Kapitel 37 – Zu Grabe getragen
Kapitel 37 – Zu Grabe getragen
Cyrus
Aurelie lag regungslos in meinem Bett und starrte träge an die Decke. Als ich das aufkommende Rot in ihren Augen gesehen hatte, hatte ich so lange von ihr getrunken, bis ich spürte, wie ihr Körper die Spannung verlor. Und in Zukunft würde sie den Versuch erst gar nicht mehr wagen, ihre Kräfte gegen mich einzusetzen. Dafür waren ihr ihre Freunde zu lieb.
Ein Teil von mir hasste mich selbst für das, was ich getan hatte. Noch nie hatte ich eine Frau gegen ihren Willen genommen. Erst recht nicht bei ihrem ersten Mal. Aber der größere Teil von mir hasste sie. Die Schmerzen, die ich ihr zugefügt hatte, waren nicht annähernd so groß wie die, die sie mir mit Leeanders Tod beschert hatte. Eigentlich sollte ich Irina töten, damit sie verstand, wie ich mich fühlte. Aber selbst das wäre nicht genug. Sie kannte Irina erst seit ein paar Jahren, ich hatte Lee mein ganzes Leben gekannt!
Ich drehte mich von ihr weg. Zu groß war die Wut, zu übermächtig der Hass. Es wäre klüger gewesen, sie zu töten, anstatt den Blutschwur mit ihr einzugehen. Diesmal war es nicht ihr junges Alter und die fehlende Reife, die den Beschützerinstinkt in mir geweckt hatten. Nein, sie lebte nur, weil ich wusste, ich würde sie noch brauchen.
Jedoch nicht mehr lange. Bald würde sie ihrer Familie in den Tod folgen. Das musste sie, ansonsten würde mich der Blutschwur unwiderruflich an sie binden. Schon jetzt spürte ich das Verlangen, mich wieder zu ihr umzudrehen und sie zu umarmen.
War es wirklich dem Blutschwur geschuldet oder der Tatsache, dass ich immer noch das unschuldige Kind in ihr sah? Dabei war sie selbst als Kind nicht unschuldig gewesen. Sie hatte mich angelogen. Immer! Bei jeder Gelegenheit wich sie mir aus, tischte mir Lügen und Ausreden auf. Das würde sich auch jetzt nicht ändern. Das würde sich niemals ändern. Ihr ganzer Charakter war verdorben. Und nun hatte sie mir die wichtigste Person in meinem Leben genommen.
Ich drückte eine Faust gegen meinen Mund. Der Verlust von Aron und Eran hatte mich schwer getroffen. Die Zwillinge zu verlieren, war hart. Ungerecht. Eran hatte nicht verdient, einsam und allein in einem Sumpf zu sterben. Und Aron…
Tränen brannten in meinen Augen, aber ich kämpfte gegen sie an. Unter keinen Umständen würde ich nun der Trauer nachgeben. Trotzdem sah ich vor meinem inneren Auge, wie ich Aron den Kopf abschlug. Hörte das Geräusch, als mein Schwert durch seinen Hals glitt und seine Wirbelsäule durchtrennte.
Übelkeit stieg in mir hoch, sodass ich würgen musste. Blutgeschmack lag auf meiner Zunge. Ich hatte zu viel von ihr getrunken. Doch um sie zu schwächen, war es die einzige Möglichkeit gewesen. Sonst wäre ich geendet wie Lee.
Heißer Zorn wallte in mir auf. Zwar hatte ich durch den Blutschwur die Gefahr gebannt, dass Aurelie mich biss und mit ihrem Gift tötete, aber jetzt besaß sie auch noch die Kraft der Ignis-Robur! Wie sollte ich gegen Feuer ankämpfen? Wie könnte ich diese Gefahr klein halten?
Blutverlust. Es erschien mir derzeit die beste Lösung zu sein. Ich musste sie schwach halten. Und wenn ich dafür täglich von ihr trinken musste.
Erschöpft drehte ich mich wieder auf den Rücken. Meine Augen wurden schwer, obwohl ich nicht schlafen wollte. Nicht, wenn dieses Monster neben mir lag. Nur ich war in der Lage, sie aufzuhalten. Denn mit ihrer Kraft könnte sie das ganze Schloss abfackeln.
Ein Rascheln riss mich aus meinem Schlummerzustand und zog meine Aufmerksamkeit auf mein Weib. Kraftlos stützte sie sich mit zitternden Armen auf. Sie hievte ihre nackten Beine aus dem Bett und rutschte näher an die Kante, um mit den Füßen den Boden berühren zu können. An ihrem Rücken zeichnete sich durch die blasse, vernarbte Haut jeder einzelne Rückenwirbel ab. Bereits jetzt schnaufte sie schwer; die kleinste Bewegung schien sie auszulaugen.
Ich blieb stumm, lauschte ihrem langsamen Herzschlag und wartete ab, was sie vorhatte. In ihrem Zustand würde sie kaum fliehen können.
Sie erhob sich, stützte sich dabei jedoch noch immer mit zittrigen Armen an der Matratze ab. Kaum lag ihr Gewicht auf ihren Beinen, knickten sie ein und Aurelie landete hart auf dem Boden. Sie keuchte laut auf. Beinahe war ich versucht, ihr zu helfen. Doch das würde ich nicht.
Aurelie versuchte noch einmal auf die Beine zu kommen, scheiterte aber. Schliesslich kroch sie auf allen Vieren und mit sichtbar zitternden Beinen auf die Verbindungstür unserer Gemächer zu. Es war ein erbärmlicher Anblick. Ein Grossteil ihres weissblonden Haares, das in meiner Abwesenheit um ein Vielfaches gewachsen war, schleifte über den Boden, ein anderer, kleinerer Teil lag spärlich verteilt auf ihrem Rücken. Alle vier Extremente bebten unter der Last ihres Körpers, der zwar längst nicht mehr so mager war, wie bei unserem Kennenlernen, aber dennoch noch genügend Spuren ihrer Unterernährung aufwies. Die dünne, blasse Haut; die hervorstechenden Wirbel am Rücken und Rippen ihres Brustkorbes.
„Was hast du vor?“, fragte ich bewusst mit scharfer Stimme und richtete mich dabei halb im Bett auf.
Erschrocken zuckte sie zusammen und knickte mit den Armen ein. Schnell rettete sie sich, indem sie ihr Gewicht nach hinten verlagerte. Kaum hatte ihr Hinterteil ihre Fersen berührt, zuckte sie erneut und kniff schmerzhaft die Augen zusammen. Mit müder Stimme sagte sie: „Ich wollte mich waschen gehen. Und mich für die Nacht kleiden.“ Sie hielt den Kopf gesenkt, doch heute blieb ihr Herz ausnahmsweise einmal im Takt. Wollte sie sich waschen, weil ich sie berührt hatte oder weil mein Samen aus ihr herauslief? We il sie nach mir roch?
„Du kannst dich morgen früh waschen. Und du schläfst diese Nacht in meinem Bett. Nackt. Also komm wieder zurück!“ Ihr Ekel vor mir musste grenzenlos sein, wenn sie sich so geschwächt in ihre Gemächer schleppen wollte. Gut so. Sie würde mich hassen lernen. Dafür, dass sie mir Leeander genommen hatte.
Ihre Fangzähne schnappten hörbar hervor. Dennoch blieb ihr Kopf gesenkt. „Ich kann nicht schlafen, wenn ich die ganze Zeit mein Blut rieche!“, zischte sie aufgebracht, wobei sich deutlich die Angst in ihrer Stimme spiegelte.
Ich schnaufte unzufrieden, schlug die Bettdecke zurück und ging in mein Bad. Kurz sah ich zurück. „Geh zurück in mein Bett! Und zwar sofort!“ Eigentlich sollte ich sie einfach in ihrem Bett schlafen lassen. War es bloß mein Kontrollzwang, der sie bei mir haben wollte? Lediglich, um sie besser im Griff zu haben und ihre Angst weiter zu schüren?
Im Bad nahm ich ein kleines Tuch, tauchte es ins Wasser und ging damit zurück in mein Schlafzimmer. Aurelie war tatsächlich gerade dabei, sich wieder ins Bett zu schleppen. Ich wartete, bis sie lag. Dann spreizte ich ihre Beine und wischte mit dem nassen Tuch über ihre Scham. Leise jammerte sie, drehte den Kopf beiseite und hörte gar nicht auf, vor Angst zu zittern. Danach machte ich noch ihren Hals und die Brust sauber, auch wenn dort kein Tropfen Blut mehr war. Mein Blick blieb etwas länger an ihren Brüsten hängen. Bisher hatte ich eine Frau noch nie dort gebissen und irgendwie … hatte mir das gefallen. Bevor ich noch auf dumme Gedanken kam, deckte ich sie zu, ging mit dem Lappen ins Bad und atmete dort mehrmals tief durch. Nur ein paar Tage, bis ich auf dem aktuellen Stand war. Dann würde ich mir von ihr zeigen lassen, wie man in die Geheimgänge kam und sich darin orientierte. Danach würde sie sterben. Es gab keinen Grund mehr, sie noch länger am Leben zu lassen. Noch einmal tief durchatmend, sammelte ich mich, bevor ich wieder zurück ins Bett ging.
Sie schlief mittlerweile, daher legte ich mich ebenfalls hin. Auch ich schlief diesmal wesentlich schneller ein, aber die Nacht war unruhig. Aurelie wälzte sich im Schlaf hin und her, jammerte leise und fing einmal leise an, zu weinen. Zudem hatte sie mich mehrmals getreten, zweimal landete ihre Hand in meinem Gesicht. Des Weiteren klaute sie mir meine Decke.
Der Morgen brach herein und ich starrte auf die Tür. An Schlaf war nicht mehr zu denken, seit Aurelie ihr Knie abgewinkelt und es mir in die Weichteile gerammt hatte. Das war definitiv die letzte Nacht mit ihr in einem Bett gewesen. Doch … obwohl ich die Tür anstarrte, öffnete sich diese nicht. Natürlich nicht. Leeander war tot. Eiskalt von der Person ermordet, die gerade neben mir schlief. Und ich hatte noch keinen Nachfolger ernannt.
Ich stand auf, mein Körper wollte seufzen, doch hätte ich diesen Laut, in Verbindung mit dem Gedanken an Lee’s Tod, nicht ertragen. Ich zog mich an und verließ das Zimmer. Ich musste mit meinen Grigoroi sprechen und fragen, ob sie Leeander mittlerweile geholt und ein Grab ausgehoben hatten. Wo steckte eigentlich Elok?
Gilead war der erste Grigoroi, den ich traf. Er führte mich in einen abgelegenen Teil des Gartens. Dort standen bereits all meine anderen Grigoroi versammelt. Ikzil, Amaro, Stinan und Timm.
„Wir haben gestern nach einem passenden Ort gesucht“, begann Galderon und lenkte meinen Blick zurück auf das Schloss. „Dort oben ist Euer Arbeitszimmer.“
Sofort füllten sich meine Augen mit Tränen. Dieses Mal war ich zu langsam, um sie wegzublinzeln. Die Trauer traf mich mit solcher Wucht, dass ich anfing zu weinen. Die Tränen liefen über mein Gesicht und trübten meine Sicht, während tiefe Schluchzer meinen Körper zum Erzittern brachten. Obwohl all meine Grigoroi – fast alle – hier waren, fühlte ich mich so einsam wie noch nie in meinem Leben.
Lee war fort. Unwiderruflich fort. Ich würde nie wieder seine Stimme hören. Ihm meine Gedanken und Sorgen mitteilen können. Ich würde ihn nie wieder in die Arme schließen können. Er fehlte mir so sehr, dass es mir die Luft zum Atmen nahm. Er fehlte so sehr, dass es schmerzte. Er fehlte so sehr, dass selbst die Sonne mich nicht mehr wärmte. Die Blumen rochen weniger intensiv und selbst den Wind nahm ich nicht mehr so wahr, wie noch zuvor.
Timm trat auf mich zu und legte eine Hand an meine Schulter. Und nur mit größter Anstrengung schaffte ich es, mich umzudrehen. Ganz langsam ging ich hinter Gilead zu den anderen Grigoroi und sah kurz darauf die ausgehobene Erde. Daneben lag Leeander, in feine Kleidung gehüllt, die seine Brandwunden verdeckten. Er trug einen silbernen Schal mit einem aufgestickten Einhorn. Als Zeichen, dass er in den Ostlanden geboren worden war. Als Dank, dass er mir gedient hatte. Über dreihundert Jahre lang war er mein Berater, meine rechte Hand und die zweite Stimme im Fürstentum gewesen.
Ihn so zu sehen, schmerzte. Ich sank auf meine Knie und legte eine Hand an seine Wange. Sie war kalt. Wie immer. Und dennoch fühlte sie sich weitaus kälter an als sonst. „Lee …“
Amaro und Ikzil hoben seinen Körper an und legten ihn behutsam ins Grab. Stinan sang dazu ein Lied aus unserer Heimat.
Nur mit Mühe richtete ich mich auf und griff zu einer Schaufel. Obwohl die Tränen meine Sicht verschleierten, stieß ich die Schaufel in die lockere Erde neben dem Grab, hob sie aus und schüttete sie nach kurzem Zögern auf Leeander. Mit jeder Schaufel wurde mein Herz schwerer. Je mehr Erde auf seinen Leichnam fiel, desto bewusster wurde mir, dass ich ihn nie wieder sehen würde. Niemals.
Timm und Ikzil hatten geholfen, die Erde in das Grab zu schütten. Galderon hatte einen Stein besorgt und Amaro Blumen auf das frische Grab gelegt.
Ich blieb wie gelähmt am Grab stehen, obwohl die Mittagssonne mir bereits einen Sonnenbrand auf meinem Nacken verpasste. Nur langsam traten andere Gedanken zu mir durch, sodass ich nach einer Ewigkeit erst meinen Blick vom Grabe hob. Nur noch Timm stand bei mir.
„Wo ist Elok?“, fragte ich.
„Ich werde mich erkundigen.“
Meine Augen schmerzten. So viel hatte ich das letzte Mal geweint, als meine Eltern starben. Ich hatte mir damals geschworen, nie wieder eine geliebte Person zu verlieren. Damals, noch als Kind, hatte ich gedacht, der Tod ließe sich besiegen. Nun war ich älter, hatte schon viele geliebte Vampire zu Graben getragen. Eran und Aron. Aber nie war der Schmerz so stark gewesen wie jetzt.
„Ich muss mit meinen Beratern reden“, entschied ich und drehte mich zum Schloss um. Mein Blick ging hoch zu meinem Arbeitszimmer.
Aurelie. Hatte sie mir Lee genommen, weil ich ihr bei der Übernahme ihren Bruder nahm? Ein Leben für ein anderes? Waren wir nun quitt?
Nein, wir waren uns lediglich fremder als jemals zuvor. Und dennoch überrollte mich eine Sehnsucht, die ich nicht verstehen konnte. Ich hasste diese Frau. Warum verspürte ich den Wunsch, sie zu sehen?
Nur langsam ging ich zurück ins Schloss. Ich musste mich waschen und umziehen. Und bei Aurelie vorbeischauen.
Nein! Nein, sie war die letzte Person, die ich jetzt sehen wollte. Ich würde ihr bei ihrem Anblick nur den Hals umdrehen. Außerdem würde sie sehen, dass ich geweint hatte. Sie sollte nicht wissen, dass mich Leeanders Tod so sehr getroffen hatte.
Zurück in meinen Gemächern schloss ich die Augen. Es roch sogar noch nach ihr. Trotzdem musste ich in mein Schlafzimmer. Zum Glück war es leer, das Bett unordentlich. Ich wusch mich, zog mich um und ging mit Timm weiter in mein Arbeitszimmer. Briefe lagen auf dem Tisch. Einer davon mit weißem Siegel. Kretos, Fürst des Nordens, hatte mir geschrieben. Mein Blick glitt zum Fenster und meine Kehle schnürte sich zu. Ich griff zu dem Brief, öffnete das Siegel und trat an mein Fenster heran. Doch anstatt den Brief zu lesen, sah ich hinunter in den Garten, direkt auf das frische Grab.
Timm räusperte sich leise. „Soll ich die Berater zu dir schicken? In einer Stunde?“
Ich nickte knapp. „Ja, bitte. Und dann erkundigst du dich nach Elok.“
Timm ließ mich allein. Ich sammelte mich einen Moment, zog den Brief aus dem Umschlag und huschte über die wenigen Zeilen.
An: König Cyrus, Nachkomme aus dem Geschlecht des Ora-Fides
Cyrus,
Unter keinen Umständen dürft ihr der Königin das Leben nehmen. Wenn mit ihr die Blutlinie der Ignis-Robur ausstirbt, stirbt auch ihr Stern. Er wird auf unsere Welt hinabstürzen und alles Leben vernichten.
Ihr müsst die Königin beschützen, Majestät. Ich bitte Euch inständig! Die Königin muss leben, die Blutlinie der Ignis-Robur muss fortbestehen!
Hochachtungsvoll,
Signiert: Fürst Kretos, Nachkomme aus dem Geschlecht des Vide-Ludoris

































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