Kapitel 44 – Das Mädchen im Kerker
Kapitel 44 – Das Mädchen im Kerker
Ifruel
Es war das Übliche. Jeder Teil meines Körpers war mit Agolanzit versetzten, Stahl verstärkten Lederriemen fest an die steinerne Wand hinter mir gezurrt –aus purem Agolanzit bestehend, versteht sich. Generell war meine ganze, persönliche Hölle mit diesem rötlich schimmernden Gestein ausgestattet. Meine Arme wurden von je vier Riemen bewegungsunfähig gemacht; bei meinen Beinen dürften es auch um die vier sein, zwei um den Bauch, einen extrabreiten um die Brust, einen um den Hals und schliesslich sogar einen um meine Stirn. Oh. In meiner grenzenlosen Langeweile hatte ich meine Finger vergessen. Ja, selbst meine verdammten Finger waren festgezurrt.
Kelevan hatte seine Worte damals augenscheinlich ernst gemeint, auch wenn ich es dazumal noch als schlechten Scherz abgetan hatte.
„Du wirst nie wieder hier rauskommen, nie wieder das Tageslicht erblicken und niemals sterben.“ Das waren seine Worte gewesen. Bis jetzt hatte er sie eingehalten. Und das alles nur wegen einer Frau.
Hatte ich ihn verraten? War ich für ihren Tod verantwortlich? Nein. Aber wer würde schon einem räudigen Magier glauben, wenn er vom König und Vampirvater aller existierenden Vampire höchstpersönlich angeklagt wurde?
Ich seufzte tief, als ich spürte, wie mich die Wut einmal mehr zu überwältigen drohte. Doch langsam wurde es mir zuwider. Immer das gleiche Gefühl des Verrats, das in meiner Brust weilte. Seit eintausendfünfhundert Jahren war es dasselbe Gefühl. Derselbe Verrat. Und es langweilte mich zutiefst.
Schritte liessen mich aufhorchen. Waren die vier Tage schon wieder um? Mein Mund verzog sich zu einem kraftlosen Grinsen. Essenszeit.
„Tür auf“, tönte es von draussen. Mit einem schweren, dumpfen Geräusch schwang sie auf. Die dicke Steintür zu meinem Verlies. Schritte kamen auf mich zu. Es war der einzige meiner Sinne, den sie mir nicht genommen hatten. Mein Gehör. „Öffnet die Schnallen.“ In rauen Bewegungen wurden die Scharniere meines Maulkorbs geöffnet. Gierig leckte ich mir über die ausgetrockneten Lippen, welche ich die letzten vier Tagen weder hatte bewegen noch befeuchten können.
Vier Tage. So lange dauerte es immer, bis sie mir die nächste Blutration gaben. Das Spielchen hatten wir jetzt schon genau 90’021 Mal gespielt. Das hiess, ich fristete mein Dasein jetzt schon seit exakt eintausendfünfhundert Jahren, fünf Monden und neun Tagen in diesem vermaledeiten Loch. Folglich hatten wir heute den 8. Sepdis, denn gefangengenommen hatte mich mein ehemaliger Meister am 15. Quardis vor 1500 Jahren. Demnach war ich nun 3837 Vampirjahre alt.
Als mir bewusst wurde, wie verrückt sich meine Gedanken für Fremde anhören müssten, schüttelte – oder versuchte es viel mehr – ich wieder einmal meinen Kopf. Vielleicht war ich mittlerweile auch einfach verrückt. Aber wenn man so lange allein war … Man hatte viel Zeit, um nachzudenken, zu rechnen, Sprachen zu erfinden, die niemand je sprechen würde, und die Welt, wie sie war, zu überdenken in jeder noch so kleinen Faser ihres Seins.
Der Soldat, der meine Blutration in Händen hielt, machte langsame Schritte auf mich zu, als würde er sich einem nach Blut lechzenden, gefährlichen Tier annähern. Unter meiner Augenklappe verdrehte ich die Augen. So falsch war der Gedanke nicht …
Als mir der Geruch von frischem Blut in die Nase stieg, leckte ich mir sofort wieder gierig über die Lippen. Speichel sammelte sich in meinem Mund. Bis zu dem Augenblick zumindest, in dem ich wahrnahm, wie der König höchstpersönlich die Stufen zum Kerker hinabstieg und geradewegs auf meine Zelle zukam. Ab einem gewissen Alter erkannte man Personen an ihrer Art zu gehen. Blöderweise hatte ich eine sehr klare Vorstellung davon, was jetzt passieren würde.
„Stopp!“ Augenblicklich kam der Soldat vor mir – der mit meinem Blut in der Hand! – zum Stillstand. Eine verfluchte Elle von mir entfernt! „Gebt mir das und dann alle raus“, befahl mein Erschaffer, als er gerade im steinigen Rahmen der Tür meiner Zelle aufgetaucht sein musste.
Die Wachen taten wie befohlen und verschwanden. Ihre Schritte verhallten schnell, und schliesslich fand ich mich mit dem König allein in meiner Zelle wieder. Meine Nase rümpfte sich. Er roch nach einem Weib. Eine neue Foltermethode, die er sich einfallen lassen hatte?
„Bereit mir zu gehorchen?“ Der Blutgeruch kam näher, bis Kelevan den blutgefüllten Behälter wohl direkt unter meinen Riechkolben halten musste, so intensiv wurde der Geruch!
Beinahe entkam meiner geschundenen Kehle ein Lachen. Alle Tricks, die man bei der Blutfolter anwendete, kannte ich in- und auswendig. Immerhin hatte ich sie ihm beigebracht! Folter war einst mein Spezialgebiet gewesen, nicht seins! Eintausendfünfhundert Jahre und er spielte immer noch dasselbe Spiel, hatte nichts dazugelernt …
Als mein erniedrigendes Flehen ausblieb, seufzte er tief. Noch immer blind konnte ich mir den frustrierten Gesichtsausdruck nur vorstellen. Vermutlich war er in meiner Fantasie sogar um einiges befriedigender als in Realität. Offenbar war der liebe König ohne weitere Optionen, wenn er mich hier schon zum zweiten Mal innerhalb eines meiner Vier-Tages-Zyklen besuchte. Plötzlich rammte sich eine Faust in meinen Magen. Aus einem angeborenen Reflex heraus wollte ich mich zusammenkrümmen, war den unzähligen Lederriemen aber weit unterlegen. Am Ende entkam nur ein heftiges Keuchen meinem Mund – die einzige Reaktion, die Kelevan von mir zu sehen oder hören bekäme.
So ging das noch eine ganze Weile weiter. Doch immer, wenn er nachfragte, verweigerte ich ihm den Gehorsam, so wie ich es schon seit eineinhalb Jahrtausenden tat.
„Wenn du mir auch weiterhin den Gehorsam verweigerst, habe ich keine Verwendung mehr für dich!“, knurrte er, die Stimme vor Wut verzerrt. Meine Augenbrauen schossen hoch. Den Tod hatte er mir noch nie angedroht. Immer empfand er es als die grössere Folter, mich einfach weiter hier unten einzusperren. „Kein Blut mehr für dich. Bis du mir gibst, was ich will“, entschied er, schnallte mir meinen Maulkorb wieder an und verliess die Zelle. Kurze Zeit später erklang der dumpfe Ton der zugefallenen Steintür und ich war wieder allein.
Ich seufzte leise, so gut das mit dem Maulkorb nun mal möglich war. Irgendwie genoss ich unsere seltenen Unterredungen. Sie waren eine willkommene Abwechslung, ein Unterbruch meiner sonst so einsamen Einöde.
Irgendwann vernahm ich leichte, aber selbstsichere Schritte, die den Kerker hinunterkamen. Eine Welle der Macht liess mir den Atem stocken. Was war das? Eine Macht, grösser als meine oder Kelevans, grösser als die, die der einstige König ausgestrahlt hatte! Ein bedrückendes Gefühl breitete sich in meiner Brust aus; meine Glieder begannen vor Anspannung zu zittern. War das Angst? Fürchtete ich mich etwa?
„P…Prinzessin?“
„Prinzessin Rjna! Was macht Ihr hier unten?! Oh, nein, nicht, was macht Ihr denn? Ah …!“
Ein schwerer Körper fiel zu Boden. Der zweite folgte. Das Klirren eines Schlosses ertönte und die Schritte setzten sich wieder in Bewegung. Dann kamen sie erneut zum Stehen. „Nomrin“, ertönte eine fast … liebliche Stimme? Weiblich, daran bestand kein Zweifel. Etwas raschelte leise, dann sprach sie wieder: „Na los. Nimm dir, was du brauchst.“
Daraufhin ertönte die eines Mannes. Schwach und leblos, fast als verliesse er bald schon diese Welt: „Nein, ich kann nicht … das bin ich nicht wert. Ihr müsst…“
„Du warst jetzt acht Tage ohne Nahrung. Ich werde deinen Tod nicht zulassen. Du bist mein treuester Ergebener. Deine Eltern waren meiner Mutter treu und so bist du es mir. Jetzt küss mich und nimm dir, was du brauchst. Das ist ein Befehl!“
Daraufhin wurde es still. Einzig vereinzelte Schmatzgeräusche hallten manchmal zu mir hin und liessen mich mürrisch den Mund verziehen. Vermutlich ging es in meiner Nachbarzelle jetzt heiss her. Ein unzufriedenes Grummeln entkam mir. Erst wurde mir meine Blutmahlzeit verweigert und jetzt verdammte man mich dazu, zuzuhören, wie zwei Magier – oder vielmehr ein Magier und ein Vampir – es in der Zelle neben mir trieben?
Ich runzelte die Stirn. War das eine Befreiungsaktion? Hatte sie Kelevan verraten? Wieso sonst hätte sie die Wachen niederschlagen sollen? Wie hatte sie das überhaupt geschafft? Aber wenn das wirklich eine Befreiungsaktion war, wieso nahmen sie sich erst noch die Zeit, um sich zu vergnügen?
Es verging eine Weile, bis das leise Schmatzen aufhörte. Ein erschöpftes Keuchen, dann: „Nein, Rjnaria! Verdammt, bitte entschuldige, ich wollte nicht so viel…!“
„Schon gut.“ Die Frau hustete leise. Etwas raschelte; bald darauf waren leise hallende Schritte zu hören. „Ich werde dich hier rausholen, sobald ich einen sicheren Platz gefunden habe, wo du dich verstecken kannst.“ Das unverkennbare Quietschen einer Kerkertür drang zu mir hin. „Alles Gute zum Geburtstag, Nomrin“, flüsterte die weibliche Stimme mit einem traurigen Unterton und setzte sich wieder in Bewegung. Die Schritte bewegten sich zu meiner Überraschung jedoch nicht von mir weg. Ganz im Gegenteil. Sie kamen direkt auf meine Zelle zu, bis sie schliesslich direkt vor der Tür zum Stehen kamen.
Trotz der unglaublichen Macht, die diese Frau ausstrahlte, hatte ich meine Zweifel, ob sie dazu in der Lage wäre, die massive Steinwand in Bewegung zu versetzen. Prinzessin hatten die Wachen sie genannt. Eine Frau, die von einem der ersten fünf Prinzen verwandelt worden war. Vielleicht sogar von Kelevan selbst? Hatte er sich neu verliebt? Nach all diesen Jahren?
Wider meine Erwartungen keuchte sie noch nicht einmal, als sich die steinerne Tür zu meiner Zelle langsam und kontinuierlich mit einem schleifenden Geräusch öffnete. Leichte Schritte bahnten sich den Weg in mein trautes Heim. Ihr Geruch drang zu mir hin, was mich instinktiv versuchen liess, den Kopf zu schütteln. Mein Körper fing an, sich in den Riemen zu winden, und versuchte, freizukommen.
Dieser Anblick, mein Anblick, war wirklich nichts für die Augen einer Frau! Mein Instinkt und mein innerer männlicher Vampir verlangten von mir, sie augenblicklich hier rauszubringen! Doch so festgezurrt, wie ich war, hatte ich keine Chance!
„Das ist interessant“, sagte sie ernst, sachlich, so ganz anders, als sie vorhin noch mit dem Magier gesprochen hatte. Aber der Grund für ihre Anwesenheit in meiner Zelle wäre damit geklärt. Neugierde. Ihre vorher noch verstummten Schritte erklangen wieder, einen, zwei, drei: Jetzt stand sie genau vor mir. Wieso hatte sie keine Angst?
„Ich habe keine Angst, da du mir nichts anhaben kannst. Selbst wenn du nicht derart geschwächt und lächerlich penibel an der Wand festgezurrt wärest.“
Bitte was?! Hatte sie gerade …?
„Du bist ein Magier und doch ein Vampir“, stellte sie, fast, als wäre sie tief in Gedanken versunken, fest. „Und du bist alt, das spüre ich. Fast so alt wie Kelevan und damit …“ Den Rest des Satzes liess sie unausgesprochen.
Hätte ich nicht so einen verdammten Durst gehabt, hätte ich mich jetzt wohl gefragt, worüber sie genau nachdachte, oder vielleicht wäre ich bei der Bemerkung über Kelevan stutzig geworden, wieso sie ihn einfach so beim Namen nannte. Doch ich hatte Durst! Ausserdem hatte Kelevan mein Rechensystem heute durcheinander gebracht und das machte mich wütend! Jetzt konnte ich nicht mehr mit vier Tagen rechnen!
„Deine Gedanken sind aber sterbenslangweilig. Wie hast du es bis jetzt nur mit dir selbst ausgehalten?“ Sie seufzte tief. „Was wollte er? Kelevan? Wieso hat er dir die Mahlzeit verweigert?“
Er wollte meine Fähigkeiten in Anspruch nehmen. Mehr hatte er mir bisher auch nicht gesagt. Und so aufgebracht, wie er heute hergekommen war, war ich mir nicht sicher, wie lange er noch Geduld mit mir hatte, bevor er mich wirklich tötete. Wahrscheinlich würde ich es also nie erfahren.
Einen Moment war es still. Doch noch bevor ich richtig realisieren konnte, was gerade geschah, wurde mir der Maulkorb abgeschnallt. Erleichtert leckte ich mir über die Lippen, setzte dann aber sogleich zu sprechen an. Ein reichlich unbedachtes Verhalten. Was aus meiner Kehle kam, war nicht mehr als ein trauriges Krächzen. Dazu trockenes Gehuste, das mich ohne Gnade daran erinnerte, wie lange ich meine Stimme bereits nicht mehr benutzt hatte.
„Sehr geistesgegenwärtig“, murmelte die Frau herablassend.
Als Nächstes spürte ich einen schwachen Luftzug an der Seite meines Mundes, als auch die Schnallen meiner Augenklappen geöffnet wurden. Erstaunt öffnete ich meine Augen – ebenfalls zum ersten Mal seit einer sehr langen Zeit – und blinzelte augenblicklich geblendet gegen das strahlendhelle Licht der Fackeln im Gang hinter ihr an. Meine Augen schweiften im Raum umher und konnten nach und nach schemenhaft eine Gestalt ausmachen. Eine sehr kleine und zierliche Gestalt. Langsam verbesserte sich meine Sicht, wenngleich noch schwarze Flecken blieben. Die Konturen wurden schärfer und das Bild verdoppelte sich nicht mehr. Mit einer gewissen Neugierde begann ich, die Frau – nein, viel eher das Mädchen vor mir zu mustern, begonnen bei dem weissen Nachtgewand, das deutlich kürzer wirkte, als es sein sollte, über ihre schmale Statur, die von Blessuren regelrecht überzogen war, bis hin zu den Augen, die in einem hellen rot-gelb leuchteten und von einer Macht sprachen, die ich mir nicht einmal vorzustellen wagte. Und das hier unten, im Mak. Einem Kerkergewölbe, in dem keinerlei Magie ausgeübt werden konnte.
Der Schock musste mir ins Gesicht geschrieben stehen, doch genauso spiegelte er sich in ihrem wider.
„Du hast rote Augen“, hauchte sie fassungslos und blinzelte zweimal, um sich sicher zu sein, sich bei meiner Augenfarbe auch sicher nicht vertan zu haben.
„K…j…h…a“, hustete ich, wobei ich eigentlich einen ironischen Tonfall anschlagen und bejahrten wollte.
Ungläubig sah sie mich mit weit aufgerissenen Augen an. „Wie kann das sein?“, hauchte sie etwas benommen und schien einen Moment durch mich hindurchzusehen, fokussierte ihren Blick aber schnell wieder. „Du brauchst Blut.“ Kurz schien sie mit sich im Konflikt. Aber nicht etwa, wegen dem, was sie hier unten zu sehen bekam, sondern einzig wegen meines Durstes?
„Jetzt beruhige dich. Ich war lange genug in einem Kerker, ein paar Minuten mehr holen jetzt auch nicht die Götter auf die Erde zurück“, murrte sie, mehr zu sich selbst als zu mir.
Ein sehr altes Sprichwort. Mir war nicht bewusst, dass man es noch kannte, geschweige denn noch verwendete. Es rührte vom Krieg der beiden Götter her, die sich vor unzähligen Jahren auf der Erde trafen und bei dem Kampf, der dadurch entbrannte, alles in Schutt und Asche gelegt hatten.
Während meiner gedanklichen Ausführungen verdrehte sie genervt die Augen. Was war mit diesem Mädchen los? Sie kam hierher, in einen Kerker, in dem der mächtigste Magier aller Zeiten sass und eine ganze Menge an Frust abzulassen hätte, traf sich in der Nachbarzelle zu einem Stelldichein mit einem Magier, stand nun im Nachtgewand vor mir … Generell sah sie ziemlich mitgenommen aus, wie mir jetzt auffiel. Ihre Haut war aschfahl und abgesehen von unzähligen Schürfwunden und Kratzern war da auch eine Schiene aus drei fest aneinandergelegten, länglichen Holzplatten an ihrem rechten Unterarm befestigt. Zweifellos Alomis’ Werk.
Mein innerer Vampir wollte sich sofort aufbäumen und sie hier rausschaffen. Am Ende würde sie noch erwischt und selbst eingesperrt werden!
Und schon wieder! Sie verdrehte einfach die Augen! „Kannst du deine Fänge noch selbst ausfahren oder brauchst du dabei Hilfe?“ Der Spott in ihrer Stimme liess mich knurren. Augenblicklich schossen meine Fänge hervor; die Zähne gebleckt. Unbeeindruckt sah sie mich an.
Na toll … Deprimiert normalisierte sich mein Gesichtsausdruck wieder. Jetzt konnte ich nicht einmal mehr einen Jungvampir verängstigen.
„Gut.“ Auffordernd streckte sie mir ihr linkes Handgelenk entgegen. „Trink.“
Misstrauisch kniff ich die Augen zusammen. Sie war ein Vampir. Ein Jungvampir, das sah ein geübtes Auge sofort. Trotz all der Macht, die um sie herum waberte, wie ein ungeduldiges Tier, das von der Leine loswollte.
„Jetzt trink, oder soll ich es dir lieber mit Gewalt einflössen?“
Als ob sie das könnte.
Abwartend und mit erhobener Augenbraue sah sie mich an. Durst hatte ich schon, wie sollte ich es auch leugnen, doch von einem anderen Vampir zu trinken, war Selbstmord.
„Also hast du die Wahl zwischen eventuellem Selbstmord oder elendigem Verdursten. Was wählst du?“
Trocken schluckend betrachtete ich ihr Handgelenk, welches noch immer kurz vor meinem Mund schwebte. Sie war ein Vampir …, aber die Körpertemperatur liess mich an dieser Annahme stutzen. Aber woher wollte sie wissen, dass mich ihr Blut nicht töten würde? Und – eine noch weitaus interessantere Frage drängte sich in den Vordergrund – was hatte sie davon? Ihr Angebot beruhte sicher nicht auf Nächstenliebe. Nachdenklich betrachtete ich sie. Nein, dafür waren ihre Augen zu berechnend.
„Langsam stellst du die richtigen Fragen“, kommentierte sie amüsiert.
Tiefe Falten schmückten meine Stirn. Wie war es möglich, dass das Agolanzyt sie nicht beeinträchtigte? Dass sie hier unten Magie wirken und in meinen Kopf eindringen konnte?
„Falsche Frage.“
Um sicherzugehen, dass dies hier keine Halluzination war, biss ich mir ins Innere meiner Wange. Ich spürte den Schmerz. Dies hier war echt. Dennoch erschien mir diese Begegnung höchst konfus.
Was hast du davon, mir zu helfen?
„Du wirst mir einen Wunsch erfüllen.“ Ich zögerte. Ich konnte ihr keinen Wunsch erfüllen. Ich war hier unten eingesperrt. „Einen Wunsch, den du in der Lage sein wirst zu erfüllen“, spezifizierte sie.
Eine Weile sinnierte ich hin und her. Doch eigentlich hatte ich nichts zu verlieren. Kaum hatte der Gedanke meinen Kopf passiert, lächelte sie zufrieden in sich hinein. Ohne zu zögern, schnitt sie sich mit einer ihrer Klauen in die Hand und machte dasselbe bei mir. Ich runzelte die Stirn. Einen Blutpakt wollte sie also. Bitte. Wenn sie auf mein Wort keinen Wert legen konnte … Andererseits war das wohl das Klügste, was sie in dieser Situation machen konnte. Einem durstigen Vampir blindlings zu vertrauen, wäre tatsächlich äusserst dämlich.
Dann will ich eine richtige Gegenleistung.
Ihre Augenbrauen hoben sich. Ihre Bewegungen hielten inne.
Ich will hier raus.
Grinsend zuckte sie mit den Schultern. „Das wäre sowieso dabei rausgekommen. Das heisst …, ich werde dir eine Chance dazu verschaffen. Ob du die Flucht schaffst, obliegt allein dir.“
Du sorgst dafür!, beharrte ich. Ihre Formulierung liess ihr zu viel Spielraum, mich zu betrügen.
Eine kurze Weile musterte sie mich abschätzig. Dann nickte sie, der Blick in ihren Augen schneidend. „In Ordnung. Ich werde dafür sorgen, dass du entkommst.“
In meinen Augen brodelte die Zustimmung. Na dann los!
Ihre Hand legte sich auf meine und unsere Essenzen verbanden sich. In ihrem Blut spürte ich eine Macht, die mich schwindeln liess. „Mein Wort für deins“, sprach sie die rituellen Worte.
„Mei…n Wort für d…ei…ns“, hustete ich – nichtsdestotrotz: Der Pakt war geschlossen.
Auffordernd drückte sie ihr Handgelenk nun an meinen Mund, den ich jetzt bereitwillig öffnete. Ohne zu zögern, beförderte sie es noch weiter hinein, wobei sie sich bei ihrer Grösse strecken musste, um meinen an der Wand hängenden Körper gut zu erreichen. Auffordernd sah sie mich an.
Ich zögerte. Doch schliesslich versenkte ich meine Fänge in ihrer Haut und nahm den ersten Schluck ihres Blutes zu mir. Ich wusste nicht, ob es daran lag, dass ich bereits so lange kein frisches Blut mehr direkt ab der Quelle getrunken hatte, oder ob es schlicht und einfach ihr Blut war, welches so gut schmeckte, aber es übertraf alles, was ich jemals probiert hatte. Der Geschmack ihres Blutes machte mich wortwörtlich süchtig, und wie ein unkontrollierter Jungvampir wollte ich überhaupt nicht mehr aufhören.
Irgendwann aber entriss sie ihr Handgelenk problemlos meinem Biss. Ich stöhnte, ich wollte mehr, aber ungeachtet dessen: Sie hatte nicht gelogen. Das Blut schadete mir nicht. Ich fühlte mich viel eher … wie wiederbelebt!
„Und jetzt löst du deinen Teil des Paktes ein“, forderte sie. Meine Gedanken rasten in meinem Kopf. Was könnte sie wollen? Was konnte ich tun, zu dem sie nicht imstande war? „Du wirst dem König seinen Wunsch erfüllen.“
„Was?! Nein, das“, ein Hustenanfall überkam mich, „kannst… du ni…cht…!“
„…von dir verlangen?“ Die Augenbrauen spöttisch erhoben, deutete sie auf meine Hand. „Ich denke doch. Ausserdem geht es mir nur darum, dass du meinen Erschaffer ausfindig machst. Ich denke, das ist es auch, was der König will, aber auch wenn nicht … Um seinen Auftrag zu erledigen, muss er dich so oder so hier rauslassen. Umgeben von Dunkelstein kannst du keine Magie wirken. Um seinen Auftrag zu erfüllen, wird er dir also höchstpersönlich die Türen öffnen. Du hast mein Blut in dir und er geht davon aus, dass du noch immer geschwächt bist. Wenn du einen Rat willst: Nutze das. Lass es ihn nicht wissen. Das ist mein Teil des Paktes. Das ist dein Weg, zu entkommen. Aber lass mich dir eine Warnung aussprechen. Solltest du versuchen zu fliehen, ohne mir meine Informationen zukommen zu lassen, werde ich dich finden. Und ich werde dich töten.“
Fassungslos starrte ich auf das so unschuldig aussehende Mädchen hinab, welches mir doch tatsächlich eine Möglichkeit zur Flucht eröffnete. Nach so langer Zeit hatte ich nicht mehr damit gerechnet, hier jemals rauszukommen. In den ersten zweihundert Jahren schürte sich immer wieder Hoffnung. Beim Nähren oder bei einem von Kelevans Besuchen, doch nichts hatte funktioniert. Jetzt machte sie sich wieder in mir breit. Die Hoffnung, die ich so lange schon fest verschlossen gehalten hatte, damit sie mir nicht erneut Schmerzen bereiten konnte, nur weil ich wieder enttäuscht wurde.
Ein röhrendes Lachen hallte in meiner kleinen Zelle wider. „D…dein Erschaffer?“, hustete ich, begann aber schon wieder zu lachen. Nicht höhnisch, sondern wahrhaft amüsiert.
„Mein Erschaffer“, bestätigte sie nüchtern. Wortlos drehte sie sich um und wandte sich zum Gehen.
„W…warte!“, rief ich ihr keuchend und nach meinem Lachanfall nach Luft schnappend hinterher, was sie zum Innehalten bewegte. Langsam drehte sie den Kopf um und schaute über die Schulter zu mir. „Ich brauche mindestens den Namen der Person, noch besser ein Bild oder eine Beschreibung!“
„Sein Name ist Aurelius. Er hat schwarzes Haar, welches ihm gerade bis etwa zur Mitte des Rückens fällt. Ich glaube, braune Augen und eine muskulöse, aber agile Statur. Vermutlich ist es auch der Vampir, den du für Kelevan ausfindig machen sollst. Sollte es so sein, werde ich es wissen und du kannst gehen. Die Informationen gibst du dann wie gewünscht an ihn. Ich werde dir genau eine Möglichkeit zur Flucht verschaffen. Nutze sie. Lass dich danach nicht wieder einfangen.“
Als sie sich erneut zum Gehen wandte, hielt ich sie nochmals auf. „Du musst den Maulkorb und die Augenklappen wieder anbringen. Sonst wird er misstrauisch.“
Ihre Augenbrauen hoben sich skeptisch, als sie erneut über ihre Schulter blickte. Ohne aber zu zögern, wandte sie sich um und kam wieder auf mich zu. Auf einmal jedoch zuckte sie heftig zusammen. Fest hatte sie die Augen zugekniffen und die Lippen aufeinandergepresst.
„Was ist los?“, fragte ich alarmiert. Hatte sie Schmerzen?
„Sie ist aufgewacht“, knurrte sie. Als sie die Augen wieder öffnete, flackerte die Farbe ihrer Iriden zwischen dem kräftigen Glühen und einem dunklen Braun.
„Was?“
„Sie …“ Das Mädchen schnaufte schwer und verzog das Gesicht. „Sie will zurück …!“
Das Mädchen sprach in Rätseln. Stirnrunzelnd beobachtete ich sie dabei, wie sie mir den Maulkorb wieder zuschnallte und mit einem letzten Blick in meine Augen auch die Augenklappe wieder verschloss.
Am nächsten Tag tauchte Kelevan erneut in meiner bescheidenen Bleibe auf, um mir eine letzte Chance zu geben. Dieses Mal nahm ich sie an, zuversichtlich den Blick auf meine mittlerweile wieder verheilte Hand gerichtet. Entweder die Prinzessin erfüllte ihr Versprechen. Oder sie zahlte mit dem Leben.
































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