Kapitel 45 – Eine Welt aus Sand

Kapitel 45 – Eine Welt aus Sand

 

Rjna

Ein unangenehmes Knirschen auf meinen Zähnen und das trockene Gefühl auf meiner Zunge liessen mich aufschrecken. Eine Substanz … Mein ganzer Mund musste voll davon sein. Körnig, trocken und rau. Sand!

Stöhnend drehte ich mich auf den Rücken um, und nahm damit mein Gesicht aus dem sandigen Untergrund. Meine Augen öffneten sich, nachdem ich versucht hatte, sie mit unkoordinierten Bewegungen meiner Hände von den rauen Körnern zu befreien. Müde starrte ich in einen roten Himmel hinauf. Die Wolken mussten sich vor die Sonne geschoben haben. Eigentlich war es ein sehr schönes Bild. Es sah fast so aus, wie bei Sonnenuntergang, wenn die Sonne noch über den Horizont strahlte und die dichten Wolken in allen möglichen Farben erstrahlten.

Götter … Ich war so unsagbar erschöpft. Und hier fühlte es sich friedlich an. Wo auch immer ich gerade war. Ich fühlte mich fast wie … zu Hause. Die körnige Struktur des Sandes in meinen Händen, die schwüle Hitze, nichts davon fühlte sich fremd an. Irgendwann fielen mir die Augen zu und ich gab mich meiner Erschöpfung hin. Wieso war ich denn so müde? Was war passiert? Mein Körper bestand einzig aus Schmerz. Mein rechter Arm …

 

Plötzlich war da eine stupsende Berührung an meiner Schulter und riss mich aus dem Schlaf. „Equdek, nem nir?“ Was? Schnell riss ich den Kopf herum. Kinder? Erschrocken sprang das Mädchen, das mich eben noch angestupst hatte, zurück. „Adequ, sack nik!“

„Madereu sons trim!“, sprach der Junge, hinter dem sie sich jetzt versteckte, beruhigend. „Mak-tel! Mi tak-tak!“

„Mak-tel el, sie …“

Die Laute … sie kamen mir vertraut vor. Ich … kannte diese Sprache … Erschöpft murmelte ich: „Ad … mi …  son?“ Wo bin ich? Meine Kenntnis der alten Sprache hatte ihre Grenzen. Aber Mutter hatte mir als Kind einige Worte beigebracht. Vorüberwiegend dann, wenn sie ihre Erregung nicht mehr zurückhalten und sich lautstark fluchend über Vater beschwert hatte. Nur eben in einer ihm fremden Sprache.

Als die Kinder realisierten, dass ich ihre Sprache sprach, wurden sie ganz zappelig. Das Mädchen kreischte auf. „Aber sie ist doch eine Shiuske!“

Das letzte Wort kannte ich nicht.



„Das wissen wir nicht, Miudah. Sie spricht unsere Sprache. Könnte sie nicht …“ Der Junge fuhr sich mit einer Hand durch die Haare und offenbarte dabei zwei kleine Hörner, die ihm vom Kopfe abstanden.

„ … aus einem der anderen Dörfer?“, vollendete das Mädchen. Der Junge nickte. „Aber was soll sie hier?“

„Was weiss ich, du sagst doch immer, du bist die …!“ Achmos?

„Aber du bist der Ältere!“

„Aber du hast schon …!“ Kmierk?

Schnaubend verschränkte das Mädchen die Arme vor der flachen Brust. „Ich bin ja immerhin auch eine Frau!“

Mein Kopf begann zu pochen. Jahre war es her, seit ich diese Sprache das letzte Mal gehört hatte. Und auch damals hatte ich nur bruchstückhaft verstanden, was Mutter gesagt hatte. Das Pochen in meinem Kopf wandelte sich zu einem stechenden Schmerz. Gedankenverloren schweifte ich ab, zu Fredi, zu unseren Gesprächen und wie wir uns ständig gestritten hatten, aber untereinander auch nicht selten diese Sprache gesprochen und sie auf diese Weise geübt hatten. Genauso hatten wir uns damals auch angehört, dessen war ich mir sicher. Der Klang streitender Geschwister war stets derselbe, egal, welchen Stimmen er entsprang.

Meine Augenlider flatterten. Irgendwann wurde ich wieder angestupst, reagierte aber nicht mehr darauf. Ich war unermesslich müde. Mein Körper schmerzte. Mein Arm … Was war denn nur mit meinem Arm? Schwerfällig hob ich das Haupt. „Oh …“ Mit einem dumpfen Plumpsen fiel mein Kopf zurück in den Sand. Was waren das für hölzerne Strukturen um meinen Arm herum?

Der Junge, der mich gerade noch angestupst hatte, schüttelte schweigend den Kopf und ging zu seiner Schwester zurück. „Sie ist des Todes.“

„Sollen wir es Mutter und Vater …?“

„Nein.“

Mit einem letzten Blick auf mich, wandten sich die beiden um und gingen langsam davon. Am Rücken des Mädchens hingen lange Lederfetzen herab, die von Zeit zu Zeit in die eine oder andere Richtung zuckten.

Schwach schüttelte sich mein Kopf, so langsam, und doch wurde mir dadurch wieder kurz schwarz vor Augen. „Götter“, hauchte ich. „Was passiert hier nur?“

 

Als ich wieder aufwachte, war es gespenstisch still. So still, dass ich das Flirren der Luft in meinen Ohren sirren hörte und die unendliche Weite unzähliger Dünen, die mich umgaben, förmlich spüren konnte. Mit einem gewissen Mass an Überraschung stellte ich fest, dass ich mich gar nicht mehr müde fühlte. Gähnend rieb ich mir den Sand aus den Augen und setzte mich auf. Stille. Unendliche Stille. Und es war eine schöne Stille, selbst der Tatsache bedacht, dass sie mir in den Ohren schmerzte. Doch dann wurde sie unterbrochen. Ein Rauschen? Ein Schleifen? Ich vernahm es, lange bevor hinter der nächsten Düne ein Gefährt auftauchte. Dennoch blieb ich wie versteinert sitzen und rührte mich nicht vom Fleck. Das Gefährt sah aus wie eine Mischung aus Boot und Kutsche. Zwei Reittiere waren davor gespannt, und auf dem Gefährt erhoben sich drei grosse Gestalten. Die Tiere, die das Ungeheuer von einem Gefährt zogen, hatten etwas Faszinierendes an sich, wie sie so problemlos über den rauen Sand liefen und schnell an Strecke zurücklegten. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich erkannte, worauf das Gefährt zusteuerte. Eine Mischung aus Entsetzen und Neugierde machte sich in mir breit, doch meine Starre blieb. Kurz bevor sie mich erreichten, drangen Stimmen zu mir.



„Qun-mit, quergen si!“

„Knel mi-ta-te.“

Schon wieder sprachen sie in der alten Sprache. Doch dieses Mal waren es Worte, die mir unbekannt waren. Ich rappelte mich auf. Sollte ich laufen? Sollte ich fliehen?

„Mituske!“, schrie eine der drei Gestalten, die Grösste unter ihnen, befehlerisch. Kurz darauf wurde etwas von Bord geworfen.

Dann ging alles ganz schnell. Noch ehe ich realisiert hatte, was geschah, spürte ich, wie sich ein grosses Gebilde aus Fäden um mich legte und sich mit dem nächsten Befehl immer mehr zuzog. „Etuske!“

Die Seile zogen mich ruckartig in Richtung des Gefährts und rissen mich von den Beinen. Mit jedem meiner Versuche, mich aus den Seilen zu befreien, zogen sie sich enger um meine Glieder. Mein Körper, inklusive dem Nachthemd, das ich trug, wurde eng verschnürt. Angst flammte unter meiner Haut. Immer näher kam ich den drei grossen, breitgewachsenen Gestalten, von denen zwei damit beschäftigt waren, mich zu sich zu ziehen. Über eine Rampe schafften sie mich an Bord. Der Grösste unter ihnen wandte sich daraufhin den pferdeähnlichen Tieren zu und lenkte sie in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Die anderen beiden Männer stellten sich vor mich, die Beine gespreizt, die Hände in die Hüften gestemmt oder vor der Brust verschränkt.

„Was haben wir denn hier, hihi?“

Ängstlich wandte ich den Blick ab. Ein unbändiges Zittern nahm meinen Körper ein. Kein bisschen konnte ich mich mehr bewegen, nur mein Kopf, liess sich noch drehen. Meine Brust hob und senkte sich in rasender Geschwindigkeit, getrieben von dem Wunsch nach Freiheit in dem engen Geschnüre, und meine rechte Körperseite war vom rauen Sand, über den man mich gezogen hatte, aufgeschürft und blutete, wenn mich meine Nase nicht trog.

Der, der gesprochen hatte, stiess unsanft seine Stiefelspitze in meinen Bauch und brachte mich damit dazu, unterdrückt aufzukeuchen. Er lachte auf. Der neben ihm stimmte mit ein. „Ein Mädchen mit Lebenswillen!“ Wo der, der zuerst gesprochen hatte, zumindest äusserlich noch wie ein Mensch wirkte, hatte dieser hier dunkelgraue Haut und zwei grosse Hörner auf dem ansonsten kahlen Kopf. Darüber hinaus ragten ihm zwei überdimensionale Stosszähne aus dem Unterkiefer. Beide trugen sie nicht mehr als einen Lendenschurz, um sich zu bedecken.



Der Grösste unter ihnen tätschelte dem Getier, um das er sich gerade noch gekümmert hatte, belohnend den Hals, ehe er sich, offenbar zufrieden mit dem neu eingeschlagenen Kurs, wieder umdrehte und seinen scharfen Blick mir zuwandte. Schweigend kniete er sich vor mich hin und begann mich zu mustern.

Ich schluckte schwer und meine Augen wurden gross, als ich die grau-schwarzen Schuppen entdeckte, die seine Haut an den Stellen überzogen, an denen ein Mensch Hornhaut bilden würde. Seine Ellenbogen, seine Knie, aber auch am Hals und an den Fingerknöcheln waren Schuppen in die schwarze, aber runzelig wirkende Haut eingebettet. Sein langes, graumeliertes Haar hatte er sich in einem strengen Zopf am Kopf entlanggeflochten und seine Augen – von feinen Falten umrahmt – sprachen von langjähriger Erfahrung, aber auch Durchsetzungsvermögen und Strenge.

„So viel Lebenswille, dass es zur Shiuske wurde“, stellte ersterer, der Menschenähnliche, etwas ruhiger fest, spielte aber nervös mit seinen Klauen. „Und jetzt ist es mucksmäuschenstill. Nicht wahr, kleine Shiuske?“, höhnte er, beugte sich zu mir hinab und pikste mir mit einer Kralle schmerzhaft durch das Netz hindurch in die Wange.

Scharf zog ich die Luft ein, einen Schrei unterdrückend, und versuchte mich erneut aus dem Netz zu befreien, verhedderte mich aber nur noch mehr. Tränen liefen mir die Wangen hinunter und schliesslich durchbrach mein Schluchzen die Stille der endlosen Wüste. Wo waren denn nur alle? König Kelevan? Xelus? Ich wimmerte und rollte mich zusammen. „Ich will nach Hause …“

„Was ist denn damit los?“, fragte der Zweite, der mit den Stosszähnen, verwirrt, und zog die Stirn kraus. „Wieso empfindet es noch Schmerz? Und wieso weint es?“

„Das spielt keine Rolle“, mischte sich die tiefe, raue Stimme des Dritten ein, des Grössten unter ihnen.

„Wir können aber vorher noch unseren Spass mit ihr haben, nicht? So eine schöne Shiuske einfach nur zu beseitigen, wäre doch Verschwendung.“ Der Menschenähnliche leckte sich lasziv über die Lippen. Den Mund schmollend verzogen, brummte er: „Ich bin mir sicher, ihr Blut hat zu Lebzeiten noch ganz vorzüglich geschmeckt.“

Mein Blut? Ich dachte … Vampire tranken doch nicht von …?!



„Unter normalen Umständen käme ich dir da ja nicht in die Quere, Nek. Aber normalerweise fühlen Shiuske auch nichts mehr. Du wirst also deine … Finger von ihr lassen, verstanden?“ Der Grösste unter ihnen richtete sich auf.

Nek winkte ab. „Ach, ist doch Nebensache! Sicher simuliert es nur! Wie du gesagt hast: Shiuske fühlen nichts mehr. Wir können uns also nach Lust und Laune…“

„Nein“, kam es entschieden vom Grössten, welcher mich noch immer intensiv musterte. „Wie bist du gestorben, Kleines?“, fragte seine tiefe Stimme, die mir einen Schauder durch den Körper jagte. „Verstehst du mich überhaupt?“

„Es kommt doch aber von Jenseits, Baruk. Dort spricht man unsere Sprache nicht.“

Ich schluckte schwer. „Mi …“ Meine Kehle war fürchterlich trocken. „Mi … tok …“ Ich runzelte die Stirn. Ich hatte diese Sprache Jahre nicht mehr gesprochen. „Mi tok ni siu!“ Ich bin nicht tot! Zumindest hoffte ich, dass ich das gesagt hatte.

Der Grosse runzelte die Stirn, während der mit den Stosszähnen lachend den Kopf schüttelte. „Es spricht ja tatsächlich!“

Da stöhnte Nek: „Ja, aber nicht unsere Sprache. Das klingt eher nach dem … eines kleinen Kindes.“

Ich schnappte nach Luft, kämpfte ein weiteres Mal gegen die Seile an und schrie verzweifelt: „Wieso versteht ihr mich nicht, verdammt?!“

Glucks. Glucks. Der Versuch, mir beschämt die Hand vor den Mund zu halten, wurde durch die Seile vereitelt.

Sprachlos, die Münder leicht geöffnet, starrte die Gruppe auf mich hinab. Da kratzte sich der mit den Stosszähnen im Nacken und sprach kleinlaut zum Grossen: „Ehm, Baruk? Ich habe noch nie eine Shiuske gesehen, die …“

Noch einen Moment hielt die Starre der beiden anderen an. Doch als der Sandschlitten durch irgendein Hindernis erschüttert wurde, kamen sie wieder zu sich. Baruk schüttelte den Kopf. „Wir werden es los. Seht zu, dass wir bald ankommen.“ Mit einem kaum erkennbaren Funken Mitleid in den Augen blickte er noch einmal auf mich hinab. „Bald fühlst du nicht mehr.“

 

„Rjna! Rjna, wach auf!“ Irgendjemand tätschelte meine Wange. „Rjna!“

Keuchend riss ich die Augen auf. Plötzlich fand ich mich senkrecht im Bett sitzend wieder. „Wer? Was?!“

„Aua …“



Mein Blick schoss zur Seite. „Sillia …?“ Erleichtert stiess ich die Luft aus und legte mir eine Hand vors Herz. „Erschrecke mich doch nicht so …“ Was war das für ein Traum gewesen?

„Mh …“ Das Gesicht zu einer zerknirschten Grimasse verzogen, rieb sie sich die Stirn. „Du hast einen ganz schön harten Schädel. Und du hast geschrien, da dachte ich, ich versuche dich zu wecken. Was auch gut war, wie ich sehe.“ Ihr Blick hing an meinen Augen. „Was machst du denn schon wieder? Läufst du heiss?“ Ihre Hände hoben sich in einer Unschuldsgeste. „Ich habe nichts versucht!“

Meine Augen klebten fest an der Brandwunde, die ihre rechte Hand zierte und nur langsam verheilte. Nach einer Weile schaute ich weg. „Das da tut mir sehr leid, Sillia.“ Langsam kam mein Atem wieder zur Ruhe. „Das war damals nicht gewollt, ich hoffe du weisst das.“

Vorsichtig, als wäre sie darauf gefasst, die Hand sofort wieder zurückzuziehen, legte sie mir ihre Hand auf den Rücken. „Ach …“ Ihre Mundwinkel zuckten. „Das war doch nichts. Vergeben und vergessen. Aber … sag, was hast du gemacht, dass deine Augen …“ Unsicher sah sie sich im Zimmer um. „Naja …“

Wir befanden uns in einem Gemach. Wenn mich meine Erinnerung nicht trog, in dem des Königs. Vermutlich befürchtete sie, dass wir belauscht werden könnten. „Nichts … Nichts habe ich gemacht. Ich hatte nur einen merkwürdigen Traum.“ Meine Stirn runzelte sich, während ich mich, von einem plötzlichen Schwindel erfasst, an Sillias Arm festhielt.

Sillia nickte stirnrunzelnd, stiess die Luft aus ihren Lungen deutete mit einem Nicken auf meinen Körper. „Möchtest du dich nicht umziehen? Das Nachthemd ist ganz nass.“

„Was? Oh … ja.“

Vorsichtig half mir Sillia, an die Bettkante zu sitzen. „Einen Moment, bleib hier sitzen, ich hole dir ein Neues.“ Und schon war sie aus dem Zimmer verschwunden. Bald darauf hörte ich die Geräusche sich nähernder Schritte. Doch sie waren schwerer als Sillias. Angespannt hielt ich die Luft an. Sollte ich mich im Badezimmer verstecken? „Prinz Alomis?!“ Meine Schultern sackten nach vorn. Sie war schon wieder da. „Würde es Euch etwas ausmachen, zu warten, bis sich die Prinzessin frisch gemacht hat? Sie ist gerade erst wieder erwacht.“



Ein leises Murren, undeutlich gesprochene Worte und ein Dank seitens Sillia folgten.

Als diese wieder das Gemach betrat, atmete sie scharf aus. „Hast du die Männer hier verzaubert, oder wieso können sie kaum die Augen von dir lassen? Prinz Alomis, der König …“ Verärgert schüttelte sie den Kopf.

In meinem Kopf drehte sich alles … „Sillia, was ist passiert?“

Stumm deutete mir meine Freundin aufzustehen und half mir folgend dabei, das verschwitzte Nachthemd auszuziehen. „Du warst mehrere Tage bewusstlos … An jedem einzelnen davon hat dir der König Blut eingeflösst. Er ist die ersten zwei Tage sogar kaum von deiner Seite gewichen, aber …“

„Der König? Zwei Tage?“ In meinem Kopf war alles verschwommen.

„Du bist … wie ein Wirbelwind durchs Wohnzimmer gefegt.“ Sillias Mundwinkel zuckten bei der Erinnerung daran, bald jedoch wurde sie wieder ernst. „Du hast allerlei Möbelstücke zu Bruch gehen lassen. Und dann“, sie hob ihre Hand, legte sie mir an die Schläfe und fuhr mit dem Daumen über meine Stirn, „bist du in die Wand gelaufen. In Vampirgeschwindigkeit.“

Das würde die Kopfschmerzen erklären.

Sillia griff nach dem Kleid, das sie mitgebracht hatte, sah mich aber so besorgt an, dass ich nicht anders konnte, als mir ein Lächeln auf die Lippen zu zwingen und all meine aufgewühlten Gedanken zum Schweigen zu bringen. „Es ist alles wieder gut. Mir ist nur noch etwas schwindelig.“ Als wollte mein Körper beweisen, wie sehr er meiner Aussage zustimmte, schoss in diesem Moment meine Hand vor, um sich an Sillia abzustützen.

„Setz dich, dann ziehe ich dir das Kleid über.“ Und so ward es gemacht. „Alomis wird dich gleich noch untersuchen. Der Bruch an deinem Arm ist in den letzten vierzehn Tagen zwar gut verheilt, aber noch empfindlich.“

Das hatte ich auch gerade bemerkt. Es dauerte eine Sekunde, ehe die Zeitangabe zu mir durchgedrungen war. „Vierzehn Tage?!“, krächzte ich erstickt.

„Und“, stirnrunzelnd legte sie ihre Hand unter mein Kinn und hob es hoch, lächelte dann aber, „das ist auch wieder in Ordnung.“

Also hatten sich meine Augen normalisiert? „Gehst du später wieder in die Stadt?“

Ertappt blickte sie auf. „Ich war die letzten Tage häufiger. Wenn du mich brauchst, kann ich auch …“



„Aber nicht doch.“ Lächelnd schüttelte ich den Kopf. „Deine Verehrer würden dich vermissen.“

Ein verlegenes, zögerliches Lächeln nahm ihre Lippen ein. „So ist das doch gar nicht …“

„Ich weiss schon. Du musst mich unbedingt einmal mitnehmen. Ich würde auch so gern helfen. Und einer nutzbringenden Aufgabe nachgehen.“

Sillia griff nach meiner Hand und drückte sie. „Ich bin sicher, sie würden sich freuen, dich kennenzulernen. Oh, da fällt mir ein … in der Stadt gehen Gerüchte um. Über ein Wesen mit langen Stosszähnen, einer furchterregenden Fratze und orange leuchtenden Augen. Es soll auch hier im Schloss gesichtet worden sein.“ Verdutzt erwiderte ich ihren Blick und Sillia verdrehte die Augen. „Ich bin sicher, die Gerüchteküche wurde vom gelangweilten Adel noch zusätzlich angeheizt.“

Als mir bewusst wurde, dass vor der Zimmertür Alomis wartete, und vermutlich jedes Wort hören konnte, sprach ich langsam: „Danke für die Warnung. Dann sollten wir wohl vorsichtig sein, wenn wir alleine unterwegs sind. Das gilt auch für dich. Pass in der Stadt auf dich auf.“ Aber wie konnte es nur sein, dass man mich gesehen hatte, wenn ich doch tagelang geschlafen haben sollte? Ich konnte mich sogar wage an einen Traum … einen wirklich fürchterlichen Traum erinnern …

Unverwandt klopfte es an der Tür. „Ja?“ Oh …! König Kelevan betrat seine Gemächer. Hinter ihm erschien Prinz Alomis, wie immer ein ausdrucksloses Gesicht machend. „Ich habe gehört, du bist wieder erwacht. Wäre es dir recht, mich in meinem Arbeitszimmer aufzusuchen, sobald Alomis mit dir fertig ist?“

„J…ja, natürlich!“

 

Noch ehe ich mit meiner Hand an die massive Holztür vor mir klopfen konnte, erklang schon des Königs Stimme. „Komm rein.“

Zaghaft öffnete ich die Tür. „Mein König? Ich bin es …“

Der König erhob sich, strich sich die Kleidung glatt und fuhr sich mit den Händen einmal durchs schulterlange, hellbraune, wellige Haar. „Komm, gehen wir ein Stück.“

Mein Blick war an seinem Oberarm hängen geblieben, als dieser sich beim Heben seiner Hand, um sich damit durch die Haare zu fahren, merklich vergrössert hatte. Hastig schluckte ich den vielen Speichel hinunter. „J…ja.“ Ohne Eile schritt der König um seinen Schreibtisch herum, kam auf mich zu und bot mir seinen Arm, den ich etwas verlegen annahm, und so, schnell den Blick zur Seite wandte. „Wo gehen wir hin?“



„Nach draussen, in den Garten. Es wird immer kälter und die Blätter sind in den schönsten Farben gefärbt. Das wird dir gefallen.“

Mir gefallen? Wieso war der König eines ganzen Reiches darum bemüht, mir … zu gefallen? Nein! Nur meine Umgebung, nicht er selbst …! Verwirrt über meine eigenen wirren Gedankengänge schüttelte ich leicht den Kopf, was den König unvermittelt zum Innehalten brachte.

„Oder möchtest du nicht? Ist dir vielleicht zu kalt?“

„Nein“, meine Stirn runzelte sich irritiert über den besorgten Ton, den der König anschlug, „alles bestens.“

 

Gemächlich schlenderten wir durch den unglaublich grossen Schlossgarten. Bäume, Büsche und Sträucher, die in allen Farben blühten, aber auch Statuen aus Stein zierten die feinsäuberlich gepflegten Wege der grossen Grünfläche.

Doch schon nach wenigen Minuten verfluchte ich mich für meine vorhergegangene Verneinung, auf des Königs Frage, ob mir nicht zu kalt wäre. Wieso nur hatte ich nicht darauf bestanden, noch einen Mantel überziehen zu gehen? Nur, weil ich zu faul gewesen war, den Weg ins Gemach des Königs noch einmal auf mich zu nehmen? Ich war ganz fürchterlich müde. Und mir schwindelte, seit ich aufgestanden war. Aber abgesehen davon hatte ich auch gar keine Kleider mehr. Die waren allesamt dem Feuer in Tadurials Haus zum Opfer gefallen, das hatte mir Sillia heute gebeichtet. Und dann hatte ich mich auch nicht getraut, den König um einen Mantel zu bitten …

„Machst du dir Sorgen?“

„Hm?“ Fragend sah ich auf.

„Ich habe gehört, was deine Zofe zu dir gesagt hat. Über den entflohenen Magier.“

„Ach so …“ Ich konnte ihm schlecht sagen, dass ich diese Person war, über die da in der ganzen Stadt gesprochen wurde, ich mich aber an nichts davon erinnern konnte. „Ein wenig.“

Der König blieb stehen und wandte sich mit seinem ganzen Körper mir zu. „Das musst du nicht. Du bist jetzt eine Prinzessin. Und ich beschütze meine Familie.“ Seine Hand hob sich zögerlich und legte sich an meine Wange. Ein sanftes, verträumtes Lächeln – eines, das ich noch nie bei ihm gesehen hatte – legte sich auf seine Lippen.

Mir hingegen wurde ganz bang. Was sollte das werden? Es fühlte sich komisch an, wie er mich ansah. „Äh …“ Jetzt wich sein Blick zu meinem Mund. „Wunderbar!“ Hastig machte ich mich von ihm los und stolperte weiter. „Der Garten ist wirklich ganz bezaubernd, Majestät, genauso wie Ihr es gesagt habt! Und die Blätter …, atemberaubend!“



Für einen Sekundenbruchteil wandte ich mich zu ihm um. Eine Emotion huschte über sein Gesicht, so schnell, dass sie für mich gänzlich ungreifbar war. „Was hattest du eigentlich kurz vor unserem ersten Treffen in der Kampfhalle zu suchen? Und dann auch noch im Bedienstetenbereich?“ Er holte auf und bot mir erneut seinen Arm.

Mein Mund klappte auf. „Woher …? Aber … mich hat doch niemand gesehen!“

Der König schmunzelte. „Du warst nicht gerade leise, als du da in der Waffenkammer Radau gemacht hast.“

Verlegen sah ich zu meinen Füssen. „Ich …“

„Wieso warst du da?“ Hauchsanft streifte seine Hand meinen Arm und liess meine Beine, die soeben noch zur Flucht angesetzt hatten, abrupt zum Stillstand kommen.

Ich schluckte leer; meine Kehle war ausgetrocknet bis zum letzten Tropfen. „Fredi.“ Es schmerzte, diesen Namen nach so langer Zeit zum ersten Mal wieder laut auszusprechen. „Meine Schwester.“ Mein Blick glitt hoch, zum Antlitz des Königs. Doch dessen Stirn war gerunzelt. Er verstand nicht. „Sie haben sie umgebracht. Meiner Schwester das Leben geraubt.“ Ich machte eine kurze Pause; holte tief Luft. „Genral ist ganz anders als Mornem, Hoheit. Hier mag man seinen Feinden vergeben. Aber ich bin nicht hier geboren.“

„Auge um Auge? Das ist es also, was du willst? Rache?“

Schnell wandte ich den Blick ab, um die Tränen, die sich ungefragt in meine Augen stahlen, zu verstecken. Das habe ich geschworen, dachte ich stumm, die Lippen aufeinandergepresst. Ihre Seele hängt doch daran. Genauso wie mein eigenes Seelenheil.

Der König räusperte sich, wandte sich wieder dem Weg zu und bot mir erneut seinen Arm an. „Was hat Alomis gesagt?“

Themawechsel. Ja, wieso nicht? Ich winkte mit der linken Hand ab und hakte mich mit dem rechten Arm ein. „Prinz Alomis meinte, der Arm ist besser verheilt, als er sollte.“

Der König nickte, den Blick geradeaus auf einen Baum gerichtet, dessen bunt eingefärbte Blätter in der Abendsonne ungezähmt funkelten. „Das stimmt. Deine Selbstheilungsfähigkeiten, aber auch deine Vampirgeschwindigkeit entsprechen nicht denen eines Jungvampirs.“ Den Kopf ein klein wenig schiefgelegt, wandte er sich mir zu. „Aber eigentlich meinte ich, ob ihm sonst etwas aufgefallen ist. Du hast sehr lange geschlafen. Hat er erwähnt, wieso?“



Erwähnt, wieso? „Majestät? Eure Ausdrucksweise deutet mir, dass Ihr eine Ahnung habt. Aber nein. Prinz Alomis hat nichts dergleichen mir gegenüber erwähnt.“

Der König atmete schwer aus. „Das habe ich mir schon fast gedacht …“ Daraufhin versank er in gedankenverlorenes Schweigen, während ich an seinem Arm hing und mich mehr und mehr abstützen musste. Ihm jedoch schien es noch nicht einmal aufzufallen. War ich für ihn so leicht? Erst als ich auf einmal, nur für einen Sekundenbruchteil, nichts mehr sah und stolperte, wurde er aus seinen Gedanken gerissen, legte blitzschnell seine Hände an die Seiten meiner Hüfte und hielt mich daran aufrecht. „Rjna?“

Benommen nickte ich. „Es ist alles … bestens …“

Er knurrte leise. „Das sagst du mir heute schon zum zweiten Mal.“ Seine Hände glitten weiter hoch, über meine Hände und nackten Arme, und hielten erst an meinen Oberarmen inne. „Ausserdem frierst du und sangst kein Wort!“

Er hatte recht. Eine dicke Gänsehaut überzog meinen Körper. Ausserdem hielt ich das Zittern meiner Zähne nur noch mit Mühe zurück. Doch ein anderes Kleid hatte Sillia auf die Schnelle nicht gefunden. Und ich hatte den Spaziergang nicht aufgrund dieser Lappalien vorzeitig beenden wollen.

Der König schnaufte schwer ein und aus, dann hob er mich plötzlich in seine Arme und trug mich Schritt für Schritt wieder den Weg zurück, fest an seinen Körper gedrückt. Dieser sonderte, sehr zu meinem Leidwesen, aber keinerlei Wärme ab. Und trotzdem, die Hoffnung, die Sehnsucht nach Wärme war da, und mein Verstand empfand es als logisch, sie bei einer anderen Person zu suchen.

„Da ist noch etwas, worüber ich dich aufklären muss“, sprach er, blickte aber weiter geradeaus, sodass mir nur der Blick auf sein markantes Kinn blieb. „Es geht um Xelus’ Abreise. Dein Befinden …, dein Verhalten … das alles ist nicht deine Schuld.“ Die Lippen fest aufeinandergepresst, blickte er auf mich hinab, die ich mich im grundlegenden Bedürfnis nach Wärme an ihn geschmiegt hatte, ohne auch nur einen Gedanken an Anstand und Sittigkeit zu verschwenden. „Man nennt es Bindungsentzug …“

Wie gut gefällt dir dieses Buch?

Klicke auf einen Stern zum bewerten.

Durchschnitt 0 / 5. Anzahl: 0

Bisher keine Bewertungen

Kommentare