Kapitel 44 – Willkommen Rosienchen

Kapitel 44 – Willkommen Rosienchen

 

Cyrus

Ich ging mit dem Baumeister die Pläne durch. Er zeigte mir verschiedene Orte, an denen Geheimgänge angebaut worden waren und wo sich womöglich die Schatzkammer befinden könnte. Leeander würde sie später alle noch kontrollieren. Die Treffen mit den Ministern hingegen liefen deutlich bescheidener, denn sie weigerten sich partout, mir Auskunft zu geben und verlangten nach Aurelie. Aus dem Grund hatten wir nur das Allernötigste besprochen. Ich ahnte, dass die Minister mir noch Probleme machen würden. Immerhin habe Aurelie das Zepter geteilt und nicht abgegeben … Ein weiterer Grund, weshalb ich dem Kind wieder einmal den Kopf abreißen könnte! Was hatte sie sich bei der Krönung nur gedacht? Ich hatte doch noch am Tag zuvor gesagt, dass sie mich krönen sollte. Und dann hielt sie das Zepter einfach weiterhin fest!

Ich verließ den großen Besprechungsraum und war überrascht, Timmok vor der Tür zu sehen. „Ist irgendwas mit Aurelie?“, fragte ich sofort.

Zwei Minister blieben in Hörreichweite stehen und taten so, als würden sie angeregt miteinander reden. Scheinheilige Speichellecker.

„Nein, die Königin erholt sich gut und spielt mit dem Welpen“, erwiderte Timm lächelnd. „Ich möchte mit Euch über ein anderes Thema reden. Etwas Persönliches.“

Ich nickte. „Natürlich“, sprach ich ernst, öffnete die Tür zum Besprechungsraum erneut und ließ Timmok eintreten. Nach ihm ging ich selbst hinein und die Tür fiel ins Schloss. Mittlerweile wusste ich, dass die Türen und Wände der Besprechungsräume und die des Thronsaals besonders dick waren und man daher nicht lauschen konnte. Eine wirklich praktische Möglichkeit, ungestört zu reden. Obwohl ich Timm andeutete, Platz zu nehmen, zog er es vor, stehenzubleiben. Daher tat ich es ihm gleich. „Also?“

„Es ist nicht leicht für mich. Die Königin hat mich angefleht, dir nichts zu erzählen. Aber seit ich es weiß, komme ich nicht mehr zur Ruhe.“

„Du weißt, dass du mir gegenüber verpflichtet bist“, erwähnte ich. „Ich kann dich also entweder dazu zwingen, mir zu berichten oder du redest freiwillig.“

„Ich wollte schon zuvor mit dir darüber reden. So ist es nicht …“

Mit einer Hand winkte ich ab. Ja, er hatte mich neulich angesprochen. „Erzähl einfach.“



„Nun …“ Unbehaglich verlagerte sein Gewicht vom einen auf den anderen Fuß. „Als die Königin mich die vergangenen Tage zu sich rief, als Ulras da war, da stieß ich auf eine Situation … nun, sie bot einen Anblick, den sie sicher noch nicht bieten sollte.“

„Timm, raus mit der Sprache …!“, knurrte ich, langsam wütend werdend, da ich nicht verstand, was er mir genau sagen wollte. Als Ulras bei ihr war … etwa, bevor ich ihn zu mir beordert und um seinen Kopf erleichtert hatte? Davor? Als er so sehr nach ihr roch?!

„Sie saß auf dem Bett.“ Er schluckte. „Unbekleidet.“

Meine Fangzähne schossen heraus und ich fauchte wütend. „Dieses kleine Luder!“

„Nein! Nein, Cyrus! Lass mich ausreden! Ja, es sah so aus, als hätten sie gerade …“ Er räusperte sich unbehaglich. „Aber … auch wenn ihr Körper dafür sprach, die geröteten Wangen, das wirre Haar, so rannen ihr auch unablässig Tränen die Wangen hinab. Sie bat mich, die Wache mit Ulras zu tauschen. Mit der Angst in ihrer Stimme hätte sie auch direkt sagen können, dass sie sich fürchtete. Und … Ulras hat sich einen Finger an der Hose abgewischt.“

Ich brauchte eine Sekunde, um zu begreiffen. Doch dann ballten sich meine Hände zu Fäusten. Was wagte er sich? Er hatte seine dreckigen Finger in sie gesteckt?! Würde er nicht schon unter der Erde liegen …!

Timm senkte den Blick. „Ich habe mich dazu erdreistet, sie zu fragen, was los sei. Und sie hat sich mir anvertraut. Nun, sie hat zugegeben, dass Ulras sie seit langem … wollte, bedrängte. Eigentlich war der Wortlaut: Jeder wolle etwas von ihr. Sie besitzen, sie kontrollieren, sie heiraten oder sie ficken.“

„Ficken? Das hat sie gesagt?“, fragte ich entgeistert.

Timm nickte betreten. „Sie hat sich genau so ausgedrückt“, versicherte er mir. „Später bist du aufgetaucht …“ Und ich hatte sie beschuldigt, gemeinsame Sache mit Ulras zu machen. Innerlich konnte ich mir nur die Hand vor die Stirn klatschen. Wie dumm war ich eigentlich gewesen? Aber was, wenn die Tränen nur gespielt gewesen waren? Sie war intrigant, das wusste ich bereits. Timmok schien mir meine Zweifel anzusehen. „Nachdem du gegangen bist, bekam sie eine Panikattacke. Erneut hat sie mich angefleht, dir nichts zu sagen. Sie hatte Angst, du würdest ihr etwas antun, wenn du davon wüsstest.“ Er presste die Lippen zusammen, den Blick zu Boden gerichtet, als wolle er sich stumm bei ihr entschuldigen, dafür, dass er nun doch sprach. „Ich ließ ihr ein Bad ein. Heraus kam sie mit aufgeriebener Haut, teilweise bis aufs Blut.“



Ich seufzte tief und nahm mir einen Moment, um nachzudenken. Schliesslich sprach ich: „Bleib so oft wie möglich bei ihr, Timm. Sie mag dich offenbar.“ Was mich ärgerte, wie ich mir eingestehen musste. Aber ich wusste auch, dass Timmok in ihr die kleine Schwester sah, die er einst hatte. Damals, als er noch ein Mensch war.

„Das beruht auf Gegenseitigkeit. Die Königin ist eine wunderbare Person. Gut im Herzen und rein in ihren Gedanken.“ Seine Schultern sanken herab. „Aber sie wird mich hassen, wenn sie erfährt, dass ich dir alles erzählt habe.“

„Von mir erfährt sie es nicht. Ich werde versuchen, diese Informationen selbst aus ihr herauszukitzeln.“

 

Es war fast Mittag. Aufgeregt klopfte mein Herz, als ich durch die großen Tore nach draußen trat, um meine Cousine zu begrüssen. Heller Sonnenschein strahlte mir entgegen. Einen kurzen Moment nahm ich mir und schloss genießerisch die Augen, ehe ich sie auch schon wieder öffnete und mich genau umsah. Wenn sie gleich ankäme, durfte nichts schiefgehen. Nicht etwa, weil sie besonders pingelig wäre, sondern schlicht und einfach, weil ich wollte, dass alles perfekt verlief. Sie wusste noch nichts von ihrem Glück – wenngleich sie sich aber sicherlich bereits ausmalen konnte, wieso ich sie rufen ließ.

Als ich feststellte, dass alles zu meiner Zufriedenheit vorbereitet war, atmete ich erleichtert aus. Ein Händler war soeben wieder daran, sich mit seinem Gaul auf den Heimweg zu begeben, nachdem er uns frisches Obst und Gemüse geliefert hatte. Noch ein paar Monate und das ganze Land lebte für einige Wochen wieder lediglich von getrocknetem Obst und zähem Fleisch, weil es weder Frisches zu ernten noch zu jagen gab. Mein Blick huschte weiter zu einem Müllersmann und seiner ungefähr zehnjährigen Tochter, die soeben, vorbei an den Wachen, durch das Tor einritten. Ebenfalls, um das Schloss mit Vorräten zu versorgen. Dabei fragte ich mich, wie der ehemalige König diese Dienste bezahlt hatte. Die Staatskassen schienen komplett leer.

Hinter mir hörte ich die bekannten Schritte meines engsten Vertrauten und meiner rechten Hand. Als Lee sich räusperte, drehte ich mich fragend zu ihm um.

„Mein König, die Wachen haben soeben die“, er verkniff sich sichtlich ein Lachen, „die Kavallerie Eurer Cousine gesichtet.“



Ein Kopfschütteln unterdrückend, wandte ich mich wieder nach vorne und verdrehte die Augen. „Diese Frau wurde definitiv im falschen Körper geboren“, murmelte ich leise. Es war nicht so, dass Frauen in unserer Gesellschaft unterdrückt wurden wie es bei den Menschen oft der Fall war. Aber es gab Regeln. Regeln der Moral, des Anstands und des Benehmens. Besonders in gehobenen Kreisen, zu denen sowohl ich als auch meine kleine Cousine gehörten. Nur, dass sie nichts davon wissen wollte, dass Frauen in eine Kutsche gehörten. Oder dass sie keinen Bogen führen sollten. Die Waffen einer Frau waren …, anderer Natur. Reizvoller Natur, ohne Zweifel. Aber ich hatte es längst aufgegeben, sie in ihrem Verhalten zügeln zu wollen.

Dutzende Hufschläge hallten durch die Straßen vor den Schlosstoren, noch ehe die Pferde in Sichtweite kamen. Große, stolze Tiere. Und an vorderster Front ritt meine geliebte, kleine Cousine. Immerhin hat sie nicht denselben verqueren Wunsch Hosen zu tragen wie Aurelie, dachte ich mir leicht kopfschüttelnd. Noch bevor ihre Anhängerschaft von gut zwanzig Reitern ganz durch die Tore war, sprang sie schon vom Pferd und rannte in Vampirgeschwindigkeit direkt in meine, in weiser Voraussicht geöffneten Arme.

„Cyrus!“, rief sie heiter, sodass spätestens jetzt aller Augen auf uns lagen.

„Darleen“, flüsterte ich leise, mein Gesicht in ihrem Nacken vergraben. Ihr schwarzes, hüftlanges Haar hatte sie zu einem dicken Bauernzopf geflochten, wobei sich während des wilden Ritts so einige Strähnen daraus gelöst hatten. Grinsend strich ich ihr eine der Strähnen hinters Ohr. „Und genau deswegen …“, begann ich und ignorierte den mordenden Blick, den sie mir nun zuwarf. „Fährt das Weib in einer Kutsche.“

„Ach so?“, gab sie schlagfertig zurück, und zog mir, während sie sich aus der Umarmung löste, mein Band aus dem Haar. „Und was machst du jetzt?“ Spöttisch, aber tief, knickste sie. „Mein König?“

Das Grinsen auf ihrem Gesicht erinnerte mich daran, wie spitzbübisch sie schon als Kind immer gewesen war. Bedauerlicherweise hatten wir keine gemeinsame Kindheit erlebt. Ich war bereits mehrere Jahrhunderte Fürst des Ostens gewesen, als sie erst gerade begonnen hatte, mit Puppen zu spielen. Das war auch der Grund, wieso ich diese Frau wohl immer irgendwo als Kind ansehen würde. Blieb nur zu hoffen, dass es mir mit meiner Gemahlin nicht ebenso ergehen würde.



„Komm, ich zeige dir das Schloss und wo du schlafen kannst.“ Ich streckte die Hand aus. „Und gib mir das Band zurück.“

Darleen wedelte mit dem roten Band herum, welches ich seit dem Blutschwur immer bei mir trug. „Mit offenen Haaren gefällst du mir besser.“ Ihr Grinsen wurde immer breiter und zu allem Überfluss streckte sie eine Hand nach meinen Haaren aus und zerzauste sie, sodass es mir schon bald wirr und ungeordnet ins Gesicht hing.

„Dir ist schon klar, dass ich dir das später heimzahlen werde?“

„Oh, das hoffe ich doch!“, erwiderte sie laut lachend und schlug mich spielerisch in die Seite.

„Als neue Fürstin der Ostlande solltest du in der Öffentlichkeit ein anderes Verhalten an den Tag legen, Rosinchen.“

Sie fing laut an, zu lachen. Als sie noch jünger war und mir gerade bis zur Hüfte reichte, hatte sie einst ‚Ich bin dein Cousinchen‘ sagen wollen, stattdessen rutschte ihr ‚Ich bin dein Rosinchen‘ heraus. Seitdem zog ich sie mit dem Versprecher auf. Als sie aber plötzlich realisierte, was ich da gesagt hatte, blieb ihr das Lachen im Halse stecken und ihre Kinnlade klappte herunter. „Was? Neue Fürstin der Ostlande? Du beliebst zu scherzen!“

„Nein, keineswegs. Ich kann nicht König des Goldenen Reiches und Fürst der Ostlande sein.“

„Oh! Nein!“ Darleen schüttelte heftig den Kopf. „Frag meine Mutter, ob sie das macht. Aber ich habe keine Lust auf diesen Kram!“

Ich grinste breit. Natürlich wusste ich das und hatte bereits mit dieser Ablehnung gerechnet. Ein Grund, warum ich ihr nicht bereits in dem Brief mitgeteilt hatte, warum sie herkommen sollte. Selbst, dass ich nun König war, hatte ich in dem Brief nicht erwähnt, was bedeutete, dass sich diese Neuigkeit schnell in allen Reichen herumgesprochen hatte. Dann musste sie auch von der Königin wissen.

„Deine Mutter würde dir diese Aufgabe geben und das völlig zurecht, Darleen. Und nun komm, gehen wir rein.“ Ich streckte wie beiläufig meine Hand nach dem roten Band aus, allerdings reagierte Darleen ebenso schnell und stopfte sich das Band in den Ausschnitt. „Nein, deine Haare bleiben offen!“

„Ich möchte es trotzdem zurückhaben“, beharrte ich. Immerhin war es wichtig für mich.

In diesem Moment hörte ich ein Niesen. Kurz darauf ein Bellen. Sofort suchten meine Augen nach dem Ursprung der Geräusche. Es dürfte nicht besonders viele Hunde hier im Schloss geben, also konnte das eigentlich nur …



„Scht jetzt! Sonst findet er uns noch!“, hörte ich es hinter dem nächsten Stützpfeiler flüstern und musste ein Grinsen unterdrücken. Stattdessen setzte ich eine genervte Miene auf, verdrehte die Augen und schloss sie kurz darauf, um meine Nerven zu behalten.

Auch Darleen schaute neugierig zu dem Pfosten hin, hinter dem es erneut bellte.

„Böser Wolf! Böser Kaldor! Sei still!“

Ich presste die Lippen zusammen. „Lee, würdest du bitte …?“

Mein bester Freund nickte ernst. Aber auch bei ihm konnte ich die Mundwinkel zucken sehen. Im nächsten Moment stand er hinter dem Pfeiler.

„Meine Königin?“

„Ah!“, schrie es erschrocken. „Leeander! Du kannst mich doch nicht so erschrecken! Du musst leise sein!“, flüsterte sie, wobei ich Lees Schmunzeln von hier aus sehen konnte.

„Leise sein? Warum?“, fragte Lee nun ebenfalls etwas leiser und ich konnte hören, dass er sich ein Lachen verkneifen musste.

Ich blieb mit Darleen, wo ich stand und deutete hinauf in den Ostflügel. „Dort sind die königlichen Gemächer“, erwähnte ich beiläufig, um Zeit zu schinden.

„Na, der König wird sicher wieder wütend, wenn er mich hier sieht!“, flüstert sie eindringlich zurück.

„Und Ihr kommt nicht auf die Idee, dass er Euch hören könnte, Eure Majestät?“, erkundigte sich Lee.

„Und wo werde ich schlafen? Im Westflügel, möglichst weit weg von dir?“, fragte Darleen in einem kläglichen Versuch ihre Neugierde zu verstecken.

„Die Gäste schlafen im Südflügel. Im Westflügel sind die Diener untergebracht.“

„Ähm …“, kam es reichlich eloquent hinter dem Pfeiler hervor. Offensichtlich hatte sie nicht so weit überlegt.

„Wollt Ihr Euch weiter verstecken oder Euch vorstellen?“, fragte Leeander leise. „Ich kann Euch auch ein Zeichen geben, wenn der König endlich mal seinen Arsch bewegt hat und hineingegangen ist.“

Erschrocken atmete sie ein. „Aber Leeander! So kannst du doch nicht über den König sprechen!“ Nach einem kurzen Moment fügte sie hinzu: „Zumindest nicht in seiner Anwesenheit. Geh schnell zurück! Sonst merkt er noch, dass du weg bist! Mich sieht er schon nicht.“ Bei ihren letzten Worten hörte ich sie leise kichern.

„Meine Königin!“, rief Lee plötzlich erschrocken aus.



„Psst!“

Mit überraschtem Gesichtsausdruck stand Lee da und blickte zu mir. „Sie ist weg.“

Ich verdrehte genervt die Augen und bedeutete Lee, ihr zu folgen.

„Es ist also wahr? Die Königin ist noch ein Kind?“, fragte Darleen mit unüberhörbarem Tadel in der Stimme. „Wie konntest du nur, Cyrus?!“

„Sie ist die angeblich verstorbene Prinzessin Aurelie. Ich musste sie heiraten, um an die Krone zu kommen“, erklärte ich möglichst sachlich.

„Was? Aber der Hohepriester hat das doch sicher nicht gebilligt!“, erboste sich Darleen und stemmte ihre Hände in die Taille.

„Im Gegenteil. Er war sogar derjenige, der es vorgeschlagen hat.“

„Aber der Blutschwur!“

„Keine Sorge, Darleen. Der Blutschwur war kindgerecht.“

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