Kapitel 38 – Auf Besuch beim König
Kapitel 38 – Auf Besuch beim König
Rjna
Als würde es durch Magie geschehen, bewegten sich beide Teile der Flügeltür zeitgleich, schwangen auf und gaben den Blick auf einen Thronsaal frei, wie ich ihn mir nicht in meinen kühnsten Träumen hätte ausmalen können.
Angespannt blickte ich in den grossen Raum, der sich vor mir auftat. Die Decke war so hoch wie zwei grosse Häuser zusammen, und war geziert von unglaublichen Malereien und Ornamenten. In den verschiedensten Farben und Formen erzählten diese eine Geschichte, der niemand die Aufmerksamkeit zu schenken schien, die sie verdiente. An der Wand zur rechten Seite prangten grosse, oben abgerundete Fenster, die für einen beeindruckenden Lichteinfall sorgten. Neben den Fenstern hingen purpurne, lange, dicke Vorhänge, mit deren Hilfe man die Fenster abdecken und den Raum verdunkeln konnte. Zur linken Seite fanden sich grosse Bilder von, wie ich annahm, bedeutenden Persönlichkeiten. Bei näherem Hinschauen fiel auf, dass überall lediglich Männer abgebildet waren. Allesammt wirkten sie muskulös, stark und erhaben.
Das alles nahm ich aber nur am Rande wahr. Mein Blick wurde von einem grossen, mittig platzierten Stuhl angezogen, der sich erhöht, im hinteren Teil des Raumes befand. Eine kleine Empore für den Thron des Königs, davor zwei Stufen, um den Aufstieg zu erleichtern. Gefesselt von dem Anblick, der sich mir bot, blendete ich den Rest der Welt aus. Unweigerlich kam in mir wieder das Bild des Königs aus meinem Traum in den Sinn.
Auf dem Thron aber erwartete mich nicht der Anblick eines dicken, fleischfressenden und ungehobelten, alten Mannes. Da waren keine gelben Zähne, keine fettigen Finger und keine von Marinade verklebten Mundwinkel. Kein ekelhafter, selbstsüchtiger, widerwärtiger Blick. Auf dem Thron sass eine Gestalt, die viel eher einem Gott als einem Manne glich!
In ein weisses, langärmeliges Hemd gekleidet, darüber, eine matte, in Königsblau gehaltene, ärmellose Weste, welches nur so über die Brust spannte, sass der König. Der Aufzug und seine Ausstrahlung liessen keinen Zweifel daran, wer er war. Die königsblaue Weste war zur Mitte hin mit goldenen Verzierungen geschmückt; die oberen Knöpfe waren offen und präsentierten den Ansatz einer äusserst gut trainierten Brust. Die langen Ärmel spannten nicht, liessen aber keinen Zweifel daran, dass der Träger seinen Körper gut zu formen wusste.
Ich blickte auf; liess meinen Blick an diesem Prachtexemplar der männlichen Gattung hochwandern. Sein Gesicht war geprägt von markanten Gesichtszügen. Ausgeprägte Wangenknochen, eine ansehnliche Nase, zwei tiefrote Augen und feste, braune Augenbrauen verliehen dem Mann Eindruck und vor allem Erhabenheit. Dazu gesellten sich ebenso kastanienbraune Haare, die ihm in leichten Wellen bis zu den Schultern reichten. Teils stachen durch das Sonnenlicht aufgehellte, aber ebenso braune Strähnen hervor und liessen das Bild von Mann dadurch einigermassen real erscheinen. Seine leicht gebräunte Haut deutete auf Arbeit unter freiem Himmel hin. Bei genauerem Hinsehen konnte ich ausserdem einen Dreitagebart erkennen, welcher seinem Aussehen aber keineswegs etwas zuleide tat. Ganz im Gegenteil sogar.
Wie gebannt starrte ich diese Gestalt, diesen Mann, diesen König an. Und genau das war er, unbestritten. Ich konnte mir keine andere Person vorstellen, die eine solche Erhabenheit und eine solche Macht ausstrahlte, wie dieser Mann. Wie alt musste er sein? Noch nie in meinem Leben hatte ich einen solchen Respekt vor einer Person verspürt. Und nie im Leben würde es mir einfallen, etwas entgegen seines Befehls zu tun!
Plötzlich spürte ich eine Hand an meinem unteren Rücken, welche mich sanft, aber bestimmt, in Richtung des Throns schob. Xelus musste Initiative ergriffen haben, denn ich – so bemerkte ich nun – hatte mich seit dem Öffnen der Flügeltüren nicht vom Fleck bewegt. Das Geräusch zuschlagender Türen liess mich auf halbem Weg durch den Saal ganz plötzlich zusammenzucken. Mein Kopf drehte sich ganz langsam herum. Die grossen Türen hatten sich geschlossen. Ein schwerer Kloss bildete sich in meinem Hals.
Mein Vampirvater schob mich bis etwa vier Ellen vor das Podest und vollführte eine tiefe Verbeugung. „Mein König, mein Prinz“, hörte ich ihn sagen. Doch meine Aufmerksamkeit galt kein Bisschen meinem Vampirvater. Die tiefroten Augen seiner Majestät blickten direkt in meine, und ich … konnte mich nicht mehr von seinem Blick lösen. Xelus räusperte sich leise. „Rjna“, sagte er mit fordernder Stimme. „Rjna“, ermahnte er mich erneut und legte dieses Mal eine Hand auf meine Schulter. Das brachte mich zurück in die Gegenwart.
Blinzelnd realisierte ich, wo ich mich gerade befand. Im nächsten Moment sank ich in einen tiefen, extrem instabilen Knicks, den Kopf demütig gesenkt. Dort verharrte ich. Der Blickkontakt war unterbrochen. „Mein König“, sprach ich Xelus’ Worte nach, meine Stimme rauer als Sandpapier und leiser als das Blätterrauscher einer frischen Brise im Wald. Nach einer Weile, in der die Zeit so langsam vergangen sein musste wie noch nie, deutete mir der König, mich wieder zu erheben. Mit zitternden Beinen richtete ich mich wieder auf und versuchte, wie Xelus es mir beigebracht hatte, den Kopf möglichst selbstbewusst erhoben zu halten, um dem König, so wie es sich gehörte, gegenüberzustehen. Und doch zog es meinen Kopf nach unten und meine Schultern nach vorn. Eine Haltung, eingeübt über Jahre hinweg.
„Offizier Xelus. Rjna. Ich heisse euch willkommen.“ Die Stimme des Königs hallte machtvoll und tief durch den Saal. Weder klang er besonders erfreut noch geehrt. Viel mehr wirkte er gelangweilt. Und doch war der Blick, den ich auf meinem Körper spürte, so intensiv, dass sich mir die Nackenhaare sträubten.
Aus den Augenwinkeln sah ich, wie sich der König von seinem Thron erhob und von dem Podest hinunterschritt. Direkt auf uns zu. Nein, direkt auf mich zu! Bei mir angekommen, legte er seine Hand unter mein Kinn, drückte es hoch und blickte mir mit seinen tiefroten Augen direkt in die Seele. Seine Hand war kühl, seine Augen forderten Erwiderung, und ich hatte keine andere Wahl als sie ihn zu geben. Mein Kehlkopf hob sich schwer, als ich schluckte. Wo hatte ich versagt? Den Knicks? Die Haltung? Hatte ihn etwa angestarrt, noch bevor ich ihm den Respekt erwiesen hatte?! Mein Körper begann zu zittern, als mir bewusst wurde, dass ganz genau das der Fall gewesen war. Die Hand des Königs an meinem Kinn – so nah an meinem Hals, wo er mit seiner sicherlich enorm grossen Kraft nur leicht zudrücken müsste, um mir das Genick zu brechen – erschien mir mit einem Mal mehr einem Todesurteil als einer schlichten Berührung.
„Tadurial hat mir bereits erzählt, dass du aus Mornem stammst“, sprach er mit einem Timbre, so tief und kontrolliert, dass es mich den Atem anhalten liess. „Solches Verhalten ist hier nicht mehr vonnöten. Lass das.“
Erneut schluckte ich schwer. Der dicke Kloss steckte mir im Hals und wollte nicht schwinden. Mein Mund öffnete sich. Verbale Anworten. Ich musste etwas sagen. Doch es kam kein Ton heraus.
Der König nickte. „Gut. Jetzt, wo wir die offizielle Begrüssung hinter uns gebracht haben, lasst uns an einem gemütlicheren Ort über den Rest sprechen.“ Er liess von meinem Kinn ab, drehte sich um und wandte sich der grossen Flügeltür zu. Diese schwang erneut wie von Zauberhand auf. Alomis folgte den König wortlos. Ein unscheinbares Mädchen, das mir bis zu diesem Zeitpunkt ebensowenig aufgefallen war wie Prinz Alomis, reihte sich hinter ihn ein. Ihr schwarzes Haar hatte sie zu einem einfachen Zopf geflochten – ein klares Zeichen ihrer Dienerschaft wie ich mittlerweile wusste. Ihre Gewandung war schlicht und unauffällig. Das einzig Auffällige an ihr, war das enge, schwarze Halsband, das sie trug. Stirnrunzelnd beobachtete ich, wie ihre Finger sich in einer unauffälligen Gestik kreuzten, ehe das Geräusch der sich schliessenden Flügeltüren des Thronsaals hinter uns erklang.
Wir wurden in einen Salon geführt. Die helle Einrichtung und das natürliche Sonnenlicht, welches durch die Fenster fiel, sorgten für eine angenehme Athmosphäre.
„Setzt euch.“ In einer ausladenden Bewegung deutete Prinz Alomis auf eines der Sofas.
„Vielen Dank.“ Eine Hand sanft auf meinen unteren Rücken gelegt, führte mich Xelus zum Sofa hin. Ich hätte nicht dankbarer für die Anwesenheit meines Vampirvaters sein können, denn wäre ich allein gewesen, stünde ich vermutlich noch immer im Türrahmen des Thronsaals und würde die Innendekoration des Schlosses bestaunen. Oder dessen Eigentümer.
Als wir uns gesetzt hatten, nahmen Prinz Alomis und der König in aller Ruhe auf dem gegenüberliegenden Sofa Platz. Der König sass breitbeinig da, hatte die Ellbogen auf seinen Knien abgestützt und das Kinn auf seine gefalteten Hände gelegt. War er gelangweilt oder neugierig? Sein Blick lag auf mir, undeutbar, während seine Präsenz schwer und durchdringend den freundlich eingerichteten Raum einnahm und ihn zu verdunklen schien. Prinz Alomis, der die Beine entspannt überschlagen hatte und sich mit dem Ellbogen an der Seitenlehne des Sofas abstützte, lehnte sich zurück und wartete. Es entstand ein Schweigen. Zwar währte es nur kurz, dennoch machte es mich unruhig. Mein Magen drehte sich um, beim Gedanken daran, dass ich vergessen hatte, dem König den Respekt zu erweisen.
Auf einmal klopfte es leise. Gleich im Anschluss öffnete sich die Tür zum Salon. Die Dienerin mit dem schwarzen Halsband trat ein, ein freundliches Lächeln aufgesetzt. So gut es ihr mit einem vollbeladenen Tablett in Händen möglich war, knickste sie. Dann stellte sie das Tablett wortlos auf dem kleinen Tisch ab, der zwischen den beiden gegenüberliegenden Sofas stand, verteilte die Tassen, griff nach der aufwendig verzierten Porzelanteekanne und schenkte jedem Anwesenden ein. Kaum hatte die Dienerin sich verbeugt, zog sie sich zurück und schien zu verschwinden. Die Tür war zu. Wann hatten sie sich ge…? Noch ehe ich diesen Gedanken vollenden konnte, zog Prinz Alomis meine Aufmerksamkeit auf sich.
Ein sachtes Lächeln hatte sich auf seine Lippen, welches spürbar einzig dazu diente, mich zu beruhigen. „Rjna, ich werde dir und Xelus jetzt einige Fragen stellen. Und ich erwarte absolut ehrliche Antworten.“ Hastig nickte ich. „Weisst du, wieso ihr heute hier seid?“
Wieder nickte ich – dieses Mal ruhiger. „Ja, …“ Sprach man einen Prinzen immer mit Titel an? Schaden konnte es nicht. „… Prinz Alomis. Wir sind hier, weil Xelus mich als seine Vampirtochter adoptieren möchte und dass die Weitergabe des königlichen Familiennamens zur Folge hätte.“ Ich schluckte schwer. War das richtig gewesen? Alomis sass unbewegt neben dem König, sein Gesicht keinerlei Emotion zur Schau tragend. Keinen der beiden Männer konnte ich auch nur ansatzweise einschätzen.
„Und möchtest du das auch? Xelus’ Vampirtochter sein?“
„Ja. Auf jeden Fall!“ bestätigte ich, bar jedes Zweifels in meinem Herzen und blickte zu Xelus, dessen jetziges Lächeln mich dazu animierte es ihm gleichzutun. Gerürhrt blickte er mir entgegen. Meine Hände zitterten. Ermutigend bot er mir seine Hand an und ich legte meine auf der Suche nach Bestätigung und Beruhigung hinein. Einmal drückte er sie fest, unser Blickkontakt noch immer ungebrochen. Dann wandten wir uns wieder den königlichen Vampiren vor uns zu, die das ganze schweigend beobachtet hatten. „Sonst wäre ich nicht hier, Prinz.“ Mein Blick glitt zum König. „Majestät.“ Dieses Mal blickte ich dem König mutig in die Augen. Ganz anders als vorher im Thronsaal. Doch alles, was der König an Reaktion zeigte, war ein kanppes Nicken. Kurz schweifte sein Blick zu meiner Hand, die mit Xelus’ verbunden war, ab, woraufhin der Schatten um seine Augen um eine kaum sichtbare Nuance dunkler wurde. Mein Atem beschleunigte.
Mit einem Räuspern zog Prinz Alomis meine Aufmerksamkeit wieder auf sich. „Rjna, ich möchte gerne wissen …, wie deine Verwandlung abgelaufen ist.“
Warum? Wieso genau das?Alles in mir spannte sich an, jede Faser meins Seins schien zu beben. Mein Körper verwandelte sich in eine Kakophonie verstimmter Töne, in ein Meer aus verhärtetem Eis. Wussten sie überhaupt, dass Xelus mich nicht gewandelt hatte? Grinsebacke. Bilder tauchten vor meinem inneren Auge auf. Dunkelheit.
Der König hatte sich ein Stück nach vorne gebeugt, dass Kinn jedoch von seinen Händen gelöst und sich aufrecht hingesetzt, sodass er mir nun deutlich grösser erschien. Xelus’ Griff um meine Hand verkrampfte sich, doch für den Moment blieb mein Geist überraschend ruhig. Ohne es zu bemerken, hatte sich mein Rücken gereckt, der Nacken gestrafft und das Kinn gehoben. „Wieso muss ich Euch davon erzählen? Ich dachte, es gehöre sich nicht, diese Dinge näher zu hinterfragen?“ Xelus’ Griff um meine Hand wurde stärker. Beinahe hätte ich das Gesicht vor Schmerz verzogen, allerdings liess er im nächsten Moment wieder lockerer, und mein Gesicht blieb eine genauso ruhige Maske, wie die der zwei königlichen Vampire vor mir.
Denn nach unserem Besuch bei Hauptmann Emil hatte sich Xelus in höchstem Masse darüber echoffiert, dass dieser Mann weder Benehmen noch Anstand an den Tag zu legen wüsste. Beiläufig war ihm dabei über die Lippen gekommen, dass er darüberhinaus gar nicht das Recht dazu besessen hätte, dergleichen nachzufragen – und da hatte ich nachgehakt. Die Verwandlung und das Leben zuvor gingen ausschliesslich Meister und Schützling etwas an. Dahingehend hatte es andere nicht zu interessieren und so war es auch im Gesetz verankert. Auf diese würde ich mich jetzt stützen.
Einen Augenblick wirkte sowohl König als auch Prinz überrascht. „Das stimmt“, fing Prinz Alomis an: „Die Verwandlung sowie das Leben, welches man als Mensch lebte, ist Sache zwischen Meister und Schützling. Allerdings…“
„… möchtet ihr eure Meister-Schützling-Bindung zu einer familiären ausweiten und das betrifft nun mal die königliche Familie. Mich. Folglich haben wir genau so viel Recht auf dieses Wissen, wie dein Meister“, vervollständigte der König rau.
Mein Griff um Xelus’ Hand wurde so schwach, dass er sie festhalten musste, um sie an Ort und Stelle zu halten. Kalter Schweiss glänzte auf meiner Haut. Und die Haltung, eben noch von Selbstsicherheit nur so strotzend, sank schneller in sich zusammen als sie entstanden war. Woher ich auch meinen Mut genommen hatte – er war verflogen. Was machte ich jetzt? Anlügen konnte ich die beiden nicht. Oder … die drei. Keiner wusste davon. Auch nicht mein Vampirvater. Nur … Hauptmann Emil hatte geraten. Dieser Mann hatte nur geraten und doch so viel gewusst! Wenn der König also noch mächtiger war, wie viel würde er richtig raten? Wie viel wusste er bereits? Mein Blick glitt zu Xelus hinüber. Was wusste er? Hatte er deswegen nie näher nachgefragt? Weil er schon ganz genau wusste, was geschehen war? Ich räusperte mich. Meine Kehle fühlte sich trocken an.
Alomis deutete mit schwachem Lächeln auf die Tasse vor mir. „Emil berichtete, dieser hier hätte dir vorzüglich geschmeckt.“
Hauptmann Emil hatte also Bericht erstattet. Wohl nicht nur über Tee. Somit … wussten sie schon zu viel. Mit zitternden Händen griff ich nach der Tasse. Vielleicht war es das letzte, was ich zu mir nehmen würde, ehe sie mich in den Kerker sperrten. Noch einmal etwas Warmes zu sich zu nehmen, konnte nicht schaden. Ich blies, setzte die Tasse an und nippte daran. Ich war mir der drei roten Augenpaare, die allesammt auf mich gerichtet waren, mehr als bewusst. Ebenso der Dreistigkeit, die ich im Begriff war, zu tun. Vorsichtig setzte ich die Tasse ab. „Verzeiht. Majestät.“ Ich blickte auf. Direkt in des Königs schmaler gewordene Augen. „Aber diese Antwort möchte ich Euch nicht geben.“
Die tiefroten Augen starrten mir leicht zusammengekniffen entgegen. Wieso ich den Mut aufbrachte, ihn noch immer anzusehen? Wo meine Angst blieb? Das wussten nur die Götter. Schliesslich wandte der König seinen Blick von meinem ab. „Xelus?“ Allein dieses Wort, ausgespuckt und herausgepresst durch zusammengepresste Zähne, zeugte von einem gefährlich kurzen Geduldsfaden.
Xelus schluckte. „Dazu kann ich Euch bedauerlicherweise nichts sagen, mein König“, erklärte dieser jedoch und wies damit die Aufforderung des Königs damit von sich.
Der König knurrte bedrohlich, doch noch ehe er Xelus drohen konnte, sprach ich: „Er widersetzt sich Euch nicht, mein König.“ Stoisch entgegnete ich des Königs Blick, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. „Er kann Euch schlichtweg nichts dazu sagen, weil er nichts darüber weiss.“
Die Augen des Königs weiteten sich bei diesem Geständnis unmerklich. Doch kaum hatte ich mich versehen, hatte sich der König erhoben, war um den kleinen Tisch herumgelaufen und hatte sich vor mir aufgebaut.
In diesem Moment überkam mich eine innere Ruhe, wie ich sie schon länger nicht mehr gespürt hatte. Bei Xelus neben mir schien die Anspannung hingegen deutlich zu steigen. Seine Hände begannen zu zittern, auch wenn er es zu verstecken suchte, und über seine Lippen drang ein überfordertes Keuchen. Ein Blick zu Alomis, dem es nicht anders erging als meinem Vampirvater, bestätigte mir, woher meine Ruhe kam. Denn ich war nicht normal. Irgendetwas musste bei meiner Verwandlung schiefgelaufen sein, zweifellos. Und während die vampirische Machtausstrahlung des vermutlich mächtigesten Mannes Glymdraths den Raum zum Vibrieren brachte und auch mein Körper vor ihm krampfte und augenblicklich kapitulierte, überflutete eine kühle, entspannte Klarheit meinen Geist.
Die Stimme des Königs hatte eine unheimliche Tonlage angenommen, als er mehr knurrend als redend sprach: „Wer hat dich verwandelt, Weib?“
Meine Lippen drückten aufeinander, bis sie weiss waren wie Schnee. Doch nicht etwa, weil ich Angst gehabt hätte, sondern viel mehr, weil mich der Kosenahme drohte, zur Weissglut zu bringen. Der König wusste, dass es nicht Xelus war, der mich verwandelt hatte. Aber was hatte ich erwartet? Dass der König, Herrscher über drei Ländereien, nicht eins und eins zusammenzählen könnte? Zudem sowohl Hauptmann Emil als auch Hauptmann Tadurial ihm mit Sicherheit davon berichtet hatten!
Der besorgte, flehende Blick meines Vampirvaters brannte mir ein Loch in den Schädel. Ich konnte die Worte, die er mir jetzt gern sagen würde, förmlich hören. Ein Flehen darum, endlich mit der Sprache rauszurücken. Aber war ich schon so weit? Die ruhigen, kühlen Wogen – die ganz im Gegensatz zu der aufgehitzten Athmosphäre hier im Raum standen – bereiteten mir die Möglichkeit, klar zu denken. Mit dem heutigen Tag lag es einen vollen Mond zurück. Meine Flucht. Meine Wandlung. Fünfzehn Tage, die schneller vergangen waren als ein Vogel fliegen könnte.
Mein Blick glitt zu Xelus und war entschuldigend. Ich mochte ihn wirklich gerne. Als Vater. Als Freund. Als Mentor. Noch nie hatte ich zu einer Person so viel Vertrauen gefasst, dazu noch in so kurzer Zeit. Aber zu verlangen, dass ich meine Vergangenheit offenbarte? Meine Geschichte? Mein Leid? Die ganzen Schmerzen, die ich erlitten hatte, mit jemand anderem teilen? Mich auf diese Weise öffnen? Es war gleichbedeutend damit, sich unbewaffnet vor eine Armee mit bis an die Zähne bewaffneten Soldaten zu stellen und alleine gegen sie anzutreten. Es war idiotisch. Eine grössere Angriffsfläche gab es für mich nicht. Ich stünde mit offenen Armen da, sodass man mit dem Schwert auch ja nicht verfehlen konnte!
Mein Blick glitt zum König zurück, der noch immer, bis aufs Äusserste von meiner Dreistigkeit gereizt, vor mir stand und den Eindruck machte, er würde nicht zögern, mir in wenigen Momenten den Hals umzudrehen. Wie hatte die Situation nur so ausser Kontrolle geraten können? Mir ging es nicht gut. Mein Körper fühlte sich unfassbar erschöft an.
„Gut“, sprach mein Mund und am liebsten hätte ich lautstark protestiert. Aber mein ganzer Körper schien mir nicht mehr zu gehorchen. Was um alles in der Welt hatte ich mir bei diesem Wort nur gedacht? Das war doch alles nicht real! „Aber ich erzähle es nur Euch, Majestät“, gab ich meine Voraussetzung mit besonnener Stimme kund. Einzig ein Keuchen entfleuchte meinen Lippen – ein Zeichen der Erschöpfung meines Körpers. „Und ich setze voraus, dass meine Geschichte auch bei Euch bleibt.“



































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