Kapitel 39 – Banditen

Kapitel 39 – Banditen

 

Aurelie

„Was?“ Mein Kopf schoss nach hinten, wo ich Emilis Umrisse nun halbwegs erkennen konnte. Doch ehe sie mir antworten konnte, wurden wir unterbrochen.

„Na was haben wir denn da?“

Mein Blick schnellte zurück zur Klappe, die nun mit einem lauten Ächzen zur Gänze aufgezogen wurde. Ein bärtiges Männergesicht erschien über mir. Kurz darauf ein Zweites.

„Was habt ihr denn da, Bax?“

„Ein … Mädchen?“, antwortete der Bärtige überrascht, die Stirn gerunzelt. Kurz darauf grinste er breit und reichte mir die Hand. „Komm, Kleines, wir beißen nicht.“

Offensichtlich hatten die beiden Männer Emilis und Aurillias Anwesenheit noch nicht bemerkt. Besser, das blieb vorerst auch so. Wo waren wir hier gelandet? Ich schluckte schwer und deutete den beiden Mädchen, im Schatten zu bleiben.

„Zwei Mädchen!“, rief der andere und grinste dreckig. Dann war der Schatten wohl nicht dunkel genug gewesen …

„Wir sind zu dritt, ihr Tölpel!“, drang Aurillias Stimme von hinten. Gerade noch so konnte ich mich von einem verzweifelten Kopfschütteln abhalten.

„Na los, willst du da unten bleiben, oder uns lieber Gesellschaft leisten? Wir sind auch ganz nett.“ Wieder grinste er, sodass mir ein kalter Schauer den Rücken hinab lief. Aber ich griff nach seiner Hand und ließ mich hochziehen. Was hätte ich sonst tun sollen?

Oben erwartete mich ein lichtdurchfluteter Wald. Um mich herum war ein abgenutztes, kleines Zelt aufgebaut, ein wenig weiter weg eine Feuerstelle errichtet und um diese herum vier Schlaflager. Das Feuer war aus, doch ich konnte den Geruch von verbranntem Holz noch riechen. Vermutlich glühte da unter der Asche noch der eine oder andere Scheit. Zwei Männer saßen auf den Lagern um das Feuer herum, schickten sich aber gerade dazu an, aufzustehen und auf mich zuzukommen.

Während ich mich umsah, wurden auch Emili und schließlich Aurillia nach oben gezogen. Schnell kamen die Mädchen die wenigen Schritte auf mich zu, die ich in Gedanken versunken von der Bodenklappe weggelaufen war.

„Was haben wir denn da?“ Einer der Männer, die vorhin noch um die Feuerstelle gesessen waren, stellte sich vor mir auf, die Arme verschränkt und den Rücken selbstsicher durchgestreckt. „Drei kleine Mädchen verirrten sich im Wald …“, sang er schief und erntete von den anderen drei Kerlen ein Lachen. „Und eines trägt sogar ein ausgesprochen schönes Schwert bei sich!“ Er versuchte danach zu greifen, doch ich wich aus, was die anderen drei wieder zum Lachen brachte.



„Das ist meins“, sagte ich fest, wobei ich mich bemühte, meine Fangzähne in meinem Mund zu halten. „Wer seid ihr?“ Angespannt presste ich meine Lippen aufeinander.

Erneut ergriff derjenige das Wort, der mir mein Schwert hatte entwenden wollen. Vermutlich der Anführer. „Süße Mädchen sollten nicht mit spitzen Dingen spielen“, beharrte er und griff erneut danach. Dieses Mal erwischte er den Knauf und zog, aber das konnte er vergessen. Ich war kein erbärmlicher, schwacher Mensch wie er. Ich hielt es fest und schüttelte seine Hand ab.

„Ich fürchte, das süße Mädchen ist stärker als du.“ Das war vermutlich das Dümmste, was ich hätte sagen können.

Der Mann wurde sichtlich ungeduldig. „Nehmt es ihr weg!“

Die beiden Männer, die uns aus dem Loch geholfen hatten, näherten sich mir von hinten, doch ich wagte es nicht, mich zu ihnen umzudrehen, denn dann hätte ich den Anführer im Rücken. Theoretisch könnte ich sie alle töten. Ganz schnell. Aber weder hatte ich meine Vampirkräfte schon richtig unter Kontrolle, noch wollte ich, dass Aurillia und Emili diese Seite von mir sahen. Aurillia hatte schon Angst genug, wenn sie nur meine Fangzähne sah.

Die Männer kamen und ich ließ mich überrumpeln. Kurz war ich geneigt, zu kämpfen. Ich wollte es nur zu gerne. Aber weder hatte ich momentan besonders viel Kraft, noch konnte ich das den beiden Mädchen zumuten. Cyrus hatte die letzte Nacht dafür gesorgt, dass ich mich kaum noch regen konnte. Er hatte mich ausgetrunken, als sei ich ein Krug voller Wein. Ich brauchte Blut, um wieder zu Kräften zu kommen … und die Männer hier wären sicher ideal dafür, denn es schienen, dem Verhalten nach zu urteilen, Gesetzlose zu sein. Aber nicht vor Aurillias Augen!

Die Männer rangen mich zu Boden und verdrehten mir meine Arme auf dem Rücken. Das Schwert war schneller aus meiner Hand, als ich gucken konnte.

Aurillia schrie: „Nein, lasst sie, ihr Idioten!“, und fing an, um sich zu schlagen. Emili presste, sichtlich angespannt, die Lippen aufeinander.

„Ich will die da! Die anderen könnt ihr euch aufteilen“, bestimmte der Anführer und blickte zu mir hinunter, die Mundwinkel zuckend.

„Ich nehme die Kleine, die sich so doll wehrt!“, bestimmte ein anderer.



„Ich mag es aber auch, wenn sie sich wehren!“, maulte ein Dritter.

Schließlich sprach der Vierte ruhig: „Dann nehme ich das ruhige Ding.“ Gerade als ich ihm noch einigermaßen Anstand ob seines eher zurückhaltenden Verhaltens zusprechen wollte, zuckte seine Zunge lüstern über seine Lippen, er packte Emili am Hals und streckte ihr seine Zunge in den Mund. Mir kam beinahe die Galle hoch, als ich das Geschehen aus dem Augenwinkel betrachtete.

Auch Aurillia wurde gepackt, während einer der Männer mir sein Knie weiter in den Rücken drückte und mich so dem Anführer präsentierte. Diesem wurde mein Schwert gereicht, welches er interessiert betrachtete.

„Gute Arbeit, tatsächlich. Gibt es, da wo ihr herkommt, noch mehr davon?“ Er deutete auf die Klappe im Boden, sein Blick eindringlich auf meine Reaktion gerichtet. Ich jedoch konnte mich lediglich auf die schrecklichen Geräusche konzentrieren, die die anderen Männer von sich gaben, während sie Emili und Aurillia begrabschten.

Ich versuchte hochzukommen und den Mann von mir zu werfen, aber mein Körper schien im unpassendsten Augenblick überhaupt schlapp zu machen. Der Blutverlust, den ich bis eben erfolgreich verdrängt hatte, holte mich ein und erinnerte mich höhnend an die letzte Nacht.

„Wir sind überfallen worden und anschließend in irgendeine Höhle im Wald gestürzt“, presste ich unwillig hervor. Wenn ich zumindest näher an ihn herankäme, dann könnte ich mich von ihm nähren … Und wenn sich Aurillia danach vor mir fürchtete, dann war das eben so. Aber immer noch besser, als wenn sie heute durchmachen musste, was mir letzte Nacht widerfahren war! „Außerdem sollten sich deine Männer nicht mit meinen Freundinnen beschäftigen, sondern lieber mit mir! Ich habe immerhin bereits ein Alter erreicht, das man als erwachsen bezeichnen könnte!“, gab ich, in einem Versuch karger Hoffnung, dass die Männer noch so etwas wie Anstand vor dem Alter besäßen, zu Wort. Doch ich hörte sie nur wieder lachen.

„Meinst du, wir wären so spießig wie Vampire? Wo bist du denn aufgewachsen?“, spottete derjenige, der mir sein Knie noch immer unnachgiebig in den Rücken drückte. „Kommst du hier klar? Ich will mich auch noch vergnügen. Die kleine Widerspenstige ist bestimmt noch Jungfrau, das überlasse ich doch nicht Brork!“



Aurillia schrie wütend auf, als sie diese Worte hörte. Sie wand sich noch immer energisch im Griff des einen, hatte mit ihrer zierlichen Figur aber kaum eine Chance. Emili hingegen, so sah ich aus meinem Augenwinkel heraus, lehnte sich völlig entspannt und mit geschlossenen Augen an den Baum, an den sie gedrückt wurde. Der Mund des Mannes, der sie geschnappt hatte, lag nicht weiter auf ihrem. Stattdessen stand er vor ihr, die Hände auf locker ihre Schultern gelegt. Es sah noch nicht einmal mehr so aus, als würde er sie zu irgendetwas drängen.

Die Situation verwirrte mich. Aber vorerst hatte ich selbst zu kämpfen. Der Mann vor mir hatte sich zu mir hinuntergebeugt und mein Kinn mit seinen Fingern angehoben. Wutentbrannt starrte ich ihm entgegen.

„Lass sie los, so stark kann sie wohl kaum sein“, sagte er mit einem leichten Winken seiner Hand, woraufhin sein Kumpane tatsächlich von mir abließ, mit der Bemerkung, sich jetzt seinem eigenen Spaß zuwenden zu können. Der Anführer drehte mich geschickt um und legte seinen Körper direkt auf meinen. „Na, meine Hübsche? Was hat dich dazu verleitet, deinen Körper unter solchen Männerklamotten zu verstecken? Ich finde, die passen nicht so recht zu dir. Wollen wir sie dir nicht ausziehen? Etwas Spaß haben?“ Immer näher kam mir sein Mund.

Als mir der stinkende Atem entgegenwehte, ging mir fast die Luft aus. Doch anstatt erneut einen auf kratzbürstig zu machen, zwang ein Lächeln auf meine Lippen und gab mich einverstanden. „Natürlich. Aber nur, wenn ich oben sein darf.“

„Auf gar keinen Fall“, knurrte er und senkte seinen Mund auf meinen. Ich versuchte, meine Lippen geschlossen zu halten, aber seine Zunge drang hindurch und glitt drängend in meinen Mund. Beinahe kam mir die Galle hoch. Es war nicht nur Mundgeruch, der mir entgegen stach, sondern auch der penetrante Gestank fehlender Körperhygiene, ganz zu schweigen von den teilweise schwarzen oder ausgefallenen Zähnen!

Das war der Moment, in dem ich mich nicht mehr halten konnte. Ein Wunder eigentlich, dass es so lange gedauert hatte. Meine Fänge drückten durch mein Zahnfleisch und ritzten bei einer unbedachten Bewegung seinerseits seine Zunge auf.

Erschrocken nahm er seinen Mund von meinem. „Was …?!“, stieß er unverständlich hervor, noch ehe er meine Fänge sah. „Du bist eines dieser Scheusale?“, schrie er plötzlich und wollte mit der Hand ausholen, wohl um mich zu schlagen. Doch ich war schneller. Meine Fänge gruben sich tief in seine Haut. Mir war es gleich, wie viel Gift ich in seinen Körper pumpte. Ich wollte hier und jetzt seine Schreie hören. Fertig mit Anfassen, was sich nicht gehörte! Dieser Mensch und auch die anderen drei würden heute die Lektion ihres Lebens erhalten!



Mit seinen Händen versuchte er sich von mir zu stoßen und mir so seinen Hals zu entreißen, doch er hatte keine Chance. Die Gier hatte mich gepackt. Ich hatte gar nicht bemerkt, wie sehr mich der Durst bis eben gequält hatte. Wie nahe er unter der Oberfläche gelegen hatte. Doch jetzt füllte ich genussvoll stöhnend meinen Magen mit dem roten Lebenssaft und klammerte meine Hände um den Mann, als würde mein Leben davon abhängen. Neue Kraft durchströmte mich und ließ mich genießend aufseufzen.

Als sein Körper an Spannung verlor und er nur noch wie ein schweres, flach atmendes Ding auf meinem Körper auflag, flüsterte ich ihm zu: „Und so richtet dich deine Königin zu Tode.“ Ich grinste hämisch. „Schrei für mich!“

Ich griff nach meinem Schwert, welches er vorhin zwei Armlängen von mir entfernt in den Boden gerammt hatte, und schnitt ihm damit einmal quer über den Bauch. Ganz kurz nahm ich mir die Zeit und genoss den Anblick des frei fließenden Bluts, welches nun aus dem Schnitt an seinem Bauch quoll. Das abgewetzte, einst gelblich-weiße Hemd, das er trug, färbte sich innert Sekunden blutrot.

Ohne weitere Allüren ging ich auf die Männer bei Aurillia zu. Sie hatten sie einige Meter weiter weggebracht und mittlerweile zu Boden gerungen. Als sich einer gerade die Hosen hinunterzog, warf ich mein Schwert und traf mittig seinen Brustkorb. Der andere, durch das plötzliche Taumeln seines Bastardkollegen aufmerksam gemacht, drehte sich ruckartig zu mir um und sah mich mit großen Augen an. Es dauerte nicht lange, da lag sein Blick unausweichlich auf meinen Fängen.

„Na, gefalle ich Euch so?“, zischte ich und grinste süffisant. „Na los, komm. Es wird dir sicher gefallen!“ Ich fletschte meine Zähne.

Tatsächlich rannte er auf mich zu. Jetzt ohne Waffe lieferten wir uns ein kurzes Handgemenge, welchem ich mit Freuden entgegensah. Es war schön, das Erlernte auch einmal anwenden zu können. So lange zumindest, bis der Schuft einen Dolch aus irgendeiner seiner Taschen zauberte und damit auf mich zustürmte.

„Oh, nein“, murrte ich. „Ganz sicher nicht!“ Wütend wich ich aus, rannte zu dem anderen Mann, der momentan damit beschäftigt war, den Boden mit gespucktem Blut zu besprenkeln, und zog ihm rückhaltlos das Schwert aus dem Rücken. Er schrie gepeinigt auf, wimmerte und sackte schließlich zu Boden. Aurillia kam erst langsam wieder auf die Beine. Ich hätte mich gerne um sie gekümmert, aber dafür blieb gerade keine Zeit.



Der Angreifer mit dem Dolch kam hinterrücks auf mich zu. In einer fließenden Bewegung hatte ich mich umgedreht, ihm die Waffe aus der Hand geschlagen und stand mit gekonnt erhobenem Schwert in Angriffsstellung. Zwei Sekunden später prangte ein präziser Schnitt an seiner Kehle, aus der mir jede Menge Blut entgegen spritzte. Bisher lief das besser als gedacht. Waren alle Banditen so schlecht ausgebildet?

Ich ließ das Schwert fallen und lief stoisch zu dem vierten und letzten Mann der Runde. Noch immer stand er vor Emili und regte sich kein Stück. Mir war durchaus bewusst, dass Emili irgendetwas mit ihm gemacht haben musste. Doch auch wenn er sich nicht aktiv an meiner Freundin vergriff, würde er sterben. Ich hatte nicht vor, Gnade walten zu lassen.

Fest legte sich eine meiner Hände um seinen Hals. Mit der anderen packte ich ihn um den Bauch und zog ihn näher zu mir, sodass seine Hände sich willenlos von Emili lösten und ich nur noch meine Fänge in seine Halsschlagader versenken musste.

Sobald sich der Körperkontakt zu Emili löste, schien er wieder zu sich zu kommen. Als er bemerkte, in welcher Situation er steckte, begann er wild um sich zu schlagen, sodass ich ihn noch weiter von Emili wegzog.

Schon deutlich kontrollierter als beim letzten, nahm ich geduldige Schlucke, genoss, wie das Blut meine Kehle hinunterrann und stöhnte leise auf. Als ich meine Augen öffnete, blickte ich direkt auf Emili, die mir ruhig entgegensah. Als stünde ihr gerade kein mordlüsternes Monster gegenüber.

Für den Moment unseres Blickkontakts hatte ich aufgehört, zu trinken. Jetzt schloss ich meine Augen wieder und schluckte noch ein paar Mal genießerisch das Blut des Banditen, dessen Versuche, sich zu wehren, kläglich geschrumpft waren. Ob aufgrund meines Gifts, oder weil er Lust dabei empfand, mir auf diese Weise zu dienen, wusste ich nicht.

Als ich endgültig satt war, packte ich ohne ein Gefühl der Schuld seinen Kopf von beiden Seiten und drehte ihn mit einem Ruck herum, sodass das laute Knacken seines Genicks durch den scheinbar vollkommen stillen Wald hallte.

Ich hatte den beiden befohlen, sich ans Lagerfeuer zu setzen. Emili sollte Aurillia dabei helfen, sich umzuziehen. Glücklicherweise hatten die beiden je ein Kleid zum Wechseln mit eingepackt, denn Aurillias war mittlerweile nicht nur zerrissen, sondern dank mir auch blutbespritzt. Ich konnte ihr nicht mehr in die Augen sehen. Zu groß war die Angst davor, dass sie mich für meine Taten verurteilte.



Und ich … nun, ich war dabei, unsere Spuren zu beseitigen. Für die Männer hatte ich zuerst eine zugegeben makabere Idee. Ich hatte sie an ihren Hälsen an einem Baum aufhängen wollen. Ihrer Oberteile beraubt, dafür aber mit einer schönen Nachricht, ihre Vorderseiten zierend. ‚Vergewaltiger‘ hätte da beispielsweise gut gepasst. Oder ‚Frauenschänder‘.

Aber ich ließ es bleiben. Stattdessen stapelte ich die drei Leichen aufeinander und versuchte, sie zu verbrennen. Nicht mit meinen göttergegebenen Kräften. Mit denen wollte ich nichts zu tun haben. Nein, stattdessen hatte ich mir Pyrit und Feuerstein aus ihren Vorräten gesucht und versuchte so ihre Gewänder zu entflammen. Doch mittlerweile zitterten meine Hände aus unerfindlichen Gründen, und meine Kraft ließ nach. Ich fühlte mich allein, verletzt, verurteilt und im Stich gelassen. Und die meisten dieser Gefühle konnte ich mir nicht erklären.

Schlussendlich ließ ich es bleiben. Vermutlich war es sowieso keine besonders geniale Idee, mitten im Wald ein Feuer zu entzünden. Der penetrante Geruch nach Blut auf meiner Kleidung ließ mir die Nase rümpfen. Frisch schmeckte es wirklich vorzüglich, aber wenn es trocknete, roch es einfach nur noch nach Eisen und Metall. Noch immer verspürte ich keinerlei Schuld, bemerkte ich irritiert, tat den Gedanken aber schnell wieder ab.

„Seid ihr soweit?“, fragte ich, als ich auch mein Schwert gereinigt und wieder in die Hand genommen hatte. Die Falltür zu den Geheimgängen hatte ich vorsichtshalber mittlerweile geschlossen. So oft wie ich in diesem Lager mittlerweile hin und hergelaufen war, wäre ich am Ende noch in das Loch gefallen und hätte mich verletzt. Ich hatte möglichst alle Spuren, die auf unsere Anwesenheit hindeuteten, zerstört. So gut ich das eben konnte.

Mittlerweile hatten sich beide Mädchen ein klein wenig frisch gemacht. Die Spinnweben waren von ihren Kleidern und aus ihren Haaren verschwunden, Aurillia trug das neue Kleid und schien auch schon wieder ein klein wenig gefasster.

Ich zog Emili in meine Arme, danach wandte ich mich Aurillia zu, wusste aber nicht, ob sie meine Nähe momentan vertrug. Zwar waren meine Fänge wieder eingezogen, aber … sie war trotz allem erst zwölf.



Ich schluckte schwer. Sie machte keinerlei Anstalten, sich mir zu nähern. Dann würde ich sie auch nicht dazu zwingen. „Passt auf euch auf“, flüsterte ich und unterdrückte die aufkommenden Tränen. „Vertraut niemandem. Bringt niemanden gegen euch auf, wenn es sich vermeiden lässt und bleibt unerkannt. Macht nicht auf euch aufmerksam.“ Ich versuchte es nicht allzu auffällig zu tun, doch mein Blick und meine Worte galten dabei vor allem der Jüngeren der beiden.

„Ja, ja, schon klar. Die immer aufgedrehte Aurillia.“ Bedrückt verschränkte sie die Arme und tat, als wäre sie beleidigt. Doch ihre bebende Unterlippe strafte ihre Gestik Lügen.

Sachte legte ich ihr eine Hand auf die Schulter und zwang sie mittels meiner anderen Hand, ihren Blick zu heben. „Das ist die Eigenschaft, die ich an die am meisten bewundere, liebe, wertschätze und … wegen der ich mir Sorgen um dich mache. Denn nicht jeder heißt offenen Widerspruch willkommen. Insbesondere keine blasierten Vampire, die ihre Nase so hoch in den Himmel halten, dass sie schon an den Palasttürmen vorbei sind.“

Ihre Mundwinkel zuckten kaum merklich; damit war meine Arbeit getan. Ich horchte in die laue, sommerliche Brise hinein und deutete schließlich nach Süden.

„Da findet ihr die Hauptstraße. Dann immer nach Osten, also in diese Richtung.“ Ich hatte mich am Moos der Bäume orientiert. „Zu dieser Zeit sollte es noch viele Menschen auf den Straßen haben … denke ich.“ Die Sonne war bereits etwas tiefer gesunken. Es müsste früher Nachmittag sein. „Also reiht euch einfach ein. Vielleicht könnt ihr eine Wegstrecke bei einem Bauern auf dem Karren mitfahren. Aber lasst euch auf keinen Fall übers Ohr legen, wenn er um den Preis verhandeln will! Da geht ihr lieber zu Fuß!“ Ich hatte als Sklave doch das eine oder andere interessante Gespräch mitgehört. „Ein Bronzestück, mehr nicht für eine Fahrt bis in den Osten! Eigentlich ist das schon ein sehr ansehnlicher Preis.“

Die beiden nickten. Emili steckte ich unauffällig noch die Münzen zu, die ich bei den Banditen im Lager gefunden hatte. Sie nickte leicht, doch ernst und unverhohlen bedrückt.

„Dann …“, setzte Aurillia an.

„Ist das der Abschied“, murmelte Emili.



Ich nickte.

„Aber du kommst nach. Du hast es versprochen“, murmelte Aurillia leise und senkte den Kopf.

Wieder nickte ich. „Das habe ich. Und das werde ich, nur keine Sorge.“ Lüge. Ehe sich die beiden umdrehen und gehen konnten, hielt ich sie noch einmal auf. „Ihr müsst den Deckel wieder mit Laub und Erde bedecken.“

Plötzlich vernahm ich ein Knacken in den Wäldern, aus Richtung der Hauptstraße. Angespannt horchte ich auf. Und wieder knackte es. Und das in regelmässigen Abständen.

„Planänderung“, bestimmte ich hastig. „Ihr geht erst einmal weiter durch den Wald und biegt erst später auf die Hauptstraße ein! Schnell, geht! Geht, na los!“ Ich scheuchte sie eilig weg.

Meine ehemaligen Zofen gingen los. Emili vertraute mir, und Aurillia war momentan auf sie angewiesen und hing ihr wie ein kleines Kind am Rockzipfel. Schweren Herzens sah ich ihnen nach.

Sobald die beiden verschwunden waren, atmete ich auf. Zwar konnte man sie noch hören, aber ihre Schritte waren unbeständig; könnten auch die eines Tieres auf Nahrungssuche sein. Und das keine Sekunde zu früh.

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