Kapitel 4 – Ausgeliefert

Kapitel 4 – Ausgeliefert

 

Aurelie

Ich wachte auf, kleidete mich an und steckte mein schulterlanges Haar hoch, sodass es mir nicht in die Quere kommen würde. Danach die Haube. Die Routine war schnell und leise erledigt. Schließlich ließ ich meinen Blick einmal durch den Schlafsaal gleiten, wo alle anderen Sklaven noch friedlich in ihren Träumen schwelgten, und atmete tief durch. Drei Jahre war es nun her. Gedanken an mein altes Leben kamen nur noch selten auf, doch das Haar, das mir einst bis zur Hüfte gereicht hatte, war und blieb ein schmerzlicher Verlust.

Ich trat zur Tür hinaus und machte mich mit schnellen, aber leisen Schritten auf den Weg zur Küche. Wenn die anderen aufwachen würden, hätte ich einen Großteil, der am Morgen anstehenden Arbeit schon erledigt. Außerdem war es um diese Uhrzeit leichter, an etwas Essbares zu kommen. Insbesondere heute. Es war der Tag des großen Banketts. Alle fünf Jahre veranstaltete der König ein Bankett zu Ehren des Goldenen Reiches. Die drei Fürsten und ihre Familien wurden geladen und zusammen wurde ein Tag voller Speis und Trank genossen. Natürlich durfte der politische Aspekt einer solchen Veranstaltung nicht vergessen werden. Freundschaften wurden geschlossen und alte Bündnisse aufgefrischt. Das alles bei einem Glas Blut, Tanz und Unterhaltung.

Wie es da wohl war? Es war mein erstes Bankett und das … als Sklavin. An den offiziellen Veranstaltungen durfte man erst ab dem Tag seiner Reife teilnehmen, somit war ich gezwungen, mich auf Gerüchte und Erzählungen anderer zu stützen. Bewegende Musik, ein rauschender Tanz mit einem Verehrer …? Ich seufzte leise und schüttelte den Kopf, um diese Träumereien schnellstmöglich loszuwerden. Hätte ich meine Reife zur gleichen Zeit wie Alexander erreicht, wäre so viel anders gekommen. So viel.

Plötzlich hallte das Geräusch schwerer Schritte auf dem Gang. Überrascht hob ich den Kopf und meinen Blick vom Boden.

Ulras, der Ranghöchste unter den königlichen Grigoroi, kam um die Ecke geschritten. Bei meinem Anblick hielt er zielstrebig auf mich zu. „Was machst du hier, Sklave?“ In seiner Stimme stach die Abscheu, die er für mich empfand, laut und deutlich hervor, aber die war mir nicht fremd.



Ein Sklave war nichts wert, das hatte selbst ich in den letzten drei Jahren hier begriffen. Bei jeglicher Art von Widerspenstigkeit oder Aufsässigkeit kannten die Grigoroi keine Gnade. Ich war mehr als einmal in den Kerkern gelandet, grün und blau geschlagen. Und das nur aufgrund von Kleinigkeiten, welche mir, seit ich laufen konnte, eingetrichtert worden waren.

Halte den Kopf stets erhoben. Lasse verbale Angriffe nicht auf dir sitzen … Mittlerweile hielt ich meinen Blick stets gesenkt, bei Beleidigungen buckelte ich und bei Schlägen flehte ich. So wie es erwartet wurde, von einem niederen Sklaven.

„Ich wollte mit der Arbeit in der Küche beginnen, Herr“, nuschelte ich leise, den Blick zu Boden gerichtet. Dennoch konnte ich die dunklen Augen des Grigorois auf mir spüren, so real, wie ich auch die Kleidung, die ich am Leibe trug, spüren konnte. Und trotz dieser fühlte ich mich bei diesen Blicken so schrecklich entblößt.

„Auf die Knie.“ Ich tat, wie befohlen. Ich blickte nicht auf, flehte nicht, wimmerte nicht. Der Grigoroi öffnete seinen Gürtel, holte sein schrumpeliges Gemächt daraus hervor und hielt es mir vors Gesicht. „Mund auf. Und dann zeig mir, wozu du zu gebrauchen bist, Sklavin.“

Schnell schluckte ich die aufkommende Galle, sowie meine Widerworte runter und öffnete den Mund. Viel machen musste ich glücklicherweise nicht. Vampire und Grigoroi waren süchtig, wenn es um ihre Befriedigung ging. Also steckte er ihn in meinen Mund und bewegte sich selbst. Was mich betraf, so schloss ich nur die Augen und ertrug das immer härter werdende Gemächt, das meine Kehle aufzuspießen drohte.

„Schau mir in die Augen, Schlampe!“, verlangte er zischend, ließ von Zeit zu Zeit aber bereits ein angestrengtes Keuchen verlauten. „Zeig mir, was für ein unterwürfiges Luder du bist!“

Wieder tat ich wie geheißen und blickte hoch in die lustgetrübten Augen. Seine Hand fand zu meinem Hinterkopf und griff mir unsanft in die Haare. Er zwang meinen Kopf vor und zurück. Zwang mich, ihm entgegenzukommen und ihn immer noch mehr, noch tiefer in mir aufzunehmen. Immer wieder würgte ich, doch das schien ihn nur noch weiter zu motivieren.

Schließlich entlud er sich mit einem tiefen Stöhnen in meinem Mund. „Schluck“, befahl er mit harter Stimme. Flehentlich sah ich zu ihm auf. Ich wollte das nicht. Es war so unglaublich ekelhaft! „Schluck!“, knurrte er erbost und trat mir mit seinem Fuß fest in den Bauch.



Fast hätte ich das Zeug ausgespuckt, aber sein Blick ließ mich den Mund geschlossen halten und brav schlucken. Erst dann fing ich an, nach Luft zu ringen, die mir der Tritt in den Bauch genommen hatte.

Mit einem schnalzend-spottenden Geräusch kleidete er sich wieder an und ging an mir vorbei. Einfach so … So war es immer.

Immer noch auf dem Boden kniend, den bitteren Geschmack im Mund, spuckte ich aus, doch der Geschmack blieb an meiner Zunge haften. Es war nicht das erste Mal und wäre sicher auch nicht das letzte Mal gewesen, dass sich ein Grigoroi an mir vergriff. Für sie musste das ein wahres Fest der Schadenfreude sein. Wann bekamen die Fußabtreter des Königs denn sonst die Gelegenheit, einen geborenen Vampir so zu benutzen, wie es ihnen gefiel? Ganz zu schweigen von einem ehemaligen Mitglied der Königsfamilie höchstpersönlich? Wenn sie sich an mir vergingen, fühlten sie sich mächtig.

Zittrig erhob ich mich. Schnell guckte ich nach rechts und links, in der Hoffnung, diese Erniedrigung wäre ohne Zeugen geblieben, ehe ich hastig weiter in Richtung Küche eilte. Auf dem Weg spürte ich, wie sich einige Strähnen aus meiner Frisur gelöst hatten. Also öffnete ich mir schnell das Haar, um die Frisur neu zu stecken.

Vor der Tür zur Küche hielt ich abrupt inne. Aus der Küche drangen unverkennbare Stöhngeräusche. Am besten wäre es, ich würde mich umdrehen, zurückgehen und mich wieder schlafenlegen. Aber der Versuch, wieder einzuschlafen, wäre sinnlos und außerdem konnte ich nicht immer weglaufen, wenn wieder ein Sklave geschändet wurde. Das war alltäglich. Fraglich war eher, ob man es überhaupt als Schändung bezeichnen konnte, wenn der Sklave doch sowieso keine Rechte hatte. Jemand, der keine Rechte hatte, hatte schließlich auch kein Recht auf eine Meinung oder einen Willen.

Meine Gedanken wurden von dem heiser gestöhnten Namen Prinz Alexanders unterbrochen. Unsicher stand ich vor der Tür zur Küche, nicht sicher, ob ich wissen wollte, wer den Gelüsten meines Zwillings herhalten musste. Eigentlich war ich bloß froh darüber, dass ich es nicht war. Prinz Alexander hatte sich genauso von mir abgewandt wie der Rest der königlichen Familie. Da war kein Fünkchen Wärme mehr, traf ich ihren Blick. Für die Königin war ich die reinste Enttäuschung, für den König ein missratener Bastard. Für den Kronprinzen war ich der Inbegriff einer Misere und für Prinz Alexander … war ich wie Luft.



„Alexander! Bitte, schneller!“, drang die keuchende Stimme einer Frau aus dem Türspalt heraus. Wobei diese mehr als willig klang. Ein mir nur allzu bekanntes Geräusch durchschnitt die Geräusche. Das leise Reißen menschlicher Haut, wenn sie durchstoßen wurde. Und das leise Stöhnen der Frau, wenn der Vampir sanft dabei war. Kurz darauf zuckte meine Nase, angetan von dem Geruch, der sich in der Küche ausbreitete.

Ohne mein Zutun streckte ich die Hand aus, stieß die Tür auf und trat ein. Meine Augen waren ohne Fokus. Ich folgte, wie betäubt, nur dem Geruch, die Nasenflügel geweitet. Das Stöhnen und Keuchen wurde lauter, als ich um die Ecke schritt. Klatschende, rhythmische Geräusche erfüllten die Küche und ließen mich sowohl neugierig werden als auch vor Ekel erschaudern. Diese Gedankengänge waren mir fremd, stellte ich plötzlich fest. Seit wann machte mich das, wovon ich gerade Zeuge wurde, neugierig?

Prinz Alexander stand mit dem Rücken zu mir. Seine Hose hing unten bei seinen Knien. Mit beiden Händen umfasste er die karamellfarbigen Oberschenkel einer Frau, die um seine Hüfte geschlungen waren. Von da ging auch das rhythmische Klatschen aus. Immer wieder stieß er mit der Hüfte vor und zurück. Aus meinem Blickwinkel sah es so aus, als würde er sie gerade küssen. Mit einem schmatzenden Geräusch lösten sich die Lippen der beiden, und er schlug ihr euphorisch erneut seine Zähne bis zum Anschlag in den Hals. Ein leiser Laut des Schmerzes verließ ihre Lippen, verwandelte sich kurz darauf aber schon wieder in ein keuchendes, wimmerndes Stöhnen.

Ich konnte kaum glauben, was ich da sah. Meine unschuldigen Augen wurden immer größer. Mit jeder Sekunde, in der ich meiner besten Freundin und meinem Zwilling dabei zusah, wie sie sich lustvoll vereinigten.

 

Apathisch knetete ich den Brotteig, während Irina freudig auf mich einredete. Ihre Worte allerdings zogen ungehört an mir vorbei. Noch immer hatte ich das Bild vor Augen, wie sie sich dem Prinzen, meinem Bruder, freiwillig und so voller Lust hingab. Dabei war sie nur ein Sklave, genau wie ich. Wie konnte sie das nur freiwillig mit sich tun lassen?

Übertrieben seufzend stellte sie die Teller ab, die sie gerade noch aus dem Schrank hervorgeholt hatte, und stützte die Hände in die Taille. „Weißt du, er ist ein wirklich guter Liebhaber.“ Bei den Worten stockte ich kurz in meiner Bewegung, knetete aber schließlich langsam weiter. „Er ist nicht wie die meisten Vampire, die sich einfach nehmen, was sie wollen. Er guckt auch, dass es mir Spaß macht.“



Wie konnte sie nur? Das war der Prinz! Zu allem Übel auch noch mein Bruder! Zumindest war er das einmal gewesen. Bevor ich zu Asha geworden war.

„Asha, hörst du mir überhaupt zu?“ Erzürnt furchte sich ihre Stirn.

„Hm, was? Ja. Natürlich. Du hast dich in den Prinzen verliebt.“ Das war so ein Mist. Wie könnte man sich in ihn verlieben? Wie könnte man überhaupt jemals freiwillig so etwas tun? Dieser Akt … das musste doch fürchterlich schmerzen! Irgendwann würde ich meine eigene Reife erreichen, das war mir bewusst. Und es hatten auch immer alle gesagt, dass ich es dann verstehen würde, aber so richtig wollte der Gedanke einfach nicht Fuß fassen.

„Also bitte! Asha, jetzt hör mir doch einmal richtig zu!“

Mein Blick schweifte zu ihr hinüber, wo ich sie stillschweigend musterte. Sie war die letzten drei Jahre gealtert. Ihre roten Haare waren länger geworden und um ihre Augen hatten sich kleine, feine Fältchen gesammelt, die ihrem Aussehen aber keineswegs Abbruch taten. Ihre Brust hing ein klein wenig mehr als noch vor drei Jahren, als sie Mitte zwanzig gewesen war, wenn ich mich nicht täuschte. Dennoch war sie in meinen Augen immer noch die Schönheit in Person. Und auf einmal ging mir ein Licht auf. „Du willst, dass er dich verwandelt.“ Meine Stimme war nicht mehr als ein Hauchen.

„Schlaues Mädchen“, entgegnete sie kichernd. „Stell dir doch nur einmal die Möglichkeiten vor! Vielleicht würde er mich später ehelichen! Wir beide könnten Jahrhunderte lang Seite an Seite stehen!“

Ungläubig starrte ich die Frau vor mir an, oder letztlich das, was aus ihr geworden war. „Du willst zu einem der Fußabtreter des Königs werden? Und mich dann bestrafen und im Kerker foltern, wenn ich Mist baue?!“ Während mein erster Satz den bitteren Geschmack von Ekel auf meiner Zunge hinterließ, wurde ich beim zweiten zornig und erhob meine Stimme. „Du willst zu einer Grigoroi werden? Zu einer minderwertigen Ausrede für einen Vampir? Abhängig vom Leben deines Erschaffers und seinen Befehlen hörig, ganz egal, was er dir befielt?“

„Du stellst es so dar, als wäre das eine Verschlechterung zu meinem momentanen Stand!“, erwiderte sie aufgebracht. „Dabei würde, wäre ich ein Grigoroi, ich entscheiden, mit wem ich schlafe! Dann müsste ich nicht mehr für jeden verdammten Vampir oder Grigoroi widerstandslos die Beine breitmachen!“ Ihre Hände hatte sie in einer wütenden Geste erhoben. Gleichzeitig wusste ich schon, was sie mir als Nächstes an den Kopf werfen würde, denn es war nicht der Gutherzigkeit der Grigoroi oder gar der königlichen Familie zu verdanken, dass ich noch nicht zum Verkehr gezwungen worden war. „Jedes Mal, wenn sich dir einer genähert hat, hab ich mich dazwischen gestellt! Habe die Beine breitgemacht, für dich! Ich habe dich immer beschützt! Und du dankst es mir, indem du mir vorhältst, dass ich aus diesem Leben ausbrechen möchte?!“



Gesenkten Hauptes zuckte ich zusammen. „Tut mir leid“, flüsterte ich leise und meinte es auch so. Als ich den Kopf wieder hob, glitzerten Tränen in meinen Augen. Irina seufzte und zog mich in ihre Arme. „Was, wenn ich dich verwandeln würde?“, fragte ich zögerlich, denn ich wollte nicht, dass meine beste und einzige Freundin der Fußabtreter für irgendjemanden wurde. Zwar müsste sie dann auch mir blind gehorchen, aber das würde ich niemals ausnutzen.

Irina seufzte laut. „Das kannst du noch nicht, Mäuschen. Und bis du deine Reife erreichst, könnte ich alt und grau sein.“

Ein beängstigender Gedanke, wie ich fand. Aber es stimmte. Mein bisheriges Leben war bereits ungefähr zwei ganze Menschenleben lang. Und ich war noch ein Kind. Sowohl meine körperliche als auch meine geistige Entwicklung war deutlich langsamer als die eines Menschen. Und so war mir meine beste Freundin in den letzten drei Jahren zu einer besseren Mutter geworden, als es meine Erzeugerin je gewesen war. Sie hatte mir die Liebe und Zuneigung gegeben, für die meine eigene Mutter die letzten Jahrzehnte zu kaltherzig gewesen war. Irina hatte mich in den Arm genommen, wenn ich zusammengebrochen war, und hatte mich immer noch rechtzeitig beruhigt, wenn ich aufgrund des ganzen Stresses in einen kindlichen Wutanfall verfallen war und nur noch trotzen wollte.

Ich wollte gar nicht wissen, wie die Grigoroi damit umgegangen wären. Der Punkt war: Irina war von Beginn an für mich da gewesen und hatte auf mich aufgepasst. Und egal, wie sehr ich es wollte, so konnte ich ihr doch nichts zurückgeben.

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