracht, seine Besonnenheit und Ruhe weggeblasen wie die Blätter im Herbst. Angst spiegelte sich anstelle der vorherigen Ruhe in seinen roten Augen, sodass ich schon glaubte, würde ich nur das Falsche sagen, sperrte er mich zu meiner eigenen Sicherheit für den Rest meines Lebens in meinem Gemach ein. Oder er würde mich einfach los, die Lösung seiner Probleme …

„Ich …“, fing ich an, wusste aber keine Worte. Was sollte ich sagen? Nein? Aber das wäre gelogen. Ich wusste zwar nicht, was für Blut das war, aber es roch köstlich. Viel besser noch als Menschenblut! „Was ist denn damit das Problem?“, murmelte ich kleinlaut.

Ungläubig starrte er mich an. Seine Hände ballten sich zu Fäusten, die Knöchel weiss. Die Hand, mit der er noch immer mein Handgelenk festhielt, drückte zu. „Du wärst das letzte Mal, als du eine solche Dummheit begangen hast, beinahe gestorben, Rjna! Gestorben! Tod! Ich kann dich nicht davor schützen, wenn du selbst so aktiv deinen eigenen Tod herbeiführen willst!“ Seine Stimme war mittlerweile alles andere als ruhig, besonnen oder leise. Angst brannte in seinem Herzen und ich konnte sehen, wie sie sich in seinen Augen spiegelte.

Ich spürte, wie eine Träne über meine Wange rann und wandte schnell den Kopf ab. Eine zweite folgte.

„Nein! Sieh mich an! Hör auf, dich abzuwenden, Rjna!“, verlangte mein Vampirvater und umfasste mein nun feuchtes Gesicht mit beiden Händen.

„Nein!“, brachte ich hervor, die Stimme gebrochen. „Nein, lasst mich los, Xelus! Lasst mich!“ Ich schrie und wand mich in seinem Griff, nicht mehr darüber nachdenkend, was für Konsequenzen dieses ungestüme Verhalten mit sich bringen könnte. Doch er liess mein Gesicht nicht los und sah, wie die Tränen sich ihren Weg über mein Gesicht bahnten. Eine nach der anderen. Immer mehr. Aber das durfte er nicht! Das durfte keiner! Nie! Das war schwach. Ich durfte nicht schwach sein! Wer schwach war, starb! Wann hatte ich so sehr die Kontrolle über meinen Körper verloren, dass ich nicht einmal mehr etwas so Banales wie Tränen zurückhalten konnte?

Ich wehrte mich, als hinge mein Leben davon ab. Meine Fäuste, mittlerweile beide in Xelus’ Griff, versuchten wild auf ihn einzuschlagen und gleichzeitig sich aus seinem straffen Griff zu befreien. Mein Kopf riss hin und her, wobei Schluchzer und laute Schreie abwechslungsweise den Raum erfüllten.

Plötzlich verfiel ich in eine Art Trance. Immer wieder wiederholte ich Vaters Worte. Sie waren mir eingebläut worden, bis ich grün und blau geschlagen gewesen war. Wie hatte ich sie vergessen können? Wie hatte ich mir erlauben können, schwach zu werden? Ich nahm meine eigene Stimme nur bedingt wahr. Sie erschien mir viel zu weit entfernt, wie das Zirpen der Grillen in einer dunklen Nacht oder das Zwitschern der Vögel, wenn man sie vom Dorf aus im Wald singen hörte.

„Nicht schreien, nicht weinen, nicht wimmern. Zeige keine Schwäche. Lasse keinen Ton deine Lippen passieren. Ertrage deine Strafe, ohne zusammenzubrechen. Ohne Zittern, ohne Flehen. Ungehorsam wird bestraft. Ertrage deine Strafe, wie ein Weib sie zu tragen hat.“

Ich war ruhig geworden. Mein Körper wehrte sich nicht mehr gegen den Griff, meine Augen hatten aufgehört zu tränen und meine Wangen waren getrocknet. Das Einzige, was aus meinem Mund kam, waren die Regeln. Nur die Lehren Vaters ratterte ich in einer Leier runter, bemerkte es aber kaum.

Schliesslich wurde ich erlöst. Auf einmal waren Xelus’ Hände weg; der Widerstand, gegen den ich vorhin noch angekämpft hatte, einfach so verschwunden. Zeitgleich stoppten meine Worte.

„Jetzt beruhigen wir uns alle erstmal“, befahl eine strenge, befehlende Stimme. Als ich aufsah, sah ich Hauptman Tadurial neben, oder viel mehr zwischen uns stehen. War er etwa schon die ganze Zeit über hier im Raum gewesen? Wie hatte ich das vergessen können? Als er zu mir sah, wandte ich den Blick schnell zu Boden. Mein Gesicht, vermutlich gerötet vom Weinen und die Augen geschwollen, liess mich nur noch schwächer wirken. Ich wollte etwas sagen, doch ich wusste beim besten Willen nicht, was. Schliesslich entschied ich mich dazu, mich schlafen zu legen. Ich war müde und abgekämpft. Ich wollte nur noch, dass dieser Tag endete.

Xelus versuchte wieder zu mir zu gelangen, doch der Hauptmann hielt ihn eisern fest. Gepolter drang die Treppe hinunter. Kurz darauf erschien Sillia im Wohnbereich, sichtlich geschockt von der Szene, die sich ihr bot. Einige Male hatte ich sie in den letzten beiden Tagen gesehen, doch hatte sie immer zu tun gehabt. So hatten wir also seit Tadurials Geburtstag nicht mehr viele Worte gewechselt, bis auf morgendliche Umarmungen und Grüsse. Ich mochte sie. Ohne es zu bemerken, hatte ich sie bereits in mein Herz geschlossen. Eine weitere Schwäche.

„Geh und bring Rjna in ihr Gemach. Stell sicher, dass sie sich die Hände wäscht und das da nicht in den Mund nimmt!“, befahl der Hauptmann an Sillia gewandt, welche noch immer mit offenem Mund im Eingang zum Wohnbereich stand.

„N…natürlich“, stammelte sie, griff wortlos nach meinem Arm und zog mich hinter sich die Treppe hoch bis in mein Gemach. Dort liess sie mich aber nicht los, sondern führte mich direkt weiter ins Badezimmer. Ohne einzuhalten, wusch sie auch schon das rote, wohlriechende Blut von meinem Finger ab, welches ich während meiner Flucht nach Hause völlig vergessen hatte. Jetzt tat es mir aber leid darum. Das hätte man doch besser probiert, als es einfach abzuwaschen! Andererseits hatte Xelus auch irgendwie recht … Und doch war ich mir sicher, dass es mir nicht geschadet hätte. Ich hatte das einfach im Gefühl …

„Du bist ausgebüxt.“ Sillia sah mich strafend an und stemmte ihre Hände in die Hüfte; die Augen hatte sie wütend zusammengekniffen. Indessen griff ich wie von selbst nach einem Handtuch und trocknete mir die Hände daran ab.

„Nicht wirklich …“, murmelte ich und wollte bereits zurück ins Zimmer. Allerdings hatte die Grünäugige nicht vor, mich gehen zu lassen.

„Also bist du nicht unerlaubt hinaus – in so einfache Klamotten gekleidet, dass du als Dienstmagd durchgehen könntest?“, fuhr sie mit erhobener Augenbraue fort, was mich dazu brachte, mich erst einmal selbst meiner Aufmachung zu besehen. Und da hatte sie nicht ganz unrecht. Ich trug ein recht formloses Kleid und dazu einen schlichten Mantel. Auch meine Haare hatte ich nur in einem einfachen Zopf nach hinten geflochten, so wie man es nun mal machte, wenn man keine grosse Lust auf langes, mühseliges Geflechte hatte. Die edlen Damen nahmen sich aber wohl immer die Zeit dazu, denn diese trugen nie einen einfachen Zopf.

„Ich wollte mir nur etwas die Stadt ansehen!“

„Und in der Stadt wolltest du dann einen zweiten Versuch wagen, dich umzubringen?“ Sie sprach sich in Rage, wobei ihr Gesicht eine rote Farbe annahm.

„Nein! Ich war nur da, und dann roch es gut und ich habe es berührt und …“ Offenbar waren meine Erklärungen nicht sehr explizit, denn ihr verwirrtes Gesicht sprach Bände. Also beliess ich es bei: „Nein, das wollte ich nicht!“

Langsam löste sie die Hände von ihrer Hüfte und nahm meine rechte in ihre linke. Die Geste war, ganz im Gegensatz zu ihrer vorherigen, aufbrausenden Laune, ganz sanft und lieb. „Ich mache mir Sorgen um dich, Rjna. Du tust Xelus gut. So losgelöst wie die letzten Tage war er lange nicht mehr und ich möchte ihn keinesfalls trauern sehen. Aber mit deiner Verschwiegenheit machst du es ihm nicht gerade einfach.“ Sie stockte kurz. „Was ist passiert?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nichts. Wie gesagt, ich wollte nur raus und mir die Stadt ansehen. Das mit dem Blut war ein Versehen!“

Ihre Hand hielt meine noch immer fest. Dabei wirkte sie … fast tröstend. Sie sah mir mit ihren tiefgrünen Augen fest in meine Dunkelbraunen und ein forschender Gesichtsausdruck legte sich über ihre sonst so freundlichen Gesichtszüge. „Was ist passiert?“, fragte sie erneut und schien dabei sehr konzentriert. Waren … ihre Augen schon immer so intensiv grün gewesen?

„Ich wollte nur raus, um zu sehen, wie die Sol…!“ Sie unterbrach mich. Den Göttern sei Dank.

„Nein, ich meine, was ist in deiner Vergangenheit passiert? Was willst du so vehement vor allen verschweigen?“

Ohne mein Zutun begannen meine Lippen, Worte zu formen. Ich konnte es nicht verhindern. Was passierte hier? Gerade als ich zum Sprechen ansetzen wollte, schrie Sillia auf, liess meine Hand abrupt los und stolperte einige Schritte nach hinten. Mein Mund schloss sich wieder und meine Worte blieben mir im Halse stecken.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht hielt Sillia ihre linke Hand fest an ihre Brust gedrückt und kniff leidend die Augen zusammen. Als der akute Schmerz abgeklungen war und sie ihre Augen wieder öffnete, glitt ihr Blick erst irritiert von ihrer Hand, dann ungläubig und verwirrt zu mir. An meinem Gesicht blieb er hängen; fassungslos öffnete sie ihren Mund, ihrer Überraschung Ausdruck verleihend. Doch drang kein Laut über ihre Lippen. Sie starrte mich nur weiter an, fast so, als traute sie sich nicht, die Augen zu schliessen. So, als befürchtete sie, dass, was auch immer sie gerade sah, nach einem Blinzeln wieder weg sein könnte.

Erschrocken schnappte ich nach Luft. „Sillia, deine Hand! Du hast dich verbrannt! Streck sie unter den Wasserstrahl! Hier …“ Schnell griff ich nach dem Ventil der Wasservorrichtung und liess es fliessen. Anschliessend machte ich einen Schritt auf Sillia zu, um sie zum Waschbecken zu ziehen, da sie sich scheinbar vor Schock noch nicht bewegen konnte.

Doch Sillia zuckte ängstlich vor meiner Berührung zurück. Ich verstand ihre Reaktion nicht, erhob aber dennoch vorsichtshalber meine Arme. „Alles gut, nur bitte kühle deine Hand!“ Doch das tat sie nicht. Sie regte sich nicht, sondern blickte mich einfach nur weiterhin an, als hätte sie einen Toten gesehen. „Sillia!“ Nichts. Suchend sah ich mich um. Was war nur los mit ihr? Ich musste irgendetwas finden, was sie beruhigte! Und als mein Blick durch das Badezimmer schweifte, traf er die spiegelnde Oberfläche. Plötzlich wusste ich, wieso Sillia ihren Blick nicht von dem meinen gelöst bekam. Aus dem Spiegel starrten mir nicht mehr meine dunkelbraunen Augen entgegen, nein. An ihre Stelle waren zwei glühende Kohlen getreten! Leuchtend, als bestünden sie aus heisser Glut!

Was …? Vorsichtig ging ich einen Schritt auf den Spiegel zu. Die Augen zu schliessen oder zu blinzeln, wagte ich nicht. Bestimmt wären sie dann wieder normal und ich wollte mir das genauer ansehen! Ich wagte einen weiteren, vorsichtigen Schritt. Irgendwie sah es schön aus …, wenngleich ich mich momentan, zumindest ein kleines Bisschen, vor mir selbst fürchtete. Denn diese Augen, diese Farbe, sie war nicht nur überirdisch schön, sie wirkte auch mindestens genauso tödlich.

Als ich endlich vor dem Spiegel stand, bewegte sich meine Hand ganz langsam auf ihn zu. Mein Mund war leicht geöffnet, meine volle Konzentration nur auf das Spiegelbild meiner Augen gerichtet. Vergessen war Sillia, vergessen war ihre verbrannte Hand, die sicher fürchterlich schmerzen musste, vergessen war Xelus’ Reaktion wegen meines kleinen Ausflugs und dem Blut auf meinem Finger. Bei den Göttern, vergessen war das dumme Blut! Ich sah nur noch diese Farbe, dieses Leuchten. Meine Augen. Ich verlor mich in ihnen, in dieser unbändigen Kraft, die sie versprachen.

„Wie?“, hauchte ich benommen und liess meine Finger ehrfürchtig über meinem Spiegelbild schweben, doch ohne es zu berühren. Viel zu gross war der Respekt vor dieser … Macht, die in meinen Augen lag; dieser Energie, die wohl die Meine sein sollte, aber es nicht war.

„Xelus, jetzt beruhige dich doch! Du erschreckst die Damen sonst noch!“ Die Stimme hallte in meinem Kopf wie ein Echo wider. Gehört, aber nicht wahrgenommen. Die Worte fanden keinen Platz, keinen Griff, an dem sie sich hätten festhalten können, und so schwirrten sie einfach weiter im leeren Raum herum, zu dem mein Verstand geworden war. „Xelus, du kannst doch nicht einfa…“

„Lass mich los, Tadurial!“

Während ich noch immer unbeweglich vor dem Spiegel stand, schien Sillia wieder zu sich gekommen zu sein. „Hör auf!“, fuhr sie mich eindringlich an.

„Womit …?“, fragte ich desorientiert und schwenkte langsam meinen Blick von meinem Spiegelbild zu ihr hinüber.

„Hör auf, deine Magie anzuwenden!“, zischte sie kaum hörbar. „Deine Augen! Lass sie wieder normal werden!“

„W…was?“

„Du … du weisst es nicht?“, kam es nun panisch von ihr. Nervös wechselte ihr Blick von der Badezimmertür zu mir und wieder zurück. Immer wieder hin und her. „Du musst dich beruhigen! Magie kommt mit Gefühlen, zumindest wenn man sie noch nicht kontrollieren kann!“, flüsterte sie gehetzt. Mein Blick glitt zu ihrer Hand. Noch immer umklammerte sie sie, fest an ihre Brust gedrückt. Aber was sprach sie da? Magie? Ich?

Plötzlich wurde die Badezimmertür schwungvoll aufgestossen, sodass die Angeln klagend quietschten. Xelus stand im Türrahmen, die Körperhaltung die eines angriffsbereiten Tieres. Sein Blick traf meinen; seine Augen wurden gross. Keinen Moment später fand ich mich in seinen starken Armen wieder. Meinen Kopf hielt er so an sich gedrückt, dass ich mit dem Gesicht genau zu seiner Brust ausgerichtet war. Damit war meine Sicht schwarz.

Mein grünäugiger Albtraum von Hauptmann musste aufgerückt sein, denn dessen Stimme vernahm ich als Nächstes. „Xelus, du übertreibst.“ Seine Stimme schwankte zwischen Besorgnis und Belustigung. Sehen konnte ich ihn aufgrund von Xelus’ Umarmung nicht. Ich war nicht in der Lage, meinen Kopf zu bewegen. Folglich stand ich einfach da, ziemlich überrascht und dadurch angespannt, in der Umarmung meines Vampirvaters und machte gar nichts.

„Es tut mir leid“, flüsterte mein Vampirvater leise, küsste sanft meinen Scheitel und richtete sich wieder auf. „Ich habe übertrieben, Tadurial hat recht.“

„Jetzt lass sie schon los, du erdrückst sie ja!“

Langsam liess Xelus seine Hände meinen Rücken hochwandern, bis sie meine Schultern erreicht hatten und dort liegen blieben. Dann drückte er mich ein Stück von sich weg und schaute mir prüfend ins Gesicht. Von hinter mir kam ein leises Glucksen vom Hauptmann. Als Xelus sich an mir sattgesehen hatte, entliess er mich schliesslich ganz aus seinem Griff.

Sillia kam zu mir rüber, umfasste mit ihrer gesunden Hand mein Handgelenk und zog mich mit sich.

„Was …?“

„Komm, lassen wir die Männer …“

„Warte, Sillia. Ihr könnt gleich gehen, aber zuerst muss ich noch mit Rjna sprechen. Danach könnt ihr tun, was euch beliebt – allerdings sollte Rjna heute zeitig ins Bett. Morgen ist ein wichtiger Tag.“

Was war hier los?

Etwas betreten nickte Sillia und verliess mein Gemach. „Kommst du nachher zu mir?“, fragte sie noch hoffnungsvoll nach, woraufhin ich nickend zustimmte. Dennoch verstand ich nicht, was sie von mir wollte.

Als sie hinausging, hörte ich noch, wie Hauptmann Tadurial, der ihr folgte, sie aufforderte, sich um ihre verbrannte Hand kümmern zu dürfen. Die beiden verliessen das Zimmer, die Tür fiel ins Schloss und Xelus forderte meine Aufmerksamkeit.

„Über das da“, er deutete auf meine Augen, „reden wir später noch. Setzten wir uns doch erst einmal.“ Xelus zog mich in mein Gemach, direkt aufs Bett. Ein letztes Mal spähte ich noch in die spiegelnde Oberfläche. Meine Augen hatten ihr gewöhnliches Dunkelbraun angekommen.

Neben mir auf der Bettkante sitzend, erklärte mein Vampirvater mir, dass sein Antrag auf Versetzung in die Interne Einheit nicht angenommen worden war. „Ich werde … auf eine Mission geschickt.“ Missbilligend verzog sich sein Mund. „Tadurial weiss, dass ich dich nicht verwandelt habe, deswegen … kann er das tun.“ Mein Herz krampfte schmerzhaft zusammen. Wieso?, fragte ich mich. Wieso musste er gehen? Und wieso sollte Tadurial ihn, sollte Xelus mich verwandelt haben, nicht schicken können? „Tadurial hat angeboten, auf dich aufzupassen.“

„Wie lange werdet Ihr weg sein?“

Seine Miene wurde dunkler. „Ich weiss es nicht. Wenn alles optimal abläuft, bin ich in einem Mond, sicher wieder hier, aber es könnte auch länger dauern. Ich kann es dir nicht mit Bestimmtheit sagen.“

Bestürzt blickte ich auf. „Aber … wir sind doch noch nicht einmal einen Mond hier!“

„Ich weiss“, entgegnete er betrübt und zog mich an seine Brust. „Ich weiss …“

Nur zu gerne liess ich mich von seinen Armen umhüllen und mich in die sichere Umarmung ziehen. Diese würde ich jetzt wohl länger nicht mehr zu spüren bekommen. Vielleicht sogar länger, als ich überhaupt schon ein Vampir war. So. Jetzt hatte ich es gesagt. Ich war ein Vampir. Verflucht sollt ihr sein, Götter! Wie sollte ich das denn ohne Xelus in dieser Welt bestehen?!

„Wer“, ich schluckte schwer, „sorgt dafür, dass ich trinke?“

Sein Griff um mich verstärkte sich; sein Körper spannte sich an. „Ich werde Tadurial entsprechend instruieren.“

Mit mehr als einem schwachen Nicken konnte ich nicht aufwarten. Der Gedanke daran war fast noch schlimmer als das Trinken selbst.

Die Minuten zogen an uns vorbei, schweigend und bedrückt. Ich weigerte mich, mich aus seinen Armen zu lösen. „Und morgen?“, murmelte ich leise.

„Morgen werden wir morgens zum König gehen, und am Abend …“ Er spannte mich auf die Folter. Spätestens jetzt wollte ich unbedingt wissen, was morgen Abend liefe.

„Und am Abend?“, bohrte ich gespannt nach.

„Am Abend feiern wir dein Einmondiges!“, gab er freudig von sich, aufgrund dessen ich mir nicht erlaubte, die melancholische Stimmung aufkommen zu lassen, die sich bei diesen Worten bereitzumachen versuchte. In Gedanken verfluchte ich mich schon wieder dafür, jetzt das zu sein, was ich nun mal war, und jetzt sollte ich das auch noch feiern? Aber diese Gedanken verbot ich mir und aufgrund von Xelus Freude gelang es sogar einigermassen.

„Gut“, meinte ich nur und schenkte ihm ebenfalls ein Lächeln, wenn auch erzwungen. „Ich freue mich darauf.“

Ein Klopfen unterbrach unsere stille Zweisamkeit. „Komm rein!“, rief Xelus, woraufhin die Tür geöffnet wurde.

„Dein Hausmädchen ist versorgt. Sollte … ich noch etwas wissen, bezüglich der Zeit, die sie bei mir verbringen wird?“

Mich schauderte es schon beim blossen Gedanken daran.

„Ja, da gibt es in der Tat noch etwas zu besprechen. Gesellen wir uns dazu aber besser in mein Arbeitszimmer. Rjna, willst du derweil zu Sillia gehen?“

„Natürlich“, entgegnete ich gehorsam, löste mich aus der wohligen Umarmung meines Vaters und Meisters und machte mich auf den Weg zu Sillias Gemach. Dieses lag am Ende des Flurs, aber auf der gleichen Seite wie das meinige und hatte damit ebenfalls Ausblick auf den Park. Leise klopfte ich an und betrat, sobald das Herein ertönte, das Gemach.

Sillia sass an einem kleinen, unordentlichen, von einigen Papieren belagerten Schreibtisch und schien tief in Gedanken versunken. Ihr Zimmer hatte neben dem Bett und dem Tisch auch noch eine kleine, gemütliche Sofaecke. Beinahe wurde ich neidisch. Das Zimmer war zwar gleich gross wie meines, nur dass die Möbel eben etwas dichter beieinanderstanden und es davon auch einige mehr gab. Es war persönlicher, es war … ihres.

„Setz dich“, forderte sie und machte dabei eine weisende Geste auf den kleinen Sitzbereich. Ihrer Anweisung folgend, setzte ich mich auf das Sofa, welches gut zwei Personen fassen konnte. Ihr Blick war auf mich gerichtet. Sie musterte mich prüfend. „Was weisst du?“

Ich zögerte. „Dass meine Augen … plötzlich orange geleuchtet haben?“ Sie nickte. Doch das war auch schon alles, was sie tat. „Äh …“ So langsam wurde mir dieses Schweigen zu unangenehm. „Ich … also … soll ich vielleicht wieder gehen?“

Entschieden schüttelte sie den Kopf. Nach einer Weile begann sie endlich zu sprechen. „Du willst mir sagen, dass du keine Ahnung hast?“ Leicht hoben sich meine Augenbrauen an. Ahnungsloser als ich konnte man momentan gar nicht sein. „Du weisst nicht, was du bist? Was du kannst? Wo du herkommst? Deine Familie hat dich nicht aufgeklärt?“ Stumm schüttelte ich den Kopf. Stirnrunzelnd gab sie ihren Platz am Schreibtisch auf und gesellte sich zu mir aufs Sofa. „Erzählst du mir bitte von deiner Vergangenheit?“

„Nein“, erwiderte ich tonlos und setzte dabei von der einen auf die andere Sekunde eine Maske auf, die selbst Hauptmann Emil ins Grübeln versetzen würde. Sie würde keine Regung oder Emotion passieren lassen. Weder von innen noch nach aussen. Dachte sie ernsthaft, ich würde mit ihr darüber sprechen? Wann hatte ich den Eindruck gemacht, ich wäre dazu bereit, auch nur mit irgendjemandem darüber zu sprechen?

Seufzend blickte sie auf ihre verbundene Hand hinunter und dann wieder hoch zu mir. „Gut. Also, fangen wir von vorne an.“ Sie holte tief Luft. „Du bist Magierin.“

Meine Augenbrauen hoben sich in Skepsis. „Sicher nicht“, entgegnete ich stoisch.

Ihr wurde das Ganze sichtlich unangenehm. Aus Gewohnheit stützte sie sich die Stirn in die Hände, welche sie dann aber ganz schnell, schmerzlich zischend wieder zurückzog. Ihre Hand musste fürchterlich brennen. „Waren deine Eltern nicht …, haben sie dich denn nie aufgeklärt? Willst du mir wirklich sagen, dass du keine Ahnung davon hast, dass in dir Magie schlummert? Und verdammt Gefährliche noch dazu!?“ Demonstrativ hob sie ihre Hand.

Bei dieser Anschuldigung weiteten sich meine Augen. Das sollte meine Schuld gewesen sein? Hatte sie Wahnvorstellungen?

„Du glaubst mir nicht“, stellte sie betroffen fest.

„Scharfsinnig“, brummte ich bloss. „War’s das dann?“ Ich machte Anstalten, aufzustehen. Diese Frau hatte den Verstand verloren.

Hastig streckte sie die Hand aus – zog sie sogleich aber wieder zurück, das Gesicht vor Schmerz verzogen. „Wenn du mir nicht glaubst, ist das in Ordnung! Dagegen kann ich nichts tun. Aber halte kurz ein und hör mir zu. Ich weiss nicht, woher du kommst, aber hier in Genral werden Magier und Magierinnen gejagt und versklavt! Der König nutzt unsere Fähigkeiten zur Bequemlichkeit aus, wie zum Beispiel, um die Wassertanks der Stadt aufzufüllen. Der Grund dafür, dass du so ohne Weiteres baden kannst, ist, dass Wassermagier dazu verdammt sind, Tag und Nacht die Tanks aufzufüllen. Wir sind Geächtete und wenn jemand von unseren Fähigkeiten erfährt, war’s das mit unserem Leben und unserer Freiheit!“

Freiheit. Dieses Wort liess mich ihr zuhören. Sachte nickte ich ihr zu, zum Zeichen, sie solle weitersprechen.

„Abgesehen vom König und seinen Soldaten, solltest du dich auch vor den Jägern in Acht nehmen. Sie selbst nennen sich Mundus. Sie sind grausam und brutal. Das war auch der Grund, wieso ich dich gerade eben nach deiner Vergangenheit gefragt habe“, gestand sie leise und fuhr nur zögerlich fort: „Ich dachte, vielleicht haben sie dich angefangen …, um neue Methoden zu erproben. Du musst wissen, dass sie, wenn sie einen von uns erwischen, keine Gnade zeigen. Sehen sie Anzeichen für Magie in dir, bist du tot. Das ist es zumindest, was wir annehmen müssen, denn alle, die von den Mundus gefangen genommen wurden …“ Ihre Lippen wurden zu einem schmalen Strich. „Wir sahen keinen von ihnen je wieder“, erklärte sie bedrückt und Traurigkeit breitete sich auf ihrem sonst so hübschen Gesicht aus.

Mein Mund öffnete sich. Aber ich hatte nichts zu sagen. Was sollte ich denn sagen? „Du hast gesagt, ich hätte Fähigkeiten?“

Sillia nickte unbehaglich. „Ich habe sie wohl ausgelöst … Xelus ist mir wie ein Vater, musst du wissen. Ich möchte ihn nicht verletzt oder betrogen sehen. Seit er mich gerettet hat, fühle ich mich dazu verpflichtet, ihn, im Rahmen meiner Fähigkeiten, zu beschützen. Und als du ankamst … Ich sah nur die Lügen, die dich umgeben. Und ich war mir sicher, du beabsichtigst Böses, bis…“ Stockend hielt sie inne und wagte es nicht mehr weiterzusprechen.

„Bis du meine Narben gesehen hast“, beendete ich für sie den Satz, der ihr so schwer auf der Zunge lag. „Und du hattest Sorge, diese Mundus hätten etwas mit mir zu tun?“, versuchte ich dann, etwas verwirrt, zusammenzufassen.

„Nein! Nein, das mit den Mundus … dieser Gedanke kam mir erst, als ich dich heute, respektive, als ich heute deiner Magie zum Opfer fiel. Also erst gerade. Aber ich habe … meine Fähigkeiten eingesetzt. An dir. Um dich dazu zu bringen, dich mir anzuvertrauen …“ Ihr Kopf senkte sich in Scham. „Es tut mir leid. Ich bin es mir nicht gewohnt … die Wahrheit nicht zu kennen. Es macht mich unruhig.“

Die Wahrheit kennen? Mich zum Sprechen bringen? Es war so viel …! „Seit wann kannst du denn die Wahrheit sehen?“ Hätte ich wirklich magische Kräfte …, und das war ein wirklich grosses Hätte, hätten diese nicht viel früher zutage treten müssen?

„Bei mir hat es mit acht Jahren angefangen. Normalerweise kommen die ersten Anzeichen aber ungefähr mit zwölf.

Sillia war eine Magierin. Und ich zog … Zog ich es wirklich in Betracht, selbst eine zu sein? Nein, wohl kaum. Das war Unsinn! Und doch fesselte mich das Thema. Wieso wurden sie unterdrückt? Wieso ihrer Freiheit beraubt?

Es klopfte. „Meine Damen?“

„Einen Moment noch bitte, Xelus!“, entgegnete Sillia schnell. Ich hörte Xelus’ Seufzen vor der Tür. Er würde ganz genau da warten, wo er stand.

Sillia wandte sich mir zu, ihr Ausdruck gedrängt. „Wir müssen noch über Xelus sprechen“, sprach sie ernst. „Er hat deine Augen gesehen. Das ist ein Problem. Aber er hat deine Augen auch vor dem Hauptmann versteckt, was die Frage aufwirft, was er weiss. Denn es ist offensichtlich, dass er das nicht zum ersten Mal so gesehen hat. Ob er weiss, was es damit auf sich hat, ist unsicher, zuzutrauen wäre es ihm aber. Immerhin ist er Offizier und nicht auf den Kopf gefallen. Sei … also einfach vorsichtig. Und erzähle niemandem, was ich dir hier und heute erzählt habe!“

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