Kapitel 38 – Flucht
Kapitel 38 – Flucht
Aurelie
Als ich aufwachte, war ich allein. Noch ehe ich meine Augen öffnete, meinen Atem schneller werden, oder die Erinnerung des gestrigen Tags aufkommen ließ, horchte ich eingehend. Einen Herzschlag? Einen Atem? Nein. Ich war allein.
Zögerlich öffnete ich meine Augen. Wovon hatte ich geträumt? Was hatte der König in dieser Nacht gemacht, dass das Bett so aussah? Völlig zerwühlt. Dabei lag ich zusammengekauert auf einer Seite nahe der Kante, den Blick zur Tür gerichtet.
Zwischen meinen Beinen brannte es. Und mein Körper fühlte sich leer an. Mein Herz zerbrochen. Leeander hatte einen nicht kleinen Teil davon mitgenommen. Dabei lag die Schuld an diesem Schmerz nur bei mir selbst. Mein Blick glitt zur Zimmerdecke. Mir war bewusst, dass ich Ignis-Robur durch den dichten Stein nicht sehen konnte. Außerdem schien helles Tageslicht von den Fenstern hinein. Aber ich stellte sie mir vor, wie sie da am Himmel stand und strahlte. Heller als je zuvor.
Vielleicht war es kindisch, unverantwortlich und dumm. Doch in meinem Innern trug ich nicht allein die Schuld an Leeanders Tod. Sie, die Göttin meiner Familie, hatte genauso viel dazu beigetragen. Niemals hätte sie mir diese Kräfte vermachen dürfen!
Langsam richtete ich mich im Bett auf und hielt meinen leeren, tränenden Blick auf die dunkel tapezierte Wand gerichtet. Überall roch es nach meinem Gemahl. Nach dem Mann, der mich gestern gegen meinen Willen genommen hatte. Und es wieder tun würde. Immer wieder, denn ich durfte mich nicht wehren. Das konnte ich nicht, solange ich in diesem Schloss Freunde hatte, die mir etwas bedeuteten.
Meine Miene wurde grimmig und in meinem Kopf formte sich ein Plan. Es war leicht. Es musste nur funktionieren. Und dann hätte er nichts mehr gegen mich in der Hand. Mit mir konnte er tun und lassen, was er wollte. Aber nicht mit meinen Freunden. Nicht mit meiner Familie, meinen Liebsten! Auch Gilead sollte ich hier wegschaffen. Doch solange Cyrus nichts von unserem Verhältnis wusste, war er nicht in Gefahr.
Mein Gewicht verlagerte sich von meinem Po auf meine Beine, als ich langsam von der Bettkante rutschte. Und gleich darauf hatte ich ein starkes Déjavue Erlebnis. Meine Knie klappten ein, meine Beine hielten mich nicht und ich ging zu Boden. Fröstelnd und auf Knien schlang ich die Arme um meinen Körper. Ich hatte mir noch nicht einmal etwas anziehen dürfen und in den Morgenstunden war es einfach noch zu kalt.
An dem Bettgestell zog ich mich hoch und versuchte es erneut. Einen Schritt nach dem anderen. Ich wollte so schnell wie nur möglich aus diesem Albtraum hier raus.
Schließlich bei der Verbindungstür unserer beider Zimmer angekommen, schlüpfte ich hindurch, schloss sie wieder zu und fand mich in meinem eigenen Schlafgemach. Schnell holte ich mir Kleidung aus meinem Schrank und nahm sie mit ins Badezimmer. Auf dem Weg dahin biss ich mir nachdenklich auf der Unterlippe herum. Würde er wieder erwarten, dass ich Kleider trug? Ich hatte den bestellten Schneider weggeschickt. Immerhin war ich krank gewesen. Ich hatte also nur seine, die mir noch passten. Aber andererseits … meinte er nicht, ich würde sowieso niemals wieder an einer Ratssitzung teilnehmen? Dann wohl auch nicht an öffentlichen Anlässen.
Wieso hatte er diesen Schwur vollzogen? Ich verstand es nicht! Er hätte mich einfach töten können. Und alles wäre in Ordnung. Aber nein, er bevorzugte es, mich zu quälen, mich an ihn zu binden und mich damit für immer zu Seinem zu machen! Mittlerweile hatte selbst mein offensichtlich kleinkarierter Geist erkannt, dass der Blutschwur von damals nur zum Schein gewesen war. Um mir etwas vorzumachen. Ansonsten wäre ich immerhin längst getürmt.
Beinahe hatte ich das Badezimmer erreicht. Noch immer musste ich mich irgendwo abstützen, da mich meine Beine schlicht und ergreifend nicht tragen wollten.
„Naya?“, tönte es erschreckt hinter mir. „Oh, verflucht noch eins, Naya! Emili, komm her!“, schrie Aurillia und schniefte laut, wobei sie mir um den Hals fiel. Die Kleider in meinen Händen fielen zu Boden und ich prallte gegen die Wand, während Aurillia mich schier zerquetschte.
Emili erschien im Gang, erstarrte einen Moment und bekam dann Tränen in die Augen. „Es tut mir so unglaublich leid“, flüsterte sie heiser und gesellte sich zu uns in Aurillias stürmische Umarmung. Langsam legte auch ich meine Arme um die beiden Mädchen und vergrub meinen Kopf in Emilis Nacken. Vielleicht sollte ich einfach zubeißen und es auf diese Art enden lassen. Bei dem Gedanken schossen meine Fangzähne heraus, bereit für jede Schandtat.
Emili stieß sich von mir und sah mich strafend an. „Spinnst du?!“, schimpfte sie aufgelöst. „Hast du eine Ahnung, wie ich mich fühlen würde, wenn du dich selbst durch mich richtest?!“
„Was …?“ Aurillia starrte zwischen mir und Emili hin und her, dann griff sie sich selbst an den Hals, als befürchtete sie, ich würde sie beißen wollen. „Was ist denn los? Wo warst du gestern? Was ist passiert?“
Angespannt fuhr ich mir mit meinen Händen durch die Haare und zog meine Fänge wieder ein. „Es tut mir leid …“, murmelte ich. „Das war nicht überlegt.“
„Was …?“
„Cyrus ist zurück“, presste ich durch zusammengekniffene Zähne.
„Aber, das ist doch gut!“, meinte Aurillia lächelnd. Als ich dieses aber nicht erwiderte, erstarb ihr es. „Oder etwa nicht?“
Ich senkte den Kopf. „Ich habe Leeander getötet“, gestand ich niedergeschlagen. „Es war ein Versehen, aber … Cyrus ist sauer.“ Ich schniefte, schüttelte den Kopf und erzählte weiter. „Den gestrigen Tag habe ich im Kerker verbracht und heute Nacht hat er mich gezwungen, den Blutschwur zu wiederholen. Dieses Mal so, dass wir auch wirklich aneinander gebunden sind. Und danach hat er …“ Mir blieben die Worte im Halse stecken. Ich schaute zu meinen Freundinnen, in Emilis Augen spiegelte sich das Wissen um die Geschehnisse letzte Nacht. „Er hat mich genommen“, presste ich zwischen meinen Zähnen hervor.
Aurillia starrte mich vollkommen fassungslos an. Nacheinander prasselte die Bedeutung meiner Worte auf sie ein. Ganz zum Schluss blitzte es verstehend in ihren Augen auf. „Wo ist er?“, fragte sie und wandte sich bereits zur Tür um. „Ich bringe ihn um! Ich bringe dieses miese Schwein um!“
„Nein, Aurillia, das wirst du nicht!“, sprach ich befehlend. Deutlich leiser fügte ich hinzu: „Ihr beide werdet gehen. Augenblicklich. Packt eure Sachen, nur das Nötigste. Ich werde Euch ein wenig Gold mitgeben. Und einen Brief. Essen müsst ihr selbst besorgen, aber das schafft ihr. Reist nach Osten, zu Darleen. Sie ist Cyrus‘ Cousine, aber ich vertraue ihr. Sie hat ihren eigenen Kopf, wird euch aber ganz sicher aufnehmen. Dafür gebe ich euch auch den Brief mit. Gebt ihn ihr. Und jetzt …“ Die beiden standen mit offenen Mündern da, wussten aber ganz offensichtlich nicht, was sie sagen sollten. „Bereitet alles vor. Aber passt auf, dass euch keiner erwischt! Cyrus darf unter keinen Umständen von eurer Flucht erfahren, verstanden? Redet nicht darüber! Mit niemandem!“
Aurillia war völlig schockiert und bewegte sich kein Stück. Dafür war Emili plötzlich umso lebhafter. „Ja, gib uns eine Stunde! Wo sollen wir auf dich warten?“ Sie zog Aurillia bereits in Richtung ihres Zimmers.
„Ich komme nicht mit“, gestand ich leise.
Beide Mädchen blieben ruckartig stehen und sahen mich mit offenen Mündern an. „Warum?“ hakte Aurillia nach. Allerdings war es Emili, die für mich antwortete. „Weil sie hier noch ein paar Dinge regeln muss. Sie wird nachkommen, sobald sie kann.“ Emili sah mich an und wirkte traurig. „Nicht wahr, Naya?“
Ich schluckte den Kloß in meinem Hals herunter und log: „Ja, natürlich. Sobald ich kann.“ Sobald Cyrus tot war, aber das könnte zu meinem Bedauern noch Jahrtausende dauern. Ich spürte die Bindung zu diesem Mann und sie zerriss mein Innerstes schon jetzt. Ich wollte ihm nahe sein, und gleichzeitig so weit entfernt wie nur möglich. Ich wollte seine Nähe spüren, seine Lippen auf meinen fühlen, und gleichzeitig hatte ich das Bedürfnis, ihn abzustechen und dafür leiden zu lassen, was er mir angetan hatte. Aber auch meine Hände wusch ich nicht in Unschuld …
Nein, die Wahrheit war, dass es nicht sofort auffallen würde, wenn Emili und Aurillia verschwanden. Und auch Irina musste weg. Aber auch bei ihr würde es nicht sofort auffallen. Bei mir jedoch … wahrscheinlich würde er es dank des Blutschwurs vermutlich sogar spüren, wenn ich mich von ihm entfernte. Vielleicht könnte er mich sogar dadurch finden.
Aurillia nickte langsam, während Emili mir mit glänzenden Augen schwer schluckend entgegensah. Dann verschwanden die beiden in ihrer Kammer. Waschen konnte ich mich später, beschloss ich, zog mir schnell die auf dem Boden liegenden Klamotten über und setzte mich an den Schreibtisch. Dort überlegte ich mir die Worte, mit denen ich Darleen mitteilen konnte, was ich von ihr brauchte. Was sie tun musste. Für mich. Nicht, weil ich ein stark fundiertes Vertrauen in sie hegte, oder sie bereits lange kannte, sondern einfach nur, weil sie die Einzige war, der ich meine besten Freundinnen anvertrauen konnte.
An Darleen, Fürstin des Ostens, Nachkomme des Ora-Fides
Liebste Darleen,
Ich mache es kurz; ich schreibe dir in Not. Ich habe meine Reife durchlebt. Doch ich befinde mich in einer misslichen Lage. Aus diesem Grund muss ich dich um einen großen Gefallen bitten.
Diese beiden Mädchen, Emili und Aurillia, sie waren meine Zofen. Und meine besten Freundinnen, abgesehen von Irina, die du bei unserem gemeinsamen Dinner kennenlernen durftest. Cyrus tut alles, um mich unter seiner Kontrolle zu halten. Ständig droht er mir mit ihren Leben, aber ich ertrüge es nicht, ließe er seinen Worten Taten folgen. Es ist nicht so, dass ich bewusst versuchte, gegen ihn zu arbeiten. Aber alles, was ich tue, jede meiner Handlungen versteht er als Affront!
Deshalb, und aus tiefstem Herzen, richte ich flehentlich die Bitte an dich: Nimm die beiden auf. Sie sind tüchtige Mädchen und werden dir sicher mit Freuden und Hingabe dienen. Mit etwas Glück schaffe ich es auch, Irina aus dem Schloss zu schmuggeln, denn auch ihr Leben bedroht er stets.
Ich weiß mir nicht mehr anders zu helfen. Ich kann die drei nicht verlieren, deshalb vertraue ich sie dir an. Bitte achte gut auf sie. Und erzähl ihm nichts.
Ich flehe dich an, Darleen. Sie sind meine Familie!
Deine Naya
Signiert: Aurelie Nayara Athanasia, Königin und Herrscherin über das Goldene Reich, Nachkomme der Ignis-Robur
Eine Träne tropfte auf das Pergament und ließ den Namen meiner Göttin verschmieren. Fluchend griff ich nach einem Tuch und hielt es an den Wassertropfen, doch der Schaden war bereits angerichtet. Schwer seufzend akzeptierte ich das Missgeschick. Ich hatte keine Zeit, ihn nochmals neu aufzusetzen. Die beiden Mädchen mussten los, ehe Cyrus auf die Idee kam, nach mir zu sehen.
Ich wartete noch kurz, bis die Tinte trocken war, dann steckte ich das Pergament in einen Briefumschlag und zog eine Kerze herbei. Anfangs war es mir noch schwergefallen, ein Siegel zu schaffen, aber mit der Zeit kam die Übung. Ich hielt das Siegelwachs nahe der Kerze, und diese leicht schräg über den Umschlag. Der Wachs tropfte darauf. Das markante Rot stach einem sofort ins Auge. Leise ausatmend drückte ich meinen Ring hinein und wartete geduldig, bis der Wachs darunter getrocknet war.
Es war der Ring meines Onkels. Entsprechend prangte nun ein roter Drachenkopf auf dem gelblichen Umschlag.
Ich sah auf. Wie viel Zeit hatte ich gebraucht? Erst jetzt spürte ich den Schmerz in meiner Mitte wieder, der mich die ganze Zeit schon unruhig sitzen ließ. Schnell stand ich auf. Nach den letzten Tagen erwartete ich bereits das Schwindelgefühl kommen, doch es blieb aus. Ich runzelte die Stirn. Und als mir ein Gedanke kam, biss ich mir auf die Lippe.
War dieses Fieber vielleicht überhaupt keines gewesen? Wer wusste schon, wie sich Feuerkräfte in einem manifestierten? Es kam seit Jahrtausenden nicht mehr vor. Nicht ein einziger der heute lebenden Vampire hatte damals, zu dieser sagenumwobenen Zeit, schon gelebt.
Aurillia kam aus dem Zimmer, Emili dicht auf den Fersen. „Ich gehe in die Küche und sage, du brauchst zu Mittag …“, flüsterte erstere und wandte sich in Richtung Tür. Emili kam auf mich zu und verschränkte die Arme.
„Hast du dir das wirklich gut überlegt, Naya? Was sagst du ihm, wenn er nach uns fragt? Was ist, wenn du Ärger deswegen bekommst?“ Sie seufzte tief, ging auf mich zu und nahm mich in den Arm. „Komm einfach mit uns!“
„Kann ich nicht. Euer Verschwinden wird nicht so schnell bemerkt. Ihr schafft ein gutes Stück, bevor er überhaupt auf die Idee kommen wird, ich hätte euch fortgeschickt. Aber wenn ich verschwinde …“ Ich ließ den Satz offen. Es ginge keinen halben Tag und er hätte die ganze Stadtwache auf uns gehetzt.
„Ich will nicht, dass das ein Abschied für immer ist, Naya.“ Sie vergrub ihren Kopf an meiner Schulter und schluchzte leise. „Aurillia wird ja sofort Freude finden, aber ich kann sowas nicht.“
„Du bist mindestens genauso liebenswürdig wie Aurillia, Emili. Wie kommst du nur auf die absurde Idee, jemand würde nicht mit dir befreundet sein wollen?“ Ich genoss für einige Atemzüge einfach nur ihren vertrauten Duft. „Vermeide es, gebissen zu werden. Es käme nicht gut, würde sich herumgesprochen, eine Hexe hätte sich in den Osten verirrt. Da bräuchte Cyrus nicht lange, um euch zu finden“, murmelte ich in ihr Haar. „Und den Brief gibst du nur Darleen persönlich. Vertrau ihn niemand anderem an. Vertraut generell niemandem auf eurem Weg!“
Emili schluckte schwer, drückte mich noch einmal fest und machte einen Schritt zurück. „Ich verspreche es.“ Sie nahm den Brief und schob ihn in ihren Ausschnitt. Dann prüfte sie kurz den Sitz des Bündels, das sie sich ungebunden hatte. „Gut. Aurillia ist fertig. Fangen wir sie auf dem Weg ab.“
Ich zwang ein leichtes Lächeln auf meine Lippen. „Unglaublich, wie du mit dieser Fähigkeit umgehst.“
„Es wird mit jedem Tag leichter. Und es wird uns auf dem Weg in den Osten helfen. Sei unbesorgt, wir werden gut ankommen.“ Sie lächelte ebenfalls und ging bereits vor zur Tür.
Ich nickte nachdenklich. Ich konnte es nur hoffen.
Ehe ich ihr hinterherging, holte ich mein Schwert aus seinem Versteck und betrachtete es wehleidig. Ich musste es wieder im Weinkeller verstecken. Und meine Übungen … sollte ich denn überhaupt noch lange genug dafür leben, dort weiterführen. Es würde Cyrus zweifellos auffallen, wenn sich der Graf jeden Morgen bei mir einschleichen würde.
Schnell griff ich noch nach ein paar Münzen, hauptsächlich Silber- und Kupferstücken. Goldstücke würden nur unnötige Aufmerksamkeit auf zwei scheinbar einfache Menschenmädchen lenken. Kupferlinge wären sicher besser, aber so kleine Münzen hatte ich hier nicht.
Emili öffnete die Tür, schaute sich um und gab mir Entwarnung. Es sollte keine Zeugen geben, wenn wir uns zusammen nach draußen schlichen. Schnell steckte ich ihr noch die Münzen zu, die sie hastig in einer der vielen Taschen ihres Kleides verschwinden ließ. Um ihre Schultern hing ein Umhang von guter Qualität, einen anderen hielt sie auf dem Arm. Die Umhänge waren gut gearbeitet, aber nicht weiter auffällig mit irgendwelchen Schnörkeln verziert. Auch das käme den beiden zugute.
Aurillia kam uns gerade entgegen. Sie hatte einen Korb dabei und strahlte, als würden wir nur picknicken gehen. „Haben wir alles?“
Emili reichte ihr den Mantel, dann gingen wir los. Der Korb würde ihnen auf ihrer Reise noch zum Verhängnis werden, dachte ich, behielt es aber für mich. Ein Beutel wäre sinnvoller gewesen.
Ich führte die Mädchen in die Geheimgänge, wo zuerst gleich ein einstimmiges ‚Oh‘ zu hören war.
„Und du bist dir sicher, dass wir hier wieder herausfinden?“, fragte Aurillia unsicher.
„Aurillia, ich gehe schon mehr als vierzig Jahre durch diese Gänge. Etwas mehr Vertrauen bitte“, antwortete ich gespielt beleidigt, fing nun aber an, mich zu konzentrieren. Denn den Gang, den ich heute mit ihnen gehen würde, hatte ich selbst erst einmal betreten und danach nie wieder. Er führte raus. Raus aus dem Schloss, raus aus der Stadt. Es war ein langer und beschwerlicher Weg. Ich war mir sicher, früher hatte er als Fluchttunnel gedient.
Nach fünf Minuten kamen die ersten Beschwerden von hinten. Emili hielt meine Hand und Aurillia die ihrige. Doch ich ermahnte meine Freundin zu schweigen. Zwar waren wir in den Gängen und die Wahrscheinlichkeit gehört zu werden war verschwindend gering, aber riskieren wollte ich es trotz allem nicht. Die Jammereien über Spinnen erstickte ich mit einem Fauchen im Keim. Mochte sein, dass das nicht die feine Art war, aber eine kreischende Aurillia oder Emili konnte ich hier nicht gebrauchen.
Nach der ersten halben Stunde, in der wir beinahe stetig nur nach unten gelaufen waren, wagte Aurillia flüsternd zu fragen, wie lange es denn noch ginge. Wieder bedeutete ich ihr, still zu sein.
Irgendwann wurden die Gänge wieder gerade. Wir befanden uns ungefähr auf Höhe der Reliquienkammer. Vielleicht sogar tiefer. Ich wusste es nicht mit Bestimmtheit, denn der Weg war ein gänzlich anderer. Schnurstracks führte uns das Höhlengebilde nun vorwärts, ohne auch nur noch einmal einen Ausgang oder eine Gabelung aufzuweisen. Wir mussten direkt unter der Stadt sein, doch selbst mit meinem Vampirgehör konnte ich keine Kutschenräder, Stimmen oder sonstige Geräusche ausmachen.
Mit jedem Schritt fiel mir das Bewegen meiner Beine schwerer und mein Herz fühlte sich an, als hätte jemand eine Faust darum geballt. Ich presste die Lippen aufeinander und ging geballter Fäuste weiter, mein Schwert fest mit meiner Hand umschlungen. Sollten wir beim Ausgang auf jemanden treffen, wäre es mit Sicherheit noch von Vorteil.
Schließlich begann der Weg wieder anzusteigen, und nach einer unglaublich langen Zeit, in der ich meine Beine unglaublich fest brennen spürte, kamen wir in einer Sackgasse an. Ich war müde und erschöpft. Der Weg war anstrengend gewesen, und meine körperliche Verfassung nicht die beste nach letzter Nacht.
Meine Hände tasteten nach oben und fanden den alten, verrosteten Griff einer Luke. Als ich diesen Gang zusammen mit Alexander entdeckt hatte, waren wir noch nicht dazu fähig gewesen, diesen Deckel zu öffnen. Doch heute, mit den Kräften eines ausgewachsenen Vampirs, war ich zuversichtlich.
Ich ruckte einige Male fest daran, schlug dagegen und verzog das Gesicht bei dem Krach, den ich veranstaltete. Doch nach einiger Zeit sprang die Klappe auf. Ich drückte sie weiter; etwas Laub und Erde prasselte mir von oben entgegen. Das war wohl Glück. Es hätte genauso gut sein können, dass die Luke in irgendeinem See oder Tümpel endete, der zu Zeiten der Erbauung des Schlosses noch nicht existiert hatte.
Während ich dem grellen Sonnenlicht entgegen blinzelte, atmete es hinter mir plötzlich scharf ein. „Naya, pass auf!“






















































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