Kapitel 39 – Cyurs‘ Rückkehr
Kapitel 39 – Cyrus‘ Rückkehr
Cyrus
Über eine Woche brauchten wir für die Rückkehr. Dabei hätte die Hälfte der Zeit gereicht. Aber wir hatten diese Frau bei uns, die mehr schlief, als dass sie wach war. Diese Frau, die sich Tuatha nannte, war alt. Unglaublich alt sogar. Ihr Rücken war so sehr gebeugt, dass sie gar nicht richtig laufen konnte, ohne zu stürzen. Daher war sie immer auf dem Pferd. Da sie sich darauf aber nicht halten konnte, saßen Elok und ich abwechselnd hinter ihr. Nun, meistens ich. Elok war ihr zu kalt.
Wir mussten oft rasten. Eigentlich machten wir sogar mehr Pausen, als dass wir ritten. Diese Frau war mehr tot als lebendig. Und was sie brabbelte, ergab oft keinen Sinn. Ich bereute es, sie überhaupt gesucht zu haben. Es war reine Zeitverschwendung gewesen. Ich hätte bei Nayara bleiben sollen.
„Wann sind wir da?“, fragte Tuatha.
„Morgen. Dort vorne ist das Schloss.“ Ich könnte heute noch bei ihr sein, wenn ich die Nacht durchritt.
„Das ist gut. Ich muss sie sehen.“
Ich nickte erleichtert. Während der letzten Tage hatte ich immer wieder gesagt, dass ich mich um die Königin und das Kind sorgte. Ich hatte von der Reise erzählt, der unverhofften, frühen Schwangerschaft und dass Nayara geblutet hatte. „Die Königin wird dich sicher auch sofort sehen wollen. Sie wird wissen wollen, ob es dem Kind gut geht.“
„Nicht die Königin.“ Die alte Frau schüttelte den Kopf. „Ich muss die neue Tuatha sehen.“
„Es gibt niemanden im Schloss, mit diesem Namen.“
„Es ist nur noch so wenig Zeit“, seufzte sie schwer. „So wenig Zeit …“
Ich ballte mehrmals die Hände zu Fäusten. Wofür war nur noch so wenig Zeit? Oder wollte sie das Kind sehen? Aber es war noch im Leib der Mutter, meiner Frau! Und ich würde mein Kind sicher nicht Tuatha nennen!
Die Frau schlief wieder ein. Daher warf ich Elok einen vielsagenden Blick zu. Er verstand sofort. Wenig später saß ich auf dem Pferd, Elok hob die schlafende Frau hoch und ich bettete sie vorsichtig auf meinen Schoß, um sie zu stützen.
Langsam verließen wir das Lager. Die Nacht ritten wir durch. Nicht zu schnell, aber schnell genug, sodass das Schloss im Morgengrauen vor uns aufragte. Kaum ritten wir in den Schlosshof, schlug die alte Frau die Augen auf. „Wir sind da. Ich muss zu ihr.“
„Elok, kümmere dich um das Pferd. Ich bringe die Heilerin zur Königin.“
Ich hob sie auf die Arme und trug sie ins Schloss. Dort schlug ich den Weg in den Gästetrakt ein. Vor der Tür zu den königlichen Gästezimmern stellte ich die alte Frau auf ihre eigenen Beine. „Ich gehe zuerst hinein. Wahrscheinlich schläft sie noch.“
Die Kräuterfrau wandte sich von der Tür ab. „Ich muss zu ihr.“
Es gelang mir, nicht die Augen zu verdrehen. „Ja. Ich muss sie erst wecken. Warte hier.“ Ohne sie weiter zu beachten, betrat ich die Gästegemächer und ging direkt durch in das große Schlafzimmer.
Nayara schlief. Sie lag auf der Seite und wandte mir ihr wunderschönes Gesicht zu. Ein erleichtertes Lächeln schlich sich in mein Gesicht. Ich trat näher, vernahm ihren herrlichen Duft und lauschte den beiden Herzschlägen. In diesem Moment schwoll meine Brust an. Meine Frau. Meine Verbundene. Meine Königin.
Nur langsam erhellte die Sonne das Zimmer. Das Bett war zerwühlt; ihr ganzer Körper unter der schweren Decke begraben. Bis auf ihre Schulter. Diese lag frei und war nackt. Tiefe Sehnsucht packte mich, sodass ich noch einen weiten Schritt auf sie zutrat. Mein Blick ruhte auf ihrer nackten Schulter. Ich tat einen weiteren Schritt.
In diesem Moment drehte sie sich auf den Rücken. Ein weiterer, fremder Geruch stieg mir in die Nase. Ein starker, herber Geruch. Der eines Mannes.
Mein Lächeln versteifte, wurde zu einer ungläubigen Maske. In böser Vorahnung griff ich nach der Decke und zog daran. Darunter kam der entblößte Körper meiner Verbundenen zum Vorschein. Nackt, vernarbt und doch so wunderschön. Meine Augen glitten hinab. Zu den Flecken auf dem Laken. Zu den Spuren zwischen ihren Beinen.
Just in diesem Moment regte sie sich. Ein müdes Stöhnen verließ ihre Kehle, als sie sich träge im Bett herum räkelte. Zufrieden grummelnd rieb sie ihre Beine aneinander, welche noch bäuchlings dalagen, und verteilte damit den fremden Samen dazwischen, während sich ihr Oberkörper bereits auf den Rücken gedreht hatte, die Arme weit von sich gestreckt. Ihre Nippel streckten sich mir einladend entgegen; ihre Bauchdecke war noch immer völlig flach. Doch der zweite Herzschlag klar hörbar.
Ihre Nasenflügel flatterten, dann zuckte sie mit der Nase und der zufriedene Ausdruck in ihrem Gesicht verabschiedete sich. Mit vom Schlafen rauer Stimme sagte sie: „Ich hätte nicht gedacht, dass du wiederkommst.“
„Tatsächlich? Ist das der Grund, warum du mit einem anderen Mann geschlafen hast?“ Unbändiger Zorn stieg in mir auf. „Oder sogar mit mehreren?!“
Sie blieb ruhig, die Stimme nüchtern und bar jeder Emotion. „Du bist gegangen. Was erwartest du? Dass ich sehnsüchtig auf deine Rückkehr warte?“ Ihre Augen öffneten sich träge; ihr Blick begegnete meinem. Dann wandte sie sich ab, stand auf und lief in Richtung Bad.
„Ich bin gegangen, um diese Frau zu finden! Ich ging, um unser Kind zu retten!“ Ich folgte ihr ins Badezimmer und merkte, dass meine Stimme lauter wurde. „Ich habe das für dich getan! Für das Kind! Für uns! Und du wirfst dich einfach einem anderen Mann an den Hals?!“ Mein ganzer Körper bebte. Warum störte es mich so sehr? Sie war doch bereits mit meinem Kind schwanger. Warum störte es mich so sehr, dass sie bei anderen Männern lag? Das war bei uns Vampiren normal!
Wie die Ruhe selbst griff sie nach einem Lappen und begann sich zu waschen. Eine Weile ließ sie mich einfach wütend da stehen. „Du wolltest, sobald du sie hier hast, wieder gehen. Also geh. Sobald sie uns endlich getrennt hat. Und was die Männer angeht …“ Sie hielt inne. „Wie heißt es so schön? Rache ist süß. Jetzt hast du vielleicht eine vage Vorstellung davon, wie ich mich gefühlt habe. Jedes Mal, wenn ich es aus deinem Zimmer habe stöhnen hören. Jedes Mal, wenn ich euch im Harem nicht nur gehört, sondern auch gerochen habe. Wenn du, mit ihren Säften verteilt auf deinem Körper, durch das Wohnzimmer gelaufen bist.“ Sie hörte auf, sich zu waschen, legte den Lappen beiseite und trat zu mir hin. Ohne jede Emotion im Gesicht sah sie zu mir auf. „Fühlt sich wunderbar an, nicht?“
Für einen Moment war ich völlig sprachlos. Meine Wut wuchs. Sie wuchs ins Unermessliche. „Du wolltest ja nicht, dass ich dich anfasse! Du wolltest mich nicht in deiner Nähe haben!“ Ich straffte mich. „Wirf mir nicht vor, dass ich deinen Wünschen entsprochen habe, Aurelie! Du hast mir Carina weggenommen! Was ist passiert, während ich weg war? Was ist passiert, dass sie sich so hat gehen lassen?“ Mein ganzer Körper bebte vor Wut. Carina war so herrlich unkompliziert gewesen. Mit ihr hatte ich mich nie gestritten. Wir hatten denselben Humor, dieselben Wünsche und dieselben Begierden.
Ihre emotionslose Miene verschwand und Wut glitzerte in ihren Augen. „Dann entspreche meinen Wünschen und nenn mich nicht so!“ Sie wandte sich von mir ab und lief noch immer vollkommen nackt zurück ins Schlafzimmer. Dort ging sie auf die Truhe mit ihren Kleidern zu, zog wortlos eins heraus und begann sich anzukleiden. „Und was dies Weib deiner Befriedigung angeht; ich habe sie lediglich der Aufgabe, meine Gouvernante zu sein, enthoben. Selbst Kaldor hat mehr Anstand als sie besessen. Und er war ein Tier.“ Das Kleid übergezogen, drehte sie mir den Rücken zu. „Hilf mir mal bei den Schnüren.“
Ich atmete bewusst tief und langsam durch. Irgendwas musste zwischen Carina und Aurelie passiert sein, sonst hätte Carina sich nie so gehen lassen. Es erinnerte mich plötzlich stark an meine eigenen Tiefpunkte, als ich zu viel und zu oft Alkohol getrunken hatte. Hatte ich Carina Unrecht getan? Hätte ich mit ihr reden sollen? Hätte ich mich mehr um sie kümmern sollen? Damals hatte mich der Schmerz innerlich aufgefressen. Der Verlust Leeanders hatte einfach alles überschattet. Aber wenn ich mich um Carina gekümmert hätte, wie sie es brauchte …
Noch immer wandte Aurelie mir den Rücken zu. Die Frau, die mir nicht nur meinen besten Freund, sondern auch die engste Vertraute genommen hatte. Und nun verlangte sie auch noch, dass ich ihr mit dem Kleid half!
Obwohl es mir schwer fiel, ging ich auf sie zu und half ihr mittels ruckartiger, wütender Bewegungen mit den beschissenen Schnüren. „Was die Frauen im Harem angeht, Liebste …“ Ich spuckte das letzte Wort förmlich aus, „so hast du mich selbst darum gebeten, mich zu den Frauen zu legen. Also wirf mir nicht vor, deinen Wünschen entsprochen zu haben!“
Ihr Kopf ruckte herum. „Und du bist gegangen! Also wirf du mir nicht vor, wenn ich mich vergnüge! Das war es doch, was dich so an mir gestört hat, nicht? Ich bin ja ach so prüde, dass du sogar deinen Liebschaften davon erzählen musstest!“
„Ich bin gegangen, um jemanden zu finden, der uns bei der Schwangerschaft hilft! Ich hatte noch kein Kind und du auch nicht, also tut mir leid, wenn ich nicht weiß, welche Gefahren es für ein Ungeborenes gibt!“ Ich schrie. Obwohl ich dicht hinter Aurelie stand und sie ohne Probleme meine Worte verstehen konnte. „Aber ich werde mich ganz sicher nicht dafür entschuldigen, dass ich für dieses Kind einfach alles tun würde! Ja, ich würde sogar bis ans Ende dieser Welt reisen, damit wir ein gesundes, kräftiges Kind bekommen! Dir scheint das ja völlig egal zu sein!“ Ich machte eine Schleife und trat einen Schritt zurück.
Wie eine Furie drehte sie sich um und trat wieder einen Schritt auf mich zu. „Das ist mein Kind! Du hast es abgelehnt, weißt du noch? Deine erste Reaktion! Du wolltest es nicht! Hast dich davon losgesagt! Und jetzt, du scheinheiliger Bastard, sagst du, es wäre dir das Wichtigste?! Und beschuldigst mich, dass es mir nicht wichtig wäre, nur weil ich für mein Seelenheil Sorge trage?! Außerdem hättest du dich ruhig mal darüber informieren können, ehe du dein Gemächt in eine Frau steckst! Denn damit geht gezwungenermaßen die Gefahr einher, dass du sie in andere Umstände bringst!“ Kleine Spucke Partikel verteilten sich bei ihrer Zorn getriebenen Rede im Raum. Ihre Hand fuhr zu ihrem Bauch, wo sie sich in den Stoff hinein krallte. Gleichzeitig drehte sie sich um und wandte sich damit von mir ab.
Mit ruhiger, überlegter Stimme sprach sie schließlich: „Du wolltest gehen. Lass die Alte erfüllen, weshalb wir sie ursprünglich gesucht haben. Und dann geh. Regiere das Königreich, das du so heldenhaft übernommen hast. Tue, wofür mein Bruder sterben musste. Aber ohne mich. Meinen Siegelring hast du schon. Such dir ein Weib, das besser zu dir passt. Schwängere es und mach das Kind zum Thronfolger. Wir werden uns absetzen. Irgendwo, wo du uns nie mehr wiedersehen musst. Und wenn sie oder er seinen Vater irgendwann kennenlernen will, dann kann sie das. Aber ich will nicht, dass du Teil ihres Lebens bist.“
Ihre Worte trafen mich hart. Nun war sie es also, die diese Trennung wollte. Sie wollte mich loswerden. Sie wollte nicht mehr, dass ich ein Teil ihres Lebens war. Dass ich der Vater unseres Kindes war. Dabei wollte ich alles für sie tun. Für unser Kind. Und nun verwendete sie genau dies gegen mich.
„Verstehe“, knurrte ich. „Du wirst immer etwas finden, was du gegen mich verwenden kannst. Du wirst immer etwas finden, das dich an mir stört! Jeden Fehler, jedes falsche Wort, jede unbedachte Geste wirst du mir nachhalten.“ Meine Stimme war leiser geworden. Langsam ging ich rückwärts, ließ Aurelie dabei aber nicht aus den Augen. „Ich kann gar nichts richtig machen bei dir, nicht wahr? Du gehörst zu der Sorte von Frau, die weder vergisst noch verzeihen kann.“ Meine Brust wurde enger. Aber ich würde ganz sicher keine Schwäche zeigen. Nicht jetzt. „Dir ist es egal, ob ich mich entschuldige, denn du findest sofort etwas Neues, dass dich an mir stört. Das wird nie aufhören, Nay. Nie. Das Problem bin also nicht ich. Das bist du.“
Nur langsam drehte ich mich um, ging zurück zur Tür. Die Erkenntnis hatte mich schwer getroffen. All die grausamen Dinge, die ihr angetan wurden, hatten ihren Charakter geformt. Es hatte sie verletzt. Und diese Wunde ging so tief, dass sie wohl nie wieder heilen würde. „Werde glücklich mit dem Kind. Ich wünsche euch alles erdenklich Gute.“
„Dann ist es also wahr“, hauchte sie kaum hörbar. „Wir waren dir nie wichtig.“
Bevor ich die Türklinke berührte, hielt ich inne. Sie lebte in ihrer eigenen Welt. Sah und hörte nur, was sie wollte. „Ich hätte alles für dich und unser Kind getan, Nay. Aber es wäre dir nie genug gewesen.“ Mit Schwung riss ich die Tür auf. Hoffentlich war die alte Frau noch fit genug, um Aurelie und das Ungeborene unter ihrem Herzen zu untersuchen. Hoffentlich war sie noch in der Lage, den Blutschwur zu lösen. „Leb wohl. Ich hoffe, du findest dein Glück.“ Leise schloss ich die Tür hinter mir und trat in den leeren Flur hinein.

























































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