Kapitel 39 – Rjnas Geschichte
Kapitel 39 – Rjnas Geschichte
Kelevan
Ich führte den dreisten Jungvampir direkt in mein privates Arbeitszimmer. Als meine persönliche Magierin, Elindra, Anstalten machte, uns zu folgen, brummte ich schroff: „Du bleibst draussen!“ Weder entging mir der Geruch ihrer Angst noch das Zittern von Rjnas Händen. Doch das hatte sie selbst zu verantworten. Kaum hatte sie sich gesetzt, blickte ich sie fordernd an. Wer so mit mir sprach, konnte auch mit den Konsequenzen umgehen. Sie konnte von Glück reden, dass ich sie nicht wegen Respektlosigkeit mir gegenüber einsperren liess!
Wo sie zuvor noch kerzengerade und vor Selbstbewusstsein strotzend dagesessen und mir ihre Forderungen gestellt hatte, sass sie jetzt in sich zusammengesunken auf dem schwarzen Sofa mir gegenüber und traute sich nicht, den Blick zu heben. Kalter Schweiss glänzte auf ihrer Stirn, während ihre Hände sich unbeholfen in den Lederbezug der Sitzgelegenheit krallten.
Lieber hätte ich die Angelegenheit heute friedlich geklärt. In der Tat hatte ich eine aufflackernde Neugierde in mir verspürt, als ich zu hören bekam, dass die Frau, die sich letztens so unverschämt Zutritt zur Kampfhalle verschafft hatte, heute vor mich treten und um die Aufnahme in die königliche Familie bitten würde. Und jetzt sass vor mir ein Kind, das den verächtlichen Traditionen seines Heimatlandes zum Opfer gefallen war. In sich zusammengesunken, zitternd und bleich. Und trotz allem hatte sie das Wort respektlosen Tones gegen mich erhoben. Hatte Forderungen gestellt, dazu noch in Anwesenheit anderer.
„Nun? Ich warte“, sprach ich schroff und sah, wie sie zusammenzuckte. Sie zitterte vor Angst, dabei hatte ich meine Machtausstrahlung längst zurückgezogen.
Einmal räusperte sie sich, dann setzte sie zum Sprechen an: „Gebt mir bitte Euer Wort, dass Ihr niemandem je erzählt, was ich Euch … erzählen werde.“ Ihre Stimme wurde am Ende des Satzes immer leiser und brach zum Schluss. In diesem Moment hob sie allerdings den Kopf und sah mir fest in die Augen. Die Fenster zu ihrer Seele glänzten vor unvergossenen Tränen. „Im Gegenzug verspreche ich, vollkommen ehrlich zu sein. Ich werde Euch von meiner Verwandlung … und insoweit auch von meiner Vergangenheit erzählen und dabei immer bei der Wahrheit bleiben“, fügte sie, sichtlich mit sich hadernd, hinzu.
„Und worauf schwörst du das?“ Leichter Hohn schwang in meiner Stimme mit. Wie von mir erwartet, weiteten sich ihre Augen. Mit dieser Frage hatte sie nicht gerechnet.
„Wenn Ihr es wollt, auf mein Leben.“ Ihr Blick senkte sich und wich meinem damit aus.
Meine Stirn runzelte sich argwöhnisch. Wenn ich es wollte? Für wie wertvoll hielt sie ihr Leben? Oder noch wichtiger: Wie wichtig war ihr ihr eigenes Leben? Die Frage schwebte mir im Kopf herum, während ich darüber sinnierte, ob sie sich eigentlich im Klaren darüber war, welche Macht sie mir mit diesen Worten über sich einräumte. „Und worauf soll ich schwören?“
Blinzelnd sah sie auf. Schmerz flackerte in ihren Augen auf, doch er liess mich kalt. „Das ist für mich nicht von Bedeutung, Majestät.“ Zweifelnd hob ich eine Augenbraue, da ergänzte sie: „Solange es Euch wichtig genug ist, dass Ihr Euch an Euren Schwur haltet.“
Ich nickte knapp und verbarg die Überraschung, die mich bei ihren Worten überkommen hatte. Sie wollte keinen Schwur auf meinen Thron, meinen Titel als König, mein Leben oder mein Land. Sie wollte nur, dass ich den Schwur auch hielte. Eine interessante Einstellung.
„In Ordnung. Du hast mein Wort.“
Die nächsten Momente vergingen schweigend. Ich konnte den Zwiespalt in ihrem Innern so deutlich sehen, als male sie davon ein Bild. Wer war wohl die letzte Person, der sie sich anvertraut hatte? Obgleich sie zu Xelus offensichtlich eine tiefe Bindung aufgebaut hatte, schien er tatsächlich nichts zu wissen. Weder etwas über ihre Vergangenheit noch hatte er Wissen über ihre Verwandlung. Wieso er sie aufgenommen hatte, blieb mir ebenfalls ein Rätsel. Vorerst.
Nach einer ganzen Weile, in der weder ich noch sie das Schweigen brachen, setzte sie zum Sprechen an. „Ihr … habt nach Details zu meiner Verwandlung gefragt.“ Den Blick hielt sie sorgsam auf ihre aufeinandergelegten, ineinander verkrampften Hände in ihrem Schoss gerichtet. „Um die Umstände meiner Verwandlung zu verstehen … muss ich, so fürchte ich …, etwas früher ansetzen“, nuschelte sie undeutlich. Deutlich liess sie mich ihren Widerwillen spüren. Jedes Wort kam mit einem Zögern, jedes Zweite begleitete ein schweres Schlucken und jedes Dritte ein zittriges Einatmen. „Es dürfte jetzt vermutlich um die drei Jahre her sein, da bin ich von meinem Dorf zum Fluss gelaufen, um Wasser zu holen. Damals war ich siebzehn. Es war ein langer Weg. Hinzu kamen die Dunkelheit und Kälte der Nacht, ich war müde und … hatte mich verletzt.“
Das reichte. „Ich wollte die Wahrheit!“, knurrte ich erzürnt.
Beinahe wäre sie vor Schreck vom Sofa hochgesprungen, schaute mich dann aber nur verwirrt und mit Tränen in den Augen an. „Ich sage aber doch die Wahrheit“, versicherte sie mir zitternd, jedoch ohne Nachdruck.
„Wieso holt man des Nachts Wasser?“
Erschrecken zeichnete sich auf ihrem jungen Gesicht ab. „Ihr … Ihr seid im Recht. Verzeiht, Majestät …!“ Hastig drehte sie den Kopf zur Seite und wischte sich eine Träne von der Wange. Tief holte sie Luft. „Es war meine Aufgabe, das Wasser zu holen. Jeden Tag …“
Rjna, ein Weib, das sich meinen eigenen Erfahrungen nach und den Berichten meiner Untergebenen zufolge mehr für Waffen interessierte als für das Flechten von Frisuren und das Tragen modischer Kleidung, begann ihre Ausführung mit ruhiger Stimme und geschlossenen Augen. Ihr Mund erzählte eine Geschichte, die vom Verlust eines Wassereimers durch ihre kleine Schwester über die Ankündigung einer geplanten Verlobung mit einem Greis bis hin zu der Strafaufgabe führte, die sie des Nachts bei frostigen Temperaturen in den dunklen Wald hinausgetrieben hatte. Während der gesamten Erzählung spiegelte ihr Gesicht stets ihre Gefühlslage jener Situationen wider. Einmal war es voller Freude, das andere Mal wirkte es mehr als alles andere verzweifelt.
Kurz machte sie eine Pause, öffnete die Augen und holte tief Luft. Ihre Hände pressten sich zu so festen Fäusten, dass sie alle beide kreideweiss wurden und schwitzig glänzten. Als sie mit ihrer Geschichte fortfuhr, neigte sie verlegen den Kopf zur Seite. „Ich bin am Wegesrand eingeschlafen. Als ich aufwachte, kam eine Gruppe junger Männer – so dachte ich damals zumindest – auf mich zu. Ich versuchte mich zu verstecken, ich dachte, sie hätten zu viel getrunken und würden vielleicht…“ Den Satz liess sie unvollständig auf sich beruhen. „Doch das waren weder junge Männer noch hatten sie die Nacht in der Taverne verbracht.“ Scharf atmete sie aus, wandte den Kopf zur Seite und zischte: „Einer fand mich, roch mein Blut und beanspruchte mich.“ Letztere Worte spuckte sie wütend aus. Ihr Gesicht hatte sich zu einer wütenden Fratze verzogen.
Sie sah auf und begegnete meinem abwartenden Blick mit Augen, sprühend vor Zorn und Verachtung. „Allesamt waren es blutsaugende Bestien!“ Ihre Fangzähne glitten heraus, als wollten sie ihrer Aussage inbrünstig zustimmen. „Es hat nicht lange gedauert, bis sie ihr wahres Gesicht offenbart haben. Aber wisst Ihr“, in ihren Augen funkelte es gefährlich, während ein hysterisches Lachen ihren Körper zum Beben brachte, „ganz falsch lag ich mit meiner Annahme damals nicht! Getrunken hatten sie sehr wohl! Gelabt haben sie sich an den Menschen in meinem Dorf! Gefröhnt der Blutgier und dem Tod!“
Die Hysterie, die sich mit jedem Wort mehr in ihr aufgebaut hatte, brach. Das Mädchen, das noch immer sichtlich unter dem gewaltvollen Verlust ihrer Schwester litt, brach in bitterliches Schluchzen aus. Ohne einen weiteren Gedanken an gesellschaftliche Normen zu verschwenden, zog sie ihre Beine an ihren von Beben erschütterten Körper, umfasste sie mit beiden Armen und versteckte ihren Kopf in der sich gebildeten Mulde. Dort weinte sie leise vor sich hin, so lange, bis ihr die Tränen ausgingen.
Ich hatte keine Eile. Nach mehreren Minuten erhob ich mich stillschweigend, setzte mich an meinen Schreibtisch und begann, meiner Arbeit nachzugehen. Blutsklaven waren vor zwanzig Jahren hier in den vereinigten Vampirlanden noch weit verbreitet gewesen. Erst als ich meinen Vampirvater, den ehemaligen König, gestürzt hatte und damit selbst an die Macht gekommen war, hatte sich das geändert. Ich kannte diverse Schicksale, wie das dieses Mädchens.
Abschätzend blickte ich von den Dokumenten auf meinem Schreibtisch auf. Sie hatte sich auf dem Sofa zusammengerollt. Langsam wurden ihre Atemzüge ruhiger. Meine Gedanken schweiften zu Xelus und Alomis, die wir im Teesalon zurückgelassen hatten. Wieso wollte sie nicht, dass Xelus von ihrer Vergangenheit erfuhr? Er könnte ihr helfen, sie zu verarbeiten. Stattdessen wehrte sie jede Hilfe ab. Viel mehr, so befürchtete ich, wollte sie überhaupt nicht loslassen.
Was ihr zugestossen war, war grässlich. Und eigentlich hätte es nie so weit kommen dürfen. Doch die Vampire, die mit meiner Art zu herrschen nicht zufrieden waren, flüchteten sich in andere Länder. Das war zu erwarten gewesen.
Als ob sie meinen Blick auf sich spürte, begann sie langsam wieder zu sprechen, die Stimme monoton und apathisch. „Ich wurde eingesperrt. In einem dunklen Verlies mit Gitter und kaltem Steinboden. Von Zeit zu Zeit …“ Ihre Stimme wurde leiser und leiser, bis sie sich im nichts verlief. Sichtlich müde stützte sie sich auf und brachte sich damit in eine halb sitzende Position. „Majestät?“ Geschwollene rote Augen blickten zu mir auf.
„Rjna?“, erwiderte ich fragend, erhob mich und setzte mich wieder ihr gegenüber.
„Es ist sicher vermessen von mir, aber könntet … Ihr bitte Eure … vampirische Machtausstrahlung wirken? Ich kann mich dabei besser konzentrieren. Und … fühle nicht.“
Sie wollte was? Sie fühlte dann nicht?
„Bitte …“
„Du stellst ganz schön viele Bitten.“ Und Forderungen. Vielleicht lernte sie daraus.
Im nächsten Moment verlor ihre Mimik jeden Schmerz und ihre Augen wurden leer. Keine Angst oder Verzweiflung mehr. Kein Flehen, keine Sorge und kein Hass spiegelten sich mehr darin. Ohne Gefühl in der Stimme fuhr sie fort: „Von Zeit zu Zeit nährte sich der, der mich als seine Blutsklavin beansprucht hatte, von mir. Ihr wolltet von meiner Verwandlung wissen, Majestät.“ Gefühllos erwiderte sie meinen Blick. „Nach drei Jahren suchte mich das Fieber heim. Der Anführer der Gruppe verlangte meinen sofortigen Tod. Immerhin wären sie ja keine Monster, die kleine Mädchen folterten.“ Ein Funke Sarkasmus, begleitet von einem Aufblitzen von Mordlust, schnellte durch ihren sonst so stillen Blick. „Grinsebacke…“
Plötzlich keuchte sie auf, zuckte dabei mit dem Oberkörper leicht nach vorn und fasste sich an die Brust. Es war genau das passiert, was ich erwartet hatte. Und es hatte noch nicht einmal besonders lange gedauert.
Schnell zog ich meine Ausstrahlung zurück und bewegte mich in Vampirgeschwindigkeit neben sie. Schon sass ich neben ihr auf dem Sofa und stützte sie. Ihr Kopf lehnte müde an meinem Oberarm, ihr Oberkörper war kraftlos und schlaff in sich zusammengesunken. Sie versuchte sich aufzurichten und weiterzuerzählen, doch ich hielt sie zurück. „Du ruhst dich jetzt aus. Morgen werden wir weitersprechen. Aber heute solltest du den Rest des Tages mit deinem neuen Vampirvater verbringen.“ Es gab keinen Grund, ihr diesen Wunsch zu verweigern. Ich kam nicht umhin, ihr eine Träne von der Wange zu streichen, die sich bei meinen Worten gelöst hatte.
Zufrieden brummte mein innerer Vampir vor sich hin. Aus irgendeinem Grund war er von ihr angetan. Brummend liess ich mir von einem Diener einen Krug mit Blut vorbeibringen. So erschöpft, wie sie war, konnte ich sie Xelus nicht zurückgeben. Zumal heute der Abend war, an dem sie sich von ihm verabschieden musste.










































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