Kapitel 47 – Aurelies erste Ratssitzung
Kapitel 47 – Aurelies erste Ratssitzung
Aurelie
„Wir brauchen eine größere Stadtwache!“
„Das können wir nicht bezahlen! Die Staatskassen sind leer!“
„Wer soll denn aber dann die ganzen freigelassenen, wildgewordenen Menschen in Zaum halten? Wir müssen sie unter Kontrolle bringen!“
Die lauten Stimmen drangen aus dem Besprechungssaal, sobald einer der Grigoroi meines Gemahls für uns die Klinke nach unten drückte und die Tür sich einen Spalt auftat. Meinen Arm hatte ich bei meinem Gatten eingehakt, meinen Kopf streng erhoben. Ich war Königin und ich ließ es jeden sehen. Auch wenn ich selbst mich nur klein und unbedeutend fühlte.
Wir betraten den Raum und sofort kehrte Ruhe ein. Alle Augen waren auf uns gerichtet. Nein, auf mich, wie ich nach kurzer Zeit erkannte. Die Minister erhoben sich und verbeugten sich vor uns, während mein Gemahl mich an dem langen Tisch entlangführte, an dem bestimmt zwanzig Vampire sitzen konnten. Allerdings saßen lediglich sechs an dieser Tafel. Jeder kam mir bekannt vor. Jeden von ihnen hatte ich bereits einmal gesehen, aber an ihre Namen erinnerte ich mich nicht.
Mein Gemahl zog mir den Stuhl heraus und ich setzte mich. Mein Rücken war gerade, meine Brust herausgestreckt und mein Haupt erhoben. Auch er setzte sich, direkt zu meiner Linken, und reichte mir, wohl der symbolischen Einigkeit wegen, die Hand. Sachte legte ich meine hinein und blickte ihm kurz in die Augen. Blau und grau, wie immer, und doch jedes Mal wieder verführerisch auf ihre ganz eigene Art. Ob sie vor Hass Funken sprühten oder vor Freude glänzten, sie waren einzigartig.
Der König wandte den Blick zu den Ministern und räusperte sich ungeduldig. „Wären die Herren so freundlich, sich ihrer Majestät vorzustellen?“
Der jüngste der Minister sprang noch in derselben Sekunde, in der mein Gemahl die Aufforderung aussprach, aus seinem Sitz hoch.
Übereifrig, notierte ich mir geistig.
„Meine Königin. Es freut mich sehr, dass mir die Ehre Eurer Bekanntschaft persönlich zuteil wird!“ Er hatte braunes, kurzes Haar, grüne Augen und einen leichten Bartschatten. Das Gesicht war kantig. Vermutlich gutaussehend.
Ein anderer Mann verdrehte die Augen, während er dachte, ich wäre auf den Jungspund fokussiert. Aber ich war nicht einhundert-dreizehn Jahre alt geworden, ohne jegliches Wissen über Politik und Vampirkunde. Auch wenn es mich nie wirklich interessiert hatte, so kam das Wissen der unzähligen Lehrstunden nun wieder hoch. Ein weiterer Blick in die Runde offenbarte mir den Hohepriester. Ein kurzes Lächeln in seine Richtung konnte ich mir nicht verkneifen, auch wenn es gegen die Regeln war. Als der Jüngste wieder zu reden anfing, glitt mein Blick zu ihm zurück.
„Ich bin Graf Zyrill Dreidolch, Meister der Bündnisse und Minister des Inneren Rates. Mir obliegt es, die diplomatischen Verhandlungen mit den anderen Reichen zu führen. Im Inneren Rat seiner Majestät … nun, des Königshauses, bin ich seit fünfzig Jahren.“ Er lächelte mir auf eine Art und Weise zu, wie man es einem kleien Kind gegenüber tun würde. Und auch seine Erklärung …
„Danke für Eure Ausführungen, Graf Zyrill“, sagte ich emotionslos, nachdem er geendet hatte. Ohne ihm einen weiteren Blick zuzuwerfen, ließ ich meinen Blick zum nächsten gleiten. Wo der Jungspund – ich meinte natürlich Graf Dreidolch – offensichtlich über meine Anwesenheit erquickt war, so stimmte sie die anderen Mitglieder des Rates eher mürrisch. Oder waren sie sogar enttäuscht, ob meiner fehlenden Reife? Dabei hatten sie mich alle bei der Krönung gesehen.
Auffordernd blickte ich den nächsten an, der nach einigen Momenten auch zu sprechen anfing: „Ich heiße Graf Leonard Eber, meine Königin.“ Er hatte langes, blondes Haar, welches ihm in einem streng geflochtenen Zopf über die Schulter fiel. Dazu ein kleiner, gut gepflegter, ebenfalls blonder Schnurrbart. Er war auf jeden Fall älter als Graf Dreidolch, allerdings war der Versuch, bei Vampiren das genaue Alter einzuschätzen, ein Schuss ins Blaue. „Ich bin der Meister des Handels. Sehr erfreut.“ Er blieb sitzen, neigte aber leicht den Kopf, was ich knapp erwiderte.
„Graf Meldin Achos, Majestät“, fing der nächste an, nachdem ich ihm meine Aufmerksamkeit geschenkt hatte. „Ich bin Meister der Stadt und für alles verantwortlich, was das Innere unserer Hauptstadt betrifft.“ Rotes Haar fiel ihm in einem streng nach hinten gebundenen Pferdeschwanz über den Rücken, während braune, stechende Augen mir das Gefühl von Minderwertigkeit verpassten.
Nach einem leichten Räuspern meldete sich der nächste Vampir. „Mein Name ist Demos Targes. Meister der Wache.“ Schwarzes, bereits leicht ergrautes Haar, zog sich in einer straffen und komplizierten Flechtfrisur seinen Kopf entlang. Die Augen, so dunkel wie der Nachthimmel, waren ausdruckslos auf mich gerichtet. Offensichtlich war er kein Freund von Titeln oder blindem Respekt. Weder hatte er mich mit Titel angesprochen, noch hatte er seinen genannt, wobei mir klar war, dass er als Minister des Inneren Rates den Rang eines Grafen innehatte. Noch hatte ich ihm keinen Grund gegeben, mich zu respektieren. Daher ignorierte ich den leicht stärker gewordenen Händedruck meines Gemahls und strich ihm instinktiv beruhigend mit dem Daumen über den Handrücken. Ich hatte das im Griff. Die Zeit als Sklavin hatte mich abgehärtet und die Blicke der Ratsmitglieder prallten an mir ab. Ja, ich war zu jung, aber gewiss nicht dumm!
Der nächste und damit letzte mir unbekannte Mann strahlte reinste Unsympathie aus. Seine Augen waren eisblau, die Statur eher schmächtig und die Augen klein und stets zusammengekniffen. Hellbraunes Haar hing ihm in einer halblangen, unvorteilhaften Frisur über die Stirn und verstärkte meinen Eindruck. Die schmalen Lippen posaunten seinen Unmut offen heraus. „Meine Königin“, sprach er mit einem leidigen Nicken seines Kopfes. Das Erste, was mir auffiel, und das ich wohl niemals wieder vergessen könnte, war die hohe, piepsige Stimme, die mir eisige Schauer über den Rücken jagte. „Mein Name ist Graf Altrus Seibling. Meister der Münze.“
Nachdem sich alle Männer vorgestellt hatten, und auch der Hohepriester kurz den Kopf geneigt hatte, lag der erwartungsvolle Blick aller Anwesenden auf mir. Leicht nervös räusperte ich mich. Meine Stimme durfte nicht zittern. Das war meine Feuerprobe. Ich musste sie bestehen!
„Meine Herren. Danke für die Vorstellung. Natürlich sind mir weder die Gesichter noch die Namen unbekannt.“ Das war eine glatte Lüge. Mit den Namen hatte ich bisher beinahe nichts zu tun gehabt. Kurz hielt ich inne und lächelte wissend. Mein Onkel hatte Ashur oft zu diesen Ratssitzungen mitgenommen. Anschließend hatte Ashur stets mit seinem Wissen geprahlt. Wissen, welches mir helfen könnte. „Graf Targes, wir kamen nicht umhin, beim Betreten des Raumes zu hören, dass Ihr die Stadtwache vergrößern wollt. Aber habt Ihr nicht vor über zwanzig Jahren gesagt, dass ebendiese groß genug sei, um eine ganze Armee daran zu hindern, die Stadt einzunehmen? Und nun sind Eure Männer nicht in der Lage, ein paar Menschen in der Stadt an unsere Gesetze zu erinnern?“ Ich gab den Männern einen Moment, ehe ich fortfuhr: „Und Ihr, Graf Seibling, wollt wirklich behaupten, die Staatskassen seien leer? Habt Ihr etwa wieder Gold veruntreut und beim Glücksspiel verloren? Wollte mein Onkel Euch deswegen nicht bereits vor zehn Jahren einen Kopf kürzer machen? Ihr habt ihm damals versichert, dass Ihr das Gold in der Staatskasse binnen eines Jahrzehntes verdoppeln würdet durch Steuereinnahmen. Wo ist das Gold nun, nach den versprochenen zehn Jahren?“
Die Kinnlade des Grafen klappte nach unten und ich spürte, dass die Hand meines Gemahls wieder etwas fester zugriff. Wahrscheinlich hatte er schon bemerkt, dass Gold fehlte.
„Graf Achos, Ihr hattet vor beinahe sechs Jahren die glorreiche Idee, einen neuen Kornspeicher zu errichten. Obwohl der alte König für den Bau genug finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt hat, habt Ihr minderwertige Materialien verwendet“, ich betonte das Wort ‚minderwertig‘ etwas deutlicher, da er mir mit seinem Blick den Eindruck vermittelte, ich seie minderwertig, „Sodass der Speicher nach wenigen Monaten unter der Schneelast zusammen stürzte und das Volk hungern musste.“ Ich hob mein Kinn ein wenig höher. „Ich erspare es mir an dieser Stelle zu fragen, was Ihr mit dem eingesparten Gold getan habt.“
Der Minister wich meinem Blick aus und ich musste mir ein Grinsen verkneifen. Denn mein Gemahl würde diese Frage wieder aufgreifen. Das leichte Klopfen seines Daumens gegen meine Hand signalisierte mir, dass er unzufrieden war. Mein Blick glitt zu den anderen Ratsmitgliedern. Unmerklich zogen sie ihre Schultern nach oben. Auch sie hatten Fehler gemacht, selbst der Jüngste unter ihnen. Für den Moment hielt ich allerdings weiteres Wissen für mich und ließ sie mit einem schmalen Lächeln wissen, dass ich jederzeit weitere, unangenehme Details offenbaren könnte. Unfassbar, dass mir die qualvollen Momente mit dem Kronprinzen tatsächlich noch zum Vorteil gereichten. Zufrieden wandte ich mich an meinen Gatten, der meinen Blick mit minimal hochgezogenen Augenbrauen erwiderte. „Was steht heute auf dem Plan, mein König?“
Er beugte sich zu mir vor und flüsterte so leise, dass ich es eher von seinen Lippen ablesen musste, als dass ich ihn hören konnte: „Cyrus.“ Dann zuckten seine Mundwinkel kurz. „Tatsächlich ist der heutige Punkt derselbe wie gestern. Die freigelassenen Sklaven, die nun für Unruhe in der Stadt sorgen, Arbeit, Nahrung und einen Schlafplatz suchen. Die Bürger beschweren sich über Bettler und Kriminelle, Diebstahl und Erpressungen, die seitdem das Stadtbild prägen.“
Räuspernd meldete sich Graf Meldin Achos, Meister der Stadt, zu Wort: „Bei allem Respekt Eure Hoheiten, aber die Freilassung der Sklaven war ein Fehler. Menschen sind nicht dazu gedacht mit einem freien Willen zu leben. Sie existieren, um uns als Nahrung zu dienen. Um für uns die Beine…“ Abrupt stockte er, sein Blick glitt zu mir, ehe er sich räusperte und fort fuhr: „Um unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Nicht mehr und nicht weniger.“
Unversehens spannte ich mich bei den Worten des Ministers an und zerquetschte meinem Gemahl dabei fast die Hand. Bis jetzt war ich in Gedanken irgendwie an seinen vorherigen Worten hängen geblieben. An dem intensiven Blick, den er mir zugeworfen hatte. Hatte er mich wirklich gebeten, ihn beim Vornamen zu nennen? Oder sollte ich das nur vor den Ministern tun? Als weiteres Zeichen unserer Einigkeit und Vertrautheit zueinander?
Offenbar merkte mein Gemahl, dass mir im Augenblick die Worte fehlten und räusperte sich leicht. „Sagt mir, Graf Achos, wer bestellt die Felder, wenn es die Menschen nicht mehr tun? Wer verarbeitet das Korn? Wer backt das Brot?“ Nur eine kurze Pause folgte, dann sprach der König weiter. „Wer hütet das Vieh? Wer geht jagen? Wer nimmt die Tiere aus? Wer gerbt das Fell?“
„Sie sind als Menschen dazu verpflichtet…!“, rief der Graf, wurde von meinem Gatten jedoch unterbrochen.
„Nein, sie sind nicht dazu verpflichtet. Im Fürstentum des Ostens sind die Menschen seit mehr als dreihundert Jahren freie Bürger und es mangelt an nichts.“
„Das ist Blasphemie!“, rief der Graf aus und wandte sich zu meinem Schrecken an den Hohepriester. „Waren es nicht die Götter, die uns unsere Stärke gaben? Wir sind dazu bestimmt, über das Schwache dieser Welt zu bestimmen! Es uns untertan zu machen!“
Möglichst unauffällig versuchte ich, zu schlucken. Der Hohepriester lächelte mild, verschränkte die Finger ineinander und deutete mit dem Kinn zu mir. „Unsere Kinder sind ebenfalls schwach, bis sie ihre Reife durchleben. Diese beschützen wir, kümmern uns und nähren sie.“
„Weil es unsere Kinder sind!“, rief der Graf dazwischen, allerdings hob der Hohepriester nur die Augenbrauen und schon verstummte er.
„Wir haben den Menschen gegenüber eine Verantwortung. Wie wir diese Verantwortung interpretieren und auslegen, ist die Aufgabe des Herrschers.“
Die Sitzung mit den Ministern war langatmig geworden. Nach den doch sehr weisen Worten des Hohepriesters verfing sich der Rat in einer hitzigen Diskussion über Menschenrechte. Dass das erneute Ändern dieser nicht zur Debatte stand, hatte mein Gemahl daraufhin verdeutlicht. Für die ganzen Probleme, welche die Menschen mit ihrer neugewonnenen Freiheit verursachten, wurden zwar Lösungsansätze gebracht, jedoch schienen die Minister eher halbherzig bei der Sache. Sie waren nicht damit einverstanden, dass wir Menschen von nun an auf gleicher Stufe sahen. Doch auch ohne Worte waren Cyrus und ich uns in diesem einen Thema einig. Es brauchte die Menschen, die Arbeiter, die Grigoroi, genauso wie die Vampire. Um das Land zum Florieren zu bringen, war jeder wichtig und unverzichtbar. Es sollten bezahlte Arbeitsplätze im Schloss und auch an sonstigen Stellen überall in der Stadt und später im ganzen Königreich ausgerufen werden. Denn die Dienerschaft war kläglich geschrumpft. Jedoch kam daraufhin die Frage seitens Graf Seiblings auf, dem Meister der Münze. Woher das Gold dafür?
Und schlussendlich war die Sitzung bei dieser Frage stagniert. Augenscheinlich waren die Goldkammern leer. Die Schätze der Krone aufgebraucht. Und das, obwohl der alte König das Volk bis auf den letzten Kupferling ausgenommen hatte.
Die Minister erhoben sich, verbeugten sich und verließen den Saal. Sobald die Tür ins Schloss gefallen war, stieß ich geräuschvoll die Luft aus. Das war anstrengend gewesen. Sofort fielen meine Schultern wieder nach vorn, mein Rücken wurde runder und mein Kinn senkte sich müde ab. Noch immer lag meine Hand in der meines Gemahls, was mir aber erst bewusst wurde, als er sie leicht drückte.
„Nervig, nicht wahr? Sie regen sich über dieses Thema auf und verhindern, dass ich mich anderen Dingen widmen kann. Seit Tagen bremsen sie mich damit aus.“ Er löste seine Hand aus meiner und legte sie an meinen Rücken. Wohltuende Wärme breitete sich dort aus, wo seine Hand mich berührte. „Danke. Du warst mir heute eine große Hilfe. Ich würde beinahe schon sagen, ich freue mich auf unsere weiteren gemeinsamen Ratssitzungen. Sofern du mir weiterhin Gesellschaft und Rat leisten willst, Aurelie.“
Erschöpft, aber doch mit einem ehrlichen Lächeln auf den Lippen, sah ich zu ihm auf. Und wieder einmal wurde ich von seinen Augen gefangen genommen. „Das habe ich … dir … doch geschworen.“ Als ich bei der Anrede stockte, nickte er mir ermutigend zu. „Ich unterstütze dich und stehe an deiner Seite, Cyrus. Ich möchte mich wirklich daran halten. Ich versuche es.“
„Und ich schwor, dass ich unter anderem deinen Geist formen werde, damit du zu einer starken Frau reifen kannst“, erwiderte er ernst. Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen, aber als ich ihm in die Augen sah, waren sie kalt. „Es ist spät geworden. Wir haben keine Zeit mehr, um uns umzukleiden. Darleen wartet nicht gern.“ Mit den Worten löste er seine Hand von meinem Rücken, griff wieder nach meiner Hand und stand auf, wobei er mich hochzog. Seine Haltung war bestimmt und seine Worte ließen keinen Widerspruch zu. Am liebsten hätte ich mich vor dem gemeinsamen Abendessen gedrückt. Es war mir peinlich, wie ich mich ihr gegenüber verhalten hatte. Vor allem, da ich nicht verstehen konnte, wieso ich so reagiert hatte.
Mein Gemahl zog mich die Schritte bis zur Tür, ehe ich stehen blieb und versuchte ihm meinen Arm zu entwenden. „Ich komme schon freiwillig mit“, erklärte ich leise. „Du musst mich nicht ziehen.“ Die Härte, die plötzlich wieder seinen Augen innewohnte, ließ mich den Blick unterwürfig senken.
Er seufzte leise und trat einen Schritt beiseite. „Gut. Dann nach dir.“
„Nein. Die Minister werden noch draußen sein. Sie warten nur darauf, etwas zu sehen, was nicht ins Bild passt“, erklärte ich. Wenn er mich hinter sich herzog, wie ein unwilliges Kind, wäre das definitiv ein falsches Signal. Immerhin mussten wir geeint wirken. Ohne dass er ihn anbot, hackte ich mich bei seinem Arm unter und nahm wieder eine arrogante Haltung an. „So.“
Gemeinsam schritten wir durch die Türen, vor denen tatsächlich noch zwei der Minister standen und uns mit kaschiertem Argwohn beäugten. Wir gingen an ihnen vorbei, ohne sie nochmals wirklich wahrzunehmen. Das Ziel war uns vor Augen: Der Speisesaal.
Als wir davor ankamen, wurden auch hier die Türen für uns geöffnet. Ich spürte die Blicke auf mir. Die Blicke von den Grigoroi meines Gemahls, den Dienern und ehemaligen Sklaven und bei all den Beobachtern fühlte ich mich so klein. Insbesondere neben diesem Hünen, der sich mein Gemahl nannte.
Am Tisch saß schon Darleen in einem schönen, dunkelroten Kleid. Ihre Haare hatte sie hochgesteckt und eine Strähne lockte sich an ihrer rechten Seite entlang. „Da seid ihr ja endlich! Ich dachte schon, ich muss den ersten Abend hier alleine verbringen!“ Sie stand auf, kam auf uns zu und knickste tief.
Ich löste mich von meinem Gemahl, ging auf sie zu und nahm ihre Hand. Erst war mein Blick noch geradeaus gerichtet gewesen, jetzt, wo die Türen hinter uns schlossen, senkte sich mein Blick zu unseren Händen. „Tut mir leid, wie ich mich vorhin verhalten habe“, murmelte ich leise. Ich rang mich dazu durch, ihr in die Augen zu sehen. Sie hatten dasselbe Blau wie die ihres Cousins. Aber das Grau fehlte. Und die Kälte darin ebenso. „Ich habe mich furchtbar benommen. Bitte verzeih mir. Und natürlich bist du hier willkommen, Darlen.“
Sie legte ihre zweite Hand auf meine, und umschloss sie auf diese Weise. „Ich fand es süß, um ehrlich zu sein“, gab sie mit einem Zwinkern zu und lächelte freundlich. „Aber die letzte Silbe dürft Ihr lang aussprechen. Darleen.“ Sie löste sich von mir und ging zu dem König, um ihn zu umarmen. „So so, der Mann, der nie heiraten wollte, ist endlich weg vom Heiratsmarkt. Ist dir klar, dass ich demnächst weniger Einladungen zu Festen und Bällen bekommen werde deswegen?“ Sie seufzte gespielt theatralisch.
Ein Kichern entfleuchte mir, als ich sah, wie mein Gemahl eine breite Schnute zog. Darleen wuschelte ihm durch das Haar, sah mich nach meinem Lacher aber fragend an.
„Ähm, nun, er beliebt sonst nicht besonders zu scherzen“, erklärte ich und hielt mir im nächsten Augenblick die Hand vor den Mund. Ups.
„Ach, er ist nicht so steif, wie er immer tut“, entgegnete Darleen fröhlich. „Außerdem sieht er mit offenen Haaren viel besser aus, findet Ihr nicht auch, Majestät?“
Neugierig ließ ich meine Augen über meinen Gemahl schweifen. Dieser warf mir nun einen beinahe schon leidenden Blick zu, was mich leise kichern ließ, aber ich beruhigte mich schnell wieder. An und für sich sah er vermutlich nicht schlecht aus. Aber so richtig Gedanken hatte ich mir darüber noch nicht gemacht. Nachdenklich legte ich den Kopf schief. „Schon möglich?“, erwiderte ich nach einigen Momenten des Überlegenes. Ich wusste nicht, ob ich sein Aussehen gut oder schlecht finden sollte. „Ich befürchte, ich sehe das eher objektiv“, gab ich zu bedenken und schüttelte den Kopf, um von dem Gednaken loszukommen. „Was die Anrede betrifft, bitte nenn mich Naya. Oder Nayara.“
„Nayara ist ein wirklich hübscher Name. Was bedeutet er?“ fragte Darleen neugierig.
„Wollen wir uns nicht erst setzen und eine Kleinigkeit essen? Aurelie hat heute noch nicht viel gegessen.“
Aurelie, dache ich verächtlich. „Stimmt“, sprach ich nüchtern. Doch ich verspürte keinen wirklichen Hunger. Das hatte ich mir die letzten Jahre irgendwie abgewöhnt.
Cyrus schob erst mir den Stuhl zurecht, dann Darleen. Es war das erste Mal seit langem, dass ich an einem Tisch aß. Noch nicht einmal hatte ich zusammen mit meinem Gemahl diniert … Nachdem er sich selbst ebenfalls gesetzt hatte, wiederholte Darleen ihre Frage nach meinem Namen. Und wenn ich ehrlich war, war mir die Antwort darauf unangenehm.
Ich räusperte mich und blickte auf die gefalteten Hände in meinem Schoss. „Nun, er bedeutet die Erwünschte.“
„Ein wunderschöner Name mit einer noch schöneren Bedeutung“, bemerkte Darleen unwissend ob meiner Vergangenheit.
Das Essen wurde zu Tisch gebracht. Es war nicht so viel wie früher. Eine Platte mit Fleisch und Gemüse, eine weitere mit kalten Beilagen und Brot. Dazu eine kleine Schale mit Sauce. Wein und Blut wurden in edlen Glaskrügen gereicht. Gedeckt war zu meiner Verwunderung für vier Personen.
Bevor der letzte der Diener den Raum verliess, hielt mein Gemahl ihn mit einer Handbewegung auf. „Hast du Leeander gesehen?“
Der Angesprochene schüttelte den Kopf. „Nein, Eure Majestät. Soll ich ihn suchen? Soll ich ihm etwas ausrichten?“
„Nicht nötig. Sag ihm nur, dass ich ihn heute noch sehen will.“
Der Diener nickte knapp und entfernte sich beinahe lautlos.
„Erwarten wir noch jemanden?“, fragten Darleen und ich zeitgleich und sahen uns darauf hin überrascht über den Tisch hinweg an. Während sie sich mit ihrem Lachen nicht zurückhielt, kicherte ich nur verhalten. Ich war es mir nicht mehr gewohnt, einfach … so zu sein, wie ich war. Das Essen auf dem Tisch betrachtete ich indessen mit großen Augen.
Gerade als mein Gemahl zu einer Antwort ansetzen wollte, öffnete sich die Tür und Irina trat ein. Zu ihren Füßen lief der Wolfswelpe, der mittlerweile ein Halsband trug und an einer Leine ging. Oder …, daran zerrte. Denn der kleine Racker rannte nach links und rechts und brachte Irina fast dazu, über ihn zu stolpern.
„Irina!“, rief ich aus, sprang vom Stuhl und meiner besten Freundin direkt in die Arme.




























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