Kapitel 45 – Die Gänge
Kapitel 45 – Die Gänge
Aurelie
Mucksmäuschenstill huschte ich durch die Geheimgänge. Alexander und ich hatten sie als kleine Kinder entdeckt und erforscht. Ich vermutete, nicht einmal der ehemalige König hatte sie noch gekannt. Diese Gänge waren so alt wie das Schloss selbst. Unzählige Jahrtausende hatte es überstanden. Unzählige Herrscher über sich ergehen lassen.
Hier unten war es stets kalt, feucht und dunkel. Es gab keine Fackeln, kein Licht. Es existierten auch keine Fenster. Das einzige Licht, das eintreten konnte, war, wenn man die Zugänge zu den Gängen öffnete. Doch dieses Bisschen wurde schnell von der hier herrschenden Dunkelheit verschluckt. Die Eingänge waren versteckt, sodass sie selbst bei aktivem Suchen verborgen blieben. Dass wir die Gänge als Kinder gefunden hatten, war reiner Zufall gewesen. Zuerst hatte ich mich damals gefürchtet. Die Dunkelheit, der modrige Geruch, die undurchdringliche Stille. Aber bald schon hatte es sich als hervorragende Möglichkeit entpuppt, unbemerkt von einem zum anderen Ort zu schleichen. Beinah an jeder wichtigen Stelle fand sich irgendwo ein Eingang – versteckt, sodass keiner jemals auf die Idee käme, es würde sich um den Eingang eines Geheimgangs handeln.
„Einen Abwasserkanal?“, hallte auf einmal Leeanders Stimme aufgebracht durch die Gänge. Nun, wie erwähnt, waren die Eingänge zum Geheimgang eher unscheinbar. Vielleicht etwas irreführend. „Meine Königin! Kommt zurück!“
Schnell huschte ich weiter, die rechte Hand immerzu an der Wand entlang gleiten lassend. Ich spürte die raue Oberfläche des alten, gehauenen Steins. Sie fühlte sich vertraut an, so oft wie ich früher hier durch geeilt war.
„Verflucht! Spinnweben? Meine Königin, das ist kein Ort für …!“ Fast hörte es sich so an, als hätte er etwas verschluckt. Kurz darauf hustete er wild.
Fast war ich überzeugt, umzudrehen, um ihm den Weg zu weisen, aber dann wüsste er um mein genaues Wissen. Lieber ließ ich ihn herumirren, bis er irgendwo bei einem Ausgang hinaus stolperte. Immerhin war er mir freiwillig gefolgt. Andererseits würde er bestimmt bald zu Verstand kommen und zurückgehen, ehe er sich komplett verlief.
Sachte hielt ich das mittlerweile leicht zitternde Bündel Fell auf meinem linken Arm. Immer wieder bog ich ab, links, rechts, es war, als hätte es die letzten drei Jahre nicht gegeben. Noch immer war mir jeder Fleck so unendlich vertraut. Als der Weg nach unten abfiel, wurden meine Schritte unsicherer und langsamer. Irgendwo hier würden die Treppen beginnen.
Mit einem breiten Grinsen trat ich schließlich aus einer weiteren Geheimtür. Hier befand sie sich zwischen zwei Regalen voller altem Wein. Der Eingang war nicht so unscheinbar wie oben im Innenhof des Schlosses, aber das war hier auch nicht nötig. Hier unten brannte kaum einmal Licht. Vorsichtig setzte ich den kleinen Kaldor am Boden ab. Winselnd schmiegte er sich weiterhin an mein Bein, nicht willig, sich von mir zu lösen. Mithilfe des Feuersteins und eines Pyrits, welche wie gewohnt auf dem ersten Regal hinter dem eigentlichen Eingang lagen, entzündete ich eine der Fackeln an der Wand. Dicke Staubschichten hatten sich über die Weinregale und Flaschen gelegt und Spinnweben die Zwischenräume eingenommen. Die kalte Luft war abgestanden, so, als hätte sich schon eine ganze Weile niemand mehr hier hinunterbegeben.
Mit leuchtenden Augen lief ich in den hinteren Teil des großen Lagerraums. So viele Probleme und Lasten ich auch trug, dieser Raum hier unten hob sie alle von meinen Schultern. Er war erfüllt mit schönen Erinnerungen, Frust und Durchhaltevermögen. Zielsicher streckte ich meine Hand aus, fuhr damit der Wand entlang, bis ich in diesem Halbdunkel die feinen Fasern von Leder spürte. Leicht zittrig umgriffen meine Finger den Knauf meines Schwertes, ehe ich es aus seinem Versteck zog.
Zurück bei der Fackel brachte ich mich in Grundposition. Es war Zeit, mein Training wieder aufzunehmen. Auch wenn ich bezweifelte, dass ich irgendeinem Mann jemals damit die Stirn bieten könnte, war ich nicht bereit, mein Leben nach den Regeln anderer zu leben. Irgendwan. Irgendwan würde ich stark genug sein.
Meine Bewegungen waren vorsichtig. Unsicher, zuerst, doch bald wurden sie ein wenig flüssiger, geübter und bewusster. Doch trotz der mir bekannten Abläufe blieben sie auf ihre Weise steif. Ich hatte nicht mehr wirklich die Kraft dafür, das Schwert lange zu halten. Die Zeit als Sklave hatte mich geschwächt. Mich ausgemergelt. Ich war körperlich nicht mehr auf dem Stand, wie vor drei Jahren. Mein Körper war von Folter, harter Arbeit und zu wenig Essen gezeichnet. Zudem kam der kürzliche Blutverlust, aufgrunddessen mich der König auch so vehement in meinem Bett wissen wollte.
Es dauerte nicht lange und dieser kleine Unfall mit Irina machte sich in Form von schwarzen Flecken in meinem Sichtfeld bemerkbar. Seufzend legte ich das kurze Schwert ab und setzte mich hin. Unterbewusst fuhr meine Hand zu meinem Hals. Die Wunde biss noch immer ein wenig. Die Bisswunden schmerzten nicht mehr so schlimm wie zu Beginn, aber sie ließen sich auch nicht vergessen. Noch nicht. Bald schon wären es nur zwei weitere, kleine Narben. Kaum der Rede wert, bei dem, was sonst noch meinen Körper zierte, dachte ich betrübt.
Kaldor, der sich Dauer meiner Schwertübungen ängstlich irgendwo zwischen dem ganzen Wein verkrochen hatte, kam näher und setzte sich schnurrend auf meinen Schoss. Ich lächelte leicht. Der kleine Racker hatte sich die letzten zwei Tage an mich gewöhnt. Nachdenklich legte ich meine rechte Hand in sein Fell und begann, es zu streicheln, während ich mich mit der linken am Boden abstützte, noch immer leicht außer Atem. Wer war das Mädchen gewesen? Ich hatte gehört, dass mein Gemahl Besuch erwartete. Timmok war wahrlich gesprächig, war er erst warm mit einem geworden. Und ich war mir nicht sicher, ob sein Meister damit einverstanden wäre, wüsste er, was mir dieser Grigoroi alles schon über ihn erzählt hatte. Aber ich würde ihn nicht verraten. Das Mädchen – nun, wohl eigentlich eher die Frau – schien meinen Gemahl äusserst gut gekannt zu haben. Sie standen sich nah, dachte ich mit einem Anflug von Traurigkeit. Eigentlich sollten sich Gemahl und Gemahlin auch nahestehen.
Unversehens jaulte Kal laut auf.
„Oh, entschuldige! Verzeih, Kal“, flüsterte ich leise und löste schnell meinen fest gewordenen Griff von seinem Fell. „Entschuldige“, hauchte ich erneut und streichelte sanft über die eben noch strapazierte Stelle. „Ich hab dich lieb“, murmelte ich geistesabwesend weiter. Die schwarzhaarige Schönheit wollte mir nicht mehr aus dem Kopf. Ihr Haar hatte sie zu einem langen Zopf geflochten. Ihre Haut war dunkler als meine. Die Lippen voll, soweit ich das erkennen konnte. Die Stimme lieblich. Und sie schien meinen Gemahl zum Lachen zu bringen. Sie passten perfekt zueinander.
Augen und Lippen presste ich fest aufeinander, damit mir weder die Tränen noch ein Schluchzen entkam. Das wäre erbärmlich. Ich war die Königin. Ich war …
Ich blickte hinunter auf meine Hände. Von der schweren Arbeit der letzten Jahre waren sie rau geworden. Auch das Schwerttraining hatte seinen Teil dazu beigetragen, aber damals hatte es sich noch in Grenzen gehalten. Wieso sollte er auch jemanden wie mich wollen? Ich war abgenutzt, wie ein Teller mit einem Sprung darin. Man konnte noch daraus essen, aber keiner wollte ihn mehr wirklich. Die Scherben meines Seins lagen wild verstreut. Angestrengt versuchte ich, sie zu reihen, ihnen eine Bedeutung zu geben, aber die Teile passten nicht mehr zusammen. Ich passte nicht mehr ins Bild. Ich war keine Prinzessin mehr. Und schon gar keine Königin. Aber ich war auch keine Sklavin. Auch kein Mensch. Ein Vampir aber auch nicht zur Genüge. Ein Kind, aber Königin. Gefangen in einem Zustand, der meiner Aufgabe nicht gerecht wurde. An der Seite eines Mannes, der unzählige Liebschaften führte, von mir aber bis zum ersten Kind absolute Treue erwarten würde. Noch immer war ich überzeugt, dass ich nicht wie die anderen werden konnte, durfte oder wollte. Triebgesteuert, herzlos, arrogant und besessen von Macht. Immer sagte man mir, das komme mit der Reife. Das würde ich schon noch verstehen. Aber das wollte ich nicht. Niemals würde ich so enden! Es wäre meine Pflicht, seiner Majestät ein Kind zu gebären. Das war mir klar. Und mir war auch bewusst, dass eine Schwangerschaft nur durch die Vereinigung zweier, eines Mannes und einer Frau, geschehen konnte. Und ich würde meine Pflicht erfüllen, so wahr mir die Götter halfen. Aber abgesehen davon …, wieso sollte ich mir abgesehen davon diesen Schmerz auch nur einmal freiwillig antun? Die Vereinigung zweier Körper konnte nur Schmerz bedeuten, musste das Gemächt des Mannes die Frau doch aufspiesen und durchbohren!
Das Bündel Fell in meinen Armen wurde unruhig.
„Was ist denn, kleiner?“ Natürlich antwortete er nicht. Doch so oder so, war es wohl Zeit, mich wieder der Realität zu stellen. Ich versteckte das Schwert, welches mir ein freundlicher Menschenschmied einst zum Dank geschmiedet hatte, wieder in seinem Versteck. Damals hatte der König beschlossen, ihn ob einer Dreisitgkeit mir gegenüber einen Kopf kürzer zu machen. Das hatte ich nicht zugelassen und die Schuld auf mich genommen.
Im Nachhinein wunderte es mich, dass der König das getan hatte. Bei seiner Grausamkeit würde es mich heute stutzig werden lassen. Doch damals war ich noch deutlich jünger gewesen. Im Anschluss hatte ich für mein angebliches Missverhalten gebüßt und zwei Wochen lang nicht aus meinem Gemach gedurft. Eine der damals rar gesäten Gelegenheiten, unbemerkt in den Geheimgängen herumzuschleichen. Immerhin hatte mich so noch nicht einmal meine Gouvernante vermisst.
Ziellos begann ich durch die Geheimgänge zu streifen. Ich wollte noch nicht wieder zurück, mich nicht der Welt stellen. Die letzten Tage hatte ich nicht viel Zeit außerhalb der Gemächer verbracht. Eigentlich so gut wie gar keine. Dabei dauerte die Ehe zwischen dem König und mir nun schon beinahe zwei Wochen an. Seit fast zwei Wochen war ich Königin. Erschrocken hielt ich auf einmal inne, was mir von Kaldor ein fragendes Jaulen einbrachte. Ich war seit beinahe zwei Wochen Königin. Und hatte noch nichts getan! Ich hatte meinen König in nichts unterstützt! Dabei hatte ich geschworen, an seiner Seite zu herrschen! Ihn zu unterstützen!
Mittlerweile war ich so tief in meinen Gedanken versunken, dass ich schon nicht mehr wusste, wo ich war. Ich hatte vergessen, die Abbiegungen zu zählen. Fluchend biss ich mir auf die Lippe. „In Ordnung“, sagte ich leise. „Ich muss nur den nächsten Ausgang finden. Ausgänge sind gekennzeichnet, also nicht zu verpassen“, sprach ich ruhig und schritt langsam weiter. Nun vorsichtiger, da ich nicht mehr wusste, ob ich bald an einem Gefälle oder einer Steigung stünde. Eine Weile später erspürten meine Finger in der Dunkelheit das Symbol für einen Zugang. Weiter nur mit einer Hand – da ich Kaldor hier nicht loslassen wollte – tastete ich die Wand neben dem Zeichen ab und lächelte erleichtert, als ich einen hervorstehenden Stein unter meinen Fingerkuppen spürte. Jede Tür, jeder Aus- oder Eingang in diesem Tunnelsystem, war auf irgendeine Art und Weise einzigartig. Umso glücklicher war ich, dass ich wusste, wie dieser hier geöffnet wurde. Ich drückte den Stein in die Wand und ein leises Knacken ertönte. Jetzt suchte ich mit meinen Händen den Schlitz in der Mauer. Es müsste sich eine Ansammlung an Steinen aus dem Mauerkonstrukt getrennt haben und sich öffnen lassen. Auch wenn diese Zugänge die Schlimmsten waren. Es war immer furchtbar schwer, sie zu öffnen.
Wie sich wenig später herausstellte, war dieser hier wirklich nicht zu öffnen. Einen kleinen Spalt konnte ich aufdrücken, mehr aber nicht. Irgendwas blockierte ihn. Und durch den Spalt sah ich nichts als Dunkelheit. Ein leiser Fluch entkam meinen Lippen, ehe ich wieder damit begann, die Tür zuzuziehen.
Plötzlich, die Tür war noch nicht wieder ganz zu, drangen Stimmen an mein Ohr. Weibliche Stimmen, Weinen und herzzerreißende Schluchzer. Verwirrt und gleichzeitig entsetzt, runzelte ich die Stirn. Meine Bemühungen, den Zugang wieder zu verschließen, gerieten ins Stocken.
„Er hat sie getötet! Er hat sie uns weggenommen und getötet!“, schrie eine Frau verzweifelt und schluchzte wehleidig.
Wer hatte wen getötet?
„Das wissen wir doch gar nicht mit Sicherheit“, gab eine andere beruhigend von sich, der Zweifel an ihren eigenen Worten jedoch unverhohlen.
„Es sind Alarics Kinder gewesen! Natürlich hat er sie getötet!“, schrie die erste Frau wieder und warf sich, den Geräuschen nach zu urteilen, schwungvoll auf eine weiche Oberfläche. „Der neue König ist grausam“, fügte sie leise wimmernd hinzu. „So grausam. Wo ist sein Herz?“ Die andere Frau seufzte. „Ich wünsche ihm nur, dass er diesen Schmerz einmal am eigenen Leib erfahren wird!“ Ihre letzten Worte waren durchtränkt von Schmerz und Hass. „In wessen Schoss auch immer er Pflügen mag, um seine Gräueltaten zu vergessen – er soll verderben, sobald sein Samen Fuss zu fassen versucht.“
Tief in Gedanken versunken, schlich ich weiter durch die Gänge. Das Gespräch wollte mir nicht mehr aus dem Kopf. Und die Bedeutung dessen, was ich gehört hatte, wollte mir nicht so recht in den Kopf. Ich wollte nicht glauben, dass er so etwas getan haben könnte. Das wäre … das … Ein schweres Schlucken, ein Kopfschütteln und ich verdrängte den Gedanken. Das Gespräch war nach dieser letzten Verwünschung so leise geworden, dass ich nichts mehr hatte verstehen können. Also hatte ich die Tür mit schwerem Ächzen wieder geschlossen und mich auf die Suche nach einem besseren Ausgang gemacht. Aber wo war ich dort denn überhaupt gelandet?
Meine Finger strichen erneut über eine Markierung. Erleichtert atmete ich auf. So nützlich und vertraut diese Gänge auch waren; den ganzen Tag in Dunkelheit zu verbringen, war ursprünglich nicht mein Ziel gewesen. Zudem ich vollkommen das Zeitgefühl verloren hatte. Ich fand eine kleine Luke auf Knieebene und drückte sie leise auf. Auf dem Bauch rutschte ich durch die doch relativ schmale Öffnung, ehe ich sie wieder schloss und mich aufrichtete. Mein Blick schweifte nachdenklich über die Umgebung. Das Schloss war generell sehr verwinkelt. Aber ich war hier aufgewachsen. Die Wände waren schön tapeziert, der Boden aus Stein. Nun, das war er überall im Schloss. Also ging das nicht wirklich als Indiz durch. Die Kerzen und Fackelhalter an den Wänden waren ebenfalls im ganzen Schloss dieselben. Also ebenfalls keine Hilfe. Was sich allerdings in beinahe jedem Flügel unterschied, waren die Türen.
Die meisten Zugänge zu den Geheimgängen befanden sich in irgendeiner Sackgasse. Irgendwo, wo man nicht direkt gesehen wurde, wenn man sie betrat oder verließ. So auch dieser.
Leise ging ich einige Schritte, bis ich um eine Ecke bog. Die erste Tür, die mir ins Auge fiel, war mäßig geschmückt, aber gepflegt und relativ groß. Unverwechselbar der Gästetrakt. Der Südflügel des Schlosses. Was mir als Zweites ins Auge stach, versetzte meinem Herzen einen Stich. Wie gebannt blieb ich stehen und starrte auf das eng umschlungene Paar, stehend vor einem der Zimmer. Sie umarmten sich innig, das Gesicht jeweils in der Halsbeuge des anderen vergraben. Da stand mein Gemahl mit der fremden Frau und drängte sich ihr auf. Oder vielleicht war sie eine seiner Grigoroi und er hatte sie zu seinem Vergnügen herkommen lassen? Reichte ihm Leeander denn nicht? Mit dessen Gefühlen er offensichtlich spielte?
Plötzlich stoben die beiden auseinander und mein Gemahl sah mich an, als sähe er einen Geist. Ich löste mich aus meiner Starre und rauschte auf sie zu, mit dem Ziel, direkt und ohne sie eines Blickes zu würdigen, an ihnen vorbeizugehen. Ich bin die Königin. Ich bin die Königin. Ich bin die Königin. Ich sagte es mir immer wieder vor, wie ein schlecht gewähltes Mantra.
„Bleib stehen, Aurelie!“, rief der König, löste sich von seiner Geliebten und griff nach meinem Arm. „Herrje, wie siehst du denn aus?!“ Angeekelt musterte er mich von oben bis unten. Sein Blick blieb kopfschüttelnd an meinen Haaren hängen.
„Was?!“, fauchte ich wütend.
Mein Gemahl seufzte tief, während die Frau hinter ihm verhalten kicherte. „Hast du da Spinnweben im Haar?“, fragte er wenig begeistert und griff mir hinein.
Ich schielte mehr als auffällig nach oben, wobei sich meine Augenbrauen anhoben und mein Mund sich spitzte. „Ich denke … Ja. Offensichtlich“, gab ich nüchtern von mir, verdrehte die Augen und starrte ihn finster an. „Sonst noch was?“ Kurz schweifte mein Blick hasserfüllt zu der Frau hinter ihm, sogleich aber wieder zurück.
Nun konnte sich die schöne, schwarzhaarige Frau nicht mehr halten und lachte lauthals drauflos. „Bei Ora-Fides, ist sie das?“, fragte sie belustigt.
Wütend kniff ich die Augen zusammen und durchlöcherte sie mit Blicken. Dann drehte ich mich wortlos um und ging weiter. Hier irgendwo waren immerhin unsere – meine Gemächer.
„Wo willst du hin, Aurelie?!“, rief mein Gemahl mir hinterher.
„Weg“, murmelte ich leise. Keine Ahnung, ob er mich noch gehört hatte, aber es war mir auch egal. Vielleicht sollte ich mich öfter in den Geheimgängen herumtreiben. Immerhin schien er recht angeekelt. Dann müsste ich seine Anwesenheit vielleicht seltener ertragen. Einen Blick nach unten zeigte mir, dass auch Kaldor von den Spinnweben nicht verschont geblieben war.
„Dieses Kind …“, knurrte er wütend, fügte dann aber etwas lauter hinzu: „Du wirst übrigens heute noch in deine neuen Gemächer umziehen. Emili und Aurillia haben alles vorbereitet!“
Noch im Gehen drehte ich mich zu ihm um, ging aber rückwärts weiter. Dann rief ich ihm gespielt frohlockend zu: „Perfekt! Dann gehe ich jetzt kurz durchs ganze Schloss! Vielen Dank für Eure Güte, mein König!“ Die letzten Worte waren von Spott nur so durchzogen. Und natürlich wäre es für ihn beschämend, wenn seine Gemahlin in Hemd und Hosen und zusätzlich noch voller Spinnweben im ganzen Schloss gesehen würde. Aber ich war wütend. Ich wusste nicht, woher diese Wut kam, aber sie war da, und sie war stark. Und ließ mich zweifellos undurchdachte Dinge sagen.

































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