Kapitel 42 – Irinas Erwachen
Kapitel 42 – Irinas Erwachen
Cyrus
Ich betrat meine neuen Gemächer erst, als der Mond schon hoch am Himmel stand. Als ich nun aber im Schlafzimmer des alten Königs stand, wurde mir schlagartig bewusst, warum ich bereits heute hier eingezogen war. Ulras hatte in Aurelies Auftrag den Kronprinzen mit Nahrung versorgt. Und so nervig es auch war, ich musste noch einmal mit Aurelie reden. Über diesen Verrat und darüber, wie wir die nächsten Wochen, Monate und Jahre miteinander verbringen wollten. Ich konnte sie nicht ewig in den Zimmern einsperren. Morgen.
Unzufrieden zog ich meine Stiefel aus, entledigte mich meines Leinenhemdes und machte mich gerade daran, den Gürtel meiner Hose zu öffnen, als Lee in das Zimmer stürmte. „Die Grigoroi ist erwacht und hat die Königin gebissen!“
Anhand seiner Stimme erkannte ich, dass es schlimm sein musste. Ich rannte los. Wenn ein Grigoroi das erste Mal erwachte, siegte der Blutdurst über den Verstand. Zudem wussten die frisch Verwandelten oft nicht, wohin mit ihrer neugewonnenen Stärke und Schnelligkeit. Nicht umsonst hatte ich Timm angewiesen, immer in der Nähe Aurelies zu bleiben!
Nur wenige Sekunden später stand ich in meinem alten Schlafzimmer. Blutgeruch stieg mir in die Nase und ich hörte die Schreie von Irina, die sich aus dem Griff von Timmok befreien wollte. Im Bett lag Aurelie und regte sich nicht. Ihr Körper war verdreht. War sie verletzt? Hatte sie gebrochene Knochen oder lag sie einfach nur seltsam da? Was mir für den Moment aber am meisten Sorgen bereitete war die Tatsache, dass die Laken voller Blut waren. Der Verband, der um Aurelies Hals gelegt worden war, hatte sich ebenfalls bereits mit Blut vollgesogen.
„Hol die Kräuterhexe her, Lee, sofort!“
„Timm hat schon nach ihr rufen lassen.“
Ich knurrte wütend, sprang auf das Bett und Biss mir dabei in das rechte Handgelenk. Mit der anderen Hand zog ich den Verband an ihrem Hals zur Seite und drückte mein blutiges Handgelenk an ihre Haut, um ihren Körper bei der Wundheitlung zu unterstützen. „Irina!“, schrie ich und suchte ihren Blick. Die ersten Stunden eines Grigorois waren schrecklich. Ihr Instinkt war es, Blut zu trinken und ihre Stärke zu erforschen. Aurelie hatte dem keinen Einhalt bieten können. „Irina!“, rief ich erneut, da sie sich noch immer heftig gegen Timmok wehrte. Ihr Blick war auf Aurelie gerichtet, und ich war mir nicht sicher, ob sie schon begriff, was sie getan hatte oder ob sie nur das Blut sah. „Wie viel hast du getrunken?!“
Ihr Blick glitt kurz zu mir, dann jedoch sofort wieder zu Aurelie. Ihre Bewegungen wurden wilder und und ihre Befreiungsversuche grobschlächtiger.
Ich sah mir Aurelies Wunde an. Zum Glück hörte sie langsam auf, zu bluten. Trotzdem hatte sie viel Blut verloren. Doch ihr Herz schlug. Schwach nur, wie das leise Flattern eines Vogels. Aber es schlug. Um den Rest würde sich die Kräuterhexe kümmern. Vorsichtig stand ich vom Bett auf und ging auf Irina zu. Mit beiden Händen griff ich nach ihrem Kopf, damit sie endlich stillhielt.
Genau in dem Moment startete sie wieder einen Versuch, sich loszureißen. Sie trat mir direkt in meine Weichteile und ich ging vor Schmerzen stöhnend in die Knie. Im selben Moment schaffte sie es, sich von Timmok loszureißen, doch anstatt auf das Bett zu springen und sich erneut an Aurelie zu vergreifen, rannte sie zum Balkon. Sie sprang durch die dicke Fensterscheibe und über die Brüstung hinunter.
Lee und Timmok wollten ihr sofort hinterher, aber ich hielt meine Grigoroi zurück. „Ihr bleibt hier! Ich halte Irina auf!“ Ich stürmte auf den Balkon, sah mich kurz um und entdeckte die Silouhette der frischgebackenen Grigoroi bald schon rennend in Richtung Wald. Dann schätzte ich die Höhe ab und fluchte leise. „Irina! Bleib stehen!“ Natürlich rannte sie weiter. Sie war ja auch nicht meine Grigoroi. Oder sie hörte mich bei der Entfernung nicht.
Ohne weiter nachzudenken, sprang ich vom Balkon und hetzte Irina nach. Obwohl sie bereits einen beachtlichen Vorsprung hatte, würde ich sie bald einholen. Und da sie Aurelies Blut an ihrer Kleidung hatte, war die Fährte nicht zu verlieren. In kürzester Zeit hatte ich den Wald erreicht und spürte, wie mir einzelne Äste entgegenschlugen. Ich kümmerte mich nicht weiter darum, sondern rannte weiter. Immer der Nase nach. Selbst, wenn Irina spontane Richtungswechsel machte, konnte ich sie noch riechen. Die Äste schlugen auch ihr ins Gesicht und gegen ihren Körper, sodass sich vor mir eine Schneise bildete. Die Kleine war schnell für eine frisch erwachte Grigoroi. Die meisten Frischlinge verloren schon nach einem kurzen Kampf die Ausdauer. Aber Irina rannte weiter. Der Vorsprung nahm jedoch stetig ab und schon bald konnte ich sie sehen.
„Du hast keine Chance, Irina! Ich befehle dir: Bleib stehen!“
Keine Reaktion. Irina rannte weiter. Sie änderte sogar die Richtung. Als ob sie mittlerweile ganz bewusst vor mir weglief. Mit einem Mal machte sie einen Hechtsprung. Ein lautes Jaulen hallte zwischen den Bäumen wider. Beinahe wäre ich über die Grigoroi gestolpert, die auf dem Boden über einem Tier kauerte. In der Dunkelheit der Nacht sah ich nur Fell. Ein kleines Reh? Nein, das Tier war nicht besonders zierlich. So stämmig wie ein Wildschwein war es jedoch auch nicht. Blutgeruch stieg mir in die Nase. Irina trank gierig, schlürfte und kleckerte in ihrer Hast. Möglich war es auch, dass ihre Fangzähne sie beim Trinken störten. Das konnte anfangs durchaus vorkommen.
Langsam näherte ich mich ihr und sah dabei zu, wie sie ihre Hände in das Fell ihres Opfers krallte. Ein Hund. Nein, ein Wolf! „Irina“, sagte ich langsam und ging neben ihr in die Hocke. Das Tier bewegte müde die Pfoten, als wolle es weglaufen, während ein leises, qualvolles Jaulen seiner Kehle entkam. Wäre Irina vorsichtig gewesen, hätte ein Tier dieser Grösse überleben können …
Fauchend sah sie auf, ihre Augen dunkel vor Gier. Ehe ich auf sie einreden konnte, zog sie das todgeweihte Tier mit einem Ruck näher zu sich und damit von mir weg. Dann vergrub sie ihre Fänge auch schon erneut in dessen Fell.
Ich blieb in der Hocke und bewegte mich kein Stück. Immerhin rannte sie nicht wieder weg. Das war schon mal ein gutes Zeichen. Und vielleicht wäre sie auch bereit zu reden, wenn sie erst einmal genug getrunken hatte. Nach einer Weile, die mir wie eine Ewigkeit vorkam, sprach ich vorsichtig: „Irina. Wir müssen zurück. Aurelie wartet auf dich.“
Nach einigen weiteren, gierigen Schlucken blickte sie auf. Noch immer war ihr Blick leicht verhangen, dafür antwortete sie aber überraschend klar: „Nayara ist bewusstlos.“ Erschrocken über das Fauchen in ihrer Stimme, hielt sie sich eine Hand vor den Mund. Nach einem Moment wanderte ihr Blick zu dem toten Tier. „Und Tierblut schmeckt scheußlich.“
„Ich habe die Kräuterhexe rufen lassen. Sie wird sich um deine Königin kümmern. Verspürst du das Bedürfnis, zu ihr zurückzukehren?“ Nur kurz sah ich zu dem Tier, dann aber direkt wieder zu Irina. „Tiere können dich am Leben halten, falls du kein Blut von Menschen trinken willst.“
Sie nickte. „Ja, ich will zu ihr zurück. Aber ich will ihr nicht weh tun.“ Schuldbewusst senkte sie ihren Kopf. Die Information über das Tierblut nahm sie mit einem etwas längeren, angeekelten Blick auf das mittlerweile tote Tier zur Kenntnis.
„Dieser übermäßige Blutdurst nach dem ersten Erwachen ist völlig normal, Irina. Und du wirst auch merken, dass das Blut von uns Vampiren weitaus besser schmeckt als das von Menschen.“ Meine Mundwinkel zuckten halb mittleidig, als ich mich erhob. „Du wirst Aurelie nicht mehr weh tun. Du wirst dazu überhaupt nicht mehr in der Lage sein, jetzt, wo das Band geschaffen ist.“ Langsam ging ich auf sie zu und streckte ihr die Hand entgegen. „Und du wirst bald schon noch eine weitere Veränderung bemerken.“
Fragend sah sie mir entgegen. „Die Kopfschmerzen?“, riet sie genervt.
„Die Kopfschmerzen kommen, weil du alles deutlicher riechst, intensiver schmeckst und lauter hörst.“ Ich hob demonstrativ den Kopf und lauschte in die Nacht. „Hörst du die Eule rechts neben uns, weit oben im Baum? Hörst du die Zikaden aus Richtung Süden?“ Ein weiteres Geräusch kam dazu. Ein leises Winseln, ganz in der Nähe. Ich runzelte die Stirn und blickte zu Boden. Vom Wold konnte dieses Geräusch nicht stammen. Der war tot.
„Nein. Ich höre ein nicht endendes Rauschen“, brummte sie misslaunig.
Die trockenen, nüchtern gesprochenen Worte brachten mich zum Lachen. Es war gut, dass Irina zwar überfordert, ansonsten aber völlig klar in ihrem Denken war. „Warte kurz“, wies ich sie an, als ich erneut das leise Winseln vernahm. Ich machte eine schnelle Bewegung zur Seite und bekam einen kleinen, haarigen Körper in die Hände. Vier Pfoten, einen Kopf, einen Schwanz und viel Fell. Irina hatte eine Wolfsmutter getötet und ich hielt deren kleinen Welpen nun recht ratlos in beiden Händen. Während ich mir den Welpen genauer ansah, roch ich den typischen Geruch von Urin und spürte schon kurz darauf eine unheilverkündende Wärme an meinem rechten Oberschenkel. „Das ist jetzt nicht wahr“, knurte ich leise.
Prustend hielt sich Irina die Hände vor den Mund, was ihr Lachen aber keineswegs minderte. Als ich sie daraufhin straffend ansah, gab sie ihre Bemühung um Zurückhaltung auf und ließ die Hände fallen. Noch immer laut lachend. Kurz darauf brach ihr Lachen aber plötzlich ab und sie fasste sich überfordert an den Kopf. „Zu laut“, murmelte sie leise und zuckte selbst bei ihrer geflüsterten Stimme noch zusammen. „Und das beißt“, gab sie mit zuckender Nase von sich.
Nun musste ich auch lachen. „Ja, es stinkt entsetzlich.“ Trotzdem setzte ich den Welpen auf meinen abgewinkelten Arm und betrachtete das kleine Tierchen, welches ängstlich zitterte. Ohne seine Mutter würde es bald sterben. Prinzipiell hatte ich kein Problem damit. Das war der Lauf der Natur. Aber während ich in die traurigen, dunklen Augen blickte, kam mir eine Idee. „Ich nehme den Wolfswelpen mit. Für Aurelie.“ Zwar hatte Aurelie ein Geschenk nicht verdient, aber ich brauchte einen Grund, erneut mit ihr zu reden.
Irinas Augen kniffen sich zusammen. Noch immer leicht betäubt, durch den Kopfschmerz, jedoch mit einer klaren, beschützenden Ausstrahlung warf sie mir vor: „Du willst ihr Schuldgefühle machen. Ihr einreden, dass sie dir etwas schuldig ist, weil du ihr ein Geschenk machst.“
„Vielleicht. Oder ich will dir Schuldgefühle machen, weil du die Mutter des Welpen getötet hast.“ Meine Hand, die ich an den Nacken des Welpen gelegt hatte, streichelte automatisch über das weiche Fell.
Mit den Augen rollend, antwortete sie schlicht: „Tiere sterben.“ Doch ich war noch nicht fertig. Die Situation hier bot sich geradezu an, um mehr über mein junges Weib zu erfahren.
„Aurelie und Ulras. Lief da was zwischen den beiden?“
Bei dieser Frage weiteten sich ihre Augen überrascht. Augenblicklich bekam ich ein ungutes Gefühl. „Er hat es unzählige Male versucht“, murmelte sie. „Bevor das Schlimmste eintreten konnte, bin ich immer dazwischen und habe mich … angeboten.“ Noch ehe sie fertig gesprochen hatte, wandte sie ihren Blick ab und fing an, in Richtung Schloss zurückzugehen. War es Wut? Oder Scham, die sie dazu gebracht hatte, den Blick zu senken? Ihre Hände waren zu Fäusten geballt. „Verdammt!“, zischte sie. „Wie bekomme ich diese Fangzähne wieder weg?!“
„Was meinst du mit … das Schlimmste?“, hakte ich nach. Konnte es sein, dass Ulras etwa versucht hatte, sich an Aurelie zu vergreifen? „Aber sie war eine Prinzessin und ist nun die Königin!“, rief ich und ging Irina hinterher. Kurz darauf hatte ich sie eingeholt und schritt neben ihr her. „Ulras hätte das nie gewagt! Nicht bei einer geborenen Vampirin und erst recht nicht, da sie so hochgeboren wurde!“
Die neue Grigoroi biss sich fest auf die Unterlippe und fluchte erneut, als diese aufgrund ihrer Fänge anfing zu bluten.
Ich seufzte. „Du musst dich entspannen. Und dann denkst du sie dir einfach weg.“ Offenbar hatte sie damit Mühe, denn ihre Fänge waren eine stillschweigende Minute später immer noch da. „Nun? Was meintest du mit ‚das Schlimmste‘?“, bohrte ich ungeduldig nach.
Sie hielt inne und drehte sich ruckartig zu mir um. „Er wollte sie!“, fuhr sie mich an, die Fangzähne noch immer zu voller Länge ausgefahren. Als sie nicht von sich aus weitersprach, deutete ich ihr ungeduldig fortzufahren. Sie verdrehte sie Augen. „Er wollte sie immer, genauso wie ihr grausames Arschloch von Bruder! Ihre ganze Familie war die reinste Hölle! Sie haben ihr die Titel genommen und sie zum Sklaven gemacht! Hast du je von einem Sklaven mit Rechten gehört? Denkst du, es hätte irgendeinen Grigoroi noch interessiert, was sie bei ihrer Geburt gewesen ist? Sie standen nun über ihr!“ Die ganze Zeit sprach sie zischend durch ihre Fänge, was ihrer Ansprache eine gewisse Aggressivität verlieh.
Meine Stirn runzelte sich, mein Kopf schüttelte sich und meine Augenbrauen hatte ich tief ins Gesicht gezogen. Ich wollte nicht glauben, was sie mir da sagte. Aber auf einmal ergab alles Sinn. Aurelies Reaktion nach dem Blutschwur, als ich verlangte, dass sie sich auszog. Auch ihre Reaktion im Kerker, als ich sie zu Ashur gezogen hatte. Oder erst kürzlich, als ich sie beschuldigte, mit Ulras zusammenzuarbeiten. „Scheiße“, entfuhr es mir wenig eloquent. „Deswegen roch er nach ihr.“ Ich musste den Welpen wohl unbewusst zu grob angefasst haben, denn er fing wieder an zu winseln. Also kraulte ich das Tier weiter im Nacken. Mir lagen tausend Fragen auf der Zunge, aber ich konnte nicht eine davon an Irina stellen. Für den Moment hatte ich genug Informationen und mein Kopf setzte Stück für Stück das gesamte Bild zusammen. Ein schreckliches Bild.
Konnte es sein, dass ihre Familie sie in den Rang einer Sklavin degradiert hatte, um ihre Reife zu erzwingen? Und dann, als es nicht funktionierte, wurde sie einfach für tot erklärt? Deswegen war sie als Sklavin auf dem Bankett gewesen! Sie war wirklich eine Sklavin gewesen! In den Augen ihrer eigenen Familie! Wären sie nicht schon tot, würde ich dies direkt nachholen! Ashur … Bald konnte ich ihn aus dem Weg räumen. Stück für Stück. Ich würde meiner Fantasie bei seiner Exikution freien Lauf lassen. Und Aurelie … Was hatte ich nur getan? Dieser Welpe würde es nie entschuldigen können. Aber er würde sie beschützen, wenn er ausgewachsen war. Er würde ihr Begleiter werden.
































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