Kapitel 40 – Schweigen
Kapitel 40 – Schweigen
Cyrus
Ich rieb mir den steifen Nacken, während meine Augen über eine Liste mit offenen Fälligkeiten gelitten. Wie konnte der König so hohe Schulden haben und zeitgleich das Volk so ausbluten lassen? Das menschliche Volk konnte sich kaum selbst ernähren und dennoch nahm der König ihnen viel zu viel. Aber wo war das ganze Gold?
Es klopfte an der Tür und ich legte die Pergamente beiseite. Dankbar um die Ablenkung erhob ich mich von meinem Stuhl. „Herein!“, rief ich und ging dabei um meinen Tisch herum. War schon einer der Minister da? Eigentlich sollten sie erst morgen eintreffen.
Leeander trat ein und neigte kurz sein Haupt. „Mein König! Ich habe wie befohlen den Kerker bewacht und den Verräter gefunden.“
„Das ging ja schnell“, entfuhr es mir. „Erzähl mir jedes Detail!“
„Am frühen Morgen ist Ulras mit einer Magd hinab in den Kerker gegangen. Sie hat einen Korb bei sich getragen. Wenige Minuten später kamen sie wieder heraus. Der Korb war leer.“
„Und die Magd?“
„Ich hatte sie zuerst verfolgt. Sie arbeitet in der Küche und wurde gezwungen, hinunter in den Kerker zu gehen und ihr Blut zu spenden.“
Ich nickte nachdenklich. Die Magd würde ich selbst auch befragen wollen. Aber wie ich Lee kannte, hatte er noch weitere Informationen für mich. Also machte ich mit einer Hand eine auffordernde Bewegung.
„Ich habe anschließend nach Ulras gesucht und gesehen, dass er direkt danach in deine Gemächer gegangen ist, Cyrus. Er war recht lange dort. Dein Weib hat irgendwann nach Timmok gerufen, der wenig später Ulras aus deinen Zimmern geworfen hat.“
Ich legte die Stirn in Falten. Ulras versorgte also Ashur. Und die Tatsache, dass er direkt danach zu Aurelie ging, ließ nur eine Schlussfolgerung zu. Sie steckten unter einer Decke! Rein nüchtern betrachtet war es nur logisch. Aurelie suchte jemanden, der mich stürzen könnte. Aber dafür müsste derjenige stark genug sein. War ihre Angst vor Ashur nur gespielt? Nein, das konnte ich mir nicht vorstellen. Was war ihr Plan? Hoffte sie, Ashur und ich würden uns gegenseitig umbringen? Oder wollte sie den Überlebenden selbst ermorden? Zumindest würde ich so vorgehen. Erst dann eingreifen, wenn einer oder beide Kontrahenten geschwächt waren. Und trotzdem … ein Teil in mir wollte das alles nicht glauben. Ich wollte nicht glauben, dass Aurelie zu dergleichen in der Lage war. Ich wollte nicht, dass sie in dieser Sache involviert war.
„Wo ist Ulras jetzt? Hol ihn zu mir!“
Lee nickte ernst und verschwand wieder. Ich blieb an Ort und Stelle stehen, denn ich hätte mich nun sowieso nicht mehr um die Finanzen kümmern können. Zum Glück dauerte es nicht lange, bis Lee mit Ulras im Schlepptau zurückkam. Und wie immer grinste Ulras mich etwas zu selbstgefällig und siegessicher an.
„Mein König“, säuselte er, „Wie kann ich Euch behilflich sein?“
„Sag mir die Wahrheit!“ Aufgrund des Bands war er gezwungen, diesem Befehl wahrheitsgemäß zu folgen. „Seit wann fütterst du Ashur schon durch?“
„Seit sechs Tagen“, kam prompt die Antwort.
Ich trat einen Schritt näher auf ihn zu und griff nach seinem Kinn. Aurelies Geruch stieg mir in die Nase. Zu intensiv. Viel zu deutlich. Ehe ich realisierte, was geschah, hatte ich bereits Ulras‘ Kopf von seinem Körper getrennt, sodass dieser mit einem lauten Poltern zu Boden fiel. Verdammt! Sonst hatte ich mich besser im Griff! Warum hatte ich ihm nicht weitere Fragen gestellt? Er wäre verpflichtet gewesen, sie wahrheitsgemäß zu beantworten! Ich ließ meinen Kopf in den Nacken fallen. „Schaff ihn weg, Lee. Anschließend kommst du in meine Gemächer.“
Ohne ein weiteres Wort ließ ich Lee stehen und eilte in meine Räumlichkeiten. Wütend stieß ich die Tür zum Schlafzimmer auf und fixierte Aurelie, die auf dem Bett saß und Irinas Hand streichelte. Als sie mich erblickte, zuckte sie heftig zusammen.
„Hast du ihn dazu aufgefordert?“, fragte ich ohne Umschweife. Als Antwort wimmerte sie nur und senkte schuldbewusst das Haupt. Erst dann sah ich Timm, der im im Schlafzimmer auf dem Boden vor dem Bett saß. „Raus hier, Timm!“, knurrte ich wütend. Kaum war er verschwunden, wandte ich meine Aufmerksamkeit wieder meiner Ehegattin zu. „Sag mir, Aurelie, hast du Ulras dazu ermutigt? War es deine Idee?“
Ihre Unterlippe zitterte. „Nein!“, flüsterte sie. „Nein …!“ Sie tat so unschuldig.
Ich ging auf sie zu und zeigte ihr meine Fangzähne. „Sag mir, Aurelie, hattest du deinen Spaß dabei?“, fragte ich leise. Die Erfahrung hatte gezeigt, dass sie bei zu viel Druck einknickte. „Seit wann geht das schon so?“ Vor sechs Tagen schon. Das war, bevor ich Aurelie und Irina in den Kerker gesteckt hatte. Bevor ich Irina zu einem Grigoroi gemacht hatte. Aber Aurelie hatte davon abgesehen, ihre Befehle zurückzuziehen, auch nachdem ich ihr mit Irina geholfen hatte! Wie konnte ein so junger Vampir schon so skrupellos und intrigant sein?
Plötzlich änderte sich etwas. In ihrer Ausstrahlung, in ihrer Haltung. Sie streckte ihren Rücken durch, zog die Schultern nach hinten und stand auf. Ihren Blick richtete sie auf mich, wütend, bohrend; den Kopf hielt sie arrogant erhoben. „Ich habe nichts getan!“, fauchte sie laut. „Unterstelle mir, was du willst, aber solange du keine Beweise für irgendetwas hast, kommst du mir gefälligst mit Respekt entgegen!“, schrie sie. „Ich bin deine Königin und herrsche an deiner Seite, so wie du an meiner! Also, wenn du ein Problem hast, sag es, aber halt mich nicht hin!“ Mit jedem Wort war sie mir ein Stück näher gekommen, bis sie schließlich direkt vor mir stand. Dann hatte sie damit angefangen, mir bei jedem weiteren Wort ihren Zeigefinger in die Brust zu drücken.
Ich fletschte meine Fänge. „Deine Beweise sind tot. Ich habe Ulras den Kopf abgerissen“, entgegnete ich und verschränkte meine Arme vor der Brust. Knapp unterhalb der Stelle, gegen die sie getippt hatte.
Daraufhin zuckte sie zurück und riss die Augen auf. Überraschung und Schock zierten ihr Gesicht. „Du hast was?“, hauchte sie erschrocken und hielt stockend den Atmen an. Dabei öffnete und schloss sich ihr Mund immer wieder, als wolle sie etwas sagen, blieb jedoch stumm wie ein Fisch.
„Sind wir also wieder beim Du angekommen? Ist der Respekt mir gegenüber also schon verschwunden?“ Es war nicht das erste Mal, dass sie mich duzte. Beim ersten Mal hatte sie sich schnell wieder korrigiert. Es störte mich zwar nicht, aber dass ich es jetzt ansprach, würde sie aus der Ruhe bringen.
Und wie erwartet reagierte sie unsicher. Nicht wissend, was sie darauf antworten sollte. „Ich … es tut mir leid … ich habe nicht … Ah!“ Nach einem letzten, verzweifelten Aufschrei stürmte sie an mir vorbei, im Versuch, das Zimmer zu verlassen und einer Konfrontation zu entgehen. Zu ihrem Leidwesen war ich schneller als sie und stand in der nächsten Sekunde vor der Tür.
„Wohin des Wegs?“, fragte ich, eine Augenbraue erhoben.
„Weg!“, gab sie fauchend von sich. Irgendwie war das schon fast süß, denn richtig fauchen konnte man erst mittels Fangzähnen.
„Nein, wir reden jetzt!“ Ich packte sie an den Oberarmen, zog sie von der offenen Tür weg und presste ihren Rücken gegen die nächste Wand. „Ich kann Ulras an dir riechen! Sag mir, warum hat er dich heute aufgesucht?“ Ich ließ ihr keinen Freiraum und stand ihr so nah, dass ich sie beinahe mit meinem Körper erdrückte. Jetzt würde sie zugeben, dass sie mit Ulras über Ashur gesprochen hatte! Vermutlich hatte sie ihm neue Anweisungen gegeben!
Störrisch presste sie die Lippen zusammen und wandte den Kopf zur Seite.
„Warum war er hier, Aurelie?!“, bohrte ich nach und Spucke bespränkelte ihr Gesicht. Ich wollte ihr noch diese eine Chance geben, um mit der Sprache rauszurücken. Doch sie blieb stumm und kniff nur fest die Augen zusammen, wobei sich eine kleine Träne daraus löste. Aber dieses Mal würde sie damit nicht durchkommen. Ich würde kein Mitgefühl zeigen, nur weil sie weinte! „Gut, dann weiß ich Bescheid.“ Ich trat einen Schritt zurück und betrachtete sie einen Moment, wie sie da stand und sich nicht regte. Sie versuchte nicht einmal, eine Ausrede zu finden oder sich zu erklären. Das sagte mir alles. „Wir sind nicht mal eine Woche verheiratet und schon brichst du alle deine drei Schwüre mir gegenüber.“ Mit den Worten ließ ich sie stehen und ging aus dem Schlafzimmer. Im Wohnzimmer fand ich Timmok, der mich erwartungsvoll ansah. „Du bleibst bei der Königin. Sie wird diese Gemächer nicht verlassen. Ich ziehe in meine neuen Räumlichkeiten.“
„Mein König, ich wollte noch …“
„Nicht jetzt“, unterbrach ich ihn und ging hinaus.
Hinter mir hörte ich nur noch ein leises: „Natürlich, mein König.“
Ich verließ das Zimmer und ballte meine Hände mehrmals zu Fäusten. Dieses Kind machte mich wahnsinnig! Um nicht auf etwas einzuschlagen, ging ich in Richtung der Besprechungsräume. Es dauerte nicht lange, bis ich Leeander fand.
„Ist das Arbeitszimmer gereinigt worden?“
„Natürlich“, entgegnete Lee knapp.
„Gut. Ich werde nicht mehr in meinen alten Räumlichkeiten schlafen. Die Königin wird in den Zimmern eingesperrt, bis ich entschieden habe, was ich mit dieser Verräterin mache.“
„Verrat? Hat sie zugegeben, dass sie Ulras beauftragt hat, den Kronprinzen mit Nahrung zu versorgen?“
„Nein. Sie hat sich entschlossen, zu schweigen. Aber ich kann nicht riskieren, dass weiterhin gegen mich arbeitet. Ab sofort dürfen nur noch meine eigenen Grigoroi zu ihr“, entschied ich.
„Du kannst die Königin nicht einsperren, Cyrus. Die Minister werden nach ihr fragen. Du musst sie an der Regierung teilhaben lassen.“
„Niemand will von einem Kind regiert werden“, argumentierte ich.
Lee verzog unzufrieden das Gesicht. „Gut. Dann lasse ich Eure Kleidung in die Gemächer des Königs bringen. Was ist mit den Zofen der Königin?“
Ich knurrte. „Mir egal.“ Ich sah, dass Lee noch etwas sagen wollte, aber ich hob beide Hände. Für heute war ich bedient. Es nervte einfach nur, dass ich mit Aurelie ständig Probleme hatte. Dieses verzogene, arrogante Kind! Und da hatte ich ihr mit der Wandlung von Irina auch noch einen Gefallen getan! Selbst bei dieser Sache war Aurelie nicht ehrlich! Jedes verdammte Wort aus ihrem Mund war gelogen!
Ich ging weiter zu den Besprechungsräumen. Für heute war noch eine Besprechung mit den Fürsten angesagt, bevor diese demnächst die Abreise antraten. „Meine Herren!“
Lose Floskeln der Begrüssung wurden ausgetauscht. Es war klar gewesen, dass wir in den ersten Tagen nach der gewaltsamen Übernahme nicht viel erreichen konnten. Aber etwas mehr hatte ich doch erhofft.
Fürst Andyr sah das allerdings gelassen: „Änderungen brauchen Zeit. Wir haben eine gute Basis geschaffen, auf der wir weiter aufbauen werden.“
Ich nickte zustimmend. „Ja, die Anfänge sind gemacht. Wann wollen wir uns erneut treffen? In einem halben Jahr? In einem Jahr?“
„Auch wenn die Reise aus dem Norden für mich beschwerlich wird“, meinte Fürst Kretos, „So halte ich es für besser, wenn wir uns im Winter wieder zusammensetzen.“
„Dem stimme ich zu.“
„Gut, dann ist das beschlossen. Wann gedenkt ihr abzureisen?“
„Morgen“, erwiderte Fürst Kretos.
„In diesem Fall schliesse ich mich Fürst Kretos an“, entgegnete Andyr.
„Schade, dann werdet Ihr die neue Fürstin des Ostens erst im nächsten Winter kennenlernen. Meine Cousine Darleen ist auf dem Weg ins Goldene Reich und sollte in wenigen Tagen eintreffen.“
Beinahe den ganzen Nachmittag wurde beraten. Handelsbeziehungen würden vertieft werden – die unmöglichen Zahlungen an das Goldene Reich ausgesetzt. Doch bis sich das Goldene Reich selbst stützen konnte, war es auf die Hilfe der anderen Reiche angewiesen. So war es immer schon gewesen, doch so sollte es nicht bleiben. Langsam und mit strenger Hand würde ich die Bewohner dieses verzogenen Reiches dazu bringen, ihren eigenen Ackerbau auszubauen, und ihre verschwenderische Lebensweise zu zügeln.
Kaum hatten sich die Männer verabschiedet, schlich sich bereits wieder eine junge Vampirin in meine Gedanken. Ich konnte nicht mehr in meine Gemächer zurückkehren, ansonsten würde ihr Kopf wohl der nächste sein, der vom Körper getrennt auf dem Boden landete. Andererseits wusste ich bereits, was meine Laune zu heben vermochte. Auf direktem Weg führten mich meine Beine zu den königlichen Gemächern. Ich brauchte gar nicht erst lange zu suchen, da stand Carina schon fragenden Blickes vor mir. Die beiden Dienerinnen im Raum hätten mir nicht gleichgültiger sein können. Ich brauchte Zerstreuung.

























































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