Kapitel 41 – Die Stadtwache

Kapitel 41 – Die Stadtwache

 

Aurelie

Die Geräusche, die ich mittlerweile eindeutig als Schritte identifizieren konnte, kamen immer näher. Knackend brachen die Äste unter einer Person Füße und verlauteten ihr stetes Näherkommen. Mein Herzschlag beschleunigte und der Griff um das Heft meines Schwertes festigte sich. Schnell glitt mein Blick herum. Das kleine Zelt, welches ich geplündert hatte, die kalte Feuerstelle, die Schlaflager am Boden. Die Klappe im Boden.

Schnell eilte ich darauf zu. Zwar hatte ich sie geschlossen, aber auch wenn Dreck an der Oberfläche klebte wie das Harz eines Baums, so war die Luke doch zu sauber, zu eben auf dem sonst so unebenen Waldboden. Mit meinen Füßen scharrte ich Erde darüber, kleine Äste und abgefallene Blätter. Was den Boden hier nun mal schmückte.

Kaum hatte ich ein annehmbares Ergebnis vorzuweisen, schaffte ich es gerade noch, mich zwei Schritte davon zu entfernen. Mein Blick glitt geradeaus. Innerlich fluchte ich. Wusste ich doch, dass ich etwas vergessen hatte! Wie etwa vier aufeinandergestapelte Leichen.

Ein Mann näherte sich mir. Er trug teure Kleidung und seine Haare waren gepflegt. Sein Herzschlag ging langsam und war ein weiter Beweis dafür, dass ich es mit einem Vampir zu tun hatte. Seine Haare waren schwarz und fielen ihm elegant zurückgebunden bis zur Hüfte. Seine Augen konnte ich nicht erkennen, vermutlich jedoch braun. Sehr zu meiner Erleichterung war er unbewaffnet, was er wohl kurz bereute, als er die Leichen entdeckte. Dann glitt sein Blick zu mir. Erst musterte er mein Schwert, dann das Blut auf meiner Kleidung.

„Benötigt Ihr Hilfe?“

Ruhig bleiben, ermahnte ich mich. Er würde mir schon nichts tun. Konnte er nicht. Ich war die Königin …

„Nein.“ Ich warf den regungslos daliegenden Körpern einen nüchternen Blick zu. Noch immer gänzlich ohne jedes Schuldgefühl. „Ich glaube, das habe ich auch allein ganz gut hinbekommen“, stellte ich fest und stützte mir die Arme in die Hüfte. An meinem Mund zog etwas. Als ich mit der Hand darüberfuhr, bröselte getrocknetes Blut ab und ließ mich die Augen verdrehen.

Der Mann ging bereits einen Schritt zurück, seufzte dann aber und warf einen Blick hinter sich. Elegant fiel ihm das lange Haar über die Schulter. „Ich war zu Besuch bei meiner Schwester und bin gerade auf dem Weg zurück in die Stadt. Wollt Ihr mich begleiten?“



„Eigentlich nicht.“ Ich wollte ihn loswerden. Am Ende käme er noch auf die Idee, Fragen zu stellen. Als mir auffiel, wie abwertend das klang, fügte ich schnell hinzu: „Es wäre wohl nicht angebracht, die Stadt in diesem Aufzug zu betreten.“ Das Schloss war da natürlich viel besser.

„Aber was habt Ihr dann vor?“, fragte er irritiert. „Ich könnte Euch meinen Mantel geben.“ Der Mann sah wieder zu den vier Leichen. „Ihr solltet nicht alleine unterwegs sein, ehrenwertes Fräulein. Die Menschen rotten sich zusammen, um reisende Vampire zu überfallen. Auch in der Stadt ist es nicht wirklich sicher, wegen der Unruhen. Oder kommt Ihr nicht von dort?“

Ich seufzte tief. Ginge ich wieder durch die Gänge, gäbe es niemanden mehr, der die Klappe wieder abdeckte. Mit dem Blut, das heute hier vergossen worden war, würden sicher noch einige Grigoroi und Vampire hier vorbeikommen.

„Sicher, dass Ihr meine Begleitung wollt? Ich würde es Euch nicht übelnehmen, tätet Ihr es nicht“, brachte ich vorsichtig an. Vor dem Mann selbst hatte ich keine Angst. Ich war kein Kind mehr und konnte mich verteidigen. Aber die Stadtwachen machten mir Sorgen. Cyrus sollte wirklich nicht wissen, dass ich nicht mehr in meinen Gemächern war. Wie sollte ich nicht nur an den Stadtwachen, sondern auch noch an den Palastwachen ungesehen vorbeikommen? Der nächste Zugang zu den Geheimgängen lag innerhalb des Schlossgeländes auf dem Trainingsplatz.

„Nun, mir scheint nicht, dass Ihr Schutz benötigt. Aber zu zweit reist es sich sicherer.“ Er lächelte und machte sich bereits wieder auf den Rückweg, während ich zusah, dass ich mich ihm anschloss. „Ich heiße übrigens Dalor Erming.“

„Naya“, antwortete ich trocken, erinnerte mich aber schnell wieder an meine Manieren: „Es freut mich, Eure Bekanntschaft zu machen, Herr Erming.“ Ich vollführte eine kleine Verbeugung. Einfach, weil mir gerade danach war. Es fühlte sich lustig an, sich so zu verbeugen, wie ein Mann es tat. Wobei man das hier nicht als richtige Verbeugung betiteln konnte. Schnell wischte ich mir noch einmal über den Mund, um das Blut möglichst aus meinem Gesicht zu tilgen. Trotzdem würde ich danach riechen. Es wäre schon ein Wunder, wenn uns die Wachen durchließen. „Dürfte ich?“ Bittend streckte ich meine Hand nach seinem Mantel aus.



„Aber natürlich“, erwiderte er, zog den Mantel aus und reichte ihn mir. „Ich nehme an, Ihr wollt nicht darüber reden, was hier geschehen ist“, stellte er stoisch fest, modulierte seine Stimme aber so, als wäre es eine Frage.

Ich nahm den Mantel entgegen und zog meine Hand schnell wieder zurück. Erst gerade war mir mein Siegelring aufgefallen. Hoffentlich war der Vampir nicht so aufmerksam wie neugierig. Den Umgang warf ich mir über, mein Schwert nahm ich in die rechte Hand, sodass ich die Linke unbesorgt ob einer möglichen Offenbarung nutzen konnte. „Banditen“, antwortete ich nur und zog mir die Kapuze über den Kopf.

Wir verließen den Wald und kehrten auf die Hauptstraße ein. Kutschen ritten in Richtung Stadt. Nur wenige Personen gingen zu Fuß und dies waren zumeist Menschen. Ein Vampir, der etwas auf sich hielt, ging nie zu Fuß. Und tatsächlich entdeckte ich, etwas abseits, eine edle, grau-grüne Kutsche. Der Diener auf dem Kutschbock drehte sich um, sprang herunter und öffnete uns die Tür.

Emring reichte mir eine Hand, um mir beim Einstieg zu helfen. „Ich kann Euch am Marktplatz herauslassen, wenn Euch das passt, Fräulein Naya.“

Bei der Anrede musste ich schmunzeln. Bisher war es immer nur Prinzessin, Königin oder Sklave gewesen. „Gerne doch“, bedankte ich mich und setzte mich in das schiere Ungetüm. Allerdings musste ich zugeben: Es war ein schönes Ungetüm.

Als er sich mir gegenübergesetzt hatte und die Kutsche wieder ins Rollen gekommen war, gab ich meiner Neugierde nach. „Darf ich fragen, welch Rang Ihr besetzt? Mit solch einer Kutsche?“ Die genauso viel kostete wie ein Ackerpflug, wie ich mich erinnerte. Noch immer fand ich die Vorstellung seltsam.

„Ich bin Markgraf und besitze ein Stück Land, nahe dem Fürstentum des Südens. In den Sommermonaten sind wir meistens dort. Aber meine Schwester erwartet bald ihr erstes Kind. Ich habe ihr versprochen, dabei zu sein.“ Er lächelte stolz. „Und Ihre Familie, junges Fräulein? Ihr seid doch nicht etwa von Zuhause weggelaufen?“

„Oh, keineswegs. Meine Familie ist vor Jahren einer schlimmen Krankheit erlegen.“ Sie nannte sich Cyritis. Tragisch legte ich meine Hand übers Herz und seufzte leise. Nach einem kurzen Moment senkte ich meine Hand wieder und musterte den Markgrafen vor mir. Er mutete recht freundlich an. Doch der Schein konnte trügen, dass wusste ich selbst besser als manch anderer. „Hmm…“, machte ich überlegend. „Ist es für Euch, aus dem Süden, nicht reichlich ungewohnt, eine Frau mit Waffe zu sehen?“



Sein Blick ging kurz zu meinem Schwert, dann sah er mich wieder an. „Ich denke, dass es vermutlich alles ist, was Ihr noch von Eurer Familie habt. Mein Beileid zu Eurem Verlust.“ Er sah aus dem Fenster. Mir schien, als würde er innerlich mit sich kämpfen. Seine Körperhaltung war angespannt. „Habt Ihr einen Ort, zu dem Ihr gehen könnt? Wie kommt Ihr über die Runden?“

Oh, wie aufmerksam. „Macht Euch deretwegen keine Sorgen. Ich wurde bereits früh verlobt. Entsprechend bin ich mittlerweile vermählt.“ Die Worte kamen trotz meines Entzückens über seine ehrliche Sorge nur trocken über meine Lippen. Das war vermutlich eine der ersten Wahrheiten, die ich ihm erzählt hatte. Ich hatte immerhin nicht behauptet, dass ich glücklich vermählt wäre. So wie man das normalerweise gerne betonte.

Der Blick des Markgrafen ruhte nachdenklich und ein wenig mitleidig auf mir. „Zu sagen, dass es mit der Zeit besser wird, ist leider oft nur eine leere Phrase.“ Seine Stirn kräuselte sich nachdenklich. „Kann ich Euch irgendwie helfen, junges Fräulein? Seid Ihr in dieser Ballsaison aktiv? Ich könnte Kontakte für Euch knüpfen?“

„Ich danke für die goldigen Aussichten“, gab ich mit gequältem Lächeln von mir. „Und, ich denke ehrlich gesagt nicht, dass Ihr mir helfen könnt, aber ich danke auch hier, für das Angebot.“ Ich nickte ihm zu. „Aber seid versichert, mir fehlt es an nichts.“ Kontakte waren natürlich eine nützliche Sache, jedoch bezweifelte ich, dass der Markgraf welche hatte, die ich selbst nicht kannte oder zumidest problemlos anfordern könnte. Da ich das Bedürfnis hatte, das Gespräch von meiner Wenigkeit abzulenken, fragte ich: „Seid Ihr denn auch vermählt? Habt Ihr Kinder?“ Am Ende ging meine Stimme interessiert hoch, wobei ich echtes Interesse vermittelte und kein Heuchlerisches. Am Ende würde er noch denken, ich wollte ihn zum Gemahl.

Ein sanftes Lächeln umspielte seine Lippen. „Ja, ich bin seit beinahe dreihundert Jahren verheiratet und habe eine Tochter. Sie wird nächsten Monat vierundsiebzig. Aktuell ist es ein wenig schwierig mit ihr.“ Sein Lächeln wurde breiter. „Sie will unbedingt reiten lernen. Meine Frau ist dagegen und befürchtet, sie könnte vom Pferd fallen. Daher streiten sie beinahe täglich. Der kurze Ausflug zu meiner Schwester kam mir daher sehr gelegen.“



„Oh.“ Jetzt wurde mein Lächeln echt. „Nun, aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass sie es so oder so lernen wird, wenn es wirklich ihr Herzenswunsch ist. Mir hätte niemals jemand ein Schwert in die Hand gegeben. Also habe ich als kleines Kind mit Stöcken zu üben begonnen.“

Eine kurze Weile war es still. Dann fiel mir ein, was für eine Möglichkeit sich mir hier gerade bot. Ich war in diesem Moment keine Königin. Ich war lediglich eine dahergelaufene Vampirin, die nichts mit Politik zu tun hatte!

„Was haltet Ihr eigentlich von den neuen Menschenrechten? Der Abschaffung der Sklaverei? Für einen Markgrafen muss es ein großer Verlust bedeuten, wenn er seine Diener bezahlen muss.“ Nachdenklich rieb ich mir übers Kinn. „Wie kam das Königspaar nur auf solch einen Gedanken …?“, sprach ich leise, leicht den Kopf schüttelnd.

„Ein gefährliches Thema, diese Tage“, meinte er ausweichend und musterte mich wieder. „Gerade die konservativen Vampire hassen dieses neue Gesetz. Sie würden töten, um es abzuschaffen. Und jeder, der ihre Meinung nicht teilt, ist wie von selbst ihr Feind.“ Er hatte ja keine Ahnung, wie recht er damit hatte.

Offenbar wägte er ab, auf welcher Seite ich stand, was seine nächsten Worte bekräftigten. „Ich nehme an, Ihr seid noch zu jung, um auf der einen oder der anderen Seite zu stehen. Daher will ich ehrlich zu Euch sein, Fräulein Naya. Denn auch ich stehe auf keiner Seite. Ich befürworte die Sklaverei nicht, lehne sie aber auch nicht ab. Dennoch baue ich sukzessive die Sklaverei in meinen Anwesen ab. Allerdings wird es Jahrzehnte dauern.“ Er seufzte tief und lehnte sich ein wenig zurück, bevor er tiefer ins Detail ging. „Die Ideen sind zwar nett, aber der König war noch ein Kind, als seine Eltern die Sklaverei in den Ostlanden abschafften. Auch dort dauerte es beinahe fünfzig Jahre. Weil die Probleme, die mit solch einer Umstellung einhergehen, nicht unerheblich sind. Aus diesem Grund werde auch ich mir ein halbes Jahrhundert Zeit nehmen, um das neue Gesetz umzusetzen.“

„Wieso über eine derart lange Zeit? Die meisten Menschen von heute werden bis dahin vermutlich doch überhaupt nicht mehr leben.“

„Genau deswegen“, stimmte er zu. „Das Problem ist, dass nicht nur die Menschen entscheiden können, wo sie arbeiten und welche Tätigkeiten sie verrichten. Das Recht gilt umgekehrt ebenso. Während früher ganze Familien bei mir oder anderen Vampiren arbeiteten, wird dies nun aufhören. Was macht die Mutter mit ihrem Kleinkind? Als Sklavin hatte sie es die ganze Zeit bei sich. Einen Schlafplatz, regelmäßige Nahrung. Jetzt ist diese Frau überflüssig. Wer soll sie bezahlen? Sie schafft nicht dieselbe Arbeit wie eine Frau ohne Kind. Sie wird also aus dem Haushalt entfernt und landet mit Kind auf der Straße.



Der Gatte kann noch arbeiten. Aber er wird eine Wohnung bezahlen müssen für seine Frau und das Kind. Er wird selbst dort wohnen wollen. Aber er wird jeden Tag pendeln müssen. Der Lohn wird vorne und hinten nicht reichen. Die Frau wird wieder schwanger … Ein Teufelskreis.“ Er schüttelte leicht den Kopf. „Es ist mehr als nur die Frage des Lohns. Ganze Familien werden auseinandergerissen, während sie vorher in einem Haushalt gelebt und gearbeitet haben. Die Sklaverei war prinzipiell nicht schlecht. Schwächere Personen wurden von der jüngeren Generation gepflegt. Jeder leistete seinen Beitrag, so gut er konnte. Nun wird nur noch der gesündeste und kräftigste Mensch entlohnt. Die Alten und Schwachen bleiben auf der Strecke.“

Ich war sprachlos. Denn alles schien so … nachvollziehbar. Wie hatte ich das nicht schon vorher sehen können? Ohne es bemerkt zu haben, hielt ich mir mittlerweile die Hand vor den Mund.

„Ich …“ Schnell erinnerte ich mich, dass ich in den Augen dieses Vampirs absolut keine Entscheidungsgewalt hatte. Wieder setzte ich an, etwas zu sagen, wusste aber doch nicht was. Vielleicht sollte ich darüber nachdenken, ein Frauen- und Kinderhaus zu eröffnen.

„Ja, ich weiß. Es ist komplizierter, als es auf den ersten Blick erscheint.“ Er lächelte und sah nachdenklich aus dem Fenster.

Ich nickte langsam und murmelte: „Das Königspaar wird sich schon etwas dabei überlegt haben …“ Das hatten wir durchaus, jedoch hatten wir auch nur vielleicht die Folgen unterschätzt. „Ihr habt vorhin vom König gesprochen. Was haltet ihr von ihm? Und von der Königin?“ Ich war ihm zu neugierig. Ich hatte beinahe schon das Gefühl, er wurde misstrauisch. Schnell fügte ich wogen glättend hinzu: „Mir fällt es persönlich noch sehr schwer, mir Meinungen über Politik zu bilden. Dafür habe ich meinen Gatten noch nicht auf genügend Anlässe begleitet“, erklärte ich. „Aber ich wäre gern vorbereitet.“

„Nun, das ist tatsächlich schnell und simpel beantwortet. Ich kenne weder den König noch die Königin und kann mir daher kein Urteil bilden. Nur, dass sie noch jung und unerfahren sind. Das hier mag zwar das Goldene Reich sein, aber es ist ärmer als die Ostlande, die seit Jahrhunderten florieren. Der König kann dieses Land nicht führen, als sei es sein altes Fürstentum.“



Da hatte er recht. Weder Vampire noch Menschen waren so weit, dass sie so viele Änderungen einfach so hinnehmen und umsetzen konnten. Es war ein komplett anderer Lebensstil.

„Und wenn der König jetzt vor Euch sitzen würde? Abgesehen davon, dass ihr aus Respekt kein Wort der Kritik hervorbringen dürftet, was würdet Ihr ihm raten?“ Wie unglaublich nah an der Wahrheit ich gerade war, war irgendwo amüsant. Aber ich war so unglaublich neugierig! Außerdem schien der Markgraf wohlüberlegte Meinungen zu haben. Das imponierte mir.

„Ich würde ihm raten, die Dinge langsamer angehen zu lassen. Er kann ein komplettes System nicht stürzen und über Nacht ändern.“ Er lächelte kurz. „Aber das weiß er mittlerweile sicher schon.“

„Die Aufstände.“ Ich nickte.

Das Gespräch mit dem Markgrafen drehte sich um dies, das und jenes. Es war erfrischend, einmal nicht ununterbrochen gesenkte Häupter vor sich zu sehen, normal angesprochen zu werden und auch normal behandelt zu werden. Wie ein Fräulein, das zufällig von einem Markgrafen blutüberlaufen in den Wäldern gefunden worden war.

Die Kutsche passierte ohne Probleme die Stadttore. Was mich die Stirn runzeln ließ, denn die Sicherheit sollte erhöht sein. Nur weil jemand sich in einer Kutsche befand, sollte er nicht unbehelligt an allen Kontrollen vorbeirattern können. Diesbezüglich musste ich unbedingt mit Targes sprechen.

Als die Kutsche schließlich am Marktplatz ankam, seufzte ich einen leisen Dank. Unbehaglich schaute ich aus dem kleinen Fenster der Kutsche. Im nächsten Moment wurde die Tür geöffnet und der Kutscher lächelte mir ermutigend zu. Zögerlich zog ich mir den Mantel von den Schultern und reichte ihn dem Markgrafen. In die Stadt hinein wäre ich den ausgelassenen Kontrollen nach also auch ohne den Mantel gekommen. Aber ich konnte ja nichts von der Faulheit der Stadtwachen ahnen.

Als der Kutscher mich sah, fielen ihm beinahe die Augen aus dem Kopf. Sichtlich geängstigt und wohl auch etwas angeekelt von dem ganzen Blut an mir, wich er ein wenig zurück. Ich verzog keine Miene. Noch einmal bedankte ich mich bei dem Markgrafen für seine Freundlichkeit und stieg dann – ohne Hilfe – aus der Kutsche.

Auf dem Marktplatz herrschte reger Betrieb. Überall waren Leute dabei, letzte Einkäufe des Tages zu tätigen, die im Morgengrauen vergessen worden waren und nicht bis zum nächsten Tag warten konnten. Auch die Straßen, die vom Marktplatz wegführten, waren von Passanten und gut betuchten Vampiren durchzogen, welche die letzten Sonnenstrahlen des Tages damit zubrachten, ihr Gold in feine Handwerkskunst, Hausmannskost oder teure Stoffe und Gewänder zu stecken.



Etwas ratlos sah ich mich um. Wie lange war es her, dass ich die Stadt besucht hatte? Und wie abwegig musste dieser Gedanke für ein normales Mädchen sein? Wäre ich normal aufgewachsen – nicht als die Tochter der Königin, sondern als vollkommen normales, adeliges Vampirmädchen in einem Haushalt, der hier lebte … Ich könnte jeden Tag sorglos durch die Straßen flanieren, mir neueste Kreationen an Schwertern beim Schmied ansehen gehen und vielleicht, nur vielleicht hätte ich sogar eine solche Fähigkeit im Geheimen erlernen können. Viel wahrscheinlicher jedoch war es, dass ich tagein, tagaus damit beschäftigt gewesen wäre, meinen Vater davon zu überzeugen, mich nicht zu verheiraten.

In der Menge fanden sich sowohl Menschen als auch Vampire. Leicht waren sie an ihren Gewandungen zu unterscheiden. Es war laut um mich herum und es dauerte einen Moment, bis ich begriff, dass mich der Markgraf noch etwas gefragt hatte. Verwirrt blickte ich zurück zur Kutsche, deren Tür noch immer offen stand.

„Wie bitte?“

„Ich fragte, ob Ihr von hier aus den Heimweg wisst, Naya. Ihr seht etwas verloren aus.“

Meine Mundwinkel zuckten, denn mein Zuhause war nun wirklich nicht zu verfehlen. „Ja, ich finde mich zurecht, nur keine Sorge!“

Er nickte langsam und lächelte sacht. „Es war mir eine ausgesprochene Freude.“

Ich erwiderte den Gruß, die Tür schloss sich und die Kutsche kam wieder ins Rollen. Allerdings nur langsam, bei dem wirren Getümmel.

Mein Blick glitt zum Schloss hinauf, welches aussah, als hätte man es direkt aus dem Berg dahinter gestampft. Ja, definitiv nicht zu verfehlen. Zwar lag es um einiges höher als der Marktplatz und ich kannte den genauen Weg nicht, aber ich war zuversichtlich, irgendeiner würde mich schon hinführen.

Bei meinem Aufzug wunderte es mich wenig, dass ich in der Menge deutlich herausstach. Die meisten Personen, arme wie reiche, alte wie junge, Menschen wie Vampire, machten einen großen Bogen um mich. Die Blicke hingen verängstigt an meinem gut sichtbaren Schwert und dem nicht zu übersehenden Blut auf meinen Kleidern. Dass es Männerbekleidung war, in der ich steckte, machte es für die Menschen nicht besser.

Langsam setzte ich mich in Bewegung, mitten durch die Trauben von Menschen und Vampiren hindurch. Abschätzige Blicke von Vampiren trafen mich, wohin ich sah. Ängstliche, wenn es sich um Menschen handelte. Keiner würde es jetzt wohl wagen, ein Attentat auf mich auszuüben. Dafür sah ich zu … deutlich zu wenig königlich aus. Für die Leute hier war ich aller Wahrscheinlichkeit nach einfach nur … ja was? Eine Assassine? Eine Attentäterin? Das war zumindest das Einzige, was mir einfallen würde, sähe ich jemanden wie mich auf der Straße.



In regelmäßigen Zeitabständen entdeckte ich Stadtwachen. Das war gut. Ich beobachtete sie eine Weile. Ihre Blicke glitten einige Male konzentriert über die Mengen. Aber mich entdeckten sie nicht. Und somit war ich enttäuscht. Denn eine blutüberströmte, junge Vampirin, die durch die Stadt lief, ein Schwert in ihrer Hand haltend, sollte nicht toleriert werden. Wäre ich zum Wachdienst eingeteilt, würde ich mich selbst wohl vorsichtshalber gefangen nehmen. Oder zumindest befragen und mir das Schwert abnehmen.

Ich ging weiter. Immer weiter auf das Schloss zu, welches aber noch in einiger Entfernung lag. Ich genoss den Spaziergang, hatte ich dergleichen doch tatsächlich noch nicht einmal in meinem Leben gemacht. Ich schaute mir die Häuser an, die Menschen, die Vampire. Alles kam mir in seiner Natürlichkeit so unglaublich fremd und unbekannt vor.

Die nächsten beiden Wachen kamen in mein Sichtfeld. Diese hier waren ganz offensichtlich schon etwas aufmerksamer, denn des einen Nase zuckte nervös. Dann stieß er den anderen mit dem Ellbogen an und deutete unauffällig in meine Richtung. Noch hatten sie mich nicht entdeckt. Aber mich immerhin schon einmal gerochen.

Ich konnte mich eines leichten Grinsens in meinem Gesicht nicht erwehren. Wie war das? Ich war vielleicht erwachsen … aber in meinem Innern fühlte ich mich gerade wie ein kleines Kind. Ich schlug einen Haken, verließ die Hauptstraße und bog in eine Seitengasse ein. Ich würde mich hier hoffnungslos verlaufen, wenn ich weiter in die Stadt hineinging. Aber den Palast sah man glücklicherweise wirklich von überall.

Hier war es leiser und auch schon deutlich dunkler. Das Stimmengewirr, welches vorher noch die Luft erfüllt hatte, schien in weiten Hintergrund gerückt. Der Griff um mein Schwert festigte sich instinktiv. Nur für alle Fälle.

Plötzlich tauchte ein Wachmann vor mir auf. Mit seinem Blick taxierte er mich regelrecht, während er langsam auf mich zukam.

Grinsend blieb ich stehen. Mein Schwert hielt ich gesenkt. „Guten Abend, Wachmann“, grüßte ich freundlich. Wusste er, wer ich war? Dem grimmigen Gesichtsausdruck nach wohl nicht.

Von hinten hörte ich ebenfalls Schritte. Der Blick des Mannes ging kurz an mir vorbei. Also hatten sie mich eingekesselt.



Der Mann vor mir deutete auf das Schwert. „Habt Ihr jemanden ermordet, um dieses Schwert an Euch zu reißen?“

„Nein. Das ist meines“, erklärte ich ruhig, wobei ich das Grinsen nur schwerlich von meinen Lippen tilgen konnte. Er warf seiner Königin gerade vor, jemanden ermordet zu haben. Wie ironisch, das hatte ich wirklich. Nur nicht für das Schwert. „Aber es schockiert mich, dass ihr mir, einer jungen Vampirin, ohne nachweislichen Fehl und Tadel, tatsächlich einen Mord zutraut!“, sprach ich ergriffen und klatschte meine linke Hand theatralisch an meine Brust auf Herzhöhe. Die rechte Hand, die auch das Schwert hielt, versuchte ich möglichst so zu halten, dass mein Siegelring nicht auffiel.

„Und von wem ist das fremde Blut?“ Der Wachmann sah über meine Schulter. „Wir nehmen Euch in Gewahrsam. Sollen wir jemanden kontaktieren, der für Euch bürgt?“

Kurz sah ich über meine Schulter. Dort wartete bereits der zweite Wachmann. Es war es gewesen, der in der Menge auf mich aufmerksam geworden war. Wenn die Männer mich festnahmen, könnten sie noch in echte Schwierigkeiten geraten. Ich konnte Cyrus‘ Gefühlsschwankungen nicht einschätzen.

„Ich würde euch wärmstens empfehlen, das nicht zu tun. Ich wollte nur nach Hause.“ Ich sah an mir herab und seufzte. Sie würden mir nicht glauben, wenn ich sagen würde, es wäre alles mein Eigenes. Trotzdem würde ich erst einmal lügen. Wenn ich mich schon einmal in solch einer Situation befand, konnte ich auch gleich den Fähigkeitsstand meiner Leute überprüfen. „Ich habe mich genährt. Das ist doch wohl nicht verboten, oder? Wobei ich zugebe, dass ich etwas gekleckert habe.“

Der Wachmann vor mir verdrehte die Augen. „Den Spuren nach, ohne Einwilligung des Menschen. Das ist verboten!“

Der Mann hinter mir griff nach meinem Oberarm, die andere Hand legte er um meine, mit der ich das Schwert festhielt. „Wir werden Euch mitnehmen. Lasst bitte das Schwert los.“

Ich sah zu dem großen Vampir auf, machte aber keinerlei Anstalten, mein Schwert loszulassen. „Euch muss ich ein Kompliment aussprechen. Ich bin an drei Patrouillen vorbeigelaufen und niemand ist auf mich aufmerksam geworden. Wie ist Euer Name?“

„Ihr könnt Euch später beschweren“, meinte er und drückte meine Hand fester. „Lasst das Schwert los!“



Das war eigentlich als ernst gemeintes Kompliment gemeint gewesen. Aber er hatte recht. Viel mehr hatte ich Grund, mich zu beschweren. Immerhin schienen meine Stadtwachen absolut nichts zu taugen.

„Kann ich nicht, wenn Ihr mir die Hand zerquetscht!“, presste ich hervor, die Zähne zusammengebissen. Das tat weh!

Er ließ etwas lockerer. Erleichtert seufzte ich auf. „Na schön.“ Ich ließ das Schwert mit der Rechten los und griff sofort mit der Linken danach. Das Schwert, direkt auf seinen Bauch gerichtet, der nur von einer dünnen Schicht Leder geschützt wurde, ließ er meinen rechten Arm schließlich los und griff nach seinem eigenen, ehe er auch den Griff um mein Handgelenk löste.

Jetzt stellte ich mich in Angriffsposition. „Wenn Ihr mich besiegt, komme ich freiwillig mit.“ Aufregung machte sich in mir breit. Gleich könnte ich testen, wie gut meine Wachen waren! Als die andere Wache nun auch nähertrat, sah ich ihn warnend an. „Ich habe noch nicht gelernt, mich gegen zwei gleichzeitig zu verteidigen, das wäre alles andere als ehrenhaft. Haltet Euch zurück.“ Ich legte einen unverkennbaren Befehlston in meine Stimme.

„Ehrenhaft? Ihr beliebt zu scherzen!“

Mein auserwählter Gegner zog sein Schwert und hob die Klinge über den Kopf. Das hatte ich bei Targes schon mehrmals gesehen. Mein Gegner ging in Abwehrhaltung und hielt sich bereit. Außerdem nahm er mich von Anfang an ernst. Auch das imponierte mir, denn Cyrus hatte das nicht getan.

„Keineswegs“, richtete ich das Wort noch kurz an den anderen, dem ich jetzt den Rücken zuwandte, um mich auf den Kampf zu konzentrieren. Ich hoffte doch stark, dass mich mein eigener Wachmann nicht hinterrücks erstechen würde. Auch wenn er nicht wusste, wer ich war.

Mit meinen Augen musterte ich meinen Gegner und suchte nach Lücken. Es kam mir beinahe vor, wie in Targes‘ Training, nur dass dieser hier nicht wusste, was ihm vielleicht blühte, wenn er mich verletzte. Oh, Götter, davon durfte wirklich niemand etwas mitbekommen, sonst war es das mit seiner Karriere und seinem Leben vielleicht gleich noch dazu! Zumindest, wenn es nach Cyrus ging. Denn auch wenn mich dieser Mann hasste, hatte ich das Gefühl, er hasste es noch weitaus mehr, bloßgestellt zu werden.



Mein Angriff kam schnell. Ich ließ meine Klinge seitlich, auf Höhe seiner Taille, zu schwingen. Der Wachmann riss sein Schwert herunter und schlug es so heftig gegen meine Klinge, dass der Schlag durch meinen ganzen Arm ging und ihn mir fast ausriss. Dennoch hielt ich das Schwert fest. Nur eine Sekunde später trat er nach meinem Standbein.

Das hatte ich nicht kommen sehen, sprang aber gerade noch rechtzeitig zurück. Angestrengt kniff ich meine Augen zusammen. Gut, vielleicht hatte das ganze Barbarenblut den gestrigen Blutverlust noch nicht gänzlich ausgeglichen. So schnell wie ich jetzt müde wurde und meine Atmung schwer, konnte es nur das sein. Dennoch hatte ich nicht vor, mich lumpen zu lassen!

Ich sprang wieder auf den Soldaten zu, tänzelte geschickt mit den Füßen herum, um mein Standbein unkenntlich zu machen und vollführte eine unfassbar präzise Drehung mit anschließendem Schlag auf seinen Hals. Bevor ich den Schlag jedoch ausführen konnte, trat der Wachmann hinter mir gegen meine Kniekehlen, seine Faust landete in meiner Seite. Genau da, wo sich gerade erst meine Rippe erholt hatte. Ausgerechnet die Rippe, die ich mir bei der Entführung gebrochen hatte und die gerade beinahe abgeheilt war. Zum Glück knackte es dieses Mal nicht. Aber es raubte mir dennoch den Atem; ein ungeheurer Schmerz kroch durch meinen ganzen Oberkörper. Röchelnd nach Luft, ging ich in die Knie. Meine Fangzähne waren vor Überraschung herausgeschossen und ließen mich zischen.

„Das war nicht … sehr …!“ Ich biss mir auf die Lippe. Wenn der Mann nur wüsste! Was für Leute beschäftigte Targes da? Solche, die in einem ehrlichen Kampf nicht einmal gegen eine elf Tage alte Vampirin bestehen konnten? Und welche, denen Ehre ein Fremdwort zu sein schien?!

„Nicht sehr ehrenhaft? Ich sagte doch, Ihr beliebt zu scherzen.“ Er nahm mir das Schwert ab und packte meine Haare am Hinterkopf. „Ihr seid verhaftet! Und jetzt keine Spiele mehr!“

Wütend fauchte ich. „Gut, in Ordnung, ich sagte doch, ich komme freiwillig!“, zischte ich.

„Das sagt die, mit den ausgefahrenen Fangzähnen“, kommentierte er nüchtern, was mich zum Stocken brachte.

Angefressen brummte ich: „Ich kann die Dinger noch nicht kontrollieren …“



„Interessiert mich nicht.“

„He, musst du so grob zupacken, Josh?“ Der Mann, gegen den ich gekämpft hatte, seufzte. „Ich halte sie fest. Sie wird sicher keinen Ärger mehr machen.“

„Mir doch egal. Sie hat gegen drei Gesetze verstoßen. Das gibt vier Jahrzehnte Haft.“

Na, das wollte ich sehen.

„Ihr habt mich doch nach einem Bürgen gefragt, nicht?“, fragte ich leicht keuchend und zog meine Fangzähne wieder ein. Bereitwillig ließ ich mich von dem, gegen den ich gekämpft hatte, festhalten, sodass Josh endlich meine Haare losließ.

„Und?“, fragte Josh und ging voraus.

Was sie sagen würden, verlangte ich Cyrus? „Graf Targes. Demos Targes.“ Vielleicht konnte er mich ungesehen ins Schloss schmuggeln.

Der Mann, der mich festhielt, blieb augenblicklich stehen und auch der andere Kerl wandte sich zu mir um. „Ernsthaft? Ihr wollt unseren Vorgesetzten sprechen?“

Eigentlich ja den Vorgesetzten, des Vorgesetzten, des Vorgesetzten – oder so.

Der Mann an meiner Seite hob nur die Schultern. „Wenn es ihr Wunsch ist …“

„Na, soll sie doch!“

Wir bogen in eine Seitengasse ab. Wenig später betraten wir ein unscheinbares Gebäude. „Warte hier mit ihr, Dilos. Ich informiere den Grafen. Werden sehen, ob er sich für sie hier blicken lässt.“ Josh wandte sich bereits ab und verschwand in dem Gebäude.

Ich grinste verschmitzt und sah Dilos auf. „An Eurer Stelle würde ich mich loslassen, bevor der Graf eintritt.“

„Auf keinen Fall. Ich nehme meinen Beruf sehr ernst.“ Er musterte mich mit einer hochgezogenen Augenbraue. „Entweder seid Ihr eine gute Hochstaplerin oder ein hohes Tier.“

Mein Grinsen wurde noch um einige Millimeter breiter. „Kann man so sagen“, gestand ich ihm zu. Er würde seine Entscheidung noch bitter bereuen. „Das vorhin in der Gasse war ernst gemeint. Ihr wart der erste von mehreren Patrouillen, der auf mich aufmerksam geworden ist. Dabei bin ich blutüberströmt und mit einem Schwert in der Hand mitten durch die Einkaufsstraße gelaufen.“

„Wir haben die Aufgabe, nach gefährlichen Männern zu suchen. Nach Vampiren, die sich versteckt halten und versuchen, unauffällig zu sein. Ihr hingegen seid herumstolziert, als ob Ihr die Königin wäret. Habt die Waffe nicht mal versteckt oder Euch an den Hauswänden entlang geschlichen.“ Er hob die Schultern. „Um ehrlich zu sein, Josh und ich sind Euch gefolgt, weil ich ihm gesagt habe, Ihr wirkt verrückt und geistesgestört.“



Ich musste an mich halten, nicht laut loszuprusten. „Danke für die Ratschläge. Das werde ich mir merken, falls ich wirklich einmal gefährlich wirken will.“ Komisch, ich hatte gar nicht bemerkt, dass sie mir gefolgt waren. Dann hatten sie also immerhin etwas drauf. „Übrigens, wusstet Ihr, dass beim Anschlag auf die Königin lediglich hoch karierte Adlige dabei waren? Ich denke nicht, dass sich diese an Hauswänden entlang schleichen würden …“

„Nein, aber der feine Adel …“ Er unterbrach sich und zog die Stirn kraus. „Seid Ihr die Tochter von Graf Targes? Ich hätte ihn nicht so eingeschätzt, dass er solche Details gegenüber seiner Familie ausplaudert.“

„Würde ich auch nicht!“, donnerte die Stimme des Grafen durch den Raum.

Sofort stand Dilos stramm und festigte seinen Griff um meinen Arm. „Wir haben eine Aufrührerin mit Verbindungen zum Widerstand, Graf! Sie hat gegen den Willen eines Menschen von ihm getrunken, irrte geistig verwirrt durch die Stadt und hat einen Wachmann angegriffen. Und nun gibt sie zu, Verbindungen zu den Konservativen zu haben. Darauf steht die Todesstrafe!“

Jetzt prustete ich wirklich los, wobei ich mich krank vor Lachen nach vorn beugte, mir kurz darauf aber leicht zischend an den Brustkorb griff. Meine Rippe hatte ganz schön was abbekommen. Schon wieder.

„Hier wird keine Todesstrafe verhängt. Und die Königin hat ganz sicher keine Verbindung zu den Konservativen“, erklärte Graf Targes ruhig.

Sofort ließ der Wachmann mich los und stolperte einen Schritt zurück, als habe er sich verbrannt. „Was?“, keuchte er entsetzt. „Ich habe gegen die Königin gekämpft?“

„Das konnte ich ja schlecht sagen, sonst hättet Ihr es mir leicht gemacht“, entgegnete ich und beschloss mich auf einen der Stühle zu setzen. Ich war doch recht erschöpft. „Danke für Euer Kommen, Targes.“ Zu der hoch schockierten Wache gewandt, erläuterte ich: „Ich hätte gern mein Schwert zurück. Was die Anschuldigungen betrifft, so waren es vier Menschen, nicht einer, und ich habe lediglich meine Ehre verteidigt. Ich kann nichts dafür, wenn Menschenmänner übergriffig werden. Außerdem habe ich Euch nicht angegriffen, sondern herausgefordert, da gibt es einen unterschied. Und zum letzten Anklagepunkt: Ich wünschte, ich hätte Verbindungen zu den Konservativen. Dann könnte ich sie allesamt Hängen lassen.“ So viel dazu.



„Möchtet Ihr etwas trinken, Majestät?“

Dilos erwiderte nichts mehr, ließ die Schultern hängen und sah sich um. „Ich gehe mit Josh wieder auf meinen Posten …“

Targes nickte knapp. „Ich erwarte morgen einen ausführlichen Bericht.“

Wenig später bekam ich mein Schwert wieder und war mit Graf Targes allein. Ich tat sein Angebot mit einem Winken ab und kam zur Sache: „Wieso werden die Kutschen, die in die Stadt fahren, nicht überprüft?“

„Es fehlt an Männern. Nur hin und wieder wird eine Kutsche herausgezogen. Allerdings werden die Wappen notiert“, erklärte er knapp und blieb steif stehen.

Ich seufzte. „Setzt Euch. Ich habe nicht vor, Euch zu rügen.“

„Ihr solltet nicht hier sein, Majestät. Nicht in der Aufmachung. Lasst mich Euch zum Schloss begleiten und wir reden morgen. Dann habe ich auch den Bericht der beiden Wachen.“

„Die beiden Wachen und ihr Bericht über mein Verhalten interessiert mich nicht. Ich habe die Gelegenheit genutzt, unerkannt zu sein. Und ich bin überrascht, wenn nicht schockiert, wie unaufmerksam die Wachen sind. Ich bin ohne Probleme in die Stadt gekommen und das blutüberströmt. In diesem Aufzug, wie Ihr so schön sagt; in der Hand ein scharfes Schwert.“

Ich atmete tief durch und richtete mich vorsichtig auf, darauf bedacht, meine Rippe zu schonen. „Dass wir uns morgen wiedersehen, bezweifle ich. Ich bin schon überrascht, dass Cyrus mich nicht schon letzte Nacht ermordet hat.“ Beim Gedanken daran, was er stattdessen getan hatte, ballten sich meine Hände zu Fäusten und weiter, bis es knackte. Meine Fänge fuhren aus und ich biss mir ordentlich auf die Zunge, sodass ich nicht wenig meines Blutes schmeckte.

„Er wird mich irgendwo einsperren und sich an mir austoben“, fuhr ich fort, die Stimme eisig kalt. „Das Vernünftigste, was ich jetzt machen könnte, wäre zu fliehen. Leider hat er mich letzte Nacht zum Blutschwur gezwungen. Als Kind ging das offensichtlich nicht.“ Wieso erzählte ich ihm das alles? „Jedenfalls …“ Ich schnaufte schwer aus. „Eure Männer müssen ein besseres Training absolvieren. Ich weiß, es besteht Mangel, aber viele schlecht ausgebildete Leute bringen deutlich weniger als wenige gut ausgebildete. Und nun …“ Wo ich vorerst alles gesagt hatte, was mir auf dem Herzen lag, „Könnt Ihr mich aufs Schlossgelände schmuggeln? Ungesehen Eurer Wachen?“



Die Miene des Grafen verfinsterte sich. Dennoch klang seine Stimme ruhig. „Mir gefällt weder das eine noch das andere, was ihr dem König zutraut. Unter diesen Voraussetzungen werde ich Euch nicht ins Schloss bringen. Ich habe eine andere Idee. Kommt.“

Er ging bereits los. Da ich ihm jedoch nicht folgte, drehte er sich nach wenigen Schritten um. „Was die Wachen angeht … Wir haben die Probleme bereits in der Stadt.“ Der Graf unterbrach sich kurz und seufzte. Dann erklärte er mit neutraler, sachlicher Stimme: „Es bringt also nichts, zu kontrollieren, wer hineinkommt. Was die Qualität der Wachen angeht, so sind vierzig Mann besser als zehn. Am Ende seid Ihr aufgefallen und nur das zählt. Hätte ich deutlich weniger Männer, dann wärt Ihr sogar unbemerkt zurück ins Schloss gekommen. Manchmal reicht erhöhte Präsenz bereits aus, um Unruhen zu vermeiden. Im Übrigen ist es nicht verboten, als Vampir eine Waffe bei sich zu tragen. Das Gesetz stammt noch aus der Zeit, als es erlaubt war, einen Dieb selbst zu richten, wenn es ein Mensch war.“

Graf Targes verschränkte leicht die Arme. „Und nun kommt. Ich bringe Euch zu mir nach Hause. Dort könnt ihr Euch waschen und umkleiden. Danach reden wir darüber, wo Ihr fortan leben könnt. Denn das Schloss ist kein sicherer Ort für Euch. Nicht, nachdem gestern erst ein Eindringling versucht hat, Euch zu ermorden.“

Überrascht schnellten meine Augenbrauen hoch. „Wie bitte? Es soll was geschehen sein?“

„Während der Rückkehr des Königs hat sich jemand in das Schloss geschlichen. Ich bin noch dabei, weitere Informationen zu sammeln. Daher bin ich auch heute hier. Weil ich wissen musste, wer gestern Dienst hatte.“

Cyrus hatte eine Geschichte erfunden. „Natürlich.“ Wieso schützte er mich? „Dennoch muss ich ins Schloss. Ich bin bereits zu lange weg und meine Abwesenheit darf nicht auffallen. Sobald ich auf dem Gelände bin, werde ich unsichtbar. Aber Ihr müsst die Wachen kurz ablenken.“ Irina war noch da drin. Das war, abgesehen von diesem sehnsüchtigen Gefühl, das mich wieder ins Schloss ziehen wollte, auch der Grund, wieso ich unbedingt zurückmusste.

„Ich werde Euch nicht zurück ins Schloss bringen, Majestät. Nicht bei den Aussichten.“ Er schüttelte vehement den Kopf. „Ich werde nicht zulassen, dass der König Euch tötet oder Euch erneut einsperrt und sich an Euch vergreift. Ihr seid die Königin! Es ist meine Pflicht, Euch zu beschützen und nicht, Euch ins offene Messer laufen zu lassen.“



„Aber Irina ist noch da!“, presste ich hervor. „Ich werde da wieder rein gehen, Targes. Er erpresst mich, seit ich ihn getroffen habe. Ich komme damit klar.“ Das war gelogen. Wenn er sich wieder an mir vergreifen wollte, wusste ich nicht, was ich tun sollte. Ich wollte diese Art von Beziehung nicht. Nicht zu ihm.

„Auf keinen Fall! Ich kann Euer Grigoroi da herausholen. Sie geht regelmäßig mit dem Hund raus. Auch ihn werde ich mitnehmen.“

Targes war sich seiner Sache sicher. Also stimmte ich mit gekreuzten Fingern hinter dem Rücken zu, ließ mir einen Mantel geben und folgte ihm aus dem Gebäude. Der Graf wohnte nicht weit vom Schloss, was mir zugunsten kam.

„Eure Sicherheit ist das höchste Gebot“, raunte er leise, während wir nebeneinander liefen. „Ihr seid die letzte Eurer Familie und meine Königin.“ Seine Treue galt mir, das machten seine Worte klar. Nicht Cyrus, dem König. Nur mir.

„Er wird dies hier als Hochverrat verstehen“, murmelte ich leise. „Und er hat kräftemäßig mehr Macht als ich. Ich könnte Euch kaum schützen.“ Und ich würde nicht zulassen, dass ich Ihr verlor. „Ihr seid mir treu. Ihr glaubt gar nicht, wie wertvoll Euch das macht.“

Stumm ging er neben mir her. Und so sehr ich ihm traute … so sehr ich mir auch sicher sein konnte, dass er Irina aus dem Schloss herausschaffen würde, war das doch keine Lösung. Das Volk verarmte. Die Menschen litten. Mehr als zuvor. Hier draußen, versteckt, konnte ich nichts dagegen unternehmen. Ich musste zwar meine Vertrauten aus dem Schloss schaffen, aber ich selbst … konnte nicht gehen.

Ich atmete tief, aber möglichst flach ein. Es waren nur ein paar Schritte und ich wäre am Schlosstor. Dann eben mit Aufsehen.

Ich drückte Targes meine Waffe in die Hand. „Versteckt es.“ Und … „Verzeiht.“ Dann rannte ich direkt auf die Tore zu. Mit jedem Schritt wurde mir leichter zumute. Götter, fühlte sich das erlösend an! Als würde eine bleierne Last von meinen Schultern gehoben, derer Anwesenheit ich mir zuvor noch nicht einmal bewusst gewesen war.

„Nicht …!“, rief Targes, folgte mir aber nicht. Das hätte auch die ganze Aufmerksamkeit auf ihn gezogen und damit wäre der Plan hinfällig gewesen. Ich konnte es mir nicht leisten, ihn zu verlieren.



Vor den beiden Wachen vor den Toren blieb ich stehen. Sofort wurden die Speere überkreuzt, damit ich nicht passieren konnte.

Ehe ich den Mund öffnen und zu einer Erklärung ansetzen konnte, schallte eine mir nur zu bekannte Stimme über das Gelände hinter den Wachen. „Lasst sie passieren! Sofort!“ Da stand er. Der König. Neben ihm bellte Kaldor aufgeregt. Dieser wedelte schräg hinter einem Wachmann freudig mit dem Schwanz.

Mein Herz klopfte aufgeregt. Als wäre das Ziel, das ich erreichen müsste, unglaublich nah. Als stünde mein Schiksal direkt vor mir. So viel dazu, dem König nicht über den Weg zu laufen. Stattdessen lief ich geradewegs in seine Arme. Ich schluckte schwer. Meine Hände ballten sich angespannt, während ich mir Mühe gab, meine Stimme zu festigen und mein Innerstes nicht mehr zwischen Freunde und Angst unterscheiden konnte. „Vielen Dank für die Erlaubnis, werter Gatte“, sprach ich erhaben, was absolut nicht zu meinem Auftreten oder meiner aufgebrachten Gefühlswelt passte. Aber noch sah er immerhin nichts. Noch hatte ich einen Mantel über.

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