Kapitel 40 – Die Leere

Kapitel 40 – Die Leere

 

Rjna

Am nächsten Tag stand ich neben Hauptmann Tadurial in dem grossen Versammlungsraum, hinter dem das Arbeitszimmer des Königs lag, die Arme fest um ein kleines, rotes Blut geschlungen. Xelus hatte es mir geschenkt. Gestern Abend. Zur Feier meines Einmondigen. Dazu eine Feder mit goldgelber Fassung und ein Tintenfässchen. Die Nachricht war unmissverständlich die, dass er mein Lernen unterstützte. Auch wenn er den nächsten Mond nicht mehr anwesend sein konnte.

Heute Morgen war er abgereist. Bis zum Stadttor hatte ich ihn begleiten dürfen. Dann war ich mit Hauptmann Tadurial zurückgeblieben, der mich bis zu Xelus’ Rückkehr bei sich aufnehmen würde. Beim Gedanken daran lief mir ein eisiger Schauder den Rücken hinab. Als wäre es noch nicht schlimm genug, dass ich mich jetzt gleich wieder zum König setzen und weitererzählen musste.

Die Tür zum privaten Arbeitszimmer eben dieses Mannes öffnete sich. Im Türrahmen erschien niemand anderes als die imposante Gestalt des Königs. Meine Augen fuhren seinen Körper auf und ab, hoch und runter. Die stählernen Gesichtszüge, die hohen Wangenknochen und die ernsten, tiefroten Augen liessen mich unmerklich erzittern. Die steinharten Muskeln seiner Arme, an die ich mich gestern noch gelehnt und dabei so unglaublich geborgen gefühlt hatte, sandten mir unbekannte, aber nicht unangenehme Schauder durch den Leib.

„Tadurial, vielen Dank.“ Verlegen senkte ich den Kopf. Ich hatte keinen Gedanken an den Hauptmann verschwendet, der noch neben mir stand. Tatsächlich hatte ich seine Anwesenheit vergessen. Hauptmann Tadurial verbeugte sich elegant, ehe er sich umdrehte und verschwand. „Möchtest du nicht reinkommen?“ Der König hatte seine Augenbrauen erhoben und die Stimme kaum merklich gesenkt. Seine Arme wiesen einladend in sein Arbeitszimmer.

Ich nickte. Ohne einen Gedanken an irgendeine irrationale Angst zu verschwenden, ging ich an ihm vorbei und liess mich auf den Platz nieder, auf dem ich schon gestern gesessen hatte.

Der König tat es mir gleich. Seine Stirn hatte er in leichte Falten gelegt. „Geht es dir nicht gut?“

„Doch. Alles in bester Ordnung, Majestät.“ Tatsächlich … war es mir unerklärlich. Am Morgen hatte ich noch geweint. Doch seit Xelus’ Abreise hatte sich meine Traurigkeit gelegt. Als der Hauptmann mich hierher eskortiert hatte, hatte ich noch das dringende Bedürfnis verspürt, das Buch mitzunehmen, das mir Xelus gestern geschenkt hatte. Jetzt … legte ich es vorsichtig auf den Tisch vor mir, starrte es an und fragte mich, wieso ich es nicht einfach zusammen mit dem Kleidern in die Kiste getan hatte, die gerade zu Hauptmann Tadurials Haus gebracht wurde. „Wo waren wir?“



Der König schüttelte den Kopf, als wolle er das Thema herauszögern. „Was ist das?“ Er deutete auf das Buch.

„Ein Geschenk. Von meinem Vampirvater.“

„Du vermisst ihn bereits?“

„Natürlich.“ Etwas anderes zu sagen, wäre falsch. Doch trotz der Worte, die ich sprach – recht monoton, wie ich im Nachhinein fand – war mein Herz nicht recht bei der Sache.

Der König nickte langsam. „In Ordnung“, sprach er hörbar zögernd, als hadere er mit etwas, räusperte sich dann aber und erklärte: „Du sagtest, der Anführer … hätte deinen Tod befohlen?“

„Ah, ja. Also …“ Ich holte tief Luft „Grinsebacke, mein Zellenwächter, erhielt den Auftrag, mich zu töten. ‚Es zu beenden‘, wie dieser ‚Herr‘ es nannte.“ Irritiert über mein eigenes Verhalten runzelte ich die Stirn. Hatte der König etwa bereits seine vampirische Machtausstrahlung auf mich angewandt? Unauffällig schielte ich auf meine Hände, doch sie blieben ruhig. Sonst hatten sie immer gezittert, wenn ich unter diesem Einfluss stand. Und es war auch nicht das gleiche Gefühl wie bei der Machtausstrahlung.

„Geht es dir gut?“, kam es erneut seitens des Königs, woraufhin ich bloss nickte.

„Aber natürlich.“ Ruhig fuhr ich fort. Immerzu stiess ich auf Details, die mir sonst immer fürchterlich schlimm vorgekommen waren. Doch jetzt glitten sie mir über die Lippen wie sprudelndes Wasser aus einer Bergquelle. Wieso nur hatte ich stets so ein Drama darum gemacht? Es war nur eine Geschichte. Eine Vergangenheit.

 

Ich erzählte dem König davon, wie ich darum gefleht hatte, dass Grinsebacke mich einfach tötete. Und dass dieser verweigert hatte.

Ich erzählte, wie ich mitten im Wald aufgewacht war, halb in der Erde verscharrt, und daraufhin die ganze Nacht völlig orientierungslos in irgendeine Richtung gelaufen war, begleitet von der stetigen Angst, direkt wieder in die Arme meiner Peiniger zurückzukehren.

Ich erzählte, wie ich auch den nächsten Tag unermüdlich weiterging und wie es wieder Nacht wurde und meine Kräfte schliesslich immer mehr zu schwinden begannen.

Ich erzählte ihm, wie ich zusammenbrach, wie ich auf einmal Xelus’ Stimme vernahm, wie mich die Furcht überkam und wie mir dann doch alles egal wurde.



Ich berichtete von der unsäglichen Müdigkeit, die mir letztlich den letzten Willen raubte, und wie ich nur noch meine Ruhe wollte.

Ich gab die Worte wieder, die gesprochen worden waren, inklusive meiner Bitte an Xelus, es einfach endlich zu beenden: mein Leben, das ich nicht mehr wollte, nicht mehr konnte, das ich endgültig aufgegeben hatte.

Nach diesen Worten senkte sich mein Blick, während der König mich nur ununterbrochen weiter ansah. Berechnend, als wäre ich ein Rätsel, das es zu lösen galt. Seine Maske, die seine Gedanken hinter den scharfen Gesichtszügen verbarg, war unübertroffen. Abschliessend atmete ich tief ein, hob den Kopf wieder an und schloss mit: „Was er aber offensichtlich nicht getan hat.“ Meine Schultern hoben und senkten sich in einer Geste der Ahnungslosigkeit. „Von da an ist alles weg, bis ich aufgewacht bin, weil mich Xelus mit Blut gefüttert hat. Da wurde mir erst bewusst, wozu man mich gemacht hat.“ Das war verblüffend einfach gewesen.

Der König schaute mich nachdenklich an, musterte mich unablässig und fragte sich vermutlich, ob ich auch wirklich nicht gelogen hatte. „Und dein Erschaffer hat dir keinen Grund genannt?“ Ich schüttelte den Kopf. „Und er hat dir auch nicht seinen Namen verraten?“ Beinahe hätte ich wieder den Kopf geschüttelt. Jedoch hielt das Schütteln abrupt inne und die Augen des Königs weiteten sich ein wenig. „Wie heisst er?“

Ich zögerte. Wenn ich ihm den Namen nannte, dann bestünde die Möglichkeit, dass er ihn kannte. Wenn das so war und er würde von meinen Plänen für diese Männer erfahren, dann würde man versuchen, mich aufzuhalten. Schliesslich schüttelte ich den Kopf. „Verzeiht, Majestät. Alles, aber nicht das. Ich habe mir geschworen, diesen Namen niemals auszusprechen“, nicht, bis ich das Licht in seinen Augen schwinden sah, während er unter mir lag und elendig verblutete. Er würde betteln, wie ich es getan hatte. Ob um Tod oder Leben, spielte keine Rolle.

 

Stumm ging ich neben Hauptmann Tadurial her, lief die Strassen der Stadt entlang und konnte mich doch nicht so recht an ihrer Schönheit erfreuen. Ich hatte es hinter mich gebracht. Ich hatte meine Pflicht erfüllt. Und doch fehlte das Gefühl der Freude oder Erleichterung. War es, weil der Grund, weshalb ich all dies auf mich genommen hatte, heute Morgen abgereist war? Müsste ich dann aber nicht viel eher enttäuscht sein? Doch da war … nichts. Hohle Leere füllte mein Innerstes aus.



Unauffällig spähte ich zur Seite. Der Hauptmann hatte mich im Schloss abgeholt. Wie immer herrschte zwischen uns ein angespanntes Verhältnis. Immerzu, wenn ich ihn sah, sah ich vor meinem inneren Auge eine Erinnerung vorbeiziehen, wie er vor mir das Knie beugte, den Oberkörper unbedeckt. Aber war es eine Erinnerung? Oder viel mehr ein skurriler Traum?

Die Geräusche der Stadt zogen ungehört an mir vorbei. Ebenso die feinen Geschäfte der Oberschicht, deren Waren in glänzend-sauberen Schaufenstern ausgestellt waren. Die Stadt wirkte harmonisch, so, als gäbe es hier keine Missstände und auch keine dadurch ausgelösten Aufstände. Fast fühlte es sich so an, als fehle etwas. Die Strassen der Oberschicht waren nicht durchdrungen von aufgeregten Rufen. Lediglich Getuschel hinter vorgehaltenen Fächern oder Händen war zeitweise zu vernehmen. So dauerte es auch nicht allzu lange, bis mir die ersten Gerüchte über mich selbst zu Ohren kamen.

„… soll ja keinerlei Benehmen an den Tag legen.“

„Ja, sieh sie dir nur an! Wie sie geht. Wie sie steht! Allein ihre Frisur lässt zu wünschen übrig. Und sowas soll in die Königsfamilie aufgenommen werden?“

„Nicht zu laut, meine Damen“, raunte ein Herr, der gerade zu den beiden edel gekleideten Waschweibern stiess. „Neben ihr geht der Hauptmann. Nicht, dass er euch noch hört.“

Eine der beiden kicherte gekünstelt. „Den Hauptmann, meint Ihr, der zehn Jahre Käfighaltung hinter sich hat?“

„Achte dich nicht darauf“, grummelte Hauptmann Tadurial neben mir leise.

„Hatte ich nicht vor“, gab ich monoton zurück. Was interessierten mich die Meinungen anderer?

Der Hauptmann nickte stoisch. „Gut.“ Leiser fuhr er fort: „Ich habe schon einen meiner Angestellten ausgewählt, der dir als Abendmahl dienen wird. Du wirst doch kein Problem damit haben?“

Eine Augenbraue gehoben, wandte ich mein Gesicht dem Hauptmann zu. „Wieso sollte ich?“

„Auf der Hinreise…“

Kopfschüttelnd blickte ich wieder nach vorn. „Das ist doch schon Tage her.“

Damit war das Gespräch beendet.

 

Als das Haus des Hauptmanns vor uns aufragte, fragte ich mich unwillkürlich, wofür ein einziger Vampir so viel Platz brauchte. Die Antwort fand sich wenige Momente später, als ganze fünf Menschen sich im Eingangsbereich versammelten und den Hauptmann mit einer leichten Verbeugung oder einem Knicks begrüssten.



Eine Frau mit graumeliertem Haar trat vor und knickste erneut. „Guten Tag Hauptmann Tadurial. Guten Tag, Prinzessin Rjna. Darf ich Euch die Mäntel abnehmen?“

Wortlos entledigte sich Tadurial seines Mantels und drückte ihn der Dame in die Hand. Anschliessend wandte er sich mir zu, die ich aufgrund der Anrede angefangen hatte, die Luft anzuhalten, und noch keinen Wank getan hatte, nahm mir, ganz wie es sich für einen Edelmann gehörte, den Mantel von den Schultern und drückte auch diesen der älteren Frau in die Hände.

„Komm“, verlangte er, ohne sich noch einmal zu mir umzudrehen. Der Hauptmann führte mich eine Treppe hoch, öffnete oben angekommen eine der vielen Türen und überliess mir den Vortritt. „Das hier ist dein Gemach. Deine Zofe hat deine Kleidung bereits eingeräumt und das Zimmer nach ihrem Gutdünken für dich zurechtgemacht. Wenn du etwas brauchst, kannst du auf sie oder eine der Angestellten zugehen. Trinken wirst du heute Abend in meinem Beisein. Bis dahin darfst du dich im Haus frei bewegen. Solltest du es verlassen wollen, wartet eine Wache vor der Tür. Sie wird dich begleiten. So.“ Der Hauptmann trat einen Schritt zurück. „Geniess den Tag.“

„Wo … geht Ihr hin, Tadurial?“

Ein kaum hörbares Schnauben ausstossend, wandte er sich mir noch einmal zu. „Arbeiten, Prinzessin.“

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