Kapitel 37 – Irinas Verwandlung

Kapitel 37 – Irinas Verwandlung

 

Aurelie

Der Spaziergang durch die Gärten und das eigentlich zugehörige, aber ausbleibende Gespräch, waren das reinste Desaster. Die Stille umgab uns wie dichtes, dämpfendes Wasser. Doch je weniger ich sagte, desto mehr war ich damit beschäftigt zu denken. Ich hätte wirklich Tante werden können. Ich könnte noch ein kleines bisschen Familie haben. Eine Erinnerung an meinen Zwilling. Stattdessen hatte ich mich dazu entschieden, den König anzulügen und Irina so das Leben zu retten. Das Kind hätte nicht überlebt, versuchte ich mir einzureden. Und wenn doch … unter welchen Bedingungen? Irina wäre gestorben. Also hieß es Familie … oder Familie. Nur was wog schwerer?

Ich hielt den Kopf gesenkt, meine Gedanken rasten. Die Bäume und Büsche zogen an uns vorbei und keiner sprach auch nur ein Wort. Im Kerker hatte ich Irina gesagt, dass es nicht ginge. Es war gegen das Gesetz! Ein Kind absichtlich zu verlieren, war verboten! Einem Vampirkind Schaden zuzufügen erst recht! Aber dann war da diese Stimme! Diese unglaublich nervtötende Stimme! Er hatte mir vorgeworfen, selbstsüchtig und ignorant zu sein! Dass ich nur an mich denken würde! Aber das wollte ich nicht! Das war das absolut Letzte, was ich sein wollte!

Doch nachdem ich nicht zu mehr fähig war, als die Gesetzeslage wiederzugeben, hatte sich Irina verletzt abgewandt und kein Wort mehr mit mir gesprochen. Ich hatte nicht überlegt. Ich war in dem Moment nicht fähig dazu gewesen, mich in sie einzufühlen. Ich war genau so gewesen, wie mir das mein Gemahl vorgeworfen hatte. Also war ich dagesessen, hatte mich an die kalte, mir bereits so unglaublich vertraute Kerkerwand angelehnt und überlegt. Wenn er erführe, dass sie schwanger war, würde er sie nicht wandeln. Aber wenn sie überleben sollte, musste sie gewandelt werden. Oder sonst irgendwie dieses Kind verlieren. Aber es war unschuldig. Und einem Unschuldigen durfte man nicht schaden …!

Schließlich war er zurückgekommen und hatte eine Entscheidung verlangt. Ich wusste nicht sicher, wie lange wir da gesessen hatten. Im Kerker konnten Minuten schnell zu Stunden anschwellen. Und Stunden zu Tagen. Tage zu Wochen und so ging es weiter. In diesem düsteren, stinkenden Loch gab es nichts, um sich zu orientieren. Doch als er zurückkam, hatte sich der Sturm, der in meinem Kopf entfesselt worden war, noch lange nicht gelegt. Und so kam meine Entscheidung instinktiv.



Ulras bemerkte ich erst, als Irina mich stehen ließ und in eines der früheren Sklavenquartiere huschte. Sie bat mich, sie allein zu lassen. Und ich wusste nicht mehr weiter. Wir waren den ganzen Tag schweigend durch Gänge, Gärten und Räume gelaufen, sodass mir schon die Füße schmerzten. Also blieb ich einen Moment unschlüssig stehen, als Ulras auch schon neben mir stand. Instinktiv spannte ich mich an. Sein Blick auf mir war noch immer mit Gier gefüllt – wieso auch nicht. Ich war ja nur seine Königin. Aber das war ihm egal. Und ich fühlte mich auch nicht wie eine Königin. Wer würde denn schon auf mich hören? Wenn ich etwas wollte, musste ich darum bitten, flehen oder verhandeln.

Die Spannung zwischen Ulras und mir steig. Ich stand in diesem Gang und wusste nicht so recht wohin. Noch weniger traute ich mich, ihn anzusprechen. Das wollte ich auch nicht. Aber ich wollte, dass er ging. Nur würde er sicher nicht darauf hören, wenn ich es ihm befahl. Schlussendlich drehte ich mich ohne ein einziges Wort um und schlenderte zu den königlichen Gemächern hoch, Ulras dicht auf den Fersen. Doch als ich mein altes Kinderzimmer erreichte, war da nichts mehr. Es war eine einzige Baustelle. Traurig schüttelte ich den Kopf. Ulras hinter mir gluckste, was mich dazu verleitete, mich anzuspannen.

„Was?“, fuhr ich ihn an und drehte mich wütend herum.

„Das wird ein königliches Spielzimmer. Für eine der Geliebten des Königs. Oder glaubst du etwa, er will dich?“ Ulras drängte mich weiter in mein altes Zimmer hinein. Mich nach allen Seiten umsehend, ging ich rückwärts weiter in den Raum. Ich war allein. „Sieh dich doch nur an. Deine kurzen, struppigen Haare, dein Körper. Deine Haut ist voller Narben und du hast ja nicht mal Brüste.“ Er drängte mich immer weiter zurück, bis ich mit meinen Waden gegen eine große Holzkiste stieß. „Der König hat kein Interesse an dir. Du bist nur da, um für ihn schwanger zu werden. Sag, hattest du überhaupt schon deine Blutung?“

Meine Beine knickten ein und ich fiel auf die Kiste. Dabei schüttelte ich den Kopf. „Wieso sollte ich? Ich bin noch nicht durch die Reife!“, gab ich in schwachem Protest von mir, zog aber augenblicklich den Kopf ein, als er noch einen Schritt weiter auf mich zukam. Hastig blickte ich mich um, auf der Suche nach einem Ausgang, nach einem Fluchtweg, oder nach jemandem, der mir helfen könnte. Aber wir waren allein. Hier war niemand, der mir zur Hilfe hätte eilen können.



„Na, ist auch einerlei. Mich interessiert gerade vielmehr, ob du noch eine Jungfrau bist.“ Ein grausiges Grinsen offenbarte Ulras‘ Fangzähne. „Oder hat dein Göttergatte dich schon eingeritten?“ Er mir so nah, dass mein Gesicht direkt vor seinem Schritt war. In einer schnellen Bewegung packte er mich an meinen Haaren. Sprachlos war ich einen Moment so schockiert, dass mir nicht einmal einfiel, mich zu wehren. Der Augenblick verging aber schnell und ich drehte angeekelt meinen Kopf zur Seite.

„Was fällt dir ein?!“, fauchte ich, den Blick von ihm abgewandt.

Grob zog er an meinem Haar und zerrte mich auf die Beine. „Du bist nicht mehr als eine kleine Schlampe, Auri. Also mach gefälligst, was Schlampen tun!“ Der schmerzhafte Zug an meinem Kopf intensivierte sich und entlockte mir ein gequältes Jaulen. Mit seiner anderen Hand fuhr er meinen formlosen Körper entlang, bis hin zu meiner Hüfte. Mit einem Schwung drehte er mich und drückte mich so mit dem Rücken gegen die nächste Wand.

Ich sah keinen Ausweg mehr. Aber ich konnte nicht zulassen, dass er sich wieder an mir vergriff! Ich gehörte jetzt dem König! Ich war sein Weib! Und ich hatte vor den Göttern geschworen, brav zu sein! Und ihm zu gehorchen! Und auch wenn ich ihn noch nicht gut kannte, wusste ich doch, dass er wütend werden würde, wenn er wüsste, was Ulras mit mir machte! Aber bestimmt wäre nicht Ulras derjenige, der seine Wut zu spüren bekäme.

Eben jener griff nun grob nach meinem Kinn und zwang mein noch immer von ihm abgewandtes Gesicht in seine Richtung zu blicken. „Ich sagte, benimm dich, Schlampe!“ Seine Stimme fuhr mir durch alle Glieder. Ich hasste sie! Ich hasste sie so sehr! Und dann lagen seine Lippen auf meinen. Nein, er presste sie regelrecht gegen meine. Ich regte mich nicht. Ich war wie erstarrt. Hungrig strich er mit seiner Zunge über meine Lippen. Doch als mein Mund geschlossen und ich regungslos blieb, riss er an meinen Haaren, umfasste meinen Hals und drückte zu.

Wimmernd öffnete sich mein Mund, er drang mit seiner Zunge ein und verwüstete ihn. Währenddessen zog er mich an meiner Hüfte noch näher an sich heran, direkt an seine Lenden. Als ich den Kuss noch immer nicht erwiderte, ließ er von mir ab. Ich wollte schon erleichtert aufatmen, da flog mein Kopf mit einem lauten Klatschen nach rechts.



„Was macht man als Schlampe?!“, schrie er.

Ängstlich sah ich zu ihm hoch. „Er…erwi…dern“, hauchte ich zittrig und konnte ihn durch meine tränen verschleierten Augen kurz darauf nicken sehen. Dann legte er seine abscheulichen Lippen erneut auf meinen Mund.

Mir kam fast das Essen wieder hoch. Doch abgesehen von der Tatsache, dass mir allein durch seine Anwesenheit schon schlecht wurde, fiel mir auch wieder mein vorheriger Gedankengang ein. Was, wenn mein Gemahl davon erführe? Dann wäre es nicht nur meine Schande. Wenn das Königreich davon erführe? Ich wäre … mein Gemahl würde mich … aus dem Weg räumen. Ich wäre ihm eine Schande. Eine Farce. Welche Vampirkönigin ließ sich auch mit dem Grigoroi-Gesindel ein?

Schnell und mit einer Kraft, die ich von mir selbst nicht erwartet hatte, hob ich mein Knie und rammte es diesem ekelhaften Lustmolch in … sein Gemächt. Indessen er sich krümmte und dabei mich sowie die Götter verfluchte, rannte ich tränenüberströmt aus dem Raum.

Wo sollte ich hin? Was sollte ich tun? Was konnte ich tun?! Ich wusste es nicht. Ich wusste nichts! Ich war allein! Irina wollte mich nicht bei sich und Ulras hatte nicht Besseres im Sinn, als sich bei mir seine Befriedigung zu holen! Mein Gemahl war … wussten die Götter wo und ich rannte im Schloss herum und versteckte mich vor einem Grigoroi. Einem Grigoroi, der eigentlich längst tot sein müsste! Einem Grigoroi, der immer und immer wieder Dinge von mir gefordert hatte, die ich nicht hatte tun wollen! Aber als Sklave hatte man kein Recht auf eine eigene Meinung. Man musste gehorchen. Und tat man es nicht, so litt man Schmerz.

 

Ich irrte durch dunkle Gänge, lange Flure und in Mond- und Sternenlicht getauchte Gärten. Draußen war es mittlerweile kalt geworden; meine Tränen waren getrocknet. Auf meinen Wangen jedoch spürte ich noch immer ihre Nässe, als wären sie noch hier. Doch in Wahrheit wollten keine mehr kommen. Die Tränen waren mir versiegt und das Schluchzen und Wimmern ebenso. Ich konnte nicht mehr. Ich hatte einfach keine Energie mehr dafür. Aber noch immer irrte ich herum. Wie lange schon? Hatte Ulras es aufgegeben, mich finden zu wollen? Oder war er jetzt umso versessener darauf, das zu kriegen, was er wollte? Ich schluckte hart bei dem Gedanken. Ich konnte doch aber nicht die ganze Nacht fliehen! Meine Beine waren schwer, meine Füße schmerzten arg und ich fühlte mich so unglaublich müde. Ich wollte nicht mehr. Ich konnte nicht mehr. Ich wollte nur schlafen und mich irgendwo sicher und geborgen fühlen. Irgendwo.



Gedankenverloren und mit bereits flatternden Augenlidern, landete ich schließlich vor einer mir nur allzu bekannten Tür. Aber er hatte gesagt, er wolle die Nacht allein sein … Nichtsdestotrotz öffnete ich leise die Tür und trat ein. Timmok, der Grigoroi, der die letzte Zeit immer vor dieser Tür Wache gehalten hatte, war nicht hier. Auch sonst war kein Grigoroi als Wache aufgestellt – also betrat ich hindernisfrei die Räumlichkeiten. Instinktiv suchte meine Hand nach der Wand. Ich war müde, erschöpft. Mein Körper wankte gefährlich, meine Knie fühlten sich an wie Espenlaub und meine Lieder flatterten, als wollten sie sich jeden Moment schließen. Ohne jemanden anzutreffen, fand ich das Schlafgemach und begab mich hinein. Erst noch auf leisen Sohlen schleichend, stellte ich fest, dass das Bett scheinbar leer war. Was gut war. Immerhin wollte ich nicht noch mehr Nähe zu diesem Mann, der sich der Meine nannte.

Kurz darauf kuschelte ich mich in die wärmespendende Decke ein und drückte meinen Kopf erschöpft in eines der Kissen. Beim nächsten Atemzug nahm ich seinen Geruch gleich noch viel intensiver wahr als sowieso schon und, auch wenn ich es niemals zugeben würde, so schlief ich innert Sekunden mit einem wohligen, behüteten Gefühl in der Brust ein.

 

Es war noch früh, als ich die Augen aufschlug. Einigermaßen ausgeruht, starrte ich einen Moment lang einfach nur zum Balkonfenster hinaus. Der Tag war trüb und regnerisch. Ähnlich meiner Laune. Die Nacht hatte ich scheinbar allein verbracht, denn das Bett war nach wie vor nur von mir in Besitz genommen. Allerdings, so stellte ich nun fest, hätte hier auch keine andere Person mehr Platz gehabt. Scheinbar hatte ich meine Glieder im Schlaf allesamt weit ausgebreitet, sodass ich, mittig im Bett liegend, den gesamten Platz für mich allein beansprucht hatte.

Noch einmal sog ich tief die Luft in meine Lungen und schloss dabei die Augen, ehe ich mich zu regen begann. Der gestrige Tag war einer der schlimmsten gewesen seit langem. Entsprechend gerädert fühlte ich mich. Ein leises Ächzen verließ meinen Mund, als ich mich endlich aufgerafft hatte. Mein Rücken war gebeugt, meine Schultern ließ ich kraftlos nach vorn fallen. Mit geballten Fäusten rieb ich mir den Schlaf aus den Augen und unterdrückte kurz darauf mühselig ein Gähnen. Vor lauter Erschöpfung traten mir Tränen in die Augen.



Kopfschüttelnd stand ich auf. Ich hatte nichts zu jammern. Es verlief doch alles so, wie es sollte. Irina würde leben. Das war jetzt das Wichtigste.

Zerknirscht blickte ich auf das zerknitterte, rosarote Kleid hinunter. Es sah schrecklich aus. Und das nicht aufgrund seines Zustandes. Wie hatte ich so etwas früher nur gern tragen können? Auch wenn mir Hosen schon immer lieber gewesen waren, hatte ich diese Farbe hier doch eine erstaunlich lange Zeit gemocht. Jetzt hingegen erinnerte sie mich nur noch an ein Leben, welches ich eigentlich gar nicht mehr wollte. Ein Leben, das sich mehr als alles andere falsch anfühlte.

Plötzlich schlich sich ein unheilvolles Grinsen auf meine Lippen. In kürzester Zeit hatte ich mich von dem Kleiderfummel befreit und stand nun also im Unterrock da. Aber Unterröcke und Hosen vertrugen sich nicht gut, also landete auch dieses auf dem Boden. Schnell stakste ich zum Schrank und öffnete ihn. Darin fand ich Hosen und Leinenhemden im Überfluss. Mein Grinsen wurde breiter. Entschlossen griff ich nach je einem Stück, schloss den Schrank wieder und legte sie aufs Bett ab. Dann begann ich, mich einzukleiden. Ich war leise. Darauf bedacht, möglichst keine Geräusche zu machen. Immerhin stand ich im Moment hier – ohne Unterrock. Doch das nicht lange. Eilig zog ich mir die Hose meines Gemahls über. Etwas ratlos besah ich mich dann der Hosenbeine, auf denen ich, trotz des Bundes oben an meiner Taille, stand. Entschlossen bückte ich mich und griff nach den Enden der Hosenbeine, um sie hochzufalten. Daraufhin fiel mir der Hosenbund hinunter und ließ mich entblößt zurück. Kurz erstarrte ich. Dann aber musste ich mir das Lachen verkneifen. Wie konnte man nur so ungeschickt sein? Wobei das eigentlich nicht zum Lachen, sondern zum Verzweifeln war. Aber ich war ein Vampirkind, dachte ich mir achselzuckend. Ich war also quasi der Inbegriff von tollpatschig.

Nach einer ganzen Weile hatte ich die Hosenbeine gefaltet und somit gekürzt, das weißliche Leinenhemd übergeworfen und mit einem dicken Gürtel darüber auch die Hose darunter befestigt. Vor dem Spiegel stehend, grinste ich mir stolz entgegen.

Ich stellte mir vor, meine kleine Klinge in der Hand zu halten und machte einige der flüssigen Bewegungen nach, die ich mir vor langer Zeit einst selbst beigebracht hatte. Ich war spürbar eingerostet und noch immer der Tollpatsch in Person, aber wenngleich ich die Schwertkunst niemals wirklich beherrschen würde, machte es mir doch ungeheuren Spaß.



Ein Magengrummeln brachte mich zurück in die Realität. Stimmt. Ich hatte seit dem gestrigen Morgen nichts mehr zu mir genommen. Den ganzen Tag war ich damit beschäftigt gewesen, neben Irina durch das Schloss zu gehen und bedrücktes Stillschweigen zu bewahren.

Ich wandte mich vom Spiegel ab und atmete tief ein. Ich musste meinen Gemahl finden. Oder käme er noch her? War er schon hier? Wo hatte er geschlafen? Letzterer Gedanke ließ meine Brust beklommen eng werden. Hoffentlich hatte er sich nicht schon wieder an jemandem … bedient. Ich fand es schrecklich, dass der Grigoroi keine andere Wahl gehabt hatte, als sich seinem Meister hinzugeben. Aber hatte er mir nicht gesagt, dass es sein Vater gewesen wäre, der Leeander verwandelt hätte? Dann dürfte er selbst doch gar keine Macht über ihn haben! Aber zugleich müsste Leeander auch längst tot sein! Denn der ehemalige Fürst des Ostens war verstorben. Schon lange vor meiner Geburt.

Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch trat ich aus dem Zimmer. Hatte er mich diesbezüglich angelogen? Und wenn ja, was war noch alles gelogen gewesen? Würde ich jemals erwachsen werden? Oder … Ich schluckte schwer. Zuzutrauen wäre es ihm. Er hatte meine ganze Familie erbarmungslos abgeschlachtet. Und nun hatte er, was er gewollt hatte. Ich hatte ihn gekrönt. Würde er mich töten, wäre es Königsmord, aber wer würde den König zur Rechenschaft ziehen? Zudem ich vermutlich einfach durch einen schrecklichen Unfall oder ein Attentat sterben würde. Wie auch schon vor drei Jahren.

Verwirrt zuckte meine Nase. Ich hob meinen Kopf und blickte zum Ruheraum. Die Tür war nur angelehnt, und es drang der klare, penetrante Geruch von Alkohol daraus. Nichts Ungewöhnliches eigentlich, aber hier?

Mit unsicheren Schritten ging ich darauf zu, öffnete die Tür ein Stück weiter und trat auf Zehenspitzen ein. Von einem der Sessel, die von der Tür abgewandt, zum Fenster schauend positioniert waren, drangen Atemgeräusche an mein Ohr. Achtsam darauf konzentriert keinen Laut zu machen, näherte ich mich dem Sessel. Als ich ihn umrundet hatte, erblickte ich eine darin eingesunkene, große, kräftige und tief schlafende Gestalt. Ein Tuch war um seine Hüfte gebunden, der Oberkörper nackt. Neugierig glitten meine Augen an ihm auf und ab, bis sie jedes Detail und jeden noch so ausgeprägten Muskel erfasst hatten. Ich wollte ihn berühren, mit meinen Fingern über die Wölbungen seiner Muskeln fahren, doch ich ermahnte mich. Ich musste mich zusammenreißen!



Als ich seinen Oberkörper zur Gänze erfasst hatte, wandte ich mich seinem Gesicht zu. Auf einmal wirkte es so jung und schön. Die ständigen Falten waren weg und seine Lieder geschlossen. Hinter ihnen verbargen sich kalte, blau-grau strahlende Augen, die einem die Luft zum Atmen nehmen konnten. Doch jetzt, in diesem Moment, fragte ich mich, wie ein so schönes Gesicht mit solch kalten Augen gestraft sein konnte. Seine Lippen waren ganz leicht geöffnet, zart und weich wirkend. Und das wusste ich, denn sie sahen nicht nur so aus, sondern fühlten sich auch so an. Zart, wie ein Windhauch, und weich, wie das Fell eines sanftmütigen Igels. Wie gebannt starrte ich auf seine Lippen. Vor ihm stand ein Glas mit irgendeiner Art von Alkohol, doch ich beachtete es nicht. Ohne dass ich es bemerkte, näherte ich mich ihm weiter. Wie sich seine Lippen auf meinen anfühlen würden, wenn ich ausnahmsweise einmal nicht dazu gezwungen wäre? Wie würden sich seine Hände anfühlen, wenn ich sie willkommen hieße und mich nicht dagegen stäubte? Zittrig streckte ich eine Hand aus. Seine Haut wirkte so glatt, so weich. Tiefschwarzes, leicht gewelltes, schulterlanges Haar umgarnte sein Gesicht. Sanft berührte ich seine Wange. Ich war wie in Trance. Fasziniert von dem Geschöpf vor mir. Leichte Bartstoppeln kratzten über meine Fingerspitzen. Das war mir in den letzten Tagen nie aufgefallen. Ob es weh tun würde beim Küssen? Würde es stören? Mein Blick glitt tiefer. Sein muskulöser Oberkörper war nackt, und er hatte einen Arm locker über seinen Bauch gelegt. Seine Muskeln an den Oberarmen waren beachtlich. Seine Stärke war gleichbedeutend mit meinem Schutz. Und so legte ich kurz meine Fingerspitzen auf seinen Arm, um nur einmal darüber zu streicheln.

Im selben Moment umgriff er mit einer Hand meinen Hals. Ich wurde in unmenschlicher Geschwindigkeit durch den Raum bewegt und mit dem Rücken an die nächste Wand gedrückt. Meine Füße berührten den Boden nicht mehr und ich bekam keine Luft. Mit weit aufgerissenen Augen starrte ich ihn an und begegnete seinem kalten, mordlüsternen Blick. Dunkle Augenringe ließen ihn noch bedrohlicher wirken.

„Was machst du hier?“, grollte er, die Stimme trotz der Drohung darin belegt. Aber schon einen Herzschlag später ließ er mich los und ging ein paar Schritte zurück. „Oh, stimmt. Entschuldige“, murmelte er leise und strich sich erst mit einer Hand durch das Gesicht und anschließend über seine Haare. Dabei fiel das Tuch, das er sich ungebunden hatte, auf den Boden; meine Augen folgten der Bewegung unweigerlich.



Angeekelt schoss mein Blick wieder hoch und begegnete sogleich seinem. Er starrte mir entgegen, sich nicht weiter um sein freigelegtes Gemächt kümmernd. Nach einigen Momenten, in denen unsere Blicke sich nur noch weiter ineinander verfangen hatten, bat ich leise: „Bitte, geht weg. Ihr seid zu nah.“ Zu nah und nackt!, schrie mein Kopf.

„Du hast meine Kleidung an“, bemerkte er. Seine Stimme klang weder anklagend noch amüsiert. Einfach nur … neutral. Dann drehte er sich um und ging zur Tür. „Bevor du Irina holst, müssen wir reden.“

Er verließ den Ruheraum und ließ mich allein zurück. Unsicher blieb ich stehen. Reden, worüber? Musste ich ihm folgen? Sollte ich hinterher?

„Aurelie! Wo bleibst du?“

Erschrocken japste ich auf und fasste mir ans Herz. Dann folgte ich ihm, so wie er es verlangt hatte. Als ich den Gang betrat, erblickte ich sofort seine Silhouette im Schlafgemach. Ich lief darauf zu und sah gerade noch, wie er sich seinen Gürtel umband. Verstohlen blickte ich auf meinen – nun, eigentlich ja seinen – Gürtel um meine Taille hinab. „Eh, also … ich … tut mir leid, falls ich das nicht hätte tun dürfen. Ich wollte nur … also, ich mag Kleider nicht besonders“, stammelte ich nervös. Doch anstelle einer rechten Reaktion sah er mich nur an. „Eh, ich …“ Unbehaglich sah ich mich um. „Was soll ich … was wolltet Ihr denn?“

„Warst du schon einmal dabei, wenn ein Grigoroi erschaffen wurde?“, fragte er, setzte sich auf das Fußende vom Bett und klopfte auffordernd neben sich.

Zögerlich ging ich einige Schritte auf ihn zu und setzte mich schließlich neben ihn, vorsichtig darauf achtend, ihn keinesfalls zu berühren. „Nein.“ Ich schüttelte den Kopf. „Mir wurde nur gesagt, dass das eine private Angelegenheit wäre.“

„Sehr privat sogar und vor allem sehr intim. Es ist nicht unüblich, dass der Prozess mehrere Stunden dauert“, erklärte er. „Dein Vater hat immer nur von jungen Mädchen getrunken. Hast du dir je überlegt, wieso?“ Als ich nur ahnungslos den Kopf schüttelte, fuhr er seufzend fort: „Er wollte nicht, dass sie Lust verspüren. Er war ein grausamer Mann. Einfach aus reiner Bosheit hat er seinen Opfern den Genuss verwehrt, den sie hätten verspüren können.“ Er schüttelte den Kopf. „Noch dazu hat er sie so gut wie immer umgebracht.“



Ich nickte. Letzteres war mir bewusst. „Also finden Menschen es angenehm, gebissen zu werden?“, fragte ich, die Verwirrung in meinem Gesicht deutlich sichtbar.

„Es ist kurz mit Schmerzen verbunden, die aber sofort vergehen. Und danach ist es … Nun, du bist noch viel zu jung, um das zu verstehen. Aber Menschen werden süchtig danach. Sie erleben ein starkes Glücksgefühl und …“ Mein Gemahl stockte und fuhr sich durch die Haare. Es wirkte fast so, als wäre ihm das Thema unangenehm. „In ekstatischer Lust fängt der Körper an zu zucken. Sie fassen sich selbst an oder denjenigen, der sie beißt. Sie stöhnen und das nicht vor Schmerzen. So, wie man unweigerlich stöhnt, wenn man ausgehungert in ein saftiges Stück Fleisch beißt.“ Er räusperte sich kurz und stand auf. „Eigentlich würde ich es bevorzugen, es alleine zu machen. Es kann sein, dass du deine beste Freundin danach mit anderen Augen sehen wirst oder dich sogar vor ihr ekelst. Aber ich muss etwas ausprobieren und dafür brauche ich dich.“

„Meint Ihr das, wenn sie sich an … Euch … dann reibt?“ Angespannt biss ich mir auf die Lippe. Ich hatte schon gesehen, wie sich Vampire oder Grigoroi vereinigten. Auf den Gängen, in den Sklavenquartieren, in der Küche. Aber der Gedanke, Irina mit meinem Gemahl zu sehen, löste etwas ganz anderes in mir aus als Ekel. Ich hatte sie mit Alexander gesehen und hatte mich geekelt. Und es teilweise aber auch … irgendwie spannend gefunden. Aber der Gedanke, sie könnte sich mit meinem Gemahl vereinigen, ließ mich meine Fäuste ballen.

„Ja, sie wird sich an mir reiben und mehr wollen. Aber das werde ich ihr nicht geben. Das ginge zu weit. Diese Dinge wirst du später erkunden. Nachdem du deine Reife durchlebt hast. Als es an die Tür klopfte, schüttelte er erleichtert seufzend den Kopf. „Sie ist da. Hast du noch Fragen?“

„Was muss ich tun?“

„Wenn Irina wieder aufwacht, wird sie sofort Durst verspüren. Dann wirst du für sie da sein und ihr geben, was sie braucht. Und während der Wandlung wirst du sie möglichst durchgehend berühren müssen.“

„Ich soll ihr Blut geben?“, fragte ich panisch werdend.

„Ja, sie muss trinken, nachdem sie verwandelt wurde. Dadurch wird das Erschafferband gefestigt.“



Bitte? Aber das würde bedeuten …! „Dann wäre sie aber doch …“

„Sie wird deine Grigoroi sein, wenn alles so funktioniert, wie ich es mir vorstelle. Ich werde das Erschafferband auf dich knüpfen, sodass Irina mit dir verbunden ist.“ Mit den Worten verließ er das Schlafzimmer und ging zur Tür, um Irina hereinzulassen.

Wie erstarrt saß ich auf dem Bett. Und kämpfte gegen das unbändige Bedürfnis an, meinem Gatten um den Hals zu fallen und in Tränen aufzugehen. „Danke“, flüsterte ich leise, war mir aber sicher, er hatte es durch sein sensibles Gehör gehört.

„Mein König.“ Irina klang überraschend müde.

„Bist du bereit? Und bist du sicher, dass du das möchtest?“

„Ja, mein König“, antwortete sie entschlossen. „Auf jeden Fall.“

„Gut. Dann fangen wir an. Aurelie? Kommst du?“

Schnell sprang ich auf und rannte zu ihm hin. „Bin da!“

Der König musterte mich, dann ging er noch mal zum Flur hin und ich hörte sowas wie ‚Keinen reinlassen‘ und ‚ungestört bleiben‘. Daraufhin führte er uns in den Ruheraum. Dort öffnete er ein Fenster und setzte sich anschließend auf die große Liege. „Auf meinen Schoß, Irina!“

Ohne ein Wort ging sie auf ihn zu und setzte sich breitbeinig auf seinen Schoß, das Gesicht ihm zugewandt. Allein schon dieser Anblick ließ mein Herz schneller klopfen, sodass ich das Rasen meines Blutes in meinen Ohren hören konnte.

„Andersrum“, brummte er unzufrieden und schob sie von seinem Schoß.

Irina war sichtlich verwirrt, tat aber, was er wollte, und setzte sich wieder auf seinen Schoß, nun aber mit dem Rücken an seiner Brust.

„Mach deinen Hals frei“, forderte er. Sofort nahm Irina ihre langen, roten Haare und schob sie über ihre linke Schulter, womit sie ihm die rechte Seite ihres Halses darbot.

Mein Gemahl sah auf und nickte mir zu. „Du setzt dich direkt daneben. Rechts von Irina.“

Jetzt doch etwas zögerlicher ging ich hin und setzte mich wie befohlen. Ich versuchte Irinas Blick einzufangen, aber sie schaute geradewegs nach vorne, ihren Hals anbietend schräg gelegt. Kaum hatte ich Platz genommen, näherte sich der Mund meines Gatten Irinas Nacken. Ich sah deutlich, wie seine Fangzähne hervortraten und er mit der Zunge darüber fuhr. Kurz begegnete ich seinem Blick und sah, dass seine Augen silbern schimmerten. Dann griff er nach meiner Hand und legte sie gemeinsam mit seiner Hand an Irinas Kehle. Seinen anderen Arm hatte er um ihren Bauch gelegt. Sein Blick ruhte auf der pulsierenden Ader, die auch ich deutlich unter der blassen Haut pochen sehen konnte. Dann biss er hinein.



Irina zuckte zusammen und keuchte auf. Aber ihr Keuchen ging sofort in wohliges, tiefes Seufzen über. Der Adamsapfel meines Gemahls hüpfte und ich hörte, wie er Irinas Blut schluckte. Ein feiner Tropfen Blut bildete sich an seinem Mundwinkel, löste sich dort und lief langsam an ihrem Hals entlang, hinab zu ihrem Schlüsselbein.

Gelockt von diesem himmlischen Geruch streckte ich meine andere Hand aus und fing den Tropfen mit meinem Zeigefinger auf. Zurück blieb nur ein wenig verschmiertes Rot, wo ich den Tropfen entfernt hatte. Mein Gemahl hatte die Augen geöffnet und musterte mich prüfend. Dann blinzelte er einmal langsam, was ich als Zeichen des Befürwortens deutete. Vorfreudig streckte ich die Zunge aus, legte meinen Finger darauf und genoss die Geschmacksexplosion, die sich in meinem Mund breit machte.

In diesem Augenblick leuchtete das Silber in seinen Augen auf, und er grinste zufrieden an Irinas Hals. Dann schloss er die Augen und schien sich zu konzentrieren. Mich verlangte es insgeheim nach mehr, aber ich wusste auch, dass ich mich, genauso wie die letzten Male, nur wieder übergeben müsste, also unterließ ich den Versuch.

Irina rieb sich indessen ungestüm mit ihrem Hintern an meinem Gemahl und drückte sich bedürftig direkt gegen seine Mitte. Ihr leises Seufzen schwoll langsam, aber sicher zu einem lauter werdenden Stöhnen an und sie begann unkontrolliert zu zucken. Mit ihren Händen rieb sie ungeduldig über ihre Brüste, dann über ihre Mitte und doch schien sie nicht genug zu bekommen.

Gefesselt betrachtete ich das Schauspiel. In mir schwankte es zwischen Faszination und Ekel. Und ein klein wenig Wut, die ich aber nicht recht zuordnen konnte.

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