Kapitel 4 – Für Seibling
Kapitel 4 – Für Seibling
Aurelie
Irgendwann musste ich trotz aller Bemühungen, es nicht zu tun, eingeschlafen sein, denn es war plötzlich hell im Zimmer und Cyrus beugte sich neben dem Bett stehend über mich. Er trug wieder eines seiner schlichten Hemden, die ich selbst so gerne trug.
„Guten Morgen, Schlafmütze“, flüsterte er lächelnd. „Wie fühlst du dich?“
„Mh…“ Ich grummelte. „Morgen.“ Ich verzog das Gesicht, streckte mich und gähnte ausgiebig. Träge räkelte ich mich im Bett herum und kam erst wieder zur Ruhe, als ich realisierte, dass ich noch immer nichts am Leibe trug. Und Cyrus mir zuschaute, die Augen glänzend vor Lust.
Sein Blick ging kurz zur Verbindungstür, die mittlerweile zu war. Als wollte er nicht, dass Lyssa uns stören könnte. Oder mir zur Hilfe eilen würde, sollte ich schreien.
Offenbar erriet er meine Gedanken, denn er trat einen Schritt zurück. „Ich habe das Gespräch mit Seibling auf heute früh legen lassen. Möchtest du erst noch etwas essen?“
„Hm …“ Er war rücksichtsvoll, konnte das sein? War die Idee, die mir jetzt zunehmend interessanter erschien, vielleicht unklug? Ich stand auf und nickte. „Ja.“ Wortlos ging ich auf ihn zu, legte meine Arme in seinen Nacken und zog meinen Verbundenen zu mir runter. Unsere Lippen berührten sich beinahe. Nur Millimeter trennten uns voneinander.
In einer Schockstarre gefangen, dauerte es einen Moment, bis seine Hände wie selbstverständlich nach meinen Hüften griffen. Leise raunte ich: „Ich sollte wohl wirklich etwas zu mir nehmen.“ Dann ließ ich meine Fänge herausgleiten, wandte mich von seinen Lippen ab und stieß sie ihm sachte in den Hals.
Ein tiefes, kehliges Stöhnen verließ seine Lippen. Der Griff um meine Hüften wurde stärker, wodurch er meinen Unterleib gegen seinen zog. Deutlich spürte ich seine rasch wachsende Lust. „Du kleines Biest.“
Ich nahm mir einige Schlucke. Erst als ich meine Fangzähne wieder zurückzog, grinste ich breit und sah zu ihm hoch. „Du hast es doch angeboten“, hauchte ich frech, drückte ihm kurzentschlossen einen Kuss auf den Mund und stolzierte gleich darauf, mit ordentlichem Hüftschwung, zur Verbindungstür zurück. Viel lieber hätte ich meinen Abgang in Vampirgeschwindigkeit hingelegt, aber ich beherrschte diese Fähigkeit noch immer nicht.
Bevor ich die Türklinke erreichte, landeten zwei große Hände an meiner Taille. Ich wurde umgedreht und mit dem Rücken gegen die Tür gedrückt. Cyrus stand direkt vor mir, seine Hände glitten von meiner Taille hoch zu meinen Brüsten. Er berührte sie nur ganz leicht mit seinen Fingerspitzen, dennoch richteten sich meine Brustwarzen sofort auf und mir entwich ein leises Keuchen. Sein Mund näherte sich meinem, aber er küsste mich nicht, sondern legte seine Wange an meine. Ganz langsam glitten seine Finger tiefer. An meinem Bauchnabel stoppte er kurz. Und schon wanderten seine Hände noch tiefer. Er stand mir so nah, dass ich seine Hitze spürte. Seine Finger berührten mich kaum und dennoch hinterließen sie ein wohliges Kribbeln auf meiner Haut.
Ich keuchte leise. Wo ich aber noch versuchte, mich unter Kontrolle zu halten, war mein Körper diesem Mann längst ergeben. Meine Hüfte kippte nach vorn, um ihm den Zugang zu meinem Inneren zu erleichtern. Wieso nur tat ich das? Als Antwort darauf rief mein Verstand seine gestrigen Worte wieder auf. Er würde sich einfach jemand anderen suchen, wenn er Lys nicht haben konnte.
Der Gedanke machte mich rasend! Ich knurrte, senkte meinen Kopf und verbiss mich gleich noch einmal in seinen Hals. Dieses Mal deutlich besitzergreifender. Meine Hände ergriffen den Saum seines Oberteils. Dann fiel mir ein, dass ich, um es ihm auszuziehen, von ihm ablassen müsste. Folglich schlürfte ich gierig weiter und begnügte mich damit, meine Hände unter das Leinenhemd zu schieben, um dort zu berühren, was rechtmäßig mir gehörte!
Cyrus stöhnte und knurrte gleichzeitig. Heiße Schauer jagten über meinen Körper, meine Mitte zog sich zusammen und pochte verlangend. Noch immer ruhten seine Hände an meinem Unterleib, aber er bewegte sie nicht mehr.
Ich ließ wieder von ihm ab, zog meine Zähne aus seiner Haut und starrte mit blutbenetzten Lippen und ausgefahrenen Fangzähnen zu ihm hinauf. Was war für heute nochmal geplant? Meine Hände wanderten hinunter, lösten geschickt den Gürtel, der ihnen den Zugang zu seiner Hose verwehrte, und schlüpften hinein.
Hungrig glitt meine Zunge über meine Lippen. Ich wollte seine Lippen, seine Zunge spüren! Und seine Hände sollten sich endlich wieder bewegen! Momentan waren meine eigenen Hände damit beschäftigt, ihn außer Fassung zu bringen. Also konnte ich ihn nicht zu mir runterziehen. Ihn nicht küssen. Dafür aber glich sein Gesicht keinen Augenblick später einem wunderschönen Gemälde der Lust, als ich mit einer Hand sein Gemächt umfasste und begann, es zu liebkosen – während ich mit der anderen nach seinem Hoden griff und auch diesem meine Aufmerksamkeit schenkte. Cyrus‘ Anblick war göttlich. Und er gehörte mir!
Sein Oberkörper näherte sich meinem und sein Gesicht kam mir immer näher. Er sah auf meine Lippen herab, sodass ich vorfreudig die Augen schloss.
„Weißt du“, flüsterte er rau und sein heißer Atem liebkoste meine Lippen, die ich erwartungsvoll öffnete. „Nur weil er hart ist, heißt das nicht, dass ich gerade in Stimmung bin. Auch ich will nicht immer einer Frau beiliegen. Ich würde es daher begrüßen, wenn du meine Wünsche ebenso respektierst, wie ich deine.“ Er packte meine Handgelenke, zog sie aus seiner Hose und machte einen Schritt zurück, während mein Verstand ein wenig brauchte, um seine Worte zu verarbeiten. Derweil packte er sein steifes Glied wieder richtig ein und machte den Gürtel wieder zu. „Zieh dich an, Aurelie. Ich erwarte dich in fünf Minuten in meinem Arbeitszimmer.“
Ich stand da, erstarrt. Es dauerte eine Weile, bis seine Worte durch den lüsternen Nebel meines Verstandes gedrungen waren. Dann wurde ich wütend. „Mach dreißig draus!“, knurrte ich frustriert, drehte mich schleunigst um und sah zu, dass ich meine eigenen Gemächer kam. Fünf Minuten! Was erwartete er, was ich anzog? Einen Hut?!
Ich knallte die Verbindungstür hinter mir ins Schloss. Mein Körper war heiß gelaufen und sehnte sich nach Befriedigung. Aber sobald mein Blick auf Lyssa fiel, war meine Lust zweitrangig. Noch schlief sie. Ich seufzte leise. Ich würde sie später wecken. Erst einmal machte ich mich auf den Weg ins Badezimmer, um mich zu waschen. Zumindest war das der Plan, bis zu dem Moment, wo sich jemand räusperte und mich schnellstens dazu brachte, mich zu bedecken.
„Majestät, Ihr solltet nicht so herumlaufen.“
Galdi?! „Was … was machst du in meinen Gemächern?!“ Der Grigoroi stand im Wohnzimmer, sodass er mich durch die offene Tür zum Flur gesehen hatte. „Raus!“, fauchte ich wütend, wobei meine Fänge erneut hervorschossen. Schnaubend ging ich ins Badezimmer. Auf eine Antwort wartete ich gar nicht erst.
Wieder in meinen Gemächern galt mein erster Blick der Verbindungstür, die den Göttern sei Dank, noch immer geschlossen war. Ich entschied mich für ein eher unauffälliges, bordeauxrotes Kleid, dessen Ausschnitt einer Monstrosität glich. Normalerweise hätte ich dieses Kleid um jeden Preis vermieden. Heute war es perfekt, denn es schrie geradezu nach Rache.
Zufrieden grinste ich mir im Spiegel entgegen. Das erste Mal überhaupt waren diese Ausstülpungen meines Körpers auch zu etwas gut, denn sie präsentierten sich in diesem Kleid fabelhaft. Fast schon obszön, eigentlich. Die Ärmel waren lang und wurden zum Handgelenk hin immer breiter. Zum Schluss setzte ich mich an die Frisierkommode und versuchte, das Nest auf meinem Kopf zu zähmen. So wie ich aussah, hätte ich mich an Cyrus‘ Stelle wohl auch abgelehnt, dachte ich, einen kleinen Stich in meinem Inneren fühlend.
Ich verstand ihn nicht. Immerzu wollte er und wenn ich dann bereit war, ihm zu geben, was er wollte, lehnte er ab. Ich hatte in der Nacht des Balles doch gesagt, dass wir das von Zeit zu Zeit machen konnten, oder nicht? Hatte ich es nur gedacht? Von Zeit zu Zeit … Wir waren Vampire und unser letzter Beischlaf lag bereits drei Wochen zurück. Mein Verstand lachte mich aus. Mein Herz drückte unangenehm in meiner Brust. Ihm reichte von Zeit zu Zeit nicht. Deshalb ja auch die ganzen anderen Frauen.
Als ich mich beruhigt und meine Gedanken zumindest teilweise geordnet hatte, setzte ich mich zu Lyssa ans Bett. Ihre Verbrennungen waren noch nicht abgeheilt. Noch nicht einmal ansatzweise. Es hatte sie zwar nicht so schlimm erwischt, wie Cyrus, aber sie hatte auch nicht das Blut ihres Verbundenen … oder meines getrunken. Woran es wohl lag, dass Cyrus so schnell geheilt war? Dass mein Blut die Kräfte des Feuers barg, oder dass ich seine Verbundene war?
Lyssa hatte immer größten Anstand vor mir gehabt. Ungeachtet dessen, dass wir uns ein paar mal geliebt hatten, hatte sie nie den Respekt vor meinem Stand verloren. Nachdenklich biss ich mir auf die Unterlippe. Sie würde es nicht trinken, wenn ich es ihr anbieten würde. Erst recht nicht, wenn sie eigentlich einen Todeswunsch hegte.
Mit meinen Fangzähnen biss ich mir ins Handgelenk. Dieses drückte ich ihr gleich darauf an die Lippen. Mein Blut fand seinen Weg in ihren Mund. Es dauerte nicht lange, da begann sie zu saugen und griff mit den Händen nach meinem dargebotenen Arm. Zufrieden damit wollte ich mich ihr wieder entziehen, doch da biss sie zu.
Ich zischte auf. Ihr Gift, und war es noch so wenig, breitete sich in meinem Körper aus und brannte entsetzlich. „Verflucht!“, stieß ich aus. „Lyssa!“ Ich versuchte, sie zu wecken, ihre Hände von meinem Arm zu lösen, aber sie klammerte. Ich atmete schwer. Ich hatte noch nie gegen Vampirgift … Moment, doch hatte ich. Aber da war ich noch ein Kind gewesen. „Lyssa verdammt!“ Ich entriss ihr mein Handgelenk mit Gewalt. Die Lippen aufeinanderpressend, drückte ich meine andere Hand auf mein aufgerissenes Handgelenk. Fangzähne waren leicht gebogen. Wurde man nicht freiwillig freigegeben … nun, dann passierte genau das.
Plötzlich stand jemand neben mir und griff nach meinem Handgelenk. Ich sah zur Seite. Wie war Galderon so schnell hereingekommen? „Was ist passiert?“, fragte er ernst und betrachtete die Wunde. Er zog ein Tuch aus seiner Tasche und drückte es auf mein Handgelenk.
„Nichts weiter“, behauptete ich. „Es ist schon gut.“ Ich hätte ja gern gesagt, dass es nicht weh tat, aber das wäre gelogen gewesen.
„Das sieht aber nicht nach nichts aus.“ Er hob vorsichtig das Tuch, aber es blutete immer noch. Dabei drehte er sich so, dass er zum Bett sah und ich seinen Kopf nicht sehen konnte. „Der König erwartet Euch und Ihr habt nichts Besseres zu tun, als einen Vampir von Euch trinken zu lassen? Wie dumm seid Ihr eigentlich?“
„Sie hatte noch üble Verbrennungen. Das war meine Schuld.“ Die Beleidigung überhörte ich geflissentlich.
Galderon entgegnete nichts, sondern nahm nach einer Weile das Tuch ab. Es blutete kaum noch. Trotzdem legte er das Tuch wieder drauf, machte einen Knoten und zog meinen Ärmel drüber. „So, das reicht. Und nun solltet Ihr Euch beeilen.“
„Schreib mir nicht vor, was ich zu tun habe, Galdi!“ Ich entwendete ihm mein Handgelenk. „Pass auf sie auf. Oh, und sei doch zur Abwechslung einmal freundlich und einfühlsam. Sie hatte zwei beschissene letzte Jahrhunderte.“ Mit diesen Worten ließ ich ihn stehen. Lyssa schien immer noch zu schlafen. Aber ihre Verletzungen sahen besser aus.
Die Tür zu Cyrus‘ Arbeitszimmer stand offen. Schnell atmete ich nochmals tief durch, dann trat ich ein. Lyssas Gift pochte in meinen Adern, aber ich unterdrückte erfolgreich jede Regung meines Gesichts. „Ich bin so weit.“
Cyrus nickte mir kurz zu, dann sah er zu Timm. „Du kannst ihn holen“, wies er seinen Grigoroi an. Als dieser sich entfernte, stand mein Gatte auf und setzte sich auf das große Sofa. Dort klopfte er rechts neben sich, während er die Beine locker überschlug. „Hast du dich etwas abgekühlt?“
Erhobenen Hauptes gesellte ich mich zu ihm. Gegen das Pochen, mit dem meine Mitte schon wieder aufwartete, konnte ich nichts tun. In diesem Moment begrüßte ich das schmerzende Gift Lyssas sogar, denn es lenkte mich ab. Als ich Platz genommen hatte, erklärte ich: „Lyssa hat mir Abhilfe verschafft und Galdi hat die Vorstellung genossen.“ Keine Lüge, strenggenommen.
Cyrus kniff die Augen leicht zusammen und seine Gesichtszüge verhärteten sich. „Verstehe“, entgegnete er. Er streckte einen Arm aus, legte ihn über meine Schulter und spielte mit meinen Haaren. „Da du Seibling hierhergeholt hast als unser … Gast … darfst du das Gespräch führen. Immerhin hast du seiner Schwester ja auch die Mitgift versprochen.“
„Also habe ich vollen Handlungsspielraum?“ Unauffällig biss ich mir auf die Wange. Mein Haar? Wirklich? Er war erzürnt darüber, dass ich mir scheinbar selbst Abhilfe geschafft hatte, wo er es immerhin nicht hatte tun wollen, und suchte jetzt bereits wieder die Nähe zu mir?
„Was seine Schwester angeht, ja“, entgegnete er und kam mir noch ein wenig näher. „Ich rieche übrigens deine Erregung. War wohl nur ein mäßiger Höhepunkt.“
Ich zuckte mit den Schultern. „Er wird für die nächsten Tage reichen.“ Ich gab mich gelassen und spielte dabei doppelt falsches Spiel. Zum einen die Gelassenheit, die ich hier zum Ausdruck brachte, als wäre ich absolut gar nicht erregt, zum anderen würde ich mich vor Schmerz am liebsten in mein Bett legen und krümmen. Es war zwar nicht besonders schlimm, aber spürbar kräftezehrend. Ich konnte fast schon sehen, wie mein Gift gegen Lyssas ankämpfte. Wobei meines zweifelsohne gewinnen würde … nur wie lange bräuchte ich dafür?
„Stunden, Liebes“, korrigierte er mich. „Nur für ein paar Stunden, so wie du ausläufst.“
Bevor ich etwas entgegen konnte, klopfte es an der Tür. „Herein!“, rief Cyrus und Timm trat herein, hinter ihm Gilead, der sofort seinen Blick auf mich richtete. Nur schwer riss er diesen wieder von mir los, verbeugte sich und wandte sich dem König zu. „Mein König“, grüßte er knapp, sah zu mir und verbeugte sich erneut. „Meine Königin.“ Timm verschwand lautlos und schloss die Tür hinter sich.
Ich atmete möglichst konzentriert ein, versuchte, mich zu beruhigen. Stattdessen roch ich Gilead und meine Mitte begann erst recht auszulaufen. Götter, seid verflucht!
„Setzt Euch doch bitte, Seibling.“ Möglichst unauffällig biss ich mir auf die Lippe. Ich wollte ihn anfallen und nicht mit Nachnamen anreden! Oder eigentlich könnte ich beide Männer … Schluss! Böse Gedanken! Böse, böse Gedanken! Aus! Ich spürte, wie es aus mir heraustropfte und meine Feuchtigkeit meinen Unterrock benetzte. Augenblicklich errötete ich.
Sobald Gilead der Aufforderung, sich zu setzen, nachgekommen war, forderte ich ihn auf, uns sein Anliegen nochmals in aller Ausführlichkeit darzulegen.
Gilead berichtete von den Umständen. Seiner schwer erkrankten Mutter, seiner geizigen Tante und dass diese ihre Schwester – seine Mutter – nur aufgrund alter Gefälligkeiten bei sich aufgenommen hatte, die sie ihr noch geschuldet hatte. Doch weder die Tante noch ihr Gatte würden sich schließlich wirklich um das Kind kümmern und es drohte Gefahr, dass Sharifa bereits in absehbarer Zeit in falsche Hände geriet.
„Ich möchte sie zu mir holen, Majestäten.“ Sein Blick lag eindringlich auf mir. Schnell aber sah er auch zu Cyrus. Ihm war genauso bewusst wie mir, dass Cyrus nichts von unserer Liaison erfahren durfte.
„Und was erwartet Ihr von uns, Seibling?“ Mein Gemahl lehnte sich noch etwas weiter zurück. Seine Finger ließen von meinen Haaren ab und wanderten zu meinem Nacken. „Sollen mein Weib und ich die Vormundschaft Eurer Schwester übernehmen? Für sie nach einem passenden Gatten suchen?“
„Nein!“ Gilead schüttelte aufgebracht den Kopf.
Verstört drehte ich mein Gesicht zu Cyrus hin. „Wieso sollten wir?“ Wieso wollte er ihre Vormundschaft? Seine Sticheleien an meinem Körper machten mich nervös, weswegen ich jetzt nach seiner Hand in meinem Nacken griff und sie ihm mit einer gewissen Bestimmtheit und Dominanz auf seinen Schoß legte. Meine eigenen Hände faltete ich vor meinem Körper zusammen.
Mir kam noch eine Idee, wieso Cyrus die Vormundschaft über dieses Mädchen haben wollen könnte, und beim Gedanken daran kam mir das Blut von heute Morgen beinahe wieder hoch. Immerhin war sie bereits einem Mann versprochen gewesen. Seibling hatte ihre Hand bereits an jemanden vergeben. Und an diesen waren regelmäßige Zahlungen gesandt worden. Außerdem handelte es sich um niemand anderen als den Mann, der hier neben mir saß.
Mit der Verbindung zu Seiblings Tochter hatte er vermutlich bezweckt, dem Königshaus näherzukommen. Nun, das hatte er mittlerweile auch so geschafft, also wieso wollte er das Kind?
„Weil das Kind bessere Chancen auf eine gute Partie hat, wenn sie unser Mündel wäre“, erklärte Cyrus ruhig. Sein Blick hing an meinem Ausschnitt. Nur langsam löste er ihn und wandte sich wieder Gilead zu. „Nein? Warum? Ihr könnt doch nicht annehmen, dass Ihr selbst der Vormund Eurer Schwester werdet. Ihr besitzt weder Land, Titel noch Gold. Wie also wollt Ihr einen geeigneten Ehegatten für sie finden?“
Gilead verkniff sich die Antwort, die offenbar beinahe über seine schönen Lippen gekommen wäre. Dann sagte er etwas, aber ich hatte mich vom Anblick seiner sich bewegenden Lippen hinreißen lassen. Als er geendet hatte und beide Blicke fragend auf mir lagen, wurde mir heiß. Kurz wischte ich mir über die Stirn, an ihr klebte kalter Schweiß.
Ich räusperte mich. „Wie bitte?“
Gilead verzog leidig das Gesicht, als würde er die Worte nur sehr ungern wiederholen. „Wärt Ihr bereit, meine Königin, sie als Mündel zu nehmen? Nur Ihr.“
Oh, Halleluja, Götter, Sonne, Mond und Sterne. Sprachlos saß ich da, den Mund leicht geöffnet. Die Beleidigung hatte gesessen, wenn ich mir Cyrus so ansah. Bei dem regte sich kein Muskel, aber diese Maske aus Gleichgültigkeit war für mich gerade leichter zu lesen, als mir lieb war.
„Weil die Königin alt und erfahren ist, von Heiratspolitik so viel versteht und alle Junggesellen im Land bei Rang und Namen kennt?“, fragte Cyrus bissig.
„Dafür bin ich gebildet genug und werde der Königin mit Rat zur Seite stehen. Wie Ihr selbst gesagt habt, so geht es um den Titel und da muss ich Euch zugestehen, dass Ihr im Recht liegt. Doch der Titel der Königin wiegt genauso viel wie Eurer. Und sie hat mein vollstes Vertrauen. Sodass ich bereit bin, das Leben meiner Schwester in ihre Hände zu legen.“
Cyrus‘ Augenbrauen erhoben sich; ein schmales Lächeln bildete sich auf seinen Lippen. „Schön. Dann wird Eure Schwester im Zimmer neben Eurem einziehen und die Königin persönlich ihre Erziehung übernehmen. Sobald Sharifa erwachsen ist, wird sie dem Hof vorgestellt und darf mit auf Bälle gehen.“
Entsetzt riss ich die Augen auf und wandte mich meinem Gemahl zu. „Was?! Dir ist aber schon klar, dass ich die meiste Zeit damit verbracht habe, vor meiner Gouvernante wegzulaufen?“ Ich hatte der Bitte doch noch gar nicht zugestimmt! Auch wenn ich Gilead natürlich nicht enttäuschen wollen würde …
Mein Atem war schwerer geworden. Wieder wischte ich mir über die Stirn, und wieder war meine Hand danach feucht. Ich schluckte. War das das Gift? Bisher spielte es mir herzlich wenig übel mit. Ich hatte eigentlich deutlich schlimmere Schmerzen erwartet, aber Lyssas Gift war schließlich auch nicht königlich. Und dann hatte sie es mir auch nicht absichtlich verabreicht, entsprechend auch nicht besonders viel davon.
„Du meinst also, du kannst dich nicht um ein Mündel kümmern?“ Cyrus wandte sich Gilead zu. „Also benötigen wir zusätzlich noch eine Gouvernante für Eure Schwester. Aber das ist nicht meine Aufgabe.“ Cyrus erhob sich und ging zurück zu seinem Schreibtisch. „Damit wäre alles geklärt. Ihr könnt gehen, Seibling. Schreibt Eurer Schwester, dass wir ihre Ankunft im Schloss erwarten.“
„Nein“, griff ich ein. Wie stellte sich Cyrus vor, dass ein Kind allein den Weg hierher in Angriff nehmen könnte? Ohne jede Begleitung? „Werter Gatte, Ihr habt mir die Leitung über dieses Gespräch übertragen und mich dazu bemächtigt, die folgenden Entscheidungen zu treffen. Gilead Seibling, Ihr werdet Eure Schwester abholen, Euch, sollte es noch möglich sein, angemessen von Eurer Mutter verabschieden und dann mit der Kutsche Eurer Tante mit Eurer Schwester zurückreisen. Am besten bestreitet Ihr den Hinweg zu Pferd; Euch wird eines der Schlosspferde zur Verfügung gestellt. Außerdem nehme ich Eure Bitte an. Ich werde Vormund Eurer Schwester. Um die Möglichkeiten zu einer Verlobung zu besprechen, werden wir uns zusammensetzen.“ Zum Reden verstand sich …
Auch ich erhob mich. Cyrus ignorierte ich geflissentlich. Wenn er unbedingt wollte, konnte er ihm ja eine Wache mitschicken, aber ich würde das nicht verlangen. Ich bot Gilead die Hand, welche er in einer Verbeugung ergriff und einen zarten Kuss auf meinen Knöcheln platzierte.
„Ich danke Euch, meine Königin.“ Sein Blick glitt an mir hoch und blieb erst einmal an meinem Dekolleté hängen, ehe er mein Gesicht erreichte.
„Damit wäre alles vorbereitet. Wann werdet Ihr aufbrechen, Seibling? Wendet Euch an Galderon, wenn Ihr ein Pferd braucht.“ Cyrus sah während des Sprechens konzentriert auf ein Stück Pergament und schien mit seinen Gedanken schon ganz woanders zu sein.
Ich nickte Gilead zu und schenkte ihm ein zuversichtliches Lächeln. „Ihr seid entlassen.“ Gilead erwiderte mein Nicken dankbar und verließ den Raum. Vor dem Arbeitszimmer wurde er sogleich von Timm aus den königlichen Gemächern eskortiert. „Gut, dann gehe ich ebenfalls“, erklärte ich und wandte mich zur Tür hin
„Warte noch kurz“, meinte Cyrus und legte den Brief beiseite. „Komm her.“
„Hm?“ Was wollte er denn jetzt noch? Trotz leichter Bedenken bewegte ich mich auf den Schreibtisch zu, blieb aber auf der Seite, ihm gegenüber, stehen.
Cyrus stand auf, machte einen Schritt um den Tisch herum und musterte mich mit hochgezogenen Augenbrauen. „Du weißt nicht zufällig, warum Seibling mir nicht vertraut?“
Vielleicht, weil du mich vergewaltigt hast und er einen solchen Mann nicht als Vormund seiner Schwester will? Ich schüttelte den Kopf.
Sein Blick glitt zu meinem Ausschnitt, während er einen nächsten Schritt tat und damit in Reichweite kam. „Für wen hast du dieses Kleid angezogen?“
„Für Seibling“, antwortete ich nüchtern, meine aufkeimende Lust unterdrückend. Was war heute nur mit meinem Körper los?!
Sofort wurden Cyrus‘ Gesichtszüge hart und sein Blick eisig. Er lehnte sich weiter zu mir vor. „Tatsächlich? Damit er das hier machen kann?“ Mit den Worten landeten seine Hände auf meinem Ausschnitt und packten meine Brüste.
Erst stöhnte ich, dann fing ich mich wieder, schlug seine Hände weg und trat fluchtartig einen Schritt zurück. „Nein! Weil ich dachte, es wäre dir recht, wenn ich nicht nackt zum Treffen komme!“
„Raus!“, knurrte er und setzte sich wieder an seinen Schreibtisch.
Ich lachte spöttisch auf. „Zu Befehl, oh großer König!“ Übertrieben verneigte ich mich und wandte mich zum Gehen.























































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