Kapitel 36 – Es reicht
Kapitel 36 – Es reicht
Aurelie
Nachdem der miesepetrige Fürst des Nordens uns verlassen und wir uns alle wieder etwas beruhigt hatten, fragte ich Emili neugierig: „War das vorhin eine Vorhersage, oder hast du ihn nur getriezt?“ Immerhin hatte sie das ‚sehen‘ in ihrem Satz deutlich betont, als sie meinte, sie würden sich morgen wirklich wiedersehen. „Also falls dem so sein sollte, tust du mir jetzt schon leid“, gluckste ich schmunzelnd.
„Wir werden morgen zusammen stoßen. Wortwörtlich. Ich konnte leider nur nicht erkennen, wo.“ Sie schmunzelte. „Er wird zurückweichen, als wäre ich giftig.“
„Vorhersage?“, fragte Lady Imani neugierig und nahm wieder eins der Häppchen.
„Ach …, nun, wisst Ihr, Emili ist zwar ein Mensch, aber irgendwie …“ Die Augen zusammengekniffen, sah ich zu Emili. Ihre Andersartigkeit war nichts, worüber ich so offen sprechen sollte. Zudem es nicht mir oblag, ihre Geheimnisse zu lüften.
„Ich bin anders. Ich sehe Dinge, so wie es auch bei Fürst Kretos der Fall ist. Deswegen bin ich auch hier. Nur leider will er mich nicht beachten.“ Emili seufzte tief und löffelte den Rest ihrer Suppe aus.
„Er beachtet niemanden“, meinte Lady Imani traurig. „Wahrscheinlich hat er wirklich nur zehn oder zwanzig Wörter mit mir gewechselt. Und sie waren wirklich sehr einsilbig. Ja. Oder nein.“
Irina beugte sich vor. „Warum hat er der Verlobung zugestimmt, wenn er offenbar nicht heiraten will?“
Lady Imani hob ratlos die Schultern.
„Habt Ihr vielleicht Lust, die Vampirfähigkeiten mit mir gemeinsam zu üben? Ich bin noch nicht dazu gekommen. Und Cyrus hat sich weniger für meine Ausbildung, als mehr dafür interessiert, dass ich …“ Ich seufzte. Schlussendlich hatte er genau das bekommen, was er die ganze Zeit angestrebt hatte. Aber ich würde ihm dieses Kind nicht geben! Nur über meine verrottende Leiche!
„Sehr gerne, Majestät. Ich weiß, Kretos trinkt nicht mehr von Menschen, daher werde ich das wohl nie lernen. Aber die anderen Dinge … Hören, riechen, schmecken oder so schnell zu laufen… Das interessiert mich sehr.“ Sie lächelte zaghaft. „Ich bin nur leider sehr ungeduldig.“
„Ich … trinke auch nicht von Menschen. Beim Versuch sind schon ein paar gestorben“, gestand ich und kratzte mich verlegen am Nacken. „Ich habe sogar versehentlich einen Vampir auf dem Gewissen. Aber andererseits … sie alle waren bereits so gut wie zum Tode verurteilt. Ich hätte nur noch die Urteile sprechen müssen. Da konnte ich auch versuchen, zu lernen, mich zu kontrollieren.“ Was für ein unschönes Thema. „Ich bin sicher, Irina kann uns das eine oder andere zeigen.“ Auch wenn ich mich mit dem schnellen Rennen noch etwas gedulden würde. Nur weil der Vater des Kindes in mir ein absolutes Arschloch war, konnte ich meine Wut nicht an dem süßen kleinen Herzschlag in mir auslassen. Ich könnte mir niemals verzeihen, wenn ich es verlieren würde.
Behutsam strichen meine Hände über meinen Bauch. Da fiel mir ein, dass sich Imani noch gar nicht dazu geäußert hatte. „Lady Imani … eine kleine Übung vorweg. Was hört Ihr, wenn ihr meinem Körper lauscht?“
Die junge Frau legte ihren Kopf schief. „Ich höre Euch atmen.“ Sie runzelte die Stirn und beugte sich eher unbewusst etwas näher zu mir. Emili hatte ein ernstes Gesicht aufgesetzt, während Irinas Mundwinkel zuckten. Ich selbst verbot meiner Mimik, mich zu verraten, und wartete geduldig ab.
Lady Imani schloss nun die Augen und wackelte leicht mit den Ohren. Dann formten ihre Lippen ein stummes ‚Oh‘. „Ein Herzschlag! Das habe ich noch nie gehört!“ Sichtbar erleichtert öffnete sie ihre Augen wieder und lehnte sich zurück. Ein Lächeln erschien auf ihren Lippen, als ihr Blick zu Emili zuckte. „Hier auch! Deutlich schneller!“
„Hört noch einmal genau hin. Da ist mein Herzschlag, das ist richtig. Er ist deutlich langsamer als der eines Menschen. Was hört Ihr noch?“
Ihre Zunge glitt langsam über ihre Lippen. Nur zögernd beugte sie sich wieder näher zu mir hin. Diesmal schloss sie sofort die Augen. Ihr Gesicht wurde ernst, beinahe nachdenklich.
Lange war es still. Selbst Emili aß nicht mehr. Nach wenigen Minuten seufzte die Vampirin leise. „Ich höre viele Geräusche. Mehr als vorher. Das Feuer, das im Kamin brennt, der Wind, der sich gegen das Fenster drückt. Sogar leise Stimmen und Schritte. Ich höre die Herzschläge von Euch und den … Zofen. Aber … ich weiß nicht, was ich noch hören soll.“
„Irina ist keine Zofe, sondern ein Grigoroi und meine rechte Hand. Aber sie hat keinen Herzschlag mehr. Wie viele Herzschläge habt Ihr gehört?“, leitete ich sie an. Ich war zugegebenermaßen überrascht, wie schlecht ausgebildet ihre Sinne waren. Hatte ich da einen Vorteil aufgrund meiner Abstammung? Oder weil meine Reife erst so spät eingesetzt hatte?
„Nun, drei. Nein, vier. Mein Herz schlägt ja auch.“ Sie hob den Blick und sah zwischen mir, Irina und Emili hin und her. Rötliche Flecken bildeten sich auf ihre Gesicht. „Aber es fällt mir schwer zu sagen, woher diese Geräusche kommen. Das mit dem Feuer oder dem Fenster war einfach … Aber wir sitzen hier so nah beieinander …“
„Vier also. Ihr macht das gut, Imani“, ermunterte ich. „Emili hat einen Herzschlag. Ihr und ich einen langsameren. Damit wären wir bei drei. Irina hat keinen. Was schließt Ihr daraus?“
Ihr Blick ging suchend umher, um dann an der Tür hängen zu bleiben. „Uns belauscht jemand?“ Sie wurde ganz blass, schüttelte dann aber sofort den Kopf. „Nein, ich glaube, das könnte ich nicht hören. Oder versteckt sich hier im Raum jemand? Kann das sein, dass diese Person sehr aufgeregt ist? Dieser vierte Herzschlag ist noch schneller als bei Emili.“
„Richtig.“ Ich schmunzelte breit. „Jemand versteckt sich. Die Person ist äußerst klein, deshalb der schnelle Herzschlag.“ Beinahe fühlte ich mich schlecht. Ich wollte sie immerhin nicht aufziehen, aber eigentlich müsste sie schon darauf kommen können. „Und jetzt die Folgefrage. Wo versteckt sich diese kleine Person, die so dreist ihre Anwesenheit verbirgt?“
Lady Imani beugte sich über den Tisch, sah nach links und nach rechts, dann weiteten sich ihre Augen. „Es kommt von Euch! Ihr habt zwei Herzschläge! Das bedeutet … Das heißt … Ihr … Ihr seid guter Hoffnung?“ Jetzt wirkte sie wieder unsicher und biss sich auf die Unterlippe.
„Das ist korrekt.“ Ich biss mir auf die Unterlippe, um nicht breit zu grinsen. „Ihr habt gerade Euren ersten Erfolg in Sachen Hören gemacht, ich gratuliere.“ Mein Blick fiel auf meinen Teller und ein gequältes Seufzen entwich mir. „Und deshalb sollte ich auch essen.“ Nur dass mir schon beim Anblick der leichten Speise schlecht wurde. Mein Magen verkrampfte allein beim Gedanken, mir Essen zuzuführen. So ging das nicht mehr weiter. Die Blase war geplatzt. Die Zeit, in der wir so tun konnten, als passten wir zusammen, war vorbei. Wenn er diese Frau fand und sie wirklich die Fähigkeit besaß, uns zu trennen, wäre ich dieses Problem immerhin bald los. Was brachte mir ein Verbundener, wenn er mich allein ließ, mir Schmerzen bereitete und sich nicht weiter für mich interessierte?
„Ich wollte gerade klingeln, damit der nächste Gang serviert wird.“ Lady Imani lächelte breit, sprang auf und eilte zu der Glocke am Fenster. Diese läutete sie, woraufhin wenig später Diener in den Raum traten, die benutzten Teller mitnahmen und den nächsten Gang servierten.
Lady Imani setzte sich wieder und sah mich freudestrahlend an. „Es ist ein Wunder! Ihr seid ja auch nicht viel älter als ich es bin. Meine Mutter war beinahe eintausend Jahre alt, als ich endlich geboren wurde!“
„Ja, es ist zweifellos ein Wunder“, stimmte ich zu und dachte dabei an die unnatürliche Hitze, die ich während des Balles empfunden hatte. Die Nacht zuvor hatte ich damit verbracht, Ignis-Roburs Ei höchstpersönlich zu umklammern. Und ich konnte mich nicht so recht entscheiden, ob ich für dieses Wunder jetzt dankbar sein oder den Göttern zürnen sollte.
Gequält sah ich von dem zart gebratenen Rindsstück auf meinem Teller auf. Emilis Blick traf und schollt mich. Ist ja gut …, brummte ich in Gedanken, griff nach dem noch komplett unbenutzten Besteck und begann lustlos, ein Stück des Fleisches abzuschneiden. Es war hervorragend gewürzt. Schmeckte grandios und war innen noch halbblutig. Eigentlich war es perfekt.
Lady Imani und Emili aßen mit gesundem Appetit. Irina füllte sich ein neues Glas mit Blut. Zum ersten Mal an diesem Abend griff auch Lady Imani nach ihrem Glas und probierte einen Schluck, verzog jedoch regelrecht angeekelt das Gesicht. „Ich hoffe, ich gewöhne mich irgendwann daran. Es schmeckt so scheußlich!“
Meine Augenbrauen hoben sich bei dieser Aussage. Ich hatte noch nie von einem Vampir gehört, der Blut nicht mochte. Und ich war schon als Kind ganz scharf darauf gewesen …
Die Tage vergingen. Ich zwang mich zu essen. Kretos lief ich kaum über den Weg, was damit zusammenhängen könnte, dass ich mich wirklich kaum aus dem Bett bewegte. Dafür hatte sich mein Bett in einen Schreibtisch verwandelt. Mithilfe einer Holzunterlage machte ich Notizen, antwortete auf Korrespondenzen und schrieb an den Inneren Rat. Dieser hatte Nachricht gesendet, wie es momentan im Goldenen Reich lief. Und so weit schien alles zu klappen. Es gab keine größeren Probleme, lediglich kleine Aufstände und Unruhen, zu denen es bei einer gewissen Größe an Menschen, die miteinander lebten, eben immer kam.
In meinem Rückschreiben konnte ich nicht mehr tun, als den Rat in seinem Tun zu bekräftigen. Mit Targes und Gilead war ich mir sicher, dass meine Interessen im Rat zur Genüge vertreten wurden.
Klammheimlich schlich ich mich aus meinem Bett, schüttelte meine Hand aus und ging ein paar Schwertübungen ohne Schwert durch. Das Bett war ja ganz bequem, aber ich war nun mal niemand, der den ganzen Tag untätig herumliegen konnte.
Es klopfte an der Tür. Ich erstarrte in meiner Bewegung und rief meinen Besucher stirnrunzelnd herein.
In eine weiße Weste gehüllt, betrat Kretos meine Gemächer. Er sah sich kurz um und rümpfte die Nase, ehe mein Blick an mir hängenblieb. Seine Mimik war kühl, seine Augen völlig ausdruckslos. „Guten Tag“, sprach er knapp und blieb zwei Meter vor mir stehen. Die Hände verschränkte er hinter seinem Rücken.
„Fürst Kretos?“ Ich blieb stehen und ignorierte meine eigentliche Liegepflicht. „Was verschafft mir die Ehre?“
„Habt Ihr schon eine Nachricht von Eurem Gatten erhalten? Wisst Ihr, wann er wieder da ist?“
„Nein“, antwortete ich einsilbig und bei Erwähnung meines Gatten ebenso kalt wie der Fürst.
„Die Zeit wird knapp“, murmelte er gedankenverloren, jedoch sichtlich besorgt. Sein Blick glitt zum Fenster. „Vielleicht reicht es, wenn Ihr allein zurückreist.“
„Nicht solange diese Bindung noch intakt ist.“ Sollte diese Frau uns trennen können, würde es nur noch länger dauern, wenn sie erst noch ins Goldene Reich reisen müsste.
„Bindung? Cyrus wollte doch aber die Hexe herschaffen, um sich zu vergewissern, dass diese Schwangerschaft gut verläuft? Allerdings fürchte ich, wir müssen das Risiko eingehen, das Kind zu verlieren.“
Wütend kniff ich die Augen zusammen. „Ich wüsste nicht, was Ihr dabei mitzuentscheiden hättet, Kretos. Das ist mein Kind. Und Cyrus hat keine Ahnung, was er will, aber ich bin es ganz sicher nicht, also wird die Hexe uns auch trennen, wenn sie hier ist. Dann kann er zurück ins Goldene Reich und regieren, so wie er es schon immer wollte.“ Wollte er wirklich mich, hätte er sich anders verhalten. Und wäre nicht gegangen.
Kretos schüttelte den Kopf. „Es spielt keine Rolle, was Ihr wollt. Oder was ich will. Die Schatten werden größer.“ Seine Hand glitt fahrig über sein Gesicht, nur um direkt danach wieder hinter seinem Rücken zu verschwinden. „Ihr müsst zurück ins Goldene Reich. Sonst werden diese Schatten das Land in Blut tränken.“
„Wisst Ihr was?“ Zornig ging ich einen Schritt auf ihn zu. „Ihr könnt mich mal! Und das Reich auch! Cyrus wollte es, er kann es behalten! Und Ihr!“ Noch ein Schritt; mein Zeigefinger war drohend erhoben. „Ihr sprecht andauernd vom Weltuntergang! Wieso predigt Ihr das nicht einmal jemand anderem? Soll sich ein anderer darum kümmern!“ Ich drehte mich um und ging zurück zum Bett. „Ihr könnt gehen“, warf ich gefrustet hinterher.
„Nein! Ihr müsst mir zuhören!“ Wo er vorher noch einen halben Schritt zurückgewichen war, kam er nun wieder auf mich zu. „Ich sah in meinen ersten Visionen ein starkes, reiches und blühendes Land. In Wohlstand, von Vampiren wie auch Menschen friedlich bewohnt! Daher habe ich Cyrus auch unterstützt. Aber nun sehe ich nur noch Tod. Nur noch Blut. Überall ist Zerstörung und so…so viel Leid!“ Seine Stimme wurde zum Ende hin immer leiser. „Ihr dürft das nicht ignorieren. Es ist Euer Land. Euer Volk!“
Ich drehte mich um. „Das Volk, das versucht hat, mich umzubringen, und das Land meiner Vorväter, die mich zur Sklavin gemacht haben! Ich versprühe gegenüber keinem davon Verantwortung!“ Lüge. „Sucht Euch einen Helden im Volk, lasst ihn krönen, mir ist es egal, Kretos! Ich will ein ruhiges Leben mit meinem Kind. Weit weg von Intrigen, Lügen und solchen Missständen. Ich habe keinerlei Ambition, mein Leben lang gegen ein Volk anzukämpfen, das mich nicht als Königin will. Und noch weniger Ambition, den Rest meiner Tage gegen einen Mann zu kämpfen, der sich nicht entscheiden kann, ob er mich denn will oder nicht!“ Meine Stimme hatte ihre Stärke restlos verloren, während meine Hand ihren Weg zu meinem Bauch gefunden hatte. „Einmal will er uns, die nächste Sekunde will er nichts lieber, als uns zu verlassen! Folter, Kerker, Entführung, Vergewaltigung, denkt Ihr nicht, es reicht langsam?!“ Zwar hatte ich meine letzten Worte wieder deutlich lauter ausgesprochen, allerdings waren sie nicht mehr an den Fürsten hinter mir gerichtet. Mein Gesicht hatte ich, verzogen zu einer Fratze aus Wut, zur Decke hin gerichtet; mein Atem ging schwer. Leise aber bestimmt sagte ich: „Es reicht.“
Ich ging zu meinem Bett hin, schlüpfte unter die Decke und ignorierte den mittlerweile stumm gewordenen Fürsten in meinem Rücken. Sollte er sich jemand anderen suchen. Jemanden, der noch Kraft übrig hatte. Jemand, der keine Angst um das ungewisse Leben in seinem Bauch hatte. Sollte er sich doch einfach zu den Göttern scheren. Immerhin war das alles deren Schuld.

























































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