Kapitel 36 – Untat
Kapitel 36 – Untat
Cyrus
Wie erwartet sprang Ashur bei meinen Worten auf. Überraschend schnell, wie ich mit einer gewissen Besorgnis erkannte. Aber schon nach dem ersten Schritt fing er an zu straucheln und stürzte zu Boden.
Ich genoss es, ihn auf dem Boden kriechen zu sehen. Mehr, als ich gedacht hätte. War ich deswegen ein schlechter Vampir? Nein, wahrlich nicht. Auch wenn ich bedingt durch die letzten Ereignisse immer stärker an der Rechtschaffenheit meiner Handlungen zweifelte.
„Sag mir, Ashur, was hast du damals mit Balin getan?“, fragte ich.
„Was?“, fragte der ehemalige Kronprinz irritiert.
„Balin! Die Siedlung, die ich vor drei Jahren an das Goldene Reich abgeben musste! Der Fluss wurde niemals umgeleitet, wie behauptet. Ich war dort, Ashur! Ich war dort!“ Meine Stimme wurde immer lauter, während ich die Bilder wieder vor meinem inneren Auge sah. „Die Menschen wurden abgeschlachtet und die Häuser und Felder niedergebrannt!“
Ashur lachte leise, fing aber kurz darauf an zu husten. „Ist das alles, was dich interessiert, falscher König? Lässt du mich nur deswegen am Leben?“
„Oh, nicht nur deswegen. Vielleicht warte ich noch etwas, bis ich dir den Tod gönne. Bis dahin werde ich dir regelmäßig berichten, wie gut deine kleine Schwester im Bett ist.“
„Asha gehört mir! Sie gehört nur mir! Du verdammter Verräter hast sie nicht verdient!“
„Der Gewinner nimmt sich, was er will. Wobei es Aurelie war, die meine Nähe gesucht hat. Sie hat sich mir regelrecht angebiedert.“ Gedanklich wanderte ich kurz zu dem Kuss und musste darüber fast den Kopf schütteln. „Eine wirklich flinke und geschickte Zunge hat sie da.“
„Dazu hattest du kein Recht! Sie ist meins!“, knurrte Ashur und rappelte sich umständlich auf. Seine Augen funkelten mich voller Wut und Hass an. Allerdings erkannte ich noch etwas in seinen Augen, und seine Worte bestätigten dies. Für ihn war nicht verwerflich, dass Aurelie oder ich diese Dinge getan hatten, obwohl sie noch ein Kind war. Nein, seine Wut gründete darin, dass sie es mit mir tat. Für ihn war sie nur ein Gegenstand. Ein Spielzeug, das er besitzen wollte.
„Genug von Aurelie. Zurück zu Balin. Warum habt ihr diese Siedlung vernichtet? Es bestand nach ihrer Zerstörung doch gar keine Notwendigkeit mehr, sie dem Goldenen Reich einzugliedern. Was ist dort geschehen?“ Er log mich an. Irgendetwas verschwieg er mir.
Ashur fing an, zu lachen. Zuerst nur leise, aber es wurde immer lauter und lauter, bis sein Lachen von den Wänden widerhallte. „Balin beherbergte Verräter und musste vom Erdboden getilgt werden!“, knurrte Ashur und fing kurz darauf wieder an, zu lachen. „Die Männer haben wir abgeschlachtet, die Kinder versklavt und die Frauen geschändet. Die meisten von ihnen wurden ebenfalls versklavt.“
Ich entfernte mich von der Zelle. Verräter? Welche Art von Verrat rechtfertigte ein solches Massaker? Vorerst hatte ich genug erfahren. Noch war Ashur nicht verzweifelt genug. Noch war er nicht schwach genug. In seinem aktuellen Zustand war noch zu viel Stolz, Trotz und Wut. „In ein paar Tagen komme ich wieder. Immerhin habe ich Wichtigeres zu tun. Aurelie wartet auf mich.“
Während ich den Kerker verließ, hörte ich Ashur schreien und brüllen, wie ein kleines Kind, dem man die Muttermilch verweigerte. Wenn ich ihn in diesem Zustand und mit diesen Informationen noch ein paar Tage im Kerker ließ, würde er bald anfangen zu singen. Falls nicht, musste ich anderweitig nachhelfen.
Im Flur angekommen, atmete ich tief durch. Es war erst Mittag, daher setzte ich mich wieder ins Arbeitszimmer und schrieb neue Briefe. Unter anderem an den Baumeister. Ich wollte die Pläne dieses Schlosses sehen. Wenn es schon einen geheimen Harem gab, dann stimmten vielleicht auch die Gerüchte, was die geheime Schatzkammer anging.
Nachdem die Sonne untergegangen war, besorgte ich mir etwas zu essen. Und ich fand eine Dienerin, die bereit war, mir ein wenig Blut zu geben. Nur ein paar Schlucke. Genug, um für die Nacht gestärkt zu sein. Die Stunden bis Mitternacht vergingen nur zäh und ich ertappte mich dabei, dass ich die Aktion absagen wollte. Ich könnte diese Kinder auch einfach in mein altes Land verbannen. Aber dann würden sie in einigen Jahrzehnten, sobald sie ihre Reife durchlaufen hatten, zurückkehren und mir den Thron streitig machen.
Ich ging auf den Balkon hinaus, blickte hinauf in die Sterne und sah zu meinem Leitstern. Er schimmerte so blass am Himmel, dass ich ihn kaum sehen konnte. Sollte dies ein Zeichen der Götter sein? Der rote Leitstern Ignis-Robus hingegen strahlte in kräftigem Rot. Und auch die anderen Sterne konnte ich nach kurzer Zeit ausmachen. Vide-Ludoris strahlte in reinem Weiß im Norden, Vitas-Ulcus lag im Süden und leuchtete in einem satten Grün. Nur im Osten schwächelte mein Stern. Ob es daran lag, dass dieses Fürstentum aktuell keinen Fürsten mehr hatte? Fühlte sich mein Gott von mir verraten, weil ich nun so nah an Ignis-Robur war?
Seufzend verließ ich den Balkon, nicht aber, ohne einen Blick auf den See vor dem Schloss geworfen zu haben, dessen Oberfläche vom Mond angeschienen wurde und doch beinahe schwarz wirkte. Zurück im Schlafzimmer zog ich mich um. Einfache, zweckmäßige Kleidung. Ich nahm meinen Schmuckdolch an mich. Den würde ich nicht mehr hier liegen lassen.
Als ich auf den Flur trat, waren bereits Leeander, Timmok und zwei andere Grigoroi da, die zu meiner persönlichen Garde gehörten. Ich hatte im Laufe der Zeit einige Grigoroi erschaffen. Und natürlich fremde Grigoroi auf meine Seite gezogen. Von denen würde mich aber heute keiner begleiten, geschweige denn, jemals davon erfahren. Wir suchten die geheime Tür auf und gingen wir hinunter in die versteckt gelegenen Räume. Wie erwartet, war alles still. Noch. Ich lauschte in die Stille hinein und erkannte, dass vier der fünf Zimmer als Schlafzimmer dienten. Lautlos teilte ich meine Grigoroi mit Handzeichen auf. Wir schlichen in die Schlafzimmer und dann geschah alles schnell, beinahe gnädig und effizient. Die Grigoroi hielten die Frauen fest, knebelten sie und drängten sie zusammen. Und ich … tötete die Kinder. Ich wollte ihnen unnötiges Leid ersparen. Ein kurzer, kraftvoller Ruck an ihrem Hals genügte. Das Brechen ihres Genicks klang unnatürlich laut und nachdem diese schreckliche Tat begangen war, musste ich darum kämpfen, mich nicht zu übergeben.
„Die Frauen bleiben hier. Sie werden heimlich von euch versorgt“, wies ich meine Männer an und griff die leblosen Körper der Kinder. Ich ersparte den Frauen diesen Anblick und verließ die Räumlichkeiten wieder. Nur Leeander folgte mir. Die anderen Grigoroi würden bei den Frauen bleiben und ihnen Angst machen, damit sie nicht um Hilfe schrien. Ich wollte nicht wissen, ob man sie hören könnte.
Im Schutze der Dunkelheit verließen wir unbemerkt das Schloss. Lee hatte mir einen toten Körper abgenommen, und wir rannten in die naheliegenden Wälder. Allerdings blieb ich nach einem kurzen Moment stehen und drehte mich einmal im Kreis. „Gehen wir zum See und versenken die Leichen dort.“
Lee kräuselte die Stirn. „Wäre es nicht einfacher, sie im Wald auszusetzen, damit wilde Tiere sie reißen?“
„Nein. Das ist nicht garantiert. Und selbst wenn Tiere darüber herfallen, können die Körper noch gefunden werden. Und wenn die Leichen von drei Vampirkindern gefunden werden, wird das ganze Land aufschreien.“
Er nickte nachdenklich. „Also im See“, bestätigte er.
Wir schlugen den Weg zum See ein und fanden ein Fischerboot. Dort legten wir die Körper ab und fuhren in die Mitte des ruhig in der Dunkelheit daliegenden Gewässers. Ich sprang hinein. Leeander reichte mir den ersten Körper und ich tauchte damit bis zum Grund des Sees. Dort fixierte ich den Körper mit schweren Steinen. Mir ging beinahe die Luft aus, bevor ich wieder auftauchte. Als ich nach dem zweiten Körper griff, sprang auch Lee ins Wasser und folgte mir. Wir beschwerten auch die anderen beiden Körper. Sollten sie irgendwann doch wieder auftauchen, wären die Leichen schon verwest und unkenntlich. Wäre der Genickbruch nicht, würde es sogar nach einem Unfall aussehen.
Als ich auftauchte, klammerte ich mich mit beiden Händen an dem Boot fest und zog mit schnellen Atemzügen die Luft in meine Lungen. Es wäre klüger, die Leichen an einem anderen Ort zu entsorgen. Aber nicht heute. Innerlich verfluchte ich mich selbst, dass ich mir darum nicht schon im Voraus Gedanken gemacht hatte. So war ich sonst nicht. Aber sonst war ich auch kein Kindermörder.
Lee tauchte kurz nach mir auf und wir kletterten umständlich ins Boot zurück. Dort blieben wir erschöpft liegen und pumpten wieder Luft in unsere Lungen.
Keuchend sprach ich: „Wir werden diese Nacht nie wieder erwähnen.“
Obwohl es Sommer war, waren die Nächte kalt. Hier im Goldenen Reich war es nachts kälter als im Fürstentum des Ostens. Entsprechend eilig liefen wir zurück ins Schloss. Dort trennte ich mich von Leeander, ging in meine Gemächer und zog die nassen Klamotten aus. Kurz überlegte ich, noch zu Carina zu gehen. Ein anderer Körper würde mich rasch aufwärmen, aber mir war gerade nicht nach Nähe, erst recht nicht nach körperlicher Nähe.
Die Sonne ging bereits auf. Aber Aurelie und Irina würden sicher erst später vorbeikommen. Bis dahin hatte ich noch ein paar Stunden Schlaf, die ich nun bitter brauchte. Nur, dass meine Gedanken an zu kreisen anfingen. Ich fragte mich, ob ich Aurelie wirklich dabei haben wollte, wenn ich Irina in eine Grigoroi verwandelte. Immerhin war die Sache nicht nur äußerst blutig. Als mein Vater damals Leeander wandelte, hatte ich nicht verstanden, warum beide dabei stöhnten. Ich hatte nicht verstanden, warum Leeander sich so seltsam wand. Ich glaubte damals, es wäre der Versuch gewesen, sich zu wehren. Ich hatte geglaubt, Leeander hätte es doch nicht mehr gewollt und dass er verzweifelt versuchte, meinen Vater davon abzubringen, es zu tun. Damals, als ich noch ein Kind war und nicht wusste, was fleischliche Lust bedeutete. Als mir noch nicht klar war, dass man nicht nur unter Schmerzen stöhnte. Ich würde mit Aurelie darüber reden müssen. Ich wollte, dass sie absolut im Bilde darüber war, was passieren würde. Und ich musste sie darüber in Kenntnis setzen, dass es nichts Romantisches daran gab, einen Menschen in einen Grigoroi zu verwandeln. All das Blut, das zu viel war, um es zu trinken, ohne sich zu erbrechen. Die Menge an Gift, die den Menschen zuerst in Ekstase versetzte und anschließend lähmte, damit das Opfer nicht weglaufen konnte.
Es hatte mich als Kind traumatisiert. Aber ich konnte Irina nicht ohne Aurelie wandeln. Nicht bei dem, was ich vorhatte. Denn die Bedenken von Aurelie hallten immer noch in meinem Geist nach. Dabei würde ich Irina nicht als Spion nutzen. Auch wenn der Gedanke wirklich verlockend war. Vor allem später, sobald Aurelie erst mal ihre Reife hinter sich gebracht hatte, wäre es gut zu wissen, wo sie sich herumtrieb. Und vor allem, mit wem. Ich versuchte mir vorzustellen, wie Aurelie wohl aussehen würde, wenn sie ihre Reife erst durchlebt hatte. Es war der letzte, stärkste Schub, bei dem sich ein Vampir veränderte. Vor allem, wenn ein Mädchen zur Frau heranreifte. Und während ich mir ausmalte, wie mein Weib in Zukunft wohl aussehen würde, schlief ich ein.



































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