Kapitel 37 – Die Reise in die Berge

Kapitel 37 – Die Reise in die Berge

 

Cyrus

Seit drei Tagen waren wir nun schon unterwegs. Die Dörfer lagen hier im Norden näher beieinander, dafür gab es, wie in den Ostlanden auch, nur wenige große Städte. Die Menschen waren hilfsbereit. Der ersten Kräuterfrau begegneten wir schon am zweiten Tag unserer Reise. Sie schickte uns weiter. Weiter in den Norden, dort, wo die Berge fast das ganze Jahr über Schnee trugen.

Elok und ich ritten abwechselnd. Ich hatte keine zwei Pferde mitnehmen wollen, auch wenn es ein Risiko barg, falls es sich verletzen und lahmen sollte. Aber so waren wir flexibler.

Es war bereits später Nachmittag, als wir am Ausläufer eines Berges ankamen. Der Weg wurde schmaler und schlängelte sich steil nach oben.

„Cyrus, hast du das gehört?“

Ich horchte. „Ein Schrei.“

Kurz darauf kamen uns zwei Reiter in vollem Galopp entgegen. Sie ritten nebeneinander, sodass es auf dem schmalen Kamm kaum Platz gab, um auszuweichen. Das Trommeln der Pferdehufen auf dem Boden ließ den Untergrund erbeben. Schon im nächsten Moment waren sie vorbei. Eine Schar von Hunden folgte ihnen.

„Was ist denn in die gefahren?“, entfuhr es Elok.

Ich sah den beiden Reitern und den Hunden nach. Gerade als ich zu einer Antwort ansetzen wollte, hörte ich wieder einen Schrei.

Elok runzelte die Stirn und nahm die Zügel. „Ich bleibe beim Pferd.“

Schon rannte ich los. Schneller, als es ein Pferd könnte. Elok würde auf dem Tier folgen. Nach einer Biegung stand ich vor dem puren Chaos. Ein Mann stand an einer Klippe. Er hielt die Zügel zweier Pferde und bemühte sich, diese von der Klippe wegzuführen. Aber an den Pferden hing eine Kutsche, die bereits den Abhang hinuntergerutscht war.

Die Pferde bemühten sich verzweifelt, die Kutsche wieder über den Abgang zu ziehen, rutschten aber immer wieder ab. Es war ein Kampf, den sie verlieren würden.

Ich wurde langsamer und näherte mich vorsichtig. Dabei griff ich zu meinem Schwert. Ein gezielter Schlag und ich könnte die Pferde von der Kutsche befreien. „Alles in Ordnung?“ fragte ich und näherte mich weiter. Vorsichtig, um die Pferde nicht aufzuscheuchen.

Der Mann, der die Pferde zurück auf den Weg ziehen wollte, sah mich panisch an. Sein Blick ging zu meinem Schwert. „Bitte, tut mir nichts! Ich bin nur ein ganz normaler Bürger!“ Sein Gesicht war völlig verzweifelt. Schweiß lief über seine Stirn und seine kurzen, rotblonden Haare klebten an seinem Gesicht.



„Das habe ich nicht vor. Aber wir müssen die Kutsche von den Pferden trennen.“

Der Mann, den ich auf Mitte dreißig schätzte, schüttelte den Kopf. „Nein! Auf keinen Fall!“

„Es ist nur eine Kutsche.“

Die Pferde rutschten wieder etwas näher zum Abhang. Und dann hörte ich es wieder. Ein Schrei. Die Erkenntnis ließ mich für einen Moment erstarren. Da waren noch Personen in der Kutsche! Deshalb versuchte der Mann so verzweifelt, die Pferde zurück auf die Straße zu ziehen! Aber die Kutsche hing bereits am Abgrund. Es würde nicht gelingen.

„Haltet die Pferde gut fest!“, wies ich ihn an und näherte mich vorsichtig dem Abgang. Es war zu tief. Aus dieser Höhe wäre ein Sturz der sichere Tod.

Stimmen klangen aus der Kutsche. Zwei Herzschläge. Ein Kind und eine Frau. Und diese Frau versuchte, das Kind zu trösten, obwohl sie selbst panische Angst hatte.

Elok näherte sich und erfasste die Situation sofort. Er legte die Zügel unseres Pferdes um einen großen Stein und näherte sich dem Mann, um mit ihm gemeinsam an den Pferden zu ziehen.

Vorsichtig beugte ich mich zu der Kutsche hinunter und öffnete die Tür. Eine junge Frau mit dunkelblonden Haaren und blauen, verweinten Augen sah mich an. „Ich bin hier, um zu helfen!“, rief ich. „Nehmt meine Hand!“ Ich könnte sie hochziehen. Aber vermutlich würde durch diesen Ruck die Kutsche mitsamt Pferden in die Tiefe stürzen.

„Rette meinen Sohn!“, flehte sie. Vorsichtig hob schob sie einen Jungen zur Tür der Kutsche. Er war ihr wie aus dem Gesicht geschnitten. Vielleicht vier oder fünf Jahre alt.

„Ich hole euch beide raus!“, versicherte ich ihr. Dann legte ich mich flach auf den Boden und schob mich weiter vor. Verzweifelt griff ich nach der Hand des Jungen. Aber es fehlten eine Handbreit. „Höher!“, befahl ich. „Hebt den Jungen höher!“

Unsere Fingerspitzen berührten sich. Aber ich schaffte es nicht, nach seiner Hand zu greifen. In dem Moment rutschte die Kutsche ein Stück ab und der Junge wäre beinahe aus der offenen Tür in die Tiefe gestürzt. Die Frau zog ihn gerade noch rechtzeitig zurück in die Kutsche. Sie weinte heftig und sah mich mit angsterfüllten Augen an.

„Gleich noch mal!“, verlangte ich und streckte meine Hand aus, doch sie schüttelte den Kopf und drückte ihren Sohn zitternd an sich. „Ich kann nicht!“



„Doch, du kannst!“ Ganz bewusst wechselte ich in die vertraute Anrede. Sie musste mir vertrauen. Sie musste mir ihren größten Schatz anvertrauen. Zeitgleich spürte ich, dass jemand meine Knöchel packte. Sofort schob ich mich noch etwas mehr über die Klippe. Elok war da, er würde mich festhalten.

Nun, wo ich zum Greifen nah war, fasste die Frau neuen Mut. Sie näherte sich wieder der offenen Tür. Mit einem verzweifelten Seufzen hob sie ihren Sohn hoch. Ich griff nach dem Jungen, erwischte seine Hand und zog ihn sofort hoch. Ich wurde an den Füßen über den Abgrund gezogen. Zurück auf die Straße. Sofort rollte ich mich auf den Rücken und drückte dabei den Jungen auf meine Brust.

In dem Moment scheute eines der Pferde und stellte sich auf seine Hinterbeine. Das andere Pferd hatte nicht mehr genug Kraft und rutschte weiter nach hinten, auf den Abhang zu.

Die Pferde konnten die Last der Kutsche nicht mehr halten. Der Mann klammerte sich verzweifelt an den Zügeln. Er konnte sie nicht loslassen. Seine Frau nicht in den sicheren Tod stürzen lassen.

Ich reagierte sofort, setzte den Jungen neben mir ab und rannte auf den Mann zu. Der Kampf war verloren. Die Frau war nicht mehr zu retten. Er würde allein für seinen Sohn sorgen müssen. Ich entriss ihm die Zügel und warf ihn zu Boden. Die Pferde wieherten laut und fielen kurz darauf rückwärts über die Klippe.

Mein Blick ging zu dem Jungen. Es saß noch an derselben Stelle, an der ich ihn abgesetzt hatte. „Elok!“, rief ich. Wann hatte ich ihn zuletzt gesehen? Wo? Suchend glitt mein Blick zum Abhang. Dort hatte er mich an den Füßen gehalten und zurückgezogen, als die Kutsche abgestürzt war.

„Bleib bei dem Jungen!“, wies ich den Mann an, der sich nun langsam aufrappelte. Im nächsten Moment rannte ich zur Klippe. Gerade rechtzeitig. Denn kaum war ich da, sah ich eine Hand, die den Rand der Klippe ergriff.

Schnell griff ich nach der Hand und beugte mich vorsichtig über die Klippe. Elok grinste mich verzerrt an, die Frau über einer Schulter hängend. „Nimm sie“, bat er mich.

Vorsichtig beugte ich mich weiter vor und bekam die Frau an ihrem Kleid zu packen. Mit der uns eigenen, unmenschlichen Kraft zog ich sie über die Klippe. Nein, eigentlich warf ich sie sogar hinter mich. Nur, um eine Hand frei zu haben und nach dem Handgelenk von Elok zu greifen.



Wenig später lagen Elok und ich nebeneinander an der Klippe und starrten hinauf in den Himmel. Die Familie hatte sich etwas weiter abseits gesetzt und umklammerte sich. Sie weinten und lachten zugleich.

„Mach das nie wieder, Elok!“, brummte ich unzufrieden.

„Ich musste es einfach versuchen, Majestät.“

„Cyrus. Lass die Titel und alles weg. Nur Cyrus, bitte.“ Das hatte ich ihm schon oftmals gesagt. Und doch kehrte er immer wieder zu den alten Umgangsformen zurück.

Wir blieben noch eine Weile liegen und verdrängten die gefährliche Situation, in der wir vorhin noch gewesen waren. Vermutlich hätten wir einen Sturz sogar überlebt. Selbst aus dieser Höhe. Aber wir hätten uns dabei mehrere Knochen gebrochen. Hätten unbeweglich am Rand des Berges gelegen. Unfähig, uns im Zweifelsfall zu verteidigen. Oder uns selbst zu versorgen. Es hätte Tage gedauert, bis die Wunden verheilt gewesen wären.

Ich setzte mich auf und sah zu der Familie. „Wir sollten weiter. Es wird bald dunkel.“

Der Mann sah auf und nickte. „Nicht weit von hier lebt meine Cousine. Wir waren bei ihr zu Besuch.“

Später saß die Frau mit dem Jungen auf dem Rücken meines Pferdes, während wir zu Fuß schweigend den Weg zurücklegten. Bevor es dämmerte, kamen wir an einem Bauernhof an. Wir wurden freundlich empfangen und gar zu einem gemeinsamen Abendessen eingeladen.

Der kleine Junge wollte nicht von meiner Seite weichen und ich genoss seine Aufmerksamkeit. Ich genoss es, dass er meine Nähe suchte. Genoss es, dass er keine Scheu vor mir zeigte. Mein Herz wurde ganz warm bei dem Gedanken, dass ich bald ebenfalls einen Sohn haben würde. Einen Jungen, mit dem ich spielen konnte und der mit mir raufen wollte.

Während Elok mit unseren Gastgebern gemütlich vor dem Kamin saß, packte ich den Kleinen und drückte ihn zu Boden, um ihn auszukitzeln. Er quietschte, lachte und zappelte. Als ich eine kurze Pause machte, wollte er seine Kraft an mir messen. „Gib auf!“, forderte der Kleine.

Ich lachte. „Selbst wenn du erwachsen wärst, würde ich dich besiegen!“, entgegnete ich lächelnd. Sein Kampfgeist imponierte mir.

Der Kleine kniff die Augen zusammen und knurrte mich an. Er zeigte seine Zähne und gab Geräusche von sich, als wolle er einen Wolf nach ahmen.



„Wie süß!“, zog ich ihn auf.

„Pah! Dann mach du das doch besser!“

Ich lachte. Der Kleine war süß. Unglaublich süß sogar. „Lieber nicht, sonst bekommst du noch Angst.“

Der Kleine schüttelte stur den Kopf. Also wagte ich es. Ganz langsam ließ ich meine Fangzähne hinaus gleiten. Darauf bedacht, sie beim kleinsten Anzeichen von Angst wieder zu verstecken. Allerdings zeigte er keine Angst, sondern Neugierde. Er hob seine kleine Hand und legte sie an meinen Mund. Mit dem Zeigefinger berührte er vorsichtig meinen rechten Fangzahn. „Tut dir das weh?“

„Nein. Gar nicht.“

Seine Faszination war ungebrochen. Noch nie zuvor hatte sich ein Mensch getraut, meine Fangzähne zu berühren. Und nur selten hatte ich mich einem Menschen so verbunden gefühlt. Ich betete zu den Göttern, dass mein Kind, unser Kind ebenso offen, neugierig und aufgeweckt sein würde. Ein Kind, das noch lange nicht auf der Welt war und trotzdem schon mein ganzes Denken beherrschte. Ich betete, dass es Nayara und dem Ungeborenen gut ging. Ich betete, dass ich bald diese weise Kräuterfrau finden würde und sie uns sagen konnte, dass alles gut werden würde.

Aber es sollte noch ganze zwei Wochen dauern, bis Elok und ich endlich wussten, wo sie lebte. Sie habe sich in die Berge zurückgezogen. Eine Kräuterfrau wies uns den Weg. Das Pferd trottete neben uns her. An einer Höhle blieb die Kräuterfrau stehen und deutete zu dem schmalen Eingang.

Verwundert zog ich die Augenbrauen hoch. „Die Königin der Kräuterfrauen lebt in einer Höhle?“

„Sie ist nicht unsere Königin“, erwiderte die Heilerin. „Sie ist nicht mal eine von uns. Nicht in diesem Sinne.“

„Ich verstehe nicht“, gab ich offen zu.

„Sie wird Euch Antworten geben. Sie wird Euch auf alles eine Antwort geben können, wenn Ihr die Fragen richtig formuliert.“

Elok und ich sahen uns einen Moment stumm an. Dann bedankte ich mich bei der Kräuterfrau, die sich mit einem schlichten Kopfnicken veranschiedete, umdrehte und alsbald schon hinter dem nächsten Felsen verschwand.

Aufgebracht fuhr ich mir durch die Haare. „Du bleibst beim Pferd“, sprach ich zu Elok und ging allein auf den schmalen Spalt zu. Vermutlich der Eingang einer Höhle. Ich quetschte mich hindurch, tat vorsichtig einen Schritt nach dem anderen. „Ist hier jemand?“ Meine Stimme hallte von den Wänden wider.



Nach einigen Schritten hörte ich einen Herzschlag. Einen schwachen, aber gleichmäßigen Herzschlag. „Wer ist da?“ Die Stimme der Frau klang alt und gebrechlich.

„Ich bin König Cyrus aus dem Geschlecht des Ora-Fides, Herrscher des Goldenen Reiches“, erklärte ich. „Ich bin hier…“

„Ich weiß“, unterbrach mich die alte Frau. „Bring mich zu deiner Verbundenen.“

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