Kapitel 37 – Der Traum von einem König

Kapitel 37 – Der Traum von einem König

 

Rjna

Zusammen hatten wir, Xelus und ich, uns auf meinem Bett niedergelassen. Ich sollte mich schlafenlegen, hatte er gesagt. Draussen war es dunkel und die Kälte zerrte an den Mänteln, derer, die sich noch nach draussen wagten.

„Was denkst du, ist da vorhin passiert?“

„Ich weiss es nicht …“

„Hast du etwas … Besonderes an dir bemerkt?“

„Also, meine Augen … sie haben plötzlich … sie hatten plötzlich eine andere Farbe.“ Sillia hatte mich davor gewarnt, zu viel preiszugeben. Als ich in seine Augen aufblickte, konnte ich das erste Mal überhaupt, nicht nachvollziehen, wo seine Gedanken lagen. Ich konnte meinen Vampirvater nicht einschätzen. Würde er mich verraten? An den König oder diese … Mundus? Sicher hatte auch er schon seine Schlüsse aus dem Geschehenen gezogen. Wie Sillia selbst gesagt hatte, Xelus war nicht auf den Kopf gefallen.

„Und was schliesst du daraus?“

„Ich … ich weiss es nicht“, antwortete ich stockend.

Prüfend sah mir Xelus in die Augen. Beinahe hätte ich geglaubt, er blickte direkt durch sie hindurch in meine Seele. Sein Blick durchdrang mich förmlich und langsam machte sich Furcht in mir breit. Würde er mich wirklich verraten? „Ich denke, du besitzt magische Kräfte, Rjna.“ Auf meinen entsetzten Gesichtsausdruck hin, stiess er ein tiefes, ehrliches Lachen aus. „Ich weiss es schon länger. Und auch Tadurial hat es gezwungenermassen mitbekommen. Ihn hast du damit nämlich im Grenzdorf … tja. Ich habe eigentlich keine Ahnung, was du dort mit ihm gemacht hast. Aber du schienst dich nicht daran zu erinnern und ich wusste nicht …, wie ich damit umgehen sollte.“

„Ihr wusstet nicht …, ob Ihr mich verraten sollt“, flüsterte ich schwach.

Xelus’ Stirn runzelte sich. „Nein. Ich würde niemals einen Magier verraten. Ich gehe nicht so weit und sage, dass ich ihre Existenz unterstütze, aber dafür können sie nichts. Ich bin kein Freund von Magiern, Rjna. Aber ich will es auch nicht sein, der Auslöser für ihr Leid ist. Aber davon abgesehen“, sachte griff er nach meinem Kinn und drückte es hoch, „bist du meine Tochter. Und ich werde immer auf deiner Seite stehen.“

„A…aber…“ Mir stand der Mund offen. „Aber wenn der König … Tadurial!“



Vehement schüttelte Xelus den Kopf. „Kein Wort wird über seine Lippen kommen.“

„Und …“ Verwirrt runzelte ich die Stirn. „Wieso habt Ihr vorhin im Badezimmer denn dann meine Augen vor ihm verborgen?“

„Nicht vor ihm, Rjna. Ich weiss nicht, wie Sillia dazu steht. Sie ist mir ebenfalls wie eine Tochter. Aber sie ist auch ein Mensch und hat dementsprechend in unserer Gesellschaft nur einen sehr niedrigen … Rang. Wenn sie dich verraten würde, dich entlarven würde, noch bevor du offiziell meine Tochter wirst, könnte sie in den Adel erhoben werden. Es würden ihr ganz neue Standarts ermöglicht. Neue Heiratskandidaten.“

Heiratskandidaten? Welch Weib würde sich das freiwillig antun? „Ich … denke nicht, dass sie das tun würde“, murmelte ich leise, in der Hoffnung, nicht zu überzeugt zu klingen. „Ich habe sie liebgewonnen. Ich bezweifle, dass sie ein schlechter Mensch ist.“ Dennoch hatte sie mit Magie versucht, mich zum Reden zu bringen. Aber das hatte sie getan, um Xelus zu beschützen …! Und Xelus verdächtigte sie …, mich verraten zu können. Götter, das war alles so furchtbar kompliziert!

Nach einem Moment der Stille, nickte Xelus schliesslich sachte. „Wenn du dir so sicher bist, dann werde ich … es dabei belassen.“ Er räusperte sich. „Rjna, ich weiss, du redest nicht gerne über dich, aber ich müsste wissen …, was das ist. Wer waren deine Eltern, dass du so starke Kräfte aufweist? Waren sie beide Magier?“

Zögerlich schüttelte ich den Kopf. „Ich kann Euch leider absolut nichts dazu sagen, Xelus. Meine Eltern waren normale Bürger Mornems. An den Vorfall im Grenzdorf habe ich keine richtigen Erinnerungen. Nur … Eindrücke, gewissermassen.“ Zögerlich sah ich auf. „Und ich weiss auch nicht … wie man das kontrolliert. Oder ob das möglich ist.“

Xelus nickte bedächtig. „Ein weiterer Grund, wieso es gut ist, dass du zu Tadurial gehst, während meiner Abwesenheit. Es mag sein, dass du ihn nicht magst …, aber er wird dich nicht verraten.“

Er war mir nicht böse. Er wollte mich nicht verraten. Und er wollte mich auch nicht ausliefern. Stattdessen zog er mich in eine feste Umarmung. Nach einigen, wohligen Momenten in stiller Umarmung raunte er leise: „Bereit für deine tägliche Mahlzeit?“



 

Als ich schliesslich zu Bett ging, drehte ich mich noch Stunden darin herum. Den König sollte ich morgen treffen. Den König Genrals. Einen König, einen Mann mit einer Krone auf seinem Haupt, einen Mann, mit der Macht, mich mit einem Fingerwinken meines Lebens zu berauben oder es zu ewigem Kerkeraufenthalt zu verdammen. Ich würde einem Mann gegenüberstehen, der mehr als alles andere die Macht in Person war. Einem Vampir, den ich um keinen Preis verärgern durfte.

Umso erschrockener war ich, als ich am nächsten Morgen erwachte – die Erinnerungen an den bizarren Traum noch bildlich vor mir. Xelus an meiner Seite hatte ich einen grossen Raum betreten. Einen Saal, einen Thronsaal. Ich ging mit durchgestrecktem Rücken und hocherhobenem Haupt geradewegs auf die Empore und damit auf den erhöhten Thron zu, auf dem ein pummeliger alter Mann sass, eine schief sitzende goldene Krone sein haararmes Haupt zierend. Er hatte gelbe Zähne, einen unrasierten und ungepflegten Bart, genauso wie langes, graues, aber schon ausgedünntes Haar, das nicht einmal ordentlich gekämmt war. Vor ihm stand ein Tisch voller gebratenem Fleisch. Seine Finger waren voll mit der Marinade dessen, was er gerade genüsslich mit ihnen verspeiste. An seinen Mundwinkeln bot sich einem dasselbe Bild. Es war abstossend, ekelerregend und anwidernd. Es war das Bild, das ich mir in all den Jahren, in denen der Hunger unser Leben beherrschte, ausgemahlt hatte. Das Bild eines Königs, der sein Volk verhungern liess.

Ehrfurcht wäre das letzte Wort, welches ich für seine Umschreibung genutzt hätte. Und doch war Xelus in meinem Traum langsamen Schrittes nach vorne gegangen und hatte sich tief verbeugt. Mir deutete er, es ihm gleichzutun, aber … Ich tat es nicht. Ich stand vor diesem fleischfressenden Nimmersatt und sah nicht ein, wieso ich mich verbeugen sollte. Menschen hungerten. Sicher war dieses Problem nicht ausschliesslich in Mornem anzutreffen. Also wie konnte er es wagen, sich nur so zu benehmen!

Mit festen, zielgerichteten Schritten machte ich mich auf den Weg zum Thron. Ich ging die beiden Stufen auf die kleine Empore hoch, bis ich schliesslich genau vor dem König stand.

Arrogant schaute er zu mir hoch, als ich, ihn überragend, zu seiner sitzenden, erbärmlichen Gestalt hinabblickte.



„Das ist mein Stuhl!“, knurrte ich, meine Fangzähne drohend ausgefahren und meine Iriden in geschmolzenes Kupfer getaucht.

 

Verstört schwang ich meine Beine aus dem Bett und lief leise fluchend ins Badezimmer. Ich würde mich benehmen. Ich würde knicksen. Und ich würde nicht auf den Thron zugehen, als gehörte er mir! In meiner gedanklichen Abwesenheit stiess ich mir den Fuss an der Kommode an und jaulte auf. Schnaubend kam ich im Badezimmer an, entledigte mich kopfschüttelnd meines Nachtgewands, stieg in die Dusche und öffnete das Wasserventil.

Der Grund dafür, dass du so ohne Weiteres baden kannst, ist, dass Wassermagier dazu verdammt sind, Tag und Nacht die Tanks aufzufüllen.

Das konnte doch nicht stimmen. Sillias Worte spukten mir im Kopf herum und wollten gar nicht mehr schwinden. Mit gesenktem Kopf stand ich unter der Dusche und konnte nicht anders, als mich schuldig zu fühlen. Dafür, dass ich hier gerade duschte, mussten Magier unter vermutlich nicht sehr humanen Bedingungen arbeiten. Sillia sagte, sie müssten durchgehend dafür sorgen, dass das Wasser vorrätig war. Da sprach man nicht von langen, geruhsamen Nächten und Mittagsschläfchen. Ich wusste um die Beschwerlichkeiten eines harten Lebens.

Langsam rieb ich das Haarwaschmittel, welches mir Xelus am ersten Tag hier gezeigt hatte, in mein Haar ein und spülte es anschliessend wieder aus. Meine Haare, die mir durch die Zeit der Gefangenschaft einst bis über den Po gereicht hatten, mittlerweile durch Xelus’ Hand aber wieder spürbar kürzer geworden waren, waren ungepflegt und spröde. Gänzlich vernachlässigt, so Xelus’ Worte. Aber er meinte, mit diesem Mittel sollten sie bald schon wieder ihren ursprünglichen Glanz besitzen.

Um was sich die Leute hier in der Stadt sorgten, war mir unbegreiflich. Im Dorf hatte sich keiner je um den Glanz seiner Haare gesorgt. Man war froh, wenn man etwas zu Essen und Arbeit hatte; wenn man die Familie durch den Winter bringen konnte und die Ernte gut ausfiel. Aber noch nie in meinem Leben hatte ich mir Sorgen um den Glanz meiner Haare gemacht.

Schweigend und in Gedanken versunken, wusch ich mich fertig und trat aus der Dusche. Ich nahm mir eines der Handtücher, trocknete mein taillenlanges Haar behelfsmässig damit ab und begann die Knoten mit der Büste daraus zu lösen. Als ich einigermassen vorzeigbar war, verliess ich das Badezimmer, umschlungen von einem weiteren Handtuch, und machte mich auf den Weg zum Schrank, vor dem ich eine ganze Weile ahnungslos und mit fast schon hörbarem Denken stehen blieb. Was zog man an, um vor den König zu treten?



„Rjna?“ Es klopfte. Auf meine Einladung hin, trat Xelus ein. Einen Moment blieb er überrascht stehen, als er meine Aufmachung – oder eben das Fehlen dieser – bemerkte, dann aber schlich sich ein wissendes Lächeln auf seine Lippen. „Hier“, sagte er, trat näher und übergab mir ein Kleid. „Ich kam noch nicht dazu, die abgeholten Kleider in deinen Schrank zu hängen. Zudem ich diese jetzt wohl besser Tadurial übergebe …“

Meine aufgeregte Stimmung erlitt bei letzteren Worten einen ordentlichen Dämpfer. Stimmt. Morgen. Morgen würde Xelus, mein Vampirvater, auf Mission gehen und ich bliebe hier. Beim Hauptmann, der mich nicht ausstehen konnte. Wie erfreulich.

„Na komm. Heute machen wir uns einen schönen Tag. Ein kurzer Besuch bei seiner Majestät und anschliessend eine kleine Feier. Jetzt machen wir dich erst einmal vorzeigbar.“

Auf meinen zweifelten Blick hin musste sich Xelus sichtlich ein Lachen verkneifen. Doch gnädig, wie er war, nahm er sich meiner an, half mir in das wirklich atemberaubende Kleid aus hellgrünem Samt und wandte sich anschliessend meinem Haar zu. Er war gerade dabei, die letzten Nadeln in die Hochsteckfrisur zu stecken, da fragte er: „Sillia weiss von deinen Narben, richtig?“ Ich nickte langsam. „Vertraust du ihr? Fühlst du dich bei ihr wohl? Oder hast du das Gefühl, gerade nach gestern, dass sie dir Böses wollen könnte?“

„Ich habe meine Meinung nicht geändert, Xelus. Ich vertraue ihr.“ Leise fügte ich hinzu: „Ich bin mir sicher, sie wird nichts sagen.“

Er nickte bedächtig. „Denkst du, es wäre dann vielleicht gut, wenn sie dir, zumindest während meiner Abwesenheit, als Kammerzofe dienen würde?“

Schockiert begegnete ich durch den Spiegel seinem Blick. „Ich will keine Dienerin!“, erklärte ich aufgebracht.

„So meinte ich das doch nicht …“, brummte er, die Hände schlichtend erhoben. „Ich wollte damit sagen, dass sie dir beim Ankleiden helfen könnte. Ehrlich gesagt will ich kein männliches, ungebundenes Wesen in deiner Nähe wissen. Schon gar nicht, wenn du unbekleidet bist!“ Auf meinen entgeisterten Blick hin führte er aus: „Das ist einfach der Beschützerinstinkt meines männlichen Vampirs, Rjna. Den kann ich nicht abstellen. Du bist meine Tochter. Nur, falls dir das entfallen sein sollte“, scherzte er halb, doch es war ihm bitterer Ernst.



„Also, um mir beim Ankleiden zu helfen, ja, da wäre Hilfe gut …“, stimmte ich zögernd zu. Wenn die Alternative war, sich von Tadurial helfen zu lassen, dann bliebe ich doch lieber den ganzen nächsten Mond in meinem Gemach, lediglich ins Nachtgewand gekleidet.

In den folgenden Minuten erklärte mir Xelus, wieso ich Sillia offiziell als meine Kammerzofe bestimmen musste. Es war nicht nur, um ihren Stand zu verdeutlichen, sondern auch ein Schutz für sie. Als Frau ohne hohe Stellung und Gemahl war das Leben in der Stadt gefährlich. Die Stellung hier in Xelus’ Haushalt bot ihr zwar einiges an Schutz und Ansehen, jedoch war dies in seiner Abwesenheit immer eher schlecht als recht gewährleistet und Sillia musste in dieser Zeit stets aufpassen, nicht in irgendwelche Schwierigkeiten zu geraten. Das würde sich aber mit der Stellung als meine offizielle Kammerzofe ändern.

Nach dieser Argumentation seitens Xelus hatte ich absolut kein Problem mehr damit, Sillia offiziell als meine Kammerzofe anzunehmen, wenn sie das denn wollte. Zudem, so dachte ich, brächte es vielleicht auch ihr mehr Schutz, falls das mit der Magie jemals herausgefunden werden sollte.

 

Wie wir das Haus verliessen, durch die Strassen gingen, den Weg zum Schloss einschlugen und schliesslich das riesengrosse Schlosstor passierten, nahm ich überhaupt nicht mehr bewusst wahr. Aber auf einmal standen wir vor einer grossen Flügeltüre, genau wie die aus meinem Traum. Nur deutlich detailreicher und protziger. Zwei Wachen standen auf jeder Seite der Tür, den Blick geradeaus gerichtet. Uns schenkten sie keinen Deut an Aufmerksamkeit.

Ich spürte Xelus’ Blick auf mir. Er machte sich Sorgen. Doch ich konnte nur geradeaus sehen. Direkt durch diese Flügeltür hindurch, wo ich einen grossen Thronsaal erwartete, mit einem wulstigen König auf dem Thron, der sich den Magen vollstopfte und schlimmere Manieren an den Tag legte, als ich, während ich in meiner Zelle bei den Vampiren am Verhungern war.

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